Persönliche Stärken

Lesezeit: 9 Minuten

Was sind Deine persönlichen Stärken? Mit dieser Frage wirst Du oft im Vorstellungsgespräch oder beim Bewerbung schreiben konfrontiert. Aber auch unabhängig davon hast Du Dir wahrscheinlich irgendwann schon einmal diese Frage gestellt: Was kann ich eigentlich besonders gut? Was zeichnet mich aus? Die Antwort darauf zu finden ist gar nicht so leicht. Wieso Du Deine größten Stärken oft übersiehst und wie Du sie trotzdem herausfindest, erkläre ich Dir in diesem Artikel.


Was sind persönliche Stärken?

Wenn Du nach Deinen persönlichen Stärken suchst (fachlich oder privat), dann kann es passieren, dass Du nur nach Außergewöhnlichem und Besonderem suchst – und das Selbstverständliche übersiehst. Deine größten Stärken findest Du nämlich unter den Eigenschaften und Fähigkeiten, die Dir leichtfallen – die Dir so leichtfallen, dass sie natürlich und selbstverständlich für Dich sind. Und Dir deswegen als nichts Besonderes erscheinen.

Persönliche Stärken sind also Eigenschaften und Fähigkeiten, in denen Du gut bist UND die Dir leichtfallen.

Wieso übersiehst Du Deine größten Stärken oft?

Deine Stärken sind für Dich wie das Schwimmen für den Delphin. Die hast Du immer mit dabei und darüber musst Du auch nicht nachdenken. Aber Deine Aufmerksamkeit liegt tendenziell mehr auf den Dingen, die Du noch nicht ganz so gut kannst.

Als Metapher: Der Delphin ist Experte im Schwimmen. Er will aber gerne etwas Neues lernen und nimmt begeistert Kletterunterricht beim Affen und schafft es nach ganz viel Training vielleicht sogar auf den ersten Ast. Angenommen Du fragst den Delphin in dem Moment nach seinen Stärken, er würde Dir wahrscheinlich eher von seinen Erfolgen beim Kletterunterricht erzählen, als dass er auf die Idee kommt, schwimmen wäre etwas Besonderes.

Genauso wie in der Metapher, kann es auch Dir passieren, dass Du Deine Stärken übersiehst, weil sie für Dich selbstverständlich sind.

Lächeln
© werdepat/Pixabay

Wie kannst Du Deine persönlichen Stärken herausfinden?

Um Deine persönlichen Stärken herauszufinden, kombinierst Du am besten zwei Strategien:

  1. Du nimmst Dir ein Persönlichkeitsmodell zur Hand.
  2. und Du beziehst den Blick von außen (von Personen, die Dich gut kennen) mit ein.

Persönlichkeitsmodelle

Persönlichkeitsmodelle gibt es viele verschiedene, jedes hat seinen eigenen Schwerpunkt. Dabei geht es nicht darum, dass Du «das eine richtige Modell» findest, denn am Ende ist keines die Wahrheit, sondern jedes Modell ein Versuch die Wirklichkeit exakt abzubilden. Am besten Du wählst ein Modell danach aus, wie anwendbar und nützlich es für Dich ist.

Mit Persönlichkeitsmodellen kannst Du herausarbeiten in welchen Punkten Du Dich von anderen unterscheidest.

Bekannte Persönlichkeitsmodelle sind zum Beispiel

  • das Big Five Modell,
  • der Myers-Briggs-Typenindikator nach Katharine Cook Briggs und Isabel Myers,
  • die Psychographie nach Dietmar Friedmann,
  • das DISC-Modell,
  • oder das Enneagramm.

In diesem Artikel lernst Du die Psychographie nach Dietmar Friedmann kennen, da dieses Modell die persönliche Entwicklung und dadurch auch die Tendenz, dass wir unsere eigenen Stärken und Talente übersehen, mit einbezieht.

Fremdeinschätzung

Aus dem Grund, dass Du Deine eigenen Stärken oft als selbstverständlich nimmst, ist es Augen öffnend, wenn Du die Einschätzung von Freunden, Familie oder Kollegen mit einbeziehst. Du kannst sogar einen Persönlichkeitstest von anderen ausfüllen lassen und das Ergebnis mit Deinem vergleichen.

Friends
© Antonino Visalli/Unsplash

Selbsttest

Jetzt bist Du dazu eingeladen, Dich anhand dem Modell der Psychographie zu reflektieren und Deine persönlichen Stärken herauszufinden.

Psychographie: In welchem Bereich liegen Deine Stärken?

Die Psychographie nach Dietmar Friedmann unterscheidet drei Lebensbereiche: Beziehung, Erkenntnis und Handlung. Die drei Bereiche entsprechen der klassischen Dreiteilung Fühlen, Denken und Handeln.

Natürlich kannst Du fühlen, denken UND handeln, aber Deine selbstverständlichsten Stärken liegen vor allem in einem der drei Bereiche. Und den Bereich gilt es herauszufinden!

Selbsttest-Frage 1: Welche der Eigenschaften und Fähigkeiten, die den Bereichen zugeordnet werden, sind für Dich leicht und selbstverständlich?

Jetzt bist Du dazu eingeladen, Dich anhand dem Modell der Psychographie zu reflektieren und Deine persönlichen Stärken herauszufinden.

Übersicht Stärken

Beziehungsbereich Fühlen Erkenntnisbereich Denken Handlungsbereich Handeln
Einfühlungsvermögen, Empathie Verstand und Vernunft Willenskraft und Tatkraft
zwischenmenschliches Feingefühl realitätsbezogenes, klares Denken Motivation
Offenheit, Toleranz differenziertes Denken Zielstrebigkeit
Vertrauen "out of the box"-Ideen Verantwortung übernehmen
Spontanität Spaß am Diskurs Organisation und Umsetzung
Leichtigkeit Fokus und Konzentration Zuverlässigkeit
Lebensfreude in sich zentriert sein Hilfsbereitschaft
spielerisches Verhalten sinnhaftes Wahrnehmen und Genießen Fürsorglichkeit


Dreieck

Persönliche Entwicklung im Modell: Wo zieht es Dich hin?

Das Besondere an der Psychographie ist die Entwicklungslinie, die Friedmann formuliert hat. Dadurch wirst Du nicht in eine Schublade gesteckt und es heißt «so bist Du und so bleibst Du», sondern auch Deine persönliche Entwicklung wird beschrieben.

Persönlichkeitsbereich: Wie oben beschrieben startest Du in einem der drei Bereiche und bist dort von Kindheit an gut. Dort liegen Dein Leben lang Deine größten und selbstverständlichsten Stärken.

Entwicklungsbereich: Der zweite Bereich in Pfeilrichtung wird Entwicklungsbereich genannt. Dieser Bereich spielt meist ein Leben lang die größte Rolle. Das ist wo Du hinwillst, wofür Du Dich interessierst und was Dich begeistert.

Zielbereich: Der dritte Bereich wird Zielbereich genannt. Dieser spielt für dieses Thema keine entscheidende Rolle, daher gehe ich in diesem Artikel nicht näher darauf ein.

Die Entwicklung der drei Typen


Lächeln
© Landsiedel

Selbsttest-Frage 2: Welche der folgenden Typenbeschreibungen trifft am besten auf Dich zu?

Der Beziehungstyp

Persönlichkeitsbereich Beziehung:

Der Beziehungstyp ist im Beziehungsbereich zuhause. Er ist Spezialist darin, sich in andere hineinzuversetzen und sich einzufühlen und entwickelt dadurch ein gutes zwischenmenschliches Feingefühl. Er kann sich intuitiv auf verschiedenste Menschen und Situationen einstellen. Meistens kommt man leicht mit ihm in Kontakt, da man ihm seine Offenheit und Warmherzigkeit auf den ersten Blick ansieht.

Entwicklungsbereich Erkenntnis:

Den Beziehungstyp zieht es in den Bereich der Erkenntnis. Oft hat er ein großes Interesse an wissenschaftlichen, philosophischen oder gesellschaftlichen Themen und eignet sich gerne Wissen dazu an. Auch das Thema Selbsterkenntnis, um das es in diesem Artikel geht, begeistert den Beziehungstypen besonders. Da dem Beziehungstypen die Erkenntnis so wichtig ist, er sich dort aber nicht so sicher bewegt, wie im Beziehungsbereich, resultieren daraus auch verschiedene Unsicherheiten, wie zum Beispiel die Angst, nicht ernst genommen zu werden oder nicht genug zu wissen.

Der Erkenntnistyp

Persönlichkeitsbereich Erkenntnis:

Der Erkenntnistyp ist im Erkenntnisbereich zuhause. Mit seinem realitätsbezogenen, klaren Denken ist er gut darin Situationen zu analysieren, Muster und Zusammenhänge zu erkennen oder Themen von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Wenn ihn etwas interessiert, kann er sich mit viel Leidenschaft bis ins Detail einlesen oder einarbeiten, ohne das Interesse zu verlieren. Er traut sich neue Gedanken zu denken und kann auch mal mit seinen "out of the box"-Ideen beeindrucken. Viele große Wissenschaftler und Philosophen kommen zum Beispiel aus dieser Ecke.

Entwicklungsbereich Handlung:

Den Erkenntnistyp zieht es in den Bereich der Handlung. Das heißt der Erkenntnistyp will nicht nur beim Denken bleiben, sondern auch in die Handlung kommen. Projekte umsetzen, Verantwortung übernehmen und Abenteuer erleben sind Dinge, die ihn glücklich machen. Gleichzeitig fällt ihm genau das manchmal schwer. Wenn er handelt, dann punktet er mit gut durchdachtem Handeln – es kann aber auch passieren, dass er den Absprung in die Handlung nicht schafft und sich unfähig und schlecht fühlt.

Der Handlungstyp

Persönlichkeitsbereich Handlung:

Dem Handlungstyp fällt das Handeln leicht. Dinge umzusetzen ist für ihn kein Problem. Beziehungs- und Erkenntnistypen bewundern gerne die Energie und den Tatendrang des Handlungstypen, der kriegt einfach viel geschafft! Meistens erkennt man ihn auch an seiner Präsenz, da er Energie und Aktivität ausstrahlt und gerne mit guter Laune auf Leute zugeht. Für ihn ist es ein Leichtes sich oder andere zu motivieren und mitzureißen. Gleichzeitig ist er ein sehr gewissenhafter und zuverlässiger Mensch.

Entwicklungsbereich Beziehung:

Für den Handlungstyp spielt der Beziehungsbereich eine große Rolle. Es ist ihm sehr wichtig, Freundschaften und Kontakte aufzubauen und zu pflegen. Dabei drückt er seine Zuneigungen gerne über Handlungen aus, bringt Kleinigkeiten mit, bietet Hilfe an oder zeigt sich einfach mit seiner fürsorglichen Art. Gleichzeitig ist der Handlungstyp in Beziehungen auch besonders empfindlich. Ihn kann ein ablehnendes Verhalten von anderen Menschen, oder das Scheitern einer Beziehung oder Freundschaft unverhältnismäßig stark treffen.

Auswertung und Ausblick

Konntest Du Dich in einem der drei Typen wiedererkennen? Wenn Du weißt, welcher Typ Du bist, weißt Du nicht nur, in welchem Bereich Deine Stärken liegen, sondern kannst – wenn Du tiefer in das Modell einsteigst – auch Probleme und Konflikte mit Hilfe der Psychographie lösen. Unter Punkt 6 findest Du Weiterführendes zur Psychographie.

Thinking
© Kitera Dent/Unsplash

Schwächen als Stärken sehen

Stärken und Schwächen hängen zusammen. Fast jede Schwäche kann man von außen auch als Stärke wahrnehmen.

Nicht selten kommt es vor, dass Du Deine eigenen Qualitäten als weniger wertvoll ansiehst als Dein Umfeld.

Zum Beispiel kann es passieren, dass sich ein Erkenntnistyp selbst als zu nachdenklich bewertet. Dabei bewundert ihn jemand anderes vielleicht genau dafür und schätzt ihn als jemand, der die Dinge gut durchdenkt und durchblickt.

Reframing Übung

Was würdest Du Dir zuschreiben, wenn Du Dein Satz «Ich bin zu...» für Dich vervollständigst? Und wie glaubst Du, würde das jemand bezeichnen, der genau das an Dir bewundert?

Dies ist eine Reframing-Übung aus dem Seminar, die gerade im Austausch mit anderen Personen eine große Wirkung auf das Selbstbild hat.

Wie kannst Du das Wissen über Deine Stärken einsetzen?

Eigene Stärken annehmen und ausleben

Dir Deiner großen Stärken bewusst zu sein, hebt enorm das Selbstbewusstsein. Du strebst meistens nach den Fähigkeiten des Entwicklungsbereichs und möchtest diese nach außen zeigen. Dann versucht zum Beispiel der Beziehungstyp mit seinem Wissen und seiner Intelligenz einen guten Eindruck zu machen und lehnt vielleicht seine spielerische oder verträumte Art ab. Oder der Erkenntnistyp ärgert sich darüber, dass er zu lange für die Umsetzung braucht, ohne dabei seine Qualität des durchdachten Handelns zu sehen. Das ist schade, denn genau dafür schätzen ihn andere oft am meisten.

Mit der Psychographie versteht der Erkenntnistyp dann, dass andere ihn für seine Gedanken wertschätzen und der Handlungstyp versteht, dass andere seine Energie und seine mitreißende Art mögen. Dieses Wissen macht es Dir leichter Deine Stärken mehr zu leben und nach außen zu zeigen.

Stärken anderer neidlos anerkennen

Wenn Du selbst weißt, worin Du gut bist, kannst Du die Stärken anderer besser anerkennen. Dann ist es als Beziehungstyp auch mal ok, wenn ein Erkenntnistyp klarer argumentieren kann und ein Handlungstyp besser organisiert ist. Statt auf die Fähigkeiten anderer neidisch zu sein, kannst Du sie als perfekte Ergänzung sehen und von anderen lernen.

Wegweisend für Berufswahl oder Neuorientierungen

Bei der Berufswahl ist die Psychographie eine große Orientierungshilfe. Dabei kannst Du Dir folgendes merken:

Baue auf den Stärken aus Deinem Persönlichkeitsbereich auf. In diesem Bereich liegen die Eigenschaften und Fähigkeiten, die andere an Dir schätzen und in denen Du von Natur aus besser bist als die meisten anderen.

Der Persönlichkeitsbereich wird Dir irgendwann fehlen, wenn Du dort gar nicht aktiv bist. Wenn sich zum Beispiel ein Beziehungstyp ins wissenschaftliche Arbeiten stürzt, dann macht ihn das auf Dauer nicht glücklich – außer er legt zum Beispiel einen großen Schwerpunkt auf Austausch mit anderen oder Wissensweitergabe. Das wäre nämlich etwas aus seinem Persönlichkeitsbereich Beziehung.

Weiterführendes zur Psychographie

  • Buchtipp: Die drei Persönlichkeitstypen und ihre Lebensstrategien, Dietmar Friedmann
  • Auf der Online-Kurs-Plattform von Ralf Stumpf Seminare findest Du 5 einstündige Vorträge zum Thema Psychographie. Der Zugang ist kostenlos. https://www.edumanto.de/
  • Die Psychographie ist Bestandteil aller NLP-Ausbildungen am Standort Berlin.
  • Wenn Du Dich für ILP interessierst – das ist die Coachingmethode aufbauend auf der Psychographie – dann kannst Du Dich hier (verlinken: https://www.youtube.com/watch?v=nZde85NRumI) über die Coach-Ausbildung in Berlin informieren.


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