Abgrenzung von Coaching zu anderen Disziplinen

Nicolas LehnartDer Übergang zwischen professionellem Coaching und anderen beratenden, lehrenden, therapierenden und weiteren Tätigkeiten ist teilweise fließend, was zur Folge hat, dass diese Disziplinen häufig undifferenziert zusammengeworfen werden. Den unbestreitbaren Gemeinsamkeiten solcher Tätigkeiten zum Trotz ist allerdings wichtig, sich auch über jene Aspekte im Klaren zu sein, die sie voneinander abheben.

Coaching und Psychotherapie
Die Psychotherapie richtet sich in erster Linie an Menschen, deren Selbststeuerungsfähigkeit auf die eine oder andere Art beeinträchtigt ist, ob es sich nun um psychische Erkrankungen und Störungen, Abhängigkeitserkrankungen oder andere Einschränkungen handelt. Deren Behandlung fällt in den Zuständigkeitsbereich entsprechend ausgebildeter Psychotherapeuten, Heilpraktiker oder Ärzte.
Coaching richtet sich dagegen an Personen ohne diese Art von Beeinträchtigungen (soweit bekannt; diverse Verhaltensmuster und Symptome – vor allem, wenn sie nur minderschwer ausgeprägt sind – entziehen sich einer therapeutischen Beurteilung, wirken aber trotzdem deutlich einschränkend). Stattdessen werden Probleme angegangen, die aus der Berufsrolle heraus entstehen. Die Beratung findet von Seiten des Coachees auf Basis der Freiwilligkeit statt; es geht nicht um „Heilung“, sondern genereller um „Verbesserung“ im Sinne einer Optimierung der Lebensqualität und einer Steigerung der vorhandenen Potenziale.

Coaching und Training
Die Aufgabe des Trainers ist es, die Fähigkeiten und das Leistungsvermögen der Teilnehmer zu steigern. Er hat eine klar definierte Auftragsstellung: Er analysiert die Trainingsziele, stellt einen Trainingsplan aus erfolgsversprechenden Programmen auf und sorgt dafür, dass diese in die Praxis umgesetzt werden (will meinen: dass der Teilnehmer sein Lern- oder Trainingspensum zuverlässig absolviert). Weiterhin schafft der Trainer die Rahmenbedingung für ein erfolgreiches Training durch vertrauensbildende Maßnahmen und Überzeugungsarbeit.
Ein Coach hingegen strebt die Steigerung der Leistungsbereitschaft und der Eigenverantwortung an. Gemeinsam mit dem Coachee setzt er sich mit den Problemen auseinander und arbeitet eine Strategie für eine Intervention aus; und regt ihn zum Entwurf eigener Programme, der Entwicklung eigener Potenziale und der Bewusstwerdung (und Überwindung) eigener Schwächen an. Der Trainer vermittelt vor allem Inhalte; der Coach arbeitet auf der Prozessebene und nutzt die vorhandenen Ressourcen des Coachee. Ziel des Coachings ist es letztlich, den Coachee dazu in die Lage zu versetzen, dass er sein Leben in die Hand nehmen kann, ohne externer Anleitung zu bedürfen.

Coaching und Supervision
Supervision befasst sich vorrangig mit akuten Problemen, für die es die aktuell notwendigen Kompetenzen erarbeitet, statt mit der Verfolgung längerfristiger Ziele. Die Grenzen zum Coaching sind fließend, wobei es beim Coaching allerdings neben der Problemlösung auch um längerfristige, zielorientierte Persönlichkeitsentwicklung geht. Oft wird hier an konkreten Praxisfällen gearbeit. Dabei sind die Supervisanden oft selbst in heilenden oder therapeutischen Bereichen tätig und reflektieren unter der fachkundigen Anleitung eines Supervisors ihre Arbeit.

Coaching und Fortbildung
Die Fortbildung beschränkt sich vor allem auf die Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten. Ein Coaching dagegen verfolgt einen anderen Ansatz: es beinhaltet die Einbeziehung der gesamten Persönlichkeit des Coachees durch die Vermittlung von Lern- und Entwicklungsprozessen.

Coaching und Beratung
Die Tätigkeit eines Fachberaters – die Beurteilung einer Situation auf der Grundlage seines Expertenwissens – kann und will ein Coach nicht ersetzen. Bei vielen Fragestellungen ist natürlich eher eine Beratung als ein Coaching angesagt. Wenn es um die Klärung von Fachfragen geht, z.B. welche Zahnbehandlungmethode die Richtige ist oder wie man ein bestimmtes BWL-Knowhow am besten anwendet, hilft ein Experte mit seinem Rat oft besser als ein Coach, der die Fragestellung auf den Klienten zurückwirft.

Coaching und Mentoring
Mentoring bezeichnet die Tätigkeit einer erfahrenen Person (der Mentor), die ihre Erfahrung an einen Neueinsteiger (den Mentee) weitergibt und ihn in seiner persönlichen und beruflichen Entwicklung zu unterstützen zwecks langfristiger Förderung innerhalb und außerhalb des Unternehmens. Dabei geht es vorrangig um die Fach- und weniger die Beratungskompetenz des Mentors, was diese Rolle vom Berater (der seine Expertise nicht vermittelt, sondern sie zum Nutzen seines Klienten einsetzt) auf der einen und von Lehrerfunktionen (bei denen die Lehrkompetenz im Vordergrund steht) auf der anderen Seite abhebt.
Coaching geht über das Potenzial des Mentors hinaus, da es auf die Einstellungen und Vorstellungen des Coachee zugeschnitten ist und sich dessen Fähigkeiten zunutze macht und diese ausbaut. Darüber hinaus beinhaltet Coaching auch Optimierung des Verhaltens und der Fertigkeiten und die zugrunde liegenden Werte, Programme und Glaubenssysteme der Identität eines Menschen und der Suche nach Sinn und Zugehörigkeit.

Coaching und Freundschaft
Im Gegensatz zum Coaching ist Freundschaft ziel- und absichtslos; aber naturgemäß auch nicht professionell. Ein rein freundschaftliche Beratung wird darum auch schwerlich eine Funktion ähnlich der eines Coachings übernehmen können, da auf der einen Seite die persönliche Distanz zum eigenen Zugang zum Gegenstand der Unterhaltung und auf der anderen Seite angesichts der Natur der Beziehung auch der Abstand zum Problem als solchem steht – letztendlich läuft ein Ratschlag unter Freunden nicht auf einen an die Landkarte des Coachees angepassten Lösungsansatz hinaus, sondern darauf, welche Handlungsweise der Freund selber in einer solchen Situation als optimal betrachtet.
Ein anderer Aspekt von Freundschaft und Coaching ist der des Status: Gerade Menschen in Führungspositionen tauschen sich allerdings relativ selten auf gleicher Ebene (auch über persönliche Inhalte) aus und sehen sich mit Einsamkeit konfrontiert. Daher tendieren sie unter Umständen dazu, das intensive Offenlegen auch persönlicher Belange statt in einem beruflichen Förderungs- und Beratungskontext in eine private oder sogar freundschaftliche Ebene einzuordnen.

Quellen:
Coaching mit NLP. Erfolgreich coachen in Beruf und Alltag. Ein Übungsbuch von Evelyne Maaß und Karsten Ritschl (Taschenbuch – August 1997)
Coaching fürs Business. Was Coaches, Personaler und Manager über Coaching wissen müssen. Uwe Böning und Brigitte Fritschle (managerSeminare, 2005).

Post to Twitter

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.