NLP und provokative Therapie
Donnerstag, Juli 22nd, 2010 | NLP Blog
Heute ist für mich ein spannender Tag. Ab 7:00 Uhr habe ich mich eingegraben in meiner kleinen Privatbibliothek und studiere den provokativen Stil. Das erinnert mich ein wenig an die Jahre, die ich als Psychologiestudent verbracht habe. Da gab es erst ein ganz kleines eigenes Unternehmen, das Zeit gefordert hätte, keine so tolle Frau an meiner Seite, da war es ganz normal, sich tage-, wochen oder gar monatelang mit Büchern und Videos einzugraben und die Stile der bedeutendsten Therapeuten zu studieren. Schon damals habe ich ein Buch von Farelly gelesen und so fiel es mir heute morgen leicht wieder hereinzukommen. Warum gerade jetzt wieder die Beschäftigung mit diesem Thema? Ganz klar: Am Freitag kommen die Coaches zum zweiten Teil ihrer Ausbildung. Ein Thema dabei: Provokatives Coaching nach dem provokativen Stil von Frank Farelly.
Ich lese abwechselnd in den Büchern “Provokative Therapie” von Farelly und “Das wäre doch gelacht!” von Noni Höfner, die den provokativen Stil in Deutschland anbietet und immer wieder Frank nach Deutschland holt. Dazwischen sehe ich mir einige Videos mit Therapiesitzungen von Farelly an, um ein Gefühl dafür zu bekommen.
Natürlich kann ich hier keine vollständige Beschreibung des provokativen Stils abgeben, aber doch ein paar Impulse. Es geht darum, den Klienten herauszulocken, auf liebevolle Art sein bisheriges Weltbild ins Wanken zu bringen und ihn dazu anzuregen, wieder selbst die Verantwortung für sich, sein Leben und sein Leiden zu übernehmen. Um dieses Ziel zu erreichen darf der Therapeut auch mal rotzfrech sein, totalen Müll erzählen und vor allem für ganz viel Erheiterung sorgen.
“Wenn der Klient nicht wenigstens einmal herzhaft gelacht hat, dann habt ihr keine provokative Therapie gemacht”, wird Farelly oft zitiert. Und: “Der Klient soll immer ein wenig mehr lachen als der Therapeut.” Es geht also nicht darum den Klienten auszulachen (auch wenn das Teil der Therapie sein kann) sondern in erster Linie mit dem Klienten zu lachen. Seine Ansichten so absurd darzustellen, dass er ins Grübeln kommt. Sehr hilfreich dabei: Zeige Begeisterung für das Problem – ja werde ein richtiger Fan davon. Stelle Behauptungen auf. Wenn Du Ratschläge gibst, dann nur absurde. Spreche das Undenkbare aus und provoziere den Klienten dadurch dazu, Dich richtigzustellen (Aktivdiagnose). Aber Vorsicht, manchmal triffst Du damit auch genau ins Schwarze. Rapport ist auch bei diesem Stil oder gerade bei diesem Stil unbedingt notwendig.
Ich selbst habe Frank Farelly zum ersten Mal 1996 in München auf einem Kongress erlebt. Damals kam ein Mann auf die Bühne. Farelly gab ihm die Hand und zog sie sofort zurück: “Iiihhhh, das sind ja ganz furchtbare Schweißhände! Na gut, setz Dich! Was ist Dein Problem?” Antwort: “Meine Schweißhände.” Also Volltreffer, mitten ins Wespennest. Peinlicher gehts kaum. Oder doch? Einmal kam eine sehr dicke Frau zu ihm in die Therapie. Sie zwängte sich durch die Tür und Farelly schlug die Hände über dem Kopf zusammen und begrüßte sie mit dem Satz (frei übersetzt): “Das wars dann wohl mit den Möbeln.”
Interessant, dass oft die Wahrheit ein größeres Vertrauen bei den Klienten schafft als die oft gekünstelte Anteilnahme und die klassische “Carls Rogers Masche”. Bitte nicht falsch verstehen, ich halte sehr viel von Empathie, Authentizität und echtem Mitgefühl, aber Farelly zu erleben ist auch authentisch und seine Wirkung oft phänomenal. Von außen denkt man, dass die Klienten ihn gleich an die Gurgel springen müssten, aber nichts da, manche sagen wörtlich: “Er ist so liebevoll mit mir umgegangen.” Und dabei hat er bis aufs Blut provoziert und freche Sachen gesagt.
Beispiele: Eine Mutter kam zu ihm und sagte, dass sie eine Rabenmutter sei. Er ließ sie Beispiele aufzählen und sagte dann, ja, sie sei wirklich die schlimmste Mutter aller Zeiten. Er ließ kein gutes Haar an ihr – so lange, bis sie selbst anfing, sich zu verteidigen und zu erklären, dass sie so schlimm auch wieder nicht sei. Das ist ein interessanter Moment in der Therapie, wenn der Klient aufhört, sein Leid zu klagen und statt dessen anders herum argumentiert.
Ein anderes krasses Beispiel habe ich heute gelesen. Eine Klientin behauptete, sie sei die Geliebte von Jesus. Keiner konnte ihr helfen. Die Therapeutin hatte eine Supervision bei Farelly und er riet ihr als dritte in die Liebesbeziehung einzusteigen und anstatt die Klientin von der Unmöglichkeit ihrer Behauptung zu überzeugen, solle sie sagen, dass sie selbst die neue Geliebte von Jesus sei und er ihr gesagt habe, dass er die Klientin wegen ihr fallen lasse würde. Dann solle sie ihr sexuelle Details erzählen und ausdrücklich erwähnen, dass Jesus gesagt habe, die Klientin sei hundsmiserabel im Bett. Der Ansatz funktionierte und die Klientin wurde schnell geheilt. Wow! Da werden sämtliche “sei lieb und nett Regeln” für Therapeuten auf den Kopf gestellt. Ja, manchmal lügt Farelly auch, erfindet irgendwelche Studien, die es gar nicht gibt und 10 Minuten später behauptet er dann das Gegenteil. In anderen Schulen durften das nur die Klienten und waren damit dem Arsenal des Therapeuten haushoch überlegen. Warum soll nicht auch der Therapeut ein wenig Spaß bei seiner Arbeit haben dürfen … Eine echte Bereichungen in der Landschaft der therapeutischen Stile. Vielleicht mache ich ja mal ein Webinar zu diesem Thema. Wenn es Euch interessiert.
Herzliche Grüße
Stephan
3 Kommentare to NLP und provokative Therapie
Der provokative Stil klingt sehr interessant – ich musste oft schmunzeln beim Lesen! Ich teile Deine Meinung, dass man mit Humor oft viel schneller zu einem Ergebnis kommen kann – insofern ein guter Rapport besteht. Vielen Dank für den Einblick in Deine Arbeit und Deine Gedanken! Ich provitiere sehr von den Blognachrichten, das wollte ich länger schon einmal posten!
Liebe Grüße, Maria.
Hi Stefan,
super Beitrag! Provokative Therapie/Provokatives Coaching sind wirklich sehr interessante Themen. Ich habe in meinem Blog auch etwas darüber geschrieben und auch ein Video von Farrelly gepostet.
Aber glaubst du, dass sich jeder Coach das so leisten kann? Wenn ich mir so anschaue, was Farrelly in seinen Sitzungen macht… wenn er nicht so bekannt wäre, glaube ich, dass viele Klienten einfach aufgestanden und gegangen wären. Er profitiert stark von seinem Ruf und auch seinem Alter, glaube ich. Das sind Gründe, weshalb er sich mehr leisten kann als ein unbekannter oder sehr junger Coach. Was meinst du dazu?
Lieber Felix,
der Kontext spielt immer eine wichtige Rolle. Farrelly hat die meiste Zeit seines Lebens mit stationären Klienten in einer psychiatrischen Anstalt gearbeitet, d.h. die konnten schon mal nicht so leicht weglaufen
Jetzt ist er ein absoluter Experte mit 40 Jahren Erfahrung. Als gereiften älteren Menschen, der auch immer gut gekleidet ist, kann er sich sicher bestimmte Dinge erlauben, bei denen ein anderer Schwierigkeiten hätte, z.B. die sexuellen Anzüglichkeiten bei jungen Frauen.
Ich denke, dass es beim provokativen Coaching vor allem auch darum geht, seinen eigenen Stil zu finden. Die Art zu finden, die einem selbst Spaß macht und mit der man gut wirken kann. Dabei wird der eine oder andere Klient auf der Strecke bleiben und nicht mehr kommen. Oder man kombiniert den provokativen Stil eben auch mit anderen Arten des Arbeitens wie NLP, systemisches Coaching usw. Ich denke, es ist einfach eine super Ergänzung, die zeigt, dass es manchmal auch auf ungewöhnlichen Wegen geht. Ungewöhnliche Klienten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Milton Erickson hat mal gesagt: “Je unberechenbarer der Therapeut, umso besser die Ergebnisse der Therapie.” In sofern möchte ich Mut machen, seinen eigenen Stil zu finden. Farrellys provokative Therapie war sehr erfolgreich bei Klienten, die schon viele klassische Therapiesitzungen hinter sich hatten und da war es sicher auch der Überraschungseffekt, dass einem hier mal jemand klipp und klar sagt, was Sache ist und dabei sogar noch übertreibt.
Danke für die tolle Frage.
Stephan
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23. Juli 2010