3. Anwendungsbeispiel Ost- und Westdeutschland

Eine Anwendung der Spiral Dynamics auf die Ost-West-Integration in Deutschland findet sich im Artikel „Quo vadis, Deutschland? - Eine Perspektive für erweitere Denk- und Handlungsräume“ von Dorothea Zimmer und Don E. Beck (What is Enlightenment?, Herbst 2005)

Die Suche nach einer Leitkultur bzw. die Ost-West-Integration 16 Jahre nach dem Fall der Mauer werfen viele Fragen auf. Sie berühren die existenziellen und spirituellen Grundlagen unserer Identität als Mensch, als Nation, als Gesellschaft und als verantwortlicher Mitspieler in einer zutiefst fragmentierten und gleichzeitig voneinander abhängigen und miteinander verbundenen Welt.

Wir können Probleme nicht mit dem gleichen Denken lösen, das diese Probleme erschaffen hat.
Albert Einstein

Im Moment sieht es so aus, als ob Deutschland den Rückwärtsgang einlegen will. Rückwärts, weil keine der Parteien über einen überzeugenden und tragfähigen Zukunftsentwurf für Deutschland verfügt, der der Komplexität der politischen, ökonomischen, sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen angemessen wäre. Was ihnen nicht einfach vorzuwerfen ist. Wir leben in Zeiten großer Umwälzungen, denen mit den ideologischen Konzepten, praktischen Modellen und idealistischen Vorstellungen des 20. Jahrhunderts nicht mehr begegnet werden kann. Und wenn die Lage sich verschärft und die allgemeine Verwirrung zunächst einmal zunimmt, machen sich Demagogen, Vereinfacher, Extremisten und Fundamentalisten ebensfalls wieder auf die Socken. Wir sehen auch sie schon gut unterwegs.

Im Einstein-Jahr 2005 bringt jedoch wenig unsere Lage so auf den Punkt wie die Aussage des tiefsinnigen Physikers: "Wir können Probleme nicht mit dem gleichen Denken lösen, das diese Probleme erschaffen hat."

Die Frage ist: Haben wir die Ressourcen, die einen qualitativen Sprung in neues Denken, eine neue Existenzebene ermöglichen? Wenn ja, welche sind es und wie mobilisieren wir sie? Oder was hält uns zurück? Und was heißt Neues Denken - eines, das Ordnung im Chaos, Einfachheit im Komplexen, Zusammenhänge in den Fragmentierungen und die tieferen dynamischen Kräfte, die das Denken, Handeln und die Identität in Individuen und ganzen Kulturen formen, erkennt?

Mit einer neuen Perspektive entdecken wir die tieferen Muster der menschlichen Psyche, die Wertesysteme, die dem Verhalten und der Entwicklung auf den verschiedenen Ebenen des Seins und Zusammenseins von Menschen zugrunde liegen. In Spiral Dynamics integral, einem der präzisesten Modelle kultureller Entfaltung, werden diese Wertesysteme und Entwicklungscodes, die unsere "kulturelle DNA" ausmachen, erforscht. Zur besseren Verständigung wurden die einzelnen Ebenen mit Farben benannt.

Der Schlüsselgedanke ist: Menschen, Kulturen und Subkulturen, ganze Nationen tanzen auf verschiedenen Ebenen psychosozialer Evolution, setzen unterschiedliche Prioritäten in ihren Wertesystemen, haben verschiedene Werte-Memes als Schwerpunkt. Sie sind alle miteinander verwoben in einem sich entfaltenden globalen Gewebe, einem gewaltigen lebendigen Körper, der sich seiner selbst gerade erst bewusst zu werden beginnt. Und sie emergieren aufeinander folgend, nicht in starrer linearer Form, sondern wie das Leben eben ist: vorauseilend, zurückweichend, Umwege suchend, spielerisch, manchmal rücksichtslos und brutal Lektionen fordernd, mäandernd, tanzend. Aber einer inneren Dynamik und Ordnung folgend, in der nach jeder ausdifferenzierten Stufe eine neue auftaucht mit ständig höherer Komplexität und Quantensprüngen. Inmitten ges größten Quantensprungs unserer Geschichte bewegen wir uns offenbar jetzt vom Reich der Notwendigkeit – Beige bis Grün – in ein Reich der wirklichen Möglichkeiten – ab Gelb. (Zur weiteren Information über Spiral Dynamics integral siehe auch www.wie.org/spiral.

Zur Kunst, die mentalen, spirituellen, sozialen und kulturellen Herausforderungen unseres Jahrhunderts zu meistern, gehört wesentlich, den natürlich Fluss dieser Evolution zu erkennen, zu verstehen, was sie blockiert und wo eine krankhafte Entwicklung, ein Zuviel oder Zuwenig, Konflikte, Krisen und Kriege produziert, welche natürliche nächste Stufe ansteht und was sie zu ihrer optimalen Entfaltung braucht.

Was heißt das für Deutschland? Zum Beispiel:
Jahrzehntlang waren die Deutschen gerne Bayern oder Niedersachsen, Frankfurter oder Berliner. Im Osten waren sie Bürger der DDR. Deutsch zu sein war nicht in. Nationale Gefühle galten als nationalistischer Mief von gestern. Progressiv sein hieß, mindestens Europäer oder Weltbürger zu sein.

Doch in diesem Land, das – vielleicht – damit beginnt, sich von seinen Schuldgefühlen für die Zeit des Faschismus zu befreien und Verantwortung dafür an deren Stelle zu setzen, scheint auf einmal etwas zu fehlen. Es fehlt eine Ebene zwischen geografisch/kulturellen Identität als Münchner und Weltbürger, die in der Tradition dieses Landes wurzelt, ihrem Licht und ihrem Schatten, ihrer Sprache und ihrer Geistesgeschichte.

Und es fehlt ein tragfähiger Zukunftsentwurf für diese Land, ein Modell Deutschland, das einen Rahmen für das seiner 80 Millionen Menschen bietet – auch denen, die aus anderen Kulturkreisen zu uns gekommen sind -, der sowohl fordert als auch fördert, gleichzeitig visionär genug ist, um Kopf und Herz zu begeistern, und doch fest in der Wirklichkeit gegründet ist. Ein Modell Deutschland für die eigene Identität und Entwicklung, weniger für den Rest der Welt.

Vergleich Ost- und Westdeutschland anhand der Spiral Dynamics

In der dritten Generation nach dem Ende des Naziregimes mit seiner brutalen, biologistischen Blut-und-Boden-Ideologie von der Überlegenheit Deutschlands und der arischen Rasse scheint es möglich und notwendig, uns wieder auf die Gesamtheit der deutschen Geschichte und die überaus kulturelle Tradition dieses Landes zu besinnen sowie einen Identität daraus zu gewinnen, die für niemand mehr eine Bedrohung darstellt. Auch wenn die unverändert verstörende Erfahrung des Dritten Reiches in ihrer geistigen und spirituellen Tiefe vielleicht erst noch verstanden werden will. Ein Blick auf die geschichtliche Entfaltung der kulturellen DNA Deutschlands eröffnet ein tieferes Verständnis der gesellschaftlichen Konflikte und auch der noch ungelösten Aufgabe der Ost-West-Integration (siehe obige Grafik).

Mithilfe dieser Grafik wollen wir eine erste Einschätzung, wie die einzelnen Wertecodes sich in Ost- und Westdeutschland entwickelt haben, geben. Einen genauere Betrachtung der verschiedenen Codes lässt uns zum Beispiel besser verstehen, warum Ossis und Wessis es so schwer miteinander haben, warum die erhoffte Integration von Ost und West noch nicht gelungen ist und was den notwendigen Entwicklungssprung in Deutschland behindert.

Kerncode Purpur

Geborgenheit, Zugehörigkeit, Urvertrauen
Nach 1945 war Purpur in vielfacher Hinsicht beschädigt. Das Vertrauen in Nachbarn, Kollegen, Bekannte war, bis tief in die Familien hinein, gebrochen – ein Massengrab der Gefühle, eine Verwerfung in den Seelen. Die 68er Generation verschärfte diese tragische Entfremdung noch einem mit Misstrauen und Ablehnung gegen Eltern und insgesamt Ältere: „Trau keinem über 30!“ Auch Traditionen, die im Dritten Reich missbraucht wurden, wurden zum Tabu. Vielleicht gab es deswegen so viele Heimatfilme in den 50er Jahren und die ausufernde, oft verspottete Vereinsmeierei der Deutschen.

Im Osten wurde dieser Code in einer informellen und aus der Not geborenen Parallelgesellschaft stärker entwickelt durch die Verbundenheit in einem weiten Netz gegenseitiger Hilfe. Dieses Netz zerfaserte nach 1989. Der Westen hatte wenig Ersatz zu bieten. Von Ostdeutschen wird oft verloren gegangenes Zusammengehörigkeitsgefühl betrauert. Eine Chance, voneinander zu lernen, wurde erstmal vertan.

Kerncode Rot

Vitalität, Ichstärke, Mut
In Ost und West ist gesundes vitales Rot schwach entwickelt – nach dem Exzess an pathologischem Rot im Dritten Reich zunächst verständlich, bald aber wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Der zeitgenössische deutsche Philosoph Peter Sloterdijk spricht sogar von der Vitalitätsstörung eines ganzen Volkes und einer existenziellen Regung des Nein.

Kerncode Blau

höherer Sinn des Lebens, Struktur, Disziplin, Gemeinsinn
Es existiert viel übersteigertes Blau in beiden Teilen. Schnell ertönt der Ruf nach dem Staat, anstatt das Eigenverantwortung übernommen wird. Viel Sicherheitsdenken – nach Weimar und dem Dritten Reich verständlich – engt die Gestaltung politischer Strukturen ein. Und bekanntlich gibt es zu viel Amtsschimmel und Andererseits existiert zu wenig gesundes Blau, etwa in Schulen als Gemeinsinn und Disziplin. Durch das fundamentalistische System der DDR hat Blau im Osten nach 1945 dominiert. 1989 brach es weg, ohne dass gute Start- und Begleitbedingungen an seine Stelle traten, um in gesundes Blau und Orange hineinwachsen zu können. Trotzdem: Wo die Erfahrung der gegenseitigen Hilfe genutzt wurde, sind erfolgreiche Netzwerke von Klein- und Mittelunternehmen entstanden, die boomen. Und wo Gemeinsinn vorherrscht – das alte „Einigkeit macht stark“, gibt es ein ungewöhnliches Klima der Kooperation, des Aufbruchs und des Vertrauens in die Zukunft.

Kerncode Orange

Optimismus, Pioniergeist, Autonomie
Ohne gesundes Blau wird Orange leicht zu materialistisch und kommerzialisiert. Orange ist jedoch nicht gleich Kapitalismus oder gar Neoliberalismus. Vitales und gesundes Orange bedeutet, mit Optimismus und Tatkraft die Welt zu gestalten – für den notwendigen Modernisierungsschub in Deutschland ein zentrales Wertesystem. Im Osten gab es bis 1989 wenig Orange, womit dieser Code über zwei Generationen in seiner Entwicklung blockiert war. Mit der Vitalität eines sich erneuernden Werte- Memes, und ohne eingefahrene bürokratische Hürden wie vielfach im Westen, hat es jedoch offenbar mancherorts erstaunliche Kraft und zuversichtlichen Optimismus.

Kerncode Grün

Egalitarismus, soziale Verantwortung und Mitgefühl
Grün mit seinem Code für soziale Verantwortung, Nachhaltigkeit, Offenheit für alle Kulturen der Welt, seinem Eintreten für Minderheiten, Benachteiligte und Menschlichkeit leistet einen unverzichtbaren und wunderbaren Beitrag, um den auf die nächste Ebene der Evolution frei zu machen.

Mit dem Kampf der 68er Generation gegen veraltete Strukturen und Denkweisen wurde jedoch auch vieles weiter beschädigt, was essentiell ist für die gesellschaftliche Entwicklung: vor allem Purpur in Familien, Blau in Schulen und Orange in einer leistungsfähigen Ökonomie.

Insgesamt gesehen: Auf allen Entwicklungsebenen wird in diesem Land die Betonung auf Entwicklungen im Außen gelegt, weniger auf die Reifung des Innens der Kerncodes. Aufgrund der historisch bedingten Angst vor Innerlichkeit reduziert sich der öffentliche Diskurs vielfach auf rationale und technologische Sach- und Personalverwaltung. Innerlichkeit ist dadurch gefangen in einer breiten Unterströmung von Esoterik, Selbsterfahrungskursen und spiritueller Suche. Säkulare Rationalität und Spiritualität werden weithin als schwer vereinbar betrachtet, was die weitere Entwicklung beider wesentlich blockiert.

Durch Reduktion auf materialistischrationalistische Dimensionen des Lebens sowie Angst vor Irrationalität und großen Visionen hat sich Deutschland auch abgeschnitten von seinen reichen kulturellen Ressourcen und vielfach in eine Flachlandversion von Gesellschaft eingesperrt, die Tiefe, Spiritualität und evolutionäre Kraft nicht als wesentlichen Motor für die Zukunft erkennt.

Die Überzeugung zum Beispiel, dass der Mensch sich ständig weiter entwickelt, wenn seine Herausforderungen wachsen, ist tief verankert in der deutschen und deutschsprachigen Geistesgeschichte. Goethe, Schiller, Schelling, Hegel, Fichte, Husserl, Hölderlin, Nietzsche, Steiner, Gebser, Einstein – ihre Visionen vom Menschen als einem Geistwesen und von einer Kultur mit Tiefe sind eine unschätzbare Hilfe dabei, sich den existenziellen und spirituellen Fragen des Lebens wieder neu zu stellen.Kühne Bilder vom Menschsein, seiner Eingebundenheit in etwas Größeres und seiner Gestaltungskraft in unsere?? Kopf und Herz zurückzuholen und für die Bedürfnisse des 21. Jahrhunderts neu zu färben – wie sonst wollen wir Zukunft gestalten können?

Die Chancen für neue Perspektiven und ein neues Design auf vielen Ebenen sind groß. Um drei zu skizzieren: Ein neues Nationalgefühl würde sich nicht mehr als Überlegenheit gegenüber anderen definieren, nicht mehr vorwiegend als Konkurrent um die Spitzenposition in der Welt. Es könnte mehr ein Ausdruck von Reife sein, den eigenen Beitrag zur Entwicklung des Weltganzen zu suchen und zu leisten. Was wäre, wenn Deutschland die Lehren aus seiner Vergangenheit als positive Kraft nutzte, um zu einem neuen globalen Miteinander beizutragen?

Eine neue Idee von Europa in die Realität des memetischen Ost-West-Gefälles und des Konzerts der Wertesysteme zu gründen und eine Vision zu entwickeln, die Handlungsstrategien eröffnet – Deutschland wäre ein ideales Trainingsfeld für eine derartige Option mit seiner Aufgabe der Ost-West-Integration auf eigenem Terrain. Der Beitrag zur weiteren europäischen Einigung könnte enorm sein.


60 Jahre nach dem Sieg über das Naziregime und 16 Jahre nach dem Fall der Mauer sind die Fragen danach, wie wir arbeiten, wie wir zusammenleben, wie wir lernen drängender, tiefer und vitaler denn je.


Die Debatten um notwendige Sozialreformen bewegen sich auf engem Spielraum und sind Anschauungsunterricht dafür, wie Wertesysteme gegeneinander kämpfen. Stabilität gegen Freiheit gegen sozialstaatliche Solidarität mit den Schwachen. Das notwendige dynamische Setting für eine Modernisierung Deutschlands wird jedoch im Miteinander der verschiedenen Wertesysteme besser gelingen, die über ihre jeweilige Begrenzung hinaus wachsen, wenn sie sich gegenseitig unterstützen: Sichere Strukturen und Gemeinsinn (BLAU), um mit Optimismus und Pioniergeist (Orange) eine Arbeitswelt und Gesellschaft zu fördern, die für alle fühlenden Wesen und ihre Welt sozial und ökologisch verträglich und befriedigend ist (Grün). Denn ebenso wie Blau nicht gleich Amtsschimmel ist, ist Orange nicht gleich Kapitalismus und Grün nicht gleich naivem Idealismus. Die Inhalte der Codes sind historisch und geografisch gefärbt und offen für Veränderung.

Ist es nicht an der Zeit, unsere privilegierte Existenz auf diesem Planeten und die uns damit geschenkten Freiheitsgrade für gesellschaftliches Engagement und mehr Mut zu Führung zu nutzen, um das Feld für ein neues Kapitel in der menschlichen Geschichte zu laden und unsere bedrohte und so kostbare Existenz in ihrer wundersamen Größe und Tiefe zu feiern?

Dorothea Zimmer vertritt die Spiral Dynamics integral Group in Deutschland. Sie arbeitet als Coach und Kursleiter und schreibt gegenwärtig zusammen mit Don Beck ein Buch über die Wertelandschaft Deutschlands.

Dr. Don Beck ist der Gründer des Institute of Values and Culture, der Spiral Dynamics Group und ist ebenfalls Gründungsmitglied des Integral Institute von Ken Wilber und Mitbegründer des National Values Center in Denton, Texas, USA: