Ich habe dieses Jahr am Kongress in Hamburg einen Vortrag zum Thema „Du bist ein Wow-Projekt!“ gehalten. Nun habe ich von einem der Teilnehmer einen Bericht zugesendet bekommen, den ich Euch allen natürlich nicht vorenthalten möchte.

Steffen hat sich als Wow-Projekt vorgenommen, von Hamburg zum Bodensee ohne Ausrüstung und Geld zu kommen.

Viel Spaß beim Lesen dieses spannenden und lustigen Berichtes!

Steffen RaebrichtAusgangslage:

Zeitansatz: 7 Tage
Ausrüstung: Jeanshose, T-Shirt, Boxershorts, Strümpfe, Turnschuhe, Fleecejacke, Hausschlüssel, Personalausweis, Digitalkamera, Badehose – (siehe Foto)


Steffen RaebrichtTAG 1:

Um 10 Uhr morgens zog ich die Haustür zu, um das Abenteuer zu starten. Zu Fuß wollte ich zum Horner Kreisel gelangen, der circa 3 km von meinem Haus entfernt liegt, um per Anhalter zum Bodensee zu trampen. Unterwegs wollte ich mir noch ein paar nützliche Ausrüstungsgegenstände besorgen (Trinken, Zahnbürste, Schreibzeug). Also ging ich in den kleinen Laden um die Ecke und fragte nach etwas zu Trinken. Der nette Besitzer gab mir eine Brause. Somit war meine größte Sorge schon einmal reduziert. Anschließend besuchte ich einen Budnikowski, wo mir der Filialleiter Zahnpasta, Haargel und auch zwei Kondome (ich wusste nicht wofür) zur Verfügung stellte. Anschließend ging ich in einen Reweladen, wo Herr Said mit die benötigte Zahnbürste (Doppelpack) und Schreibzeug ohne Gegenleistung überließ. Das alles packte ich dankbar in einen Karton und zog weiter. Nach einer Haltestelle Schwarzfahren und einem Kilometer Fußmarsch erreichte ich den Horner Kreisel, malte mein Schild und begann dieses hochzuhalten.

Nach ungefähr 2 Stunden ließ ich mich überzeugen, dass diese Stelle nicht so geeignet war, per Anhalter nach Süden zu kommen. So fuhr ich weiter schwarz bis nach Stellingen, um von dort auf die A7 Richtung Süden zu kommen. Nach circa einer dreiviertel Stundewurde ich dann von einem netten jungen Mann mitgenommen. Flo war auch bei der Bundeswehr und so hatten wir gleich eine Gemeinsamkeit. Er nahm mich bis kurz hinter Hamburg mit und gab mir eine Tasche, ein Handtuch und Mülltüten mit. Jetzt konnte ichmeinen Pappkarton entsorgen und musste mich auch nicht mehr lufttrocknen lassen. Nur wusste ich noch nicht so genau, was ich mit den Mülltüten anfangen sollte. Circa eine Stunde stand ich dann auf dem Rastplatz, hielt mein Schild hoch und hoffte mitgenommen zu werden. Nichts dergleichen passierte und der Himmel wurde auch zunehmend grau.

Also wechselte ich meine Strategie und sprach Steffi an. Steffi kam aus Magdeburg (wie ich) und nahm mich bis kurz vor Hannover mit. Bei Hannover kam ich bei einer netten Familie unter, die mich bis Göttingen mitnahm. In Göttingen nahm mich Arne bis nach Kassel mit.

Stephan Landsiedel In Kassel beschloss ich die Nacht zu verbringen und machte mich zu Fuß auf den Weg.

Der Himmel wurde auch immer grauer. Ich klingelte an zwei Häusern um ein Asyl zubekommen, doch war ich wenig erfolgreich. Als der starke Regen einsetzte fand ich Zuflucht an einer Bushaltestelle. Sogleich kam auch ein Bus vorbei, der mich mit nach Kassel nahm (ich war nämlich auf einem Dorf bei Kassel). Im Gespräch mit dem Busfahrerfand ich heraus, welche Asylmöglichkeiten es gab. Doch stellte sich keine als erfolgreich heraus. Weder Pennerwohnheim, noch Bahnhofsmission, Krankenhaus, Jugendherberge, Passanten oder Caritas konnten/wollten mich aufnehmen. Dazu kam, dass ich beim Schwarzfahren erwischt wurde und nun eine Rechnung von 40,00 Euro in der Tasche hatte. Ich mag Kassel. Nachdem ich Kassel nun abgeklappert hatte und erfolglos war, beschloss ich, zur Ausgangsbushaltestelle zurück zu gelangen. Den Weg (circa 15 km) bewältigte ich mit dem Bus, dem Fußbus. Hunger hatte ich auch und so fragte ich vier junge Damen an einer Pizzeria nach einem Stückchen, bekam zwei und ein bisschen Wasser und hatte meinen ersten Snack seit den Morgenstunden. Nach ungefähr drei weiteren Stunden zu Fuß erreichte ich dann um kurz nach Mitternacht eine Bushaltestelle in dem Dorf (Bergshausen), in welchem ich den Kasseltrip begonnen hatte. Dort beschloss ich ein wenig zu nächtigen. Jetzt wusste ich auch wofür die Mülltüten gut waren (als Decke). Es war wirklich nur ein „wenig“ nächtigen, denn es wurde durch die hohe Luftfeuchtigkeit und die Temperatur (10°C) wirklich kalt, so kalt, dass ich wieder zu gehen anfing. Geschüttelt vom Zittern erreichte ich die Ausgangsbushaltestelle. Wenigstens war es mir nun wieder halbwegs warm und ich legte mich erneut hin.

TAG 2:

Beim nächsten Erwachen war es bereits hell und ich wurde von den verschreckten Augeneiner jungen Dame angeschaut, welche wohl nicht erwartet hatte, einen Penner an der Bushaltestelle liegen zu sehen. Nachdem ich meine Mülltüten wieder ordentlich verpackt hatte ging ich wieder zur Raststätte, um meinem Ziel, dem Bodensee, näher zu kommen.
Nach circa zwei Stunden wurde ich von Thomas mitgenommen, der gerade auf Montage war. Wir unterhielten uns über die Bundeswehr, Motorräder und Frauen. Ebenfalls bekam ich einen Pflaumenkuchen geschenkt, der mir als Frühstück diente. Auf einer Raststätte bei Fulda traf ich Henrik mit seiner Familie, die mich weiter nach Süden mitnahm. Nun hatte ich das Glück bei Menschen im Auto zu sitzen, die direkt an den Bodensee wollten.
Ich konnte mein Glück kaum fassen. Nach vier Stunden waren wir am Ziel (Lindau am Bodensee) und lediglich ein kurzer Fußmarsch trennte mich vom Erreichen meines Ziels.
Ich bekam noch etwas Kuchen und zwei Bananen mit auf den Weg. Das war der Zeitpunkt, an dem ich beginnen konnte Nahrungsreserven zu schaffen und meine Unsicherheit bezüglich des Essens erst einmal gebannt war.

Dann zog ich meine Badehose an und sprang in den Bodensee…

Steffen Raebricht

Ich konnte mich nach meiner Befeuchtung durch den Bodensee dann auch ganz hervorragend mit meinem wunderbaren Handtuch abtrocknen. Ich dachte mir: „Danke Flo.“

Steffen Raebricht

Danach hieß es, zurück zu kommen. Also marschierte ich zur Autobahnauffahrt und fragte Tankende, ob sie in Richtung A7 fuhren. Das taten die ersten Menschen, die ich fragte nicht. Auf einmal hielt ein smarter Smart vor mir und eine junge Dame meinte, dass sie mich mit zur A7 nehmen kann. Check, ich stieg ein und wir fuhren nach Friedrichshafen, welches direkt an der A7 liegen sollte. Tamara ließ mich am Bahnhof raus, von dem es nur ein Kilometer bis zur A7 sein sollte. War es aber nicht. Friedrichshafen liegt auch direkt am Bodensee und dass die einzige Autobahn nach Norden, die A96, verläuft von Lindau aus.

Das war schlecht für mich. Ich war also in der Provinz gefangen und musste bevor ich nach Norden reisen konnte, wieder nach Lindau gelangen. Nach einem schönen Fußmarsch an den Stadtrand und mit etwas Glück wurde ich auch relativ zügig per Anhalter nach Lindau, direkt zum Ausgangsstandort, zurück befördert. Dabei halfen mir Axel und Sabine, die selbst aus einmal Tramper waren. Inzwischen waren dreieinhalb Stunden vergangen und es war bereits gegen 17 Uhr. Ich hatte nur noch wenig Hoffnung am gleichen Tag nach Hamburg zu kommen. Doch stand an der Tankstelle ein Auto mit Hamburger Kennzeichen. Ich fragte, doch meinte der Fahrer, dass er voll sei. Als nächstes viel mein Blick auf ein Auto mit Segeberger Kennzeichen; bingo, Petra und Anna fuhren nach Hause. Im anderen Auto saßen Petras Mann Andreas und deren drei Kinder. So hatte ich eine sehr angenehme Rückfahrt nach Hamburg mit einer großen Familie, die mir zum Abend noch einen Burger spendierte. Um 1 Uhr nachts kamen wir in Hamburg Norderstedt an. Mit Bus, Bahn und Fußbus kam ich dann erschöpft und glücklich um 5.15Uhr zu Hause an…

Reisedauer: 43,25 Stunden

Lessons learnt:

  • „Die Nacht ist am dunkelsten vor der Dämmerung“ – die Nacht in Kassel und das
    anschließende Erreichen des Ziels innerhalb kürzester Zeit; Verfahren nach Friedrichshafen und dann in einem Rutsch nach Hamburg
  • „Es kommt immer anders als man denkt“ – wesentlich schnelleres Erreichen des Ziels als gedacht; Keine Schlafgelegenheit in Kassel gefunden; Verfahren nach Friedrichshafen; schnelles Zurückkommen nach Lindau und schließlich auch nach Hamburg
  • „Man kann Vertrauen in das Universum haben“ – es hat uns erschaffen und es trägt uns auch – auch wenn wir nicht wissen, was passieren wird; vor allem wenn man ohne Geld und Informationen reist
  • „Die Menschen sind gut“ – und helfen gern – essen, trinken, Informationen, Mobilität-„Wenn man etwas will, muss man danach fragen und aktiv werden“ – Nur das Schildraushalten reicht einfach nicht – man muss aktiv fragen, wenn man nicht ewig warten will-„Betteln ist trennscharf von Fragen zu behandeln“ – Betteln kommt aus einer bedürftigen, unterlegenen Haltung, Fragen kommt aus einem Bedürfnis auf gleicher Augenhöhe

Rückblick: Diese Reise hatte Ziel und Zweck ohne jegliches Sicherheitsnetz ein Ziel zu erreichen. Gerade ohne Geld, Kommunikation und Ausrüstung viel es mir schwer, gelassen zu bleiben. So stand ich die meiste Zeit meiner Reise unter starkem Stress. Vor allem der Aspekt ohne Geld zu sein war sehr schwierig, denn man kann sich nicht mal eben irgendwo ins Warme setzen und einen Kaffee trinken. Auch kommt man nicht an Essen oder Mobilität ohne Weiteres heran. Dennoch habe ich erlebt, dass es auch ohne Sicherheit und Mittel funktioniert, eine größere Sache zu erreichen. Diese Aktion hat mein Selbstvertrauen und meine eigene Handlungsfähigkeit gestärkt. Auch habe ich gelernt, dass nicht alles klar und strukturiert sein muss, um ein Ziel zu erreichen, es reicht lediglich den Fokus auf das Ziel auszurichten sowie diszipliniert zu sein, auch wenn es einmal unangenehm wird.

Ich danke allen, die mich auf meiner Reise unterstützt haben und hoffe durch meinen Erfahrungsbericht ein wenig etwas zurückgeben zu können. Außerdem danke ich allen, die an mich geglaubt haben.

Mit gestärkten Grüßen, Steffen Raebricht


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