Mein Kind darf nicht mehr rechnen!

Sonntag, September 24th, 2017 | NLP Blog

Beim ersten Gespräch mit der neuen Klassenlehrerin sagte sie sinngemäß: „Bitte geben Sie Ihrem Sohn keine Rechenaufgaben mehr. Er sollte vielleicht besser viel draußen sein und sich bewegen.“ Nun das eine schließt das andere nicht aus. Doch der Reihe nach.

Vor wenigen Tagen ist mein sechsjähriger Sohn Aeneas eingeschult wurden. Natürlich war das ein Ereignis, auf das wir – wie viele andere Eltern auch – sehr gespannt waren. Im Vorfeld hatte meine Frau ein paar Hebel in Bewegung gesetzt, um unseren Sohn angemessen unterzubringen. Sie stieß dabei nicht auf viele offene Ohren und so ging alles seinen normalen Gang. Offenbar sind sehr viele Eltern der Ansicht, dass ihre Kinder vielleicht die erste Klasse überspringen sollten.

Siebenkampf

Während manche Eltern sich fragen, ob ihr Kind wohl den Anforderungen gerecht wird, hatten wir eher die Sorge, dass unser Sohn sich nicht langweilt. Denn schließlich hat er sich mehr oder weniger selbst das Lesen und Schreiben beigebracht. Doch irgendwann hatten wir uns damit abgefunden und den Kampf aufgegeben. Wenn die in der Schule meinen, dass sie ihn gut beschäftigen können, dann soll es wohl so sein. Nachdem ich die Klassenlehrerin dann beim ersten Elternabend etwas kennen lernen durfte, war ich beruhigt. Sie ist wirklich super und ich bin schwer begeistert von ihr. Unverkennbar ein ganz großes Herz für die Kinder. Eine Idealbesetzung!

Allerdings war ich schon etwas geschockt als beim Elternabend die Mathe-Bücher ausgeteilt wurden. Es endet mit Plus-Aufgaben im dreistelligen Bereich. Malnehmen, Teilen, Komma- und Minus-Zahlen kommen gar nicht vor. Am dritten Tag erzählt mir abends meine Frau, dass die Klassenlehrerin sie angesprochen hätte, ob Aeneas nicht gleich in die zweite Klasse will und vielleicht könnte er später noch einmal eine Klasse überspringen. Ich frage meine Frau, wie die Lehrerin das herausgefunden hat. Nun, sie hat ihm eine Rechenaufgabe gestellt. Eine Minus-Aufgabe im dreistelligen Bereich. Innerlich muss ich grinsen. Ja, das macht er mit links. Gut, dass sie nicht weiter gefragt hat.
Im Kindergarten hatte ihn mal eine Betreuerin gefragt, was er sich heute wünschen würde und er hatte geantwortet: „Das mit den Hochzahlen würde ich gerne nochmal vertiefen!“ Da musste sie ihn allerdings auf den nächsten Tag vertrösten, um selbst noch mal nachzulesen, wie das geht.
Ehrlich gesagt, weiß ich heute auch nicht mehr so genau, was ich mir gedacht habe, als ich ihm in ein paar Minuten zwischendurch das Klammer-Rechnen, Wurzeln-Ziehen und Hochzahlen-Berechnen beigebracht habe. Ich bin sicher, dass ich für alles zusammen nicht einmal 20 Minuten aufgewendet habe und dann wollte er immer mehr Aufgaben von mir haben. Es war wie: „Wir machen jetzt mal ein Rätsel“. Angefangen hatte es eigentlich ganz harmlos:

Als er zwei oder drei Jahre alt war, gab es diesen einen Nachmittag als uns langweilig war. Wir hatten alle Spiele durch oder keine Lust darauf und so fragte ich ihn: „Aeneas, kennst Du eigentlich das Rechen-Spiel?“ Aus dem Augenwinkel sah ich nur, wie meine Frau die Augen verdrehte: „Was macht mein Mann denn jetzt schon wieder für einen Blödsinn“, sollte das wohl heißen. Nun ich ließ mich nicht beirren und Aeneas antwortete neugierig: „Nein, keine Ahnung, das kenne ich nicht.“ „Gut, dann zeige ich es Dir“ und bei diesen Worten hielt ich ihm zwei Finger hin und frage: „Wie viel ist 1 plus 1?“ Er war gerade dabei Zahlen zu lernen und so zählte er die Finger: „Zwei“. „Richtiiiiiigggggg!!!!“, schrie ich begeistert auf. Ich nahm ihn in die Arme, warf ihn hoch und sagte: „Du kannst rechnen!“ Er war super aufgeregt und fragte: „Darf ich nochmal?“ „Klar!“ und so gab ich ihm die nächste Aufgabe und wir machten das Spiel eine ganze Weile.

Anwendungen in der Praxis ließen später nicht auf sich warten. Fußball-Tabellen mussten berechnet werden, Inhalte von Gefäßen, Flächen, Punkte, Spielstände, Würfelzahlen, Geld im Kaufmannsladen, die Buchstaben des Alphabets wurden nummeriert und wir bildeten erst Wörter und später ganze Sätze mit den Zahlen usw. …

Inzwischen ist er sechs Jahre alt. Dieses Wochenende halte ich selbst kein Seminar. Bei uns läuft der Hypno-Coach mit Alexander in der Villa und ich habe frei. Antje war mit unserer einjährigen Tochter Enya beschäftigt und so ergab sich ein Vater-Sohn-Samstagvormittag. Ich war fest entschlossen, die Vorgabe der Lehrerin einzuhalten – kein Rechnen! Also schlug ich vor, dass wir einen kleinen Siebenkampf im Garten veranstalten könnten. Uppsss. Sieben ist auch schon wieder eine Zahl und ihm ist klar, dass wir jetzt sieben Disziplinen brauchen. Mit ein wenig Überredung läuft es. Ehe ich mich versehe, ist Aeneas in sein Zimmer gestürmt und fängt an, die Disziplinen aufzuschreiben. Wir beschließen, dass jeder von uns jeweils drei Versuche bekommt. Unsere Disziplinen sind „Schnell Laufen“, „Weitsprung“, „Ballweitwurf“, „Hindernislauf“, „Boccia“, „Hochsprung“ und „400m Lauf“.

Siebenkampf

Aeneas am Start beim Hindernislauf im Hof

Er fragt: „Papa, wo machen wir den 400m-Lauf?“ Ich antworte: „Im Keller. Wir laufen einfach ein paar Mal hin und her.“ Er: „Wie oft müssen wir da laufen.“ Ich weiß es nicht. Meine Frau hat zufällig einen Grundriss-Plan zur Hand. Es sind 25 Meter einfache Strecke. „Alles klar, dann laufen wir 16 mal die Strecke. Acht Mal hin und zurück“, sagt mein Junior. Mein Gehirn war zu langsam, um zu begreifen: „Das ist schon wieder Mathe! Wir wollten es doch heute sein lassen.“

Beim Schnelllaufen stoppe ich seine Zeit. Er schreibt sie auf. Dann laufe ich. Er stoppt. „Papa, ich war eine halbe Sekunde schneller!“ Oje. Um das sagen zu können, musste er wieder rechnen. Beim Weitsprung berechnet er auch den Abstand zwischen uns. Die neue Einheit (Meter) und die Kommazahlen stören ihn wenig. Dann will er wissen, wie viel weiter ich gesprungen bin und wie weit er mit seinen drei Versuchen zusammen gesprungen ist. 0,80 m + 1,00 m + 0,94 m. Ich überlege kurz, ob ich es ihm verbieten soll. Aber ich lasse ihn rechnen. Ich habe ihn ja nicht dazu angestiftet. So geht es weiter. Beim Ballweitwurf müssen wir unseren Zollstock mehrmals anlegen und verschieben. Da er vorne abgebrochen ist, können wir immer nur 1,50 m nehmen. Bei seinem ersten Wurf müssen wir den Zollstock sechs Mal verschieben und dann sind es noch 34 cm. „Ok, Papa, ich habe 9,34 Meter“.
Ich lerne schnell: Wenn man ohne Rechnen auskommen will, dann sollte man kein Leichtathletik machen.

Nach etwa zwei Stunden sind wir erschöpft und ziehen uns ins Wohnzimmer zurück. Wir berechnen noch schnell, wer gewonnen hat. In vier Disziplinen hatte er die Nase vorne (wir haben Handicaps für mich eingebaut, denn ich habe ja auch längere Beine …) und er ist damit Sieger. Jetzt machen wir etwas ohne Rechnen. Ich schlage ihm vor, dass wir uns einige Folgen der Lieblings-Serie meiner Kindheit anzusehen: Captain Future, eine japanische Zeichentrickserie aus den Achtzigern. Bis heute ist Captain Future mein Held und Idol. Er fliegt im Weltall umher und rettet immer wieder die Menschheit.
Aeneas fragt: „Wann kommt die Mama zurück?“ „Ich glaube, um kurz nach zwölf“, antworte ich. Er: „Mhmm, dann haben wir noch eine Stunde Zeit. Die Folgen gehen immer 24 Minuten, dann können wir zwei Folgen sehen, aber die dritte schaffen wir nicht ganz, bevor Mama zurück kommt.“ Ein Teil von mir ist am Verzweifeln. Ich soll doch nicht mit ihm Rechnen. Ein anderer Teil in mir ist fasziniert. Mir war gar nicht mehr bewusst, wie viel Rechnen wir im Alltag unbewusst machen.

Fazit: Ich glaube, dass Kinder wahre Lernmaschinen sind, wenn es uns gelingt, ihnen die Fähigkeiten an Alltagsbeispielen und spielerisch nahe zu bringen. Wenn sie motiviert sind, wenn sie wirklich Lust haben, dann können sie erstaunlich schnell etwas lernen. Können wir sie in einer solchen spielerischen Situation wirklich überfordern? Oder ist es nicht ein Segen, so schnell zu lernen. Immerhin waren wir zwei Stunden an der frischen Luft und haben höchst kreativ einen Siebenkampf veranstaltet.
Achtung: Ich bin kein Kinderpsychologe – es ist nicht mein Spezialgebiet. Doch eines weiß ich ganz sicher: Es ist kein Zufall, wie gut ein Kind lesen, schreiben und rechnen kann.

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Autor

NLP Trainer Stephan Landsiedel   In diesem Blog schreibt Diplom-Psychologe und NLP-Lehrtrainer Stephan Landsiedel über NLP, sein Unternehmen und sein Leben. Er ist mehrfacher Autor und hat bereits über 2.500 NLP-Ausbildungstage absolviert.

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