„Geschickter Coachee“ – Auftrag annehmen oder ablehen?

Lisa LakeitDie 1. Grundregel des Coachings besagt, dass nur ein freiwilliges Coaching ein erfolgreiches Coaching sein kann. Die 2. Grundregel bringt zum Ausdruck, dass ein Coach nur erfolgreich sein kann, wenn er unabhängig ist.

Was soll ein Coach jedoch tun, wenn er einen Auftrag bekommt, bei dem der Coachee beispielsweise vom Arbeitgeber geschickt wurde? Soll er den Auftrag annehmen und damit die 1. Grundregel des Coachings missachten oder soll er den Auftrag ablehnen und somit seinem Image schaden?

Die Praxis zeigt, dass die Freiwilligkeit eines Klienten oftmals nur bedingt besteht. In Betrieben beispielsweise wird das Coaching im Vorfeld zwar als „gute Chance“ angesehen, es stellt sich aber im Nachhinein heraus, dass der Coachee darauf hätte verzichten können, da ihn schon allein der Gedanke an das Wort „Coaching“ in Schweiß ausbrechen lässt. Hier ist tatsächlich das Einfühlungsvermögen und der professionelle Beziehungsaufbau (Rapportfähigkeiten) des Coaches gefragt, um das Coaching dennoch erfolgreich werden zulassen. Allerdings könnte der Coachee das Coaching als Angriff sehen, dass er seine Arbeit nicht richtig oder schnell genug erledigt. Dann wird er mit allen Mitteln versuchen, dem Coaching zu entweichen, in Ausnahmefällen kommt es sogar zu Kündigungen. Manchmal werden Coachings einfach verordnet, um zu einer bestimmt Prüfung zugelassen zu werden. Beispiel: Das Ausbildungsprogramm, das Verkäufer durchlaufen müssen, enthält ein Coaching „zur Förderung der persönlichen Fähigkeiten“ und ist Voraussetzung, um zur Prüfung des begehrten Branchenzertifikates zugelassen zu werden. Andere Coachings werden aufgrund von Unzufriedenheit in Entwicklung und Absatz in der Geschäfts- oder Vertriebsleitung „verordnet”.

Beim erfahrenen Coach wird bei diesem „sanften Druck“, der vom Arbeitgeber auf den Arbeitnehmer ausgeübt wird, die „Warnblinkanlage“ angehen und er wird sich überlegen müssen, wie er mit solch einer Situation umgeht. Würde er sich an die Grundregeln des Coachings halten, so müsste er so manche Coaching-Aufträge eindeutig ablehnen.

Es gibt aber auch Vertreter der Meinung, dass genau in solchen Fällen ein Coaching dringend notwendig ist. Menschen, denen Coachings „verordnet“ werden, befinden sich meist in einer problematischen Situation. Sie sind darin festgefahren und sehen keinen Ausweg, geschweige denn eine Lösung für ihr Problem. Diesen Menschen fällt es auch oft schwer, sich zu öffnen und mit anderen über ihre beengende Situation zu reden. Findet sich doch ein Zuhörer, so ist es fraglich, ob derjenige die nötige Kompetenz besitzt, mit dem Problem richtig umzugehen. Für diese Situationen ist ein Coach da. Er ist ausgebildet in dem was er tut und hat auch die benötigten Vorbereitungen vorab abgeschlossen. Er ist der Profi und wird eigentlich in genau diesen Problemfällen gebraucht. Der Coach hat aber die Grundregeln im Kopf, wie soll er also handeln? Was wird geschehen, wenn er den Auftrag nicht annimmt? Was wird mit dem potentiellen Coachee passieren? Und was für Konsequenzen hat es für den Coach hinsichtlich künftiger Aufträge?

Nehmen wir mal an, dass kein Coaching stattfindet, sondern ein entsprechender Ersatz gefunden wird. Der potentielle Coachee ist ein fester Bestandteil im umgebenden System, daher ist es fraglich, ob er in der Lage ist, sich ohne professionelle Hilfe von der Situation ausreichend zu entfernen. Realistisch gesehen sind nur die Wenigsten dazu in der Lage, die „richtigen“ Fragen aus der Perspektive des Außenstehenden  zu formulieren. Das Resultat ist, dass der potentielle Kunde mit seinem Problem und mit den damit verbundenen Emotionen alleingelassen wird und nur noch unzufriedener wird. „Irgendwie wird es schon weitergehen“ ist hier das Motto, mit dem niemandem geholfen ist.

Die Situation des Arbeitgebers ähnelt der, des Arbeitnehmers. Die erhoffte Änderung bleibt aus und die Unzufriedenheit wächst mit der Zeit. Fraglich ist dabei auch die Fehlerquelle. Es gibt Fälle, in denen die Mitarbeiter durch Fehler im System des Unternehmens, bei der Führungskraft oder im Führungsverhalten gehemmt werden. Wer soll in diesen Fällen die problematische Situation neutral beleuchten, benennen und eine Lösung suchen? Ein externer Coach ist eine neutrale und vor allem vertrauensvolle Person, die der Schweigepflicht unterliegt und somit die richtige Person für solche Fälle.

Wie sieht der Standpunkt des Coachs aus? Kann er es sich leisten, den Auftrag abzulehnen? Hat das Auswirkungen auf seine zukünftige Auftragsbeschaffung? Der Coach arbeitet natürlich um einiges entspannter, wenn er eine gewisse wirtschaftliche Unabhängigkeit besitzt, die eigentlich zu den wichtigen Grundvoraussetzungen zählt. Das Risiko ist gegeben, bei der nächsten Auftragsvergabe vergessen zu werden. Es gibt aber auch noch die andere Seite der Medaille: die übereilte Auftragsannahme – denn Arbeitgeber reagieren weniger glücklich auf verschwenderisches Geldausgeben für externe Berater. So kann man moralisch und auch wirtschaftlich gesehen mit einer guten Begründung einen Auftrag ohne Gewissensbisse ablehnen.

Für den Coach gilt jedoch immer die Devise, das Einverständnis für die Coachingmaßnahme von beiden Seiten einzuholen: Auftraggeber und Coachee. Der Coach fungiert als Problemlöser, auch wenn er die Probleme nicht selbst löst, sondern die Rolle des Vermittlers einnimmt.

Letztendlich bleibt die Entscheidung aber immer beim Coach, ob er den Auftrag eines „geschickten Coachees“ annimmt. Man sollte jedoch immer daran denken, dass man Coach geworden ist, um anderen zu helfen. Auch ein „geschickter Coachee“ ist ein Mensch, der ein Problem hat und eventuell Hilfe benötigt.

Morgen berichten wir über konkrete Probleme, die bei der Auftragsklärung auftreten können, z.B. verdecktes Outplacement, Delegation von Führungsaufgaben, Stille Post u.a.

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