Ralf StumpfWow! Nachdem ich jetzt bald zwei Jahre mit den Weltrettern (www.welt-retter.org) darum kämpfe, dass wir mal aufwachen und den großen Herausforderungen entgegensehen, um das Leben von Milliarden Menschen zu retten, hätte ich nicht gedacht, was jetzt plötzlich durch den Coronavirus möglich geworden ist.

Auf einmal ist die Politik doch handlungsfähig, schränkt die Freiheit der Bürger in einem Maße ein, wie ich es in dieser Zeit nie für möglich gehalten hätte. Grenzen werden geschlossen. Flugverbote. Ausgangssperren. Veranstaltungen und Versammlungen werden verboten und vieles mehr. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. Millionen Selbständige werden in den Ruin getrieben. Firmen gehen bankrott. Die Märkte stürzen ab. Fußball wird verschoben …

Auch uns als Seminarveranstalter mit 12 Festangestellten und 50 freiberuflichen Trainern trifft ein Seminarverbot mitten in der Hochsaison sehr hart. Bei vielen Veranstaltungen ist eine Online-Veranstaltung einfach keine Option (und wird auch nur begrenzt unter Ausbildungsaspekten voll anerkannt). Viele Veranstaltungen können also nur verschoben werden, aber da hätten ja eigentlich schon wieder neue Seminare stattfinden sollen. Die Fixkosten laufen weiter, sodass wir mit sechsstelligen Ausfällen pro Monat rechnen müssen.

Ich bin einfach sehr erstaunt darüber, wie einfach das alles in dieser Situation geht, während sonst über das Meiste ewig diskutiert wird und wir bereit sind, die Zukunft von Millionen Tierarten und der ganzen Menschheit aufs Spiel zu setzen und nicht ins Handeln kommen.

Sind es viele oder wenige Corona-Opfer?

Aktuell sind die Medien einer der großen Gewinner: Zugriffszahlen, Klicks und jede Menge Storys, die unters Volk gebracht werden. Dabei liegt der Fokus oft auf den Negativ-Schlagzeilen.

Der Coronavirus ist für die Erkrankten und vor allem für die Risikogruppen eine echte Tragödie – so wie jeder Verlust eines Menschen. Ich möchte das nicht schönreden. Nach aktuellem Stand (17.03.2020) gibt es heute bereits 23 Tote in Deutschland und es geht gerade erst los. In China sind es bereits 3.200 Tote seit Dezember.

Was mich ein wenig stört, ist, dass in der aktuellen Berichterstattung oft einfach die Vergleichszahlen nicht genannt werden. Dadurch weiß man nicht: Ist das viel oder ist das wenig?
Daher habe mal ein paar Vergleichszahlen gegoogelt:

  • Weltweit sterben jedes Jahr zwischen 290 000 bis 650 000 Menschen an Influenza (Robert-Koch-Institut).
  • In Deutschland sterben jedes Jahr ca. 69.000 Menschen an Atemwegserkrankungen.
  • Im Winter 2017/2018 starben in Deutschland 25.000 Menschen an der Influenza-Grippe.
  • Experten gehen davon aus, dass jedes Jahr 11 Mio. Menschen durch zu viel Fleisch und Zucker sterben und diejenigen, die nicht sterben, tragen oft über Jahrzehnte schwere Folgen und Krankheiten davon.
  • Weltweit sterben jedes Jahr ca. 1,35 Millionen Menschen bei Unfällen im Straßenverkehr.
  • Jedes Jahr sterben 7 Mio. Menschen an Luftverschmutzung weltweit. Allein in China geht man pro Jahr von ca. 1,7 Mio. Todesfällen durch verunreinigte Luft aus.
  • In Deutschland gibt es nach aktuellen Schätzungen des RKI jährlich bis zu 600.000 Krankenhausinfektionen. Bis zu 20.000 Menschen sterben jährlich durch Krankenhauskeime.

Einige dieser Zahlen ließen sich durch halb so entschlossene Maßnahmen drastisch senken und würden viele Menschenleben retten.

Was das Gute ist

Der Coronavirus und vor allem die Reaktionen der Regierungen darauf retten wahrscheinlich sehr vielen Menschen das Leben. Durch die vielen Produktionsstillstände, gerade in China, dürfte sich die Luft deutlich verbessern und die Anzahl der Toten durch Luftverschmutzung um mehrere Hunderttausende drastisch reduziert haben. In Wuhan, wo der Coronavirus im Dezember 2019 vermutlich seinen Ausgangspunkt hatte, gab es kürzlich das erste Mal seit Jahren wieder Sonnenschein, weil sich durch den Coronavirus der Smog verzogen hat. Für den Klimawandel dürfte es ein Segen sein, dass so viele Flüge ausfallen und der Motor der Weltwirtschaft etwas ins Stottern gerät. Das könnte das Leben von hunderten von Millionen
Menschen verlängern. Durch den extrem gesunkenen Straßenverkehr werden
ebenfalls hunderttausende Leben gerettet.

Sonnenschein in einer chinesischen Stadt
© asmuSe (Pixabay)

Den einzigen in den Kurven zum CO2-Ausstoß wirklich gut sichtbaren Rückgang gab es während der Weltwirtschaftskrise 2008. Bei der Corona-Krise wird es ähnlich sein. Die Menschheit zeigt dadurch, dass sie den Klimawandel tatsächlich aufhalten könnte, wenn sie ihn so ernst nehmen würde wie die aktuelle Grippewelle.

Der Coronavirus lässt die meisten von uns in diesen hektischen Zeiten runterkühlen. Wenn man nicht gerade (so wie ich) von seiner Familie durch eine (freiwillige oder erzwungene) Quarantäne getrennt ist, dann besteht die Möglichkeit, mal wirklich gemeinsam Zeit zu verbringen, miteinander zu spielen, zu singen, zu lachen und sich zu sagen, wie lieb man einander hat. Kinder können ihrem Spieltrieb folgen und sich kreativ neue Dinge überlegen. Vorausgesetzt, sie werden minimal angeleitet, dann können sie in dieser Zeit lernen, ihr Lernen selbst zu gestalten.

Paare haben wieder Zeit für Zärtlichkeit und Intimität. Möglicherweise werden wir nach der Krise eine erhöhte Scheidungsrate erleben und einen Baby-Boom.

Jeder einzelne hat Zeit für Online-Fortbildungen oder Weiterbildung durch Bücher und Selbststudium.

Wir haben die Chance zu erkennen, wie es ohne Flugreisen sein kann und wie viele Firmen auch mit Home-Office auskommen können. Wir lernen zu akzeptieren, dass es in der Konsumgesellschaft nicht immer ein höher, weiter und schneller geben wird. Paradoxerweise konzentrieren sich Hamsterkäufe unter anderem auf Klopapier. Zurück zu den Basics.

Brauchen wir wirklich all die ganzen Dinge, die wir produzieren? Müssen wir wirklich (in Deutschland) drei Erden pro Jahr verbrauchen? Am meisten erschreckt mich daran, dass die Zufriedenheit der Menschen in Deutschland sich in den letzten 50 Jahren nicht mehr erhöht hat, obwohl wir so viele Dinge mehr produzieren und Ressourcen verbrauchen. Wenn wir also wenigstens sagen könnten, wir hätten eine geile Party. Mehr dazu findet sich im Ansatz der >>Postwachstumsökonomie.

Bis Sonntag war ich die ganze Woche auf einem Seminar zum Thema „Tod und Auferstehung“. Wir waren 12 Teilnehmer und zwei Trainer, die fernab von Corona über existentielle Dinge im Leben und Sterben nachgedacht haben. Als wir vom Seminar erwachten, war die Welt nicht mehr die gleiche.

Vielleicht verschiebt sich gerade unser Fokus auf die Dinge, die im Leben wirklich wichtig sind.

Die Vorfälle zeigen, wozu die Menschheit in der Lage ist, wenn ihr der Ernst der Lage bewusst ist. Hoffentlich handelt sie auch bei weniger offensichtlichen aber nicht minder großen Gefahren für das System ebenso entschlossen. Es gibt große Herausforderungen für Umwelt, Tier und Mensch. 193 Nationen haben sich deshalb 2015 auf die 17 Nachhaltigkeitsziele (SDG) in der Agenda 2030 verständigt. Doch nur wenige Menschen kennen diese Ziele überhaupt und sie werden nicht ernsthaft verfolgt. Ich würde mir wünschen, dass die Medien über diese existentiellen Bereiche ähnlich engagiert wie jetzt berichten würden.

Was wäre, wenn wir die ökologische Krise, die noch viel dramatischere Folgen für unsere Zukunft hat, genauso ernst nehmen würden, wie die Coronakrise?

“Wir könnten die erste Generation sein, der es gelingt, die Armut zu beseitigen, ebenso wie wir die letzte sein könnten, die die Chance hat, unseren Planeten zu retten.“ – Ban-Ki Moon, UN-Generalsekretär von 2007-2017, im Kontext der Agenda 2030

>>Weiterführendes zur Agenda 2030 und den Global Goals