IV. Fragetechniken

4.1 Fragetechniken und Frageformen des Zirkulären Fragen

7. Unterschiedsfragen

Unterschiedsfragen fragen Unterschiede ab und bezwecken damit Informationsgewinn und Ausbildung von Differenzierung

Beispiele: "Was ist der Unterschied im Vorgehen von Abteilung A und B?"
"Was ist der Unterschied zwischen Problem- und Zielzustand?"

8. Klassifikationsfragen

Klassifikationsfragen zielen auf qualitative Unterschiede ab. Rangfolgen von Akteuren hinsichtlich einer interaktiven oder kommunikativen Situation sollen vom Klienten eingestuft werden. Dabei werden Unterschiede in Sichtweisen und Beziehungen greifbar. Beispiele:

"Wer würde als erster ..., wer zuletzt ...?" "Wenn man eine Rangfolge in Bezug auf ...erstellen wollte, wer käme an erster Stelle, zweiter Stelle ...letzter Stelle?"
"Angenommen, jemand möchte die Therapie abrechen, wer wäre der erste, zweite ...?"
"Wer freut sich über Ihr gelungenes Abitur in der Familie am meisten? Wer am wenigsten?" "Wer hatte am meisten das Bedürfnis heute zu kommen, wer am wenigsten?"
"Wer ist am aktivsten, abenteuerlustigsten in der Familie, wer ist am wenigsten aktiv?"

9. Prozentfragen

Prozentfragen ermöglichen unter anderem eine bessere Differenzierung und Präzisierung von Ideen, Überzeugungen, Stimmungen, Krankheitskonzepten, Meinungen voneinander usw. in quantitativer Hinsicht. Je nach Bedarf können zusätzliche Skalierungen eingesetzt werden. Beispiele:
"Zu wie viel Prozent halten Sie dies für ... und zu wie viel Prozent hingegen für ...?"
"Zu wie viel Prozent halten Sie Ihr Problem für ein medizinisches, zu wie viel Prozent für ein psychisches?"
"Für wie felsenfest halten Sie auf einer Skala von 0 bis 100% die Scheidungsabsichten Ihrer Schwiegermutter? Wie hoch schätzen Sie auf dieser Skala die Scheidungsabsichten Ihres Schwiegervaters ein?"

10. Übereinstimmungsfragen

Übereinstimmungsfragen haben zweierlei Funktionen. Zum einen geben sie Hinweise auf Familienkoalitionen, zum anderen geben sie die Möglichkeit des Feedbacks zu vorherigen Äußerungen.
Beispiele:
"Wer stimmt mit wem überein/nicht überein?"
"Stimmen Sie dem zu oder sehen Sie das anders?"
"Dein Vater denkt, Du hättest einen engeren Bezug zu Deiner Mutter als zu ihm. Deine Mutter sieht es genau umgekehrt. Welcher Sicht würde Deine Schwester eher zustimmen?"
"Sind Sie der gleichen Meinung wie Ihre Tochter oder sehen Sie den Sachverhalt anders?"

4.2 Fragetechniken und Frageformen des Zirkulären Fragen

11. Subsystemvergleiche

Durch Subsystemvergleiche werden empfundene Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiedener Gruppierungen im sozialen System verdeutlicht. Koalitionen sowie deren Bedingungen werden direkt erfragt. Vermeintliche Tabuthemen werden dabei nicht umgangen. Beispiele: "Welches sind die gegenwärtigen Bündnisse und Allianzen in der Familie?" "Wer macht was, mit wem, wann?" "Welche unterschiedlichen Spielregeln gibt es in unterschiedlichen Beziehungen?" "Wie durchlässig oder verschlossen sind die Generationsgrenzen/ Machtgefälle ...?" "Sind Koalitionen und Allianzen zuverlässig und berechenbar oder wechselnd?" "Wer hat die engste Beziehung zur Mutter? War das schon immer so? Wodurch könnte diese Verbindung gestört werden?" "Welche Ihrer Kollegen verbringen gemeinsam die Mittagspause? Hat sich seit der Anstellung des neuen Chefs etwas daran geändert?" "Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Mann und seine Eltern Sie bei gemeinsamen Unternehmungen ausgrenzen?" "Sie als Tochter: Denken Sie, dass Ihre Mutter momentan ein besseres Verhältnis zum Vater oder zum Bruder hat?

12. Fragen nach Wirklichkeits- und Möglichkeitskonstruktionen

Wirklichkeiten in einem sozialen System sind konstruiert, denn Situationen sind immer durch die subjektive Wahrnehmung des Einzelnen gefiltert. Es gibt folglich keine eindeutige Wirklichkeit, sondern viele Wirklichkeitskonstruktionen der verschiedenen Beobachter. Um neue Bewertungsmöglichkeiten und Handlungsspielräume im sozialen System herbei zu führen, ist es zunächst wichtig, die gegenwärtige Situation des Systems aus Sicht aller Beteiligten für alle Beteiligten durchschaubar zu machen. Beispiele: "Wer hatte die Idee zu diesem Kontakt?"
"Was möchten Sie, was hier passieren soll?"
"Wer will hier was von wem?"
"Aus welchen Verhaltensweisen (Wie? Wann? Wo?) besteht das Problem?"
"Wer reagiert am meisten auf das Problemverhalten, wer weniger? Wen stört es, wen nicht?"
"Wie erklären Sie sich, dass das Problem entstanden ist, wie, dass es dann und dann auftritt, und dann und dann nicht? Welche Folgen haben diese Erklärungen?"
"Was hat sich in den Beziehungen verändert, als das Problem begann?
Sind Wirklichkeitskonstruktionen für alle Beteiligten durchschaubar, so werden sie veränderbar. Die Kenntnis anderer Wirklichkeiten schwächt die Absolutheit der eigenen Wirklichkeit. Fragen zur Möglichkeitskonstruktion sollen, darüber hinaus, neue Wirklichkeiten für das System offerieren. Möglichkeitskonstruktionen in der Form von Gedankenexperimenten sind ein gutes Verfahren, um in der Vorstellung Optionen durchzuspielen, und angstfrei Veränderungen zu erproben. Fragen zu Möglichkeitskonstruktionen werden in zwei große Bereiche aufgeteilt. Zu den Fragen nach der Möglichkeitskonstruktion gehören:

13. Lösungsorientierte Fragen (Verbesserungsfragen)

In einem problembelasteten Kontext richtet sich der Fokus aller Beteiligten meist nur auf eben diesen. Solch ein eingeschränkter Blickwinkel verhindert die Wahrnehmung von Ressourcen, die zu einer Auflösung des Problems führen könnten. So scheint man sich von einer möglichen Lösung immer weiter zu entfernen. Lösungsorientierte Fragen hingegen verlagern diesen Fokus.

14. Fragen nach Ausnahmen von Problemen

Oft sehen die Beteiligten des Systems das Problem/ Symptom als die Regel an: "Person X ist immer depressiv". Durch Fragen nach Ausnahmen wird wiederum verdeutlicht, dass das Problem nicht allgegenwärtig ist. Beispiele: "Wie oft (wie lange, wann, wo) ist das Problem nicht aufgetreten?"
"Was haben Sie und andere in diesen Zeiten anders gemacht?"
"Wie könnten Sie mehr von dem machen, was Sie in Nicht-Problem-Zeiten gemacht haben?"

Fragen nach Ressourcen
Die Fragen nach Ressourcen eröffnen den Beteiligten den Blick auf ihre Stärken und Fähigkeiten. Dem Problem kommt so eine zweitrangige Rolle zu.
Beispiele:
"Was soll in Ihrem Leben so bleiben wie es ist, was ist gut daran?"
"Was gefällt Ihnen an sich selbst und an den anderen?"

4.3 Fragetechniken und Frageformen des Zirkulären Fragen

15. Wunderfragen

Wunderfragen geben vor, dass sich das Problem durch ein Wunder aufgelöst hat. Dabei fragen sie nicht nach dem "Wie?", sondern nach dem "Was-ist-danach?" Sie zielen darauf ab, unverbindlich mögliche Problemlösungen zu phantasieren. Das hohe Maß an Unverbindlichkeit bewirkt, dass sich keiner der Beteiligten verantwortlich fühlen muss, eine Lösung herbeizuführen.
Beispiele: "Angenommen heute Nacht käme eine Fee und würde Ihnen das Problem abnehmen, was wäre dann morgen anders?" "Wer würde als erstes erkennen, dass das Wunder über Nacht geschehen ist, und woran?" "Was würden die Menschen um Sie herum danach anders machen?"

16. Problemorientierte Fragen (Verschlimmerungsfragen)

Durch problemorientiertes Fragen soll jedem einzelnen Beteiligten bewusst werden, dass er eine aktive Rolle bei der Erhaltung des Problems einnimmt, und in welcher Form sie sich gestaltet. Dass Probleme bewusst erzeugt werden, impliziert gleichzeitig, dass sie dann auch bewusst unterlassen werden können.
Beispiel: "Was könnten Sie tun, um sich noch schlechter zu fühlen?" "Was können Sie tun - angenommen, Sie nähmen sich dies vor - um Ihr Problem absichtlich zu verschlimmern, zu behalten oder zu verewigen?" "Wie könnten die anderen dabei helfen, das Problem zu behalten?"

17. Problem- und Lösungsszenarien

Wenn jedem der Beteiligten seine aktive Teilnahme an der Problemerhaltung bewusst geworden ist, und sich Vorstellungen über mögliche Lösungen herauskristallisiert haben, (Verbesserungs-/ Verschlimmerungsfragen) so kann man nun gemeinsam den instrumentellen Charakter des Problems herausarbeiten. Das bedeutet, dass Probleme als Instrument eingesetzt werden können, um Bedürfnisse zu befriedigen bzw. Defizite auszugleichen. So kann beispielsweise (unbewusst) eine Krankheit dazu eingesetzt werden, sich dem angstbesetzten Berufsalltag zu entziehen und einer Auseinandersetzung mit dem ursprünglichen Problem auszuweichen.

18. Fragen nach dem Nutzen, das Problem noch zu behalten

Dieser Fragetyp macht die Instrumentalität des Problems durchschaubar. Beispiele: "Welchen Nutzen hätte es für das System, wenn das Problem noch eine Weile bestehen würde?" "Wird Ihr Mann/ Ihr Chef/ Ihr Kolleg/ Ihr Kind diesen Zustand nach dem Wunder eher begrüßen oder eher darüber traurig werden, und warum? Wie fühlen Sie sich dabei?"

19. Fragen nach Zukunfts- und Zeitplänen

Probleme können in der Vorstellung der Beteiligten zeitlich unbegrenzt existieren oder aber auch nur für einen bestimmten Zeitraum. Fragen nach Zukunfts- und Zeitplänen sollen diese Vorstellungen aufdecken.
Beispiele: "Wie lange wird das Problem noch Ihr Begleiter sein? Wann werden Sie es verabschieden?" "Wir haben verstanden, dass Du auf Deine Eltern wütend bist und sie bestrafen willst: Was denkst Du, wann Du sie genug bestraft hast - in einem Jahr, in zwei Jahren oder schon in einigen Monaten?"

20. Hypothetische Als-ob-Fragen

Als-ob-Fragen sollen eine bewusste Simulation des Problems initiieren. Die Präsentation des Problems (alle nach außen getragenen Symptome) wird hierbei vom eigentlichen Problem losgelöst erfahrbar. Es ist durchaus denkbar, dass das gleiche Problem in verschiedenen Situationen unterschiedlich geäußert wird, gleichzeitig kann das nach außen getragene Symptom unterschiedliche Problemherde haben. Dadurch, dass die Präsentation und das Problem an sich nicht zwingend miteinander verknüpft sind, ergeben sich neue Handlungsoptionen, die aus den vermeintlichen Opferrollen herausführen. So wird jeder zum bewussten Akteur.
Beispiele: "Wie müssten Sie sich verhalten, damit die anderen denken würden, Ihr Problem sei zurückgekommen, obwohl es das gar nicht ist?" "Angenommen, Sie hätten nächste Woche kein Kopfweh mehr, wollten aber Ihren Partner gern weiter zu dem rücksichtsvollen Verhalten bewegen, dass er an den Tag legt, wenn er Sie kopfwehgeplagt dasitzen sieht - wie könnten Sie das erreichen?" "Angenommen, Sie würden Ihrem Partner gegenüber nur so tun, als hätten Sie Kopfweh - würde er sich dann genauso rücksichtsvoll verhalten?"

FAZIT

Es fällt auf, wie die Frage-Interventionen die Horizonte verschieben. Die dadurch ausgelöste Kreativität befähigt wieder, den "Knoten" zu lösen und über den gesetzten Problemrahmen hinaus zu Ansichten zu kommen, die Lösungen ermöglichen. Die Frage-Interventionen enthalten die Implikation, dass ein Phänomen auch ganz anders gesehen werden kann und relativieren so feste Denkmuster. Auch wenn es scheinbar nur um Fragen geht, ist das "Fragen" prinzipielle Umsetzung systemischen Vorgehens. Dieses geht davon aus, dass nicht der Berater das Wissen um die Inhalte des entsprechenden Systems hat, sondern der Klient, der dafür als Experte gilt und dazu wieder zu befähigen ist. Dazu sind aber von Seiten des Coachs in einer entsprechenden Prozessführung günstige systemische Frage-Interventionen einzubringen, und es ist zum Weiterdenken aufzufordern.

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