Rechtliche Lage des Coaching – Coaching im Spannungsfeld zwischen Persönlichkeitstraining und gesetzlich geregelten Heilberufen

Stephan Landsiedel Wie weit darf ein Coaching gehen? Was ist schon Psychotherapie? Nicolas hat hier in einem Beitrag die wichtigsten Dinge für Euch zusammengefasst. Zusätzlich möchte ich gerne einen Link anfügen. Die INLPTA (International NLP Trainer Association) hat vor einiger Zeit einen Rechtsanwalt beauftragt, sich mit genau dieser Fragestellung auseinander zu setzen. Er hat das hier downloadbare Dokument erstellt erstellt (wir hatten in unserem Newsletter darüber berichtet).

Nicolas Lehnart Da die Grenze zwischen tiefgehender Persönlichkeitsberatung und aktiver Psychotherapie schwer zu definieren sind, stellt sich die Frage, wie weit ein Coach in der Praxis gehen darf bzw. welche Techniken und Methoden heilenden Berufen (Arzt, Heilpraktiker, Psychotherapeut) vorbehalten sind. Dies ist auch insofern wichtig, da gesetzliche Übertritte auch aus wettbewerbsrechtlicher Perspektive problematisch sind, können sie doch rechtliche Schritte eines Konkurrenten veranlassen.

Überblick über gesetzliche Rahmenbedingungen des Coachings
Psychotherapeutengesetz (PsychThG)
Sowohl der Titel des „Psychotherapeuten“ als auch „jede mittels wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie indiziert ist“ (§1 Abs. 3 Satz 1 PsychThG) sind solchen Personen vorbehalten, die eine bestandene Abschlussprüfung im Studiengang Psychologie als auch eine mindestens 3jährige Ausbildung im Bereich Psychotherapie nachweisen können – ausgenommen sind dagegen „psychologische Tätigkeiten, die die Aufarbeitung und Überwindung sozialer Konflikte oder sonstige Zwecke außerhalb der Heilkunde zum Gegenstand haben“ (§1 Abs. 3 Satz 3 PsychThG).
Das bedeutet, dass ein Coach ohne entsprechende therapeutische Ausbildung keine Trainingsinhalte anbieten darf, die auf die Diagnose und Behandlung von psychischen Krankheiten abzielen und von der Anwendung wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Maßnahmen (deren Festlegung den jeweiligen Landesbehörden obliegt) absehen muss; und keine Berufsbezeichnung verwenden, die impliziert, er habe eine psychotherapeutische Ausbildung absolviert oder würde psychotherapeutische Behandlungen durchführen.

Heilpraktikergesetz (HPrG)
Das HPrG verlangt würde jede Art der „Heilkunde“ eine behördliche Erlaubnis, wobei „Heilkunde“ hier „jede berufs- oder gewerbsmäßige vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen“ bedeutet. Bei Überschneidungen zum PsychThG hat letzteres den Vorrang: Nach der behördlichen Praxis dürfen Heilpraktiker, die auch für den Bereich Psychotherapie eine Erlaubnis besitzen, alle psychologischen Behandlungsmethoden anwenden (im Rahmen der erteilten Heilpraktikererlaubnis), soweit sie nur keine verschreibungspflichtigen Medikamente verordnen; während in der Literatur die Beschränkung auf nicht wissenschaftlich anerkannte Heilmethoden vorgeschlagen wird.
Ein Coach mit Heilpraktikererlaubnis setzt sich Haftungsrisiken aus, wenn er seine wissenschaftliche Kompetenz überschätzt und dabei Behandlungsfehler begeht. Auf jedem Fall ist es einem Coach ohne eine solche Erlaubnis untersagt, Trainings anzubieten, die gesundheitliche Schäden hervorrufen können oder für die medizinische Fachkenntnisse erforderlich sind; des Weiteren darf nicht der Eindruck beim Klienten entstehen, der Coach würde eine „Heilbehandlung“ oder „Linderung“ anbieten – solche Methoden sind den o.g. heilpraktischen Berufen vorbehalten. Allgemein gilt: je mehr Coaching in den Bereich „Gesundheitsförderung“ oder „Krankheitsvermeidung“ anstelle von „Heilung“ oder „Linderung“ geht, desto sicherer ist die Ausübung auch ohne Heilpraktikergewerbeschein.

Sonderfall Legasthenie
Es ist noch nicht eindeutig geklärt, ob Legastheniebehandlungen unter den Begriff der Heilkunde im Sinne des HPrG fallen, aber angesichts der Tatsache, dass für diese Behandlungen vornehmlich schematische Übungen verwendet werden, für die keine medizinische Fachkenntnisse erforderlich sind und von denen keine Gesundheitsgefährdung ausgeht, spricht nach dem gegenwärtigen Stand der Literatur vieles dafür, dass kein Heilpraktikerschein erforderlich ist – im Einzelfall sollte diese Frage jedoch ggf. mit der zuständigen Kreisverwaltungsbehörde abgestimmt werden.

Verwendung von Berufsbezeichnungen
Unzulässig sind Bezeichnungen wie Psychotherapeut, psychologischer Berater, Spezialist für Psychotherapie/(tiefen)psychologische Techniken, Psychotherapeut (zugelassen nach dem HPrG) und Heilpraktiker (Psychotherapeut). Zulässig sind dagegen Coach, Persönlichkeitstrainer, Lebensberatung, Kommunikationstrainer, Neurolinguistisches Programmieren (NLP), Gestalttherapie und Gesprächstherapie.

Coaching-Inhalte
Unzulässig sind (evtl. mit Ausnahme eines Heilpraktikergewerbescheins) die Diagnose oder Behandlung von Phobien, Depressionen, Paranoia, Angstzuständen, Magersucht/Bulimie, Suchtkrankheiten (z.B. Alkohol, Drogen), krankhaften Aggressionszuständen und Gewalttätigkeit, Allergien, Traumata, psychosomatischen Leiden und allen in den Aufstellungen DSM 3 und ICD-10 aufgestellten Krankheiten.
Zulässig sind (sofern keine Heilbehandlung nach dem PsychThG oder dem HPrG vorliegt) Beratung bezüglich Karriereplanung/-coaching, Bewerbungstraining, Entscheidungstraining bei Alltags- und beruflichen Fragen, (Selbst-)Motivationstraining, Zielfindung/Visionsentwicklung, Entspannungstechniken, Selbstmanagement (Umgang mit Problemen u. unangenehmen Situationen), Kommunikationsverbesserung, Präsentationscoaching, Konfliktmanagement, Führungskräftecoaching, Team-Coaching, Sport-Coaching, allgemeines mentales Training, Selbstmarketing, Flirten, Steigerung des Selbstbewusstseins, Stressbewältigung, Motivationshilfe bei akuten Krisen (Arbeitsplatzverlust, Trennung, Scheidung, Tod), allgemeine Lebensberatung, Konzentrationsstörungen, Lernschwäche (z.B. Legasthenie), Schlafstörungen, Gesundheitscoaching, Unterstützung bei psychisch belastenden Konflikten und Verwendung von Trance/Hypnose.

Rechtliche Risiken/Sanktionen bei Verstoß gegen die vorgenannten Grundsätze
Überschreitungen des PsychThG oder des HPrG können eine Untersagungsverfügung durch die Behörden zur Folge haben, vorsätzliche Verstöße stellen zudem eine Straftat dar, die Geld- oder Freiheitsstrafen zur Folge haben. Irreführende Werbung nach dem Gesetz gegen Unlauteren Wettbewerb (UWG) können zu Unterlassungsansprüchen oder Schadensersatzansprüchen von Wettbewerbern führen.

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6 Kommentare zu Rechtliche Lage des Coaching – Coaching im Spannungsfeld zwischen Persönlichkeitstraining und gesetzlich geregelten Heilberufen

  1. Hallo Nicolas, ich finde du hast hier wirklich tolle Themen zusammengestellt und auch das PDF finde ich toll.Ich habe mir alles angeschaut und gesehen, dass eine Phobie – Angstbehandlung unter eine Therapie fällt? Nun kenne ich es aus meinen NLP Ausbildungen das dort Phastphobia vermittelt wurde. Es wurde natürlich immer darauf hingewiesen, dass eine Behandlung erlaubt. Wie müsste den dann die Formulierung hießen wenn ein NLP ler eine Phobiebehandlung durchführen möchte? Vielleicht Auflösen einer Reiz Reaktionskopplung? Oder Resourcengenerierung???? Vielleicht hast du ja eine Idee? Oder einer der Blogleser. Freue mich auf alle Fällle über Eure Ideen…

    • Stephan Landsiedel sagt:

      Hallo Attila,
      eine Phobie-Behandlung ist seit einiger Zeit für einen „normalen“ NLP-Anwender nicht mehr erlaubt. Wir nennen das Modell bei uns in letzter Zeit VK-Dissoziation und nehmen es als Stress-Bewältigungs-Tool. Wenn Du eine Phobo diagnostizierst, dann darfst und solltest Du juristisch gesehen nicht coachen. Wo kein Kläger, da kein Richter, aber wenn Dich jemand dann verklagen will, hast Du einen schlechten Stand. Heilpraktiker mit entsprechender Ausbildung und Psychotherapeuten dürfen natürlich helfen.
      Herzliche Grüße
      Stephan

  2. Mario sagt:

    Hi Stephan,

    ich stimme Dir da zu, denke jedoch auch, dass das Thema noch etwas über „wo kein Kläger…“ hinaus geht. Denn der Gesetzgeber hat hier ja nicht spaßeshalber, sondern ganz bewußt Einschränkungen gesetzt. Diese beziehen sich weniger auf den Titel eines Formats („Phobie Modell“), sondern vielmehr auf die Methode selbst. Zurecht, wie ich finde: Phobien gehören nun mal zu den klassischen Störungsbildern, definiert nach ICD10 – und damit auch in professionelle Hände.
    Die Grenze zwischen Coaching und Therapie, die Nicolas aus juristischer Sicht sehr verständlich und ausführlich aufgezeigt hat, zieht darüber hinaus jedoch m.E. weniger ein Coach oder der NLP-Titel eines Formats, sondern einzig der „Kunde“: Ein Coachee ist in der Regel „gesund“ verfügt also über eine stabile Persönlichkeit, die es auch aushält, wenn der Coach bei einem Format einen, sagen wir mal, zu radikalen Weg einschlägt.
    Bei einem Klienten mit Phobie, also einer klar definieren Störung, kann selbige Stabilität gerne auch mal unterrepräsentiert sein.
    Die Verantwortung für die Abgrenzung, ob Klient oder Coachee liegt beim Coach. Respekt vor all denen, die die Grauzone zwischen „angemessener Angst“ und einer „leichten Phobie“ zielsicher identifizieren können.
    Die Techniken und die Formate zur Lösung mögen zwar in beiden Fällen ähnlich oder sogar gleich sein. Die Risiken jedoch, dass ein unerfahrener Coach bei einem echten Phobiker auch mal nachhaltig kontraproduktiv agiert – eben nicht nur aus juristischer, sondern insbesondere auch aus gesundheitlicher Sicht – erscheinen mir um ein Vielfaches höher.
    Mein Fazit: Wenn ein Coach nicht 100%ig sicher unterscheiden kann, ob ein Störungsbild nach ICD10 vorliegt, sollte er sich auf die Coaching Inhalte beschränken, die die geringste Schadensklasse aufweisen. Juristerei hin, Umbenennung des Fast Phobia oder der Timeline her. Hier geht’s ja nicht um einen Namenswettbewerb, sondern um den Klienten, gelle? :o)))

    • Stephan Landsiedel sagt:

      Ja klar – es ist schon sau blöd, wenn man helfen will und macht es noch schlimmer. Auf der anderen Seite habe ich in den letzten 15 Jahren während der Ausbildungen so viele unglaublich Dinge mit der NLP-Fast-Phobia-Technik erlebt, dass es auch ein schwerer Verlust wäre, würde man diese Sachen ungeschehen machen und die Teilnehmer hätten ihre Ängste noch. Da war eine starke Flugangst und zwei Wochen nach dem Seminar fliegt der Teilnehmer zum ersten Mal in seinem Leben in einem Flugzeug. Da ist diese Angst vor Höhe, so dass viele schönen Wohnungen gar nicht betracht kommen, die läste Spritzenphobie. An eine Teilnehmerin erinnere ich mich noch – die ist gar nicht mehr in ihren Keller gegangen, weil sie da mal eine Maus gesehen hat usw. Da nicht jeder für sich verantwortlich mit dem Thema umgeht und seine eigenen Fähigkeiten als Coach realistisch einschätzt, braucht es staatlicher Reglementierungen – manchmal auch etwas zu sehr einschränkend. Dabei gehts mir weniger um mich (ich bin Diplom-Psychologe und Heilpraktiker für Psychotherapie) sondern vielmehr um meine Teilnehmer. Bandler und Grinder hätten diese Technik niemals entwickeln und ausprobieren können, hätten sie in Deutschland gelebt. Natürlich wissen wir auch nicht, wie viel sie kaputt gemacht haben, worüber niemand berichtet hat.

  3. Anmerkung zur Bezeichnung Psychologischer Berater:
    Unter folgendem Link http://www.vfp.de/verband/verbandszeitschrift/alle-ausgaben/24-heft-03-2006/120-welche-berufs-und-prasisbezeichnungen-sind-verwendbar-.html
    des Verbandes Freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologischer Berater e.V. (VFP) findet ihr die folgende Aussage zur Bezeichnung

    1. DER PSYCHOLOGISCHE BERATER

    Seit über 40 Jahren hat sich der Beruf des Psychologischen Beraters in Deutschland etabliert durch Menschen, die in der Regel nicht durch ein akademisches Studium, sondern durch Aus- und Weiterbildung an Privatschulen und Fachinstituten und reflektierter eigener Lebenserfahrung zu diesem Beruf bzw. dieser Berufung gekommen sind. Die Bezeichnungen „Psychologischer Berater“ oder – je nach individuellem Schwerpunkt der gewählten Tätigkeit „Paar- und Familienberater“, „Erziehungs- und Jugendberater“, „Lebens- und Gesundheitsberater“ usw. sind frei und rechtlich unangefochten.

    Der freie Rechtsraum für die Tätigkeit des Psychologischen Beraters ist 1999 durch den letzten Satz in § 1 des Psychotherapeutengesetzes noch einmal bekräftigt worden, wenn es dort heißt: „Zur Ausübung von Psychotherapie gehören n i c h t psychologische Tätigkeiten, die die Aufarbeitung und Überwindung sozialer Konflikte oder sonstige Zwecke außerhalb der Heilkunde zum Gegenstand haben.“ Der Gesetzgeber wollte bei der Verabschiedung dieses Gesetzes gerade nicht alle helfenden Berufe unter dessen Bestimmungen zwingen. Der Sinn des PsychThG war vielmehr nur, die Bedingungen und Modalitäten für die Beteiligung der „Psychologischen Psychotherapeuten“ am System der gesetzlichen Krankenkassen zu normieren. In den Bereich der Beratung (und eben nicht der Therapie!) wurden dabei z. B. alle helfenden Maßnahmen gezählt,
    • die ausschließlich zur beruflichen Anpassung oder Förderung bestimmt sind
    • die der psychologischen Unterstützung bei Erziehungs-, Familien-, Partnerschaftsproblemen dienen
    • die Patienten begleiten, soweit sie unter den Folgen einer seelischen oder körperlichen Erkrankung leiden
    • sich auf die Beratung im Rahmen von Präventions- und Gesundheitsvorsorgeprogrammen beziehen usw. (1)

    Dies wiederspricht aber der Aussage in dem obigen Artikel. Hier scheint also durchaus noch Klärungsbedarf zu herrschen.

    Ansonsten finde ich den Artikel sehr gut.

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