Die Entwicklung des Coachings

Nicolas Lehnart„Coaching“ in einem professionelleren Sinne als solches ist ein vergleichsweise junges Konzept, das sich in den USA als eine Form der zielgerichteten und motivationsorientierten Angestelltenführung entwickelte. Im Zeitraum davor verfolgten Unternehmen eine eher funktionale Mitarbeiterpolitik – das Hauptaugenmerk lag auf der fachlichen Anleitung der Angestellten: man stellte die Weichen dafür, dass die Arbeit reibungslos verlief und ging davon aus, dass damit alles in Ordnung war. Ab den 70er bis 80er Jahren wurde, unterstützt durch den damaligen Zeitgeist, diese rein technische Sichtweise abgelöst durch eine, die auch den Mitarbeiter als solchen in den Blick nahm: die Erkenntnis setzte sich durch, dass nicht nur der ordnungsgemäße Ablauf der Arbeitsprozesse zur Qualitätssicherung beitrug, sondern auch der Antrieb des einzelnen. Dementsprechend wurde die Leitung um eine persönlichkeits- und motivationsbezogene Komponente ergänzt, um die Leistung der Mitarbeiter zu verbessern.

Mitte der 80er Jahre erweiterte sich diese Praxis zum „Führungskräfte-Coaching“: erfahrene Manager in hohen Positionen nahmen vielversprechenden Nachwuchs unter ihre Fittiche, um ihren Aufstieg zu begleiten und sie gezielt in ihrem Sinne zu fördern. Mit diesem Mentor-Mentee-Verhältnis wuchs in dieser Dekade auch der Stellenwert systemischer Führungskräfte- und Personalentwicklung.

Mit dem Import nach Deutschland verlagerte sich diese Beschäftigung mit den innerbetrieblichen Strukturen und Dynamiken von der mittleren auf die obere Managementebene: Führungsprobleme, Konflikte innerhalb und persönliche Belange der Unternehmensleitung rückten in den Vordergrund. In diesem Zusammenhang wurde die Rolle des Coaches vorerst ausgelagert  und in den Branchen Beratung und Consulting professionalisiert. Auf diesem Weg erfuhr der neue, exklusive Berufszweig schnell viel Aufmerksamkeit und machte in Wirtschaftskreisen die Nutzbarmachung von Erkenntnissen über Verhaltens-, Wahrnehmungs- und Kommunikationsmuster populär.

Bald begannen Unternehmen zu Coachingzwecken, anstatt von oder zusätzlich zu externen Beratern, auch auf interne Kapazitäten  zurückzugreifen. Diese Personalentwickler begannen ihre Arbeit auf den unteren und mittleren Hierarchiestufen und entwickelten so im Laufe der Zeit Ansätze, die Führungskräften systematisches Coaching zur eigenen Personalentwicklung ermöglichen sollten.

In den 90er Jahren kam es zu einer Vertiefung und damit auch zu einer weiteren Differenzierung und Professionalisierung einzelner Coachingaspekte. Zusätzlich zum persönlichen, Konflikt- und Führungskräftecoaching bildete sich das Team- und das Gruppencoaching heraus, in deren Verlauf sich die Teilnehmer gegenseitig beraten und zu einem besser arbeitenden Team entwickeln sollten; zusätzlich das Projektcoaching, bei denen einzelne Arbeitsvorhaben unterstützend begleitet wurden und – damals wegen der Computerisierung der Arbeitsprozesse besonders bedeutend – das EDV-Coaching, das den Angestellten die notwendige Medienkompetenz vermitteln sollte.

Mitte bis Ende des Jahrzehnts wurde als Folge der zunehmenden Beliebtheit des Coaching-Begriffs die Bezeichnung popularisiert und zusehends Missbrauch mit ihr betrieben: dadurch, dass sie nicht rechtlich geschützt war, war es jedem möglich, sich selbst dieses Label anzuheften. Man profitierte davon, dass der Begriff positiv besetzt war und gab sich den Anschein von Professionalität, ohne dass man verbindliche Qualitätsstandards erfüllen musste.

In der Folge, zu Beginn des neuen Jahrtausends, entwickelte sich das Coaching und das dazugehörige Marktsegment in beide Richtungen weiter. Auf der einen Seite uferte die Zweckentfremdung des Coaching-Begriffs weiter aus: jede beliebige Tätigkeit beanspruchte die Bezeichnung des „Coaching“ für sich, solange irgendeine Form eines Beratungsgesprächs stattfand.

Auf der anderen Seite allerdings stand auch die vertiefte Professionalisierung: so kam es zu methodisch differenzierten und spezifizierten Anwendungen, die sich an bestimmte Zielgruppen richteten. Durch die Entwicklung wurde der Markt zwar einerseits unübersichtlicher, aber andererseits auch für den Kunden transparenter; gleichzeitig stiegen damit die Qualitätsansprüche in der Praxis. Begleitend zur Professionalisierung kam es zu einer besseren Organisierung und Standardisierung solcher Ausbildungsberufe. Die Branche wurde besser vernetzt, man traf auf Kongressen und Tagungen zusammen, und die Forschung in diesem Bereich wurde intensiviert.

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Ein Kommentar zu Die Entwicklung des Coachings

  1. Das ist ein schöner Beitrag zu der Entwicklung des Coachings. Zur Professionalisierung von Coaching gibt nimmte mittlerweile jedes Dax Unternehmen in Deutschland Coaching in Anspruch. Jedes dieser Dax Unternehmen arbeitet mit einen festen Coachingpool. Die darin aufgenommenen Coaches erfüllen jeweils die internen Qualitätsrichtlinien und verfügen über mehrjährige Coachingerfahrungen und haben alle anerkannte Coachingausbildungen. Diese Unternehmen erkenne sehr schnell die Arbeitsqualität des jeweiligen Coaches. Im Bereich des „Life- Coachings“ für Endverbraucher gibt es sehr viele Anbieter, so dass der Coachingnehmer / die Privatperson vor einem nahezu unübersichtlichen Dschungel steht und oftmals nicht weis, wer für ihn der richtige Coach ist? Die Erfahrung zeigt jedoch, dass fast nahezu alle Coaches sehr hohe ethische Ansprüche haben und nur dann ein Coaching annehmen, wenn dieses auch den Klienten einen Mehrwert bietet.

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