Zirkuläre Fragen

Zirkuläre Fragen ermöglichen es, Informationen über das eigene Denken und Verhalten aus der Perspektive anderer Systemmitglieder zu gewinnen. Sie machen die Beziehungen innerhalb von Systemen transparent und können innere Begrenzungen entlarven, die sich ein Systemmitglied auferlegt, indem es vermutet, dass ein anderes in bestimmter Weise auf eine Handlung reagieren würde.

Beispiel: "Was denkt er wohl über Dich? Warum glaubst Du, tut er das? Was würde Dein Trainer dazu sagen?"

Inhaltsverzeichnis

  1. Funktion und Ziele des zirkulären Fragens
  2. Fragetechniken und Frageformen des Zirkulären Fragens
  3. Beispiel aus der Coachingpraxis
  4. Reflexion der Methode

Funktion und Ziele des zirkulären Fragens

Die Wunderfrage ist Teil der „Lösungsfokussierten Kurztherapie“ (Solution Focused Brief Therapy) und wurde in den 1980er Jahren von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg entwickelt. Der Auslöser war eine verzweifelte Aussage eines Klienten über sein Problem: „Vielleicht kann da nur noch ein Wunder helfen“. Rasch war klar, wie nützlich diese Sichtweise sein konnte, und Insoo Kim Berg reagierte auf die mutlose Äußerung des Klienten spontan mit einer Frage, die inzwischen als Wunderfrage bekannt ist. Diese lenkt die Aufmerksamkeit der Klienten darauf, wie ihr Leben aussehen würde, sobald ihr Problem verschwunden ist und ermöglicht so Zugang zu den wirklichen Bedürfnissen des Klienten.

"Ein Symptom, ein Problem, eine Krankheit sind keine Dinge, sondern Prozesse, gebildet durch Handlungen und Kommunikationen verschiedener Personen." (Schlippe & Schweitzer 1998, 141) Jedes Verhalten innerhalb eines Systems hat einen Sinn.

Dieser Sinn wird in Bezug auf die wechselseitigen Beziehungsmuster innerhalb des Systems verstehbar. Jedes Verhalten ist im sozialen System als kommunikatives Angebot zu sehen. Ziele des zirkulären Befragens in der Therapiesituation sind:

  • Informationen über den Kommunikationskontext zu sammeln,
  • Kommunikationsangebote für alle Beteiligten sichtbar und in ihrem Sinn durch-schaubar zu machen,
  • festgefahrene Kommunikations- und Verhaltensmuster sowie Beziehungs-Konstellationen zu stören,
  • Ideen für neue Deutungsmuster und Handlungsoptionen zu streuen.

Dazu muss durch die Frageweise des Therapeuten eine Erweiterung der Perspektive, oder ein Perspektivenwechsel aller Beteiligten initiiert werden. Der Beobachterstandort soll so verschoben werden, dass der Befragte lediglich über persönliche Mutmaßungen, Beobachtungen und Deutungen zu bestimmten Kommunikations-mustern anderer und deren Funktionen im System Auskunft gibt. Dies geschieht in deren Beisein, so dass, entgegen der gewohnten Benimmregeln, über diejenigen, die sich mit im Raum befinden, "geklatscht" wird.

Beispiel

Person A ist verärgert. Sie könnte nun von einem Anwesenden nach dem Grund für ihren Ärger befragt werden (lineare Sichtweise). Damit würde aber nur ihre eigene Sicht dargestellt werden. Person B sieht, dass A sich ärgert, A weiß, dass B ihr Gefühl wahrnimmt. Der Fragesteller könnte, um diesen kommunikativen Aspekt zu verdeutlichen, A danach fragen, was sie denkt, was ihr Ärger für B bedeutet. Gibt es dazu noch eine Person C, so kann der Fragesteller diese fragen, was sie denkt, was der Ärger von A bei B auslöst. Auf diese Weise erhält A Informationen über die mögliche Bedeutung ihres Ärgers für B, B erhält Informationen über die mögliche Intention von A, und A und B erhalten eine Rückmeldung über ihre Beziehung aus der Sicht von C.

Wie aus dem Beispiel ersichtlich wird, hat das Zirkuläre Fragen hier einen triadischen Charakter. Dabei wird deutlich, wie viele zusätzliche Informationen, die neue Sichtweisen und Denkprozesse bei allen Beteiligten anregen können, durch das Zirkuläre Fragen offen gelegt werden.

Unter Berücksichtigung der Zirkularität haben sich in der therapeutischen Praxis verschiedene Fragetechniken und -formen herauskristallisiert, die im Folgenden genauer dargestellt werden. Sie lassen sich gut auch auf andere, z.B. pädagogische Kontexte, übertragen, wobei allerdings bewusst bleiben muss, dass sie dann nicht für einen therapeutischen Prozess genutzt werden, sondern allein einer Perspektivenerweiterung und kommunikativen Zwecken dienen sollten.

Fragetechniken und Frageformen des Zirkulären Fragens

Die im Folgenden aufgeführten Fragetypen für die therapeutische Praxis sollen nicht als Standardfragen gehandhabt werden, sondern als Leitfaden zur Verdeutlichung von allgemeinen Prinzipien des zirkulären Fragens gesehen werden. Mit welchen konkreten Inhalten diese allgemeinen Prinzipien dann gefüllt werden, hängt vom Kontext der aktuellen Konversation ab. Es gibt verschiedene Versuche, zirkuläre Fragen zu klassifizieren und zu ordnen. Einige unterscheiden sich nach der Form, andere nach den Zielsetzungen, und wieder andere nach den Inhalten der Fragen. Der triadische Charakter zieht sich hierbei durch fast alle Fragetypen. Stellvertretend wird hier die Kategorisierung nach Schlippe und Schweitzer, ergänzt durch Simon, vorgestellt, und durch Beispiele erläutert.

  1. Systemisch zirkuläre Fragen

    Zirkuläre Fragen fragen den Zirkel der sich wechselseitig bedingenden Ereignisse ab.

    Beispiele: "Was geschieht dann, wenn Sie so vorgehen, weiter in der Kommunikation?" "Wie schaffen Sie es, dass die anderen so auf Sie reagieren?"
  2. Triadisch zirkuläre Fragen

    Triadische Fragen fragen nach Vermutungen von internen Gedanken eines Dritten über die Kommunikation zweier anderer, und bringen diese so in den Dialog.

    Beispiel: "Was denkt Ihr Vorgesetzter darüber, wie zwei Kunden über den Betrieb reden?"
  3. Perspektivische Fragen

    Einschätzungen zu verschiedenen Zeitpunkten, von unterschiedlichen Personen, je nach unterschiedlichen Situationen und Kontexten werden abgefragt, um diese zu erweitern, und daraus neue Ideen zu beziehen.

    Beispiele: "Wie wurde mit der Situation umgegangen, als das Problem noch nicht bestand?" "Wie wird das Problem in zwei Jahren gesehen?" "Wie sieht es aus der Perspektive der Lieferanten, Kunden, der Mitarbeiter verschiedener Abteilungen aus?" "In welchem Kontext tritt das Phänomen nicht bzw. anders auf?" "Wie sieht das Ganze von außen betrachtet aus?"
  4. Beobachtungsfragen

    Beobachtungsfragen hinterfragen den eigenen Beobachterstatus:

    Beispiel: "Wenn Sie sich von außen sehen, wie Sie in der Situation agieren, was fällt Ihnen dabei auf?"
  5. Fragen nach relevanten Personen und Fakten

    Diese Frage ist wichtig, um das für eine Fragestellung/Zielvorstellung relevante Netz zu erfassen.

    Beispiele: "Ist das beabsichtigte Ziel von den vorhandenen Personen zu erreichen und wer ist noch einzubeziehen oder in seinem Agieren zu berücksichtigen?" "Welche Fakten sind systemisch mit zu berücksichtigen?"
  6. Unterschiedsfragen

    Unterschiedsfragen fragen Unterschiede ab und bezwecken damit Informationsgewinn und Ausbildung von Differenzierung.

    Beispiele: "Was ist der Unterschied im Vorgehen von Abteilung A und B?" "Was ist der Unterschied zwischen Problem- und Zielzustand?"
  7. Klassifikationsfragen

    Klassifikationsfragen zielen auf qualitative Unterschiede ab. Rangfolgen von Akteuren hinsichtlich einer interaktiven oder kommunikativen Situation sollen vom Klienten eingestuft werden. Dabei werden Unterschiede in Sichtweisen und Beziehungen greifbar.

    Beispiele: "Wer würde als erster ..., wer zuletzt ...?" "Wenn man eine Rangfolge in Bezug auf ...erstellen wollte, wer käme an erster Stelle, zweiter Stelle ...letzter Stelle?" "Angenommen, jemand möchte die Therapie abrechen, wer wäre der erste, zweite ...?" "Wer freut sich über Ihr gelungenes Abitur in der Familie am meisten? Wer am wenigsten?" "Wer hatte am meisten das Bedürfnis heute zu kommen, wer am wenigsten?" "Wer ist am aktivsten, abenteuerlustigsten in der Familie, wer ist am wenigsten aktiv?"
  8. Prozentfragen

    Prozentfragen ermöglichen unter anderem eine bessere Differenzierung und Präzisierung von Ideen, Überzeugungen, Stimmungen, Krankheitskonzepten, Meinungen voneinander usw. in quantitativer Hinsicht. Je nach Bedarf können zusätzliche Skalierungen eingesetzt werden.

    Beispiele: "Zu wie viel Prozent halten Sie dies für ... und zu wie viel Prozent hingegen für ...?" "Zu wie viel Prozent halten Sie Ihr Problem für ein medizinisches, zu wie viel Prozent für ein psychisches?" "Für wie felsenfest halten Sie auf einer Skala von 0 bis 100% die Scheidungsabsichten Ihrer Schwiegermutter? Wie hoch schätzen Sie auf dieser Skala die Scheidungsabsichten Ihres Schwiegervaters ein?"
  9. Übereinstimmungsfragen

    Übereinstimmungsfragen haben zweierlei Funktionen. Zum einen geben sie Hinweise auf Familienkoalitionen, zum anderen geben sie die Möglichkeit des Feedbacks zu vorherigen Äußerungen.

    Beispiele: "Wer stimmt mit wem überein/nicht überein?" "Stimmen Sie dem zu oder sehen Sie das anders?" "Dein Vater denkt, Du hättest einen engeren Bezug zu Deiner Mutter als zu ihm. Deine Mutter sieht es genau umgekehrt. Welcher Sicht würde Deine Schwester eher zustimmen?" "Sind Sie der gleichen Meinung wie Ihre Tochter oder sehen Sie den Sachverhalt anders?"
  10. Subsystemvergleiche

    Durch Subsystemvergleiche werden empfundene Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiedener Gruppierungen im sozialen System verdeutlicht. Koalitionen sowie deren Bedingungen werden direkt erfragt. Vermeintliche Tabuthemen werden dabei nicht umgangen.

    Beispiele: "Welches sind die gegenwärtigen Bündnisse und Allianzen in der Familie?" "Wer macht was, mit wem, wann?" "Welche unterschiedlichen Spielregeln gibt es in unterschiedlichen Beziehungen?" "Wie durchlässig oder verschlossen sind die Generationsgrenzen/ Machtgefälle ...?" "Sind Koalitionen und Allianzen zuverlässig und berechenbar oder wechselnd?" "Wer hat die engste Beziehung zur Mutter? War das schon immer so? Wodurch könnte diese Verbindung gestört werden?" "Welche Ihrer Kollegen verbringen gemeinsam die Mittagspause? Hat sich seit der Anstellung des neuen Chefs etwas daran geändert?" "Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Mann und seine Eltern Sie bei gemeinsamen Unternehmungen ausgrenzen?" "Sie als Tochter: Denken Sie, dass Ihre Mutter momentan ein besseres Verhältnis zum Vater oder zum Bruder hat?
  11. Fragen nach Wirklichkeits- und Möglichkeitskonstruktionen

    Wirklichkeiten in einem sozialen System sind konstruiert, denn Situationen sind immer durch die subjektive Wahrnehmung des Einzelnen gefiltert. Es gibt folglich keine eindeutige Wirklichkeit, sondern viele Wirklichkeitskonstruktionen der verschiedenen Beobachter. Um neue Bewertungsmöglichkeiten und Handlungsspielräume im sozialen System herbei zu führen, ist es zunächst wichtig, die gegenwärtige Situation des Systems aus Sicht aller Beteiligten für alle Beteiligten durchschaubar zu machen.

    Beispiele: "Wer hatte die Idee zu diesem Kontakt?" "Was möchten Sie, was hier passieren soll?" "Wer will hier was von wem?" "Aus welchen Verhaltensweisen (Wie? Wann? Wo?) besteht das Problem?" "Wer reagiert am meisten auf das Problemverhalten, wer weniger? Wen stört es, wen nicht?" "Wie erklären Sie sich, dass das Problem entstanden ist, wie, dass es dann und dann auftritt, und dann und dann nicht? Welche Folgen haben diese Erklärungen?" "Was hat sich in den Beziehungen verändert, als das Problem begann? Sind Wirklichkeitskonstruktionen für alle Beteiligten durchschaubar, so werden sie veränderbar. Die Kenntnis anderer Wirklichkeiten schwächt die Absolutheit der eigenen Wirklichkeit. Fragen zur Möglichkeitskonstruktion sollen, darüber hinaus, neue Wirklichkeiten für das System offerieren. Möglichkeitskonstruktionen in der Form von Gedankenexperimenten sind ein gutes Verfahren, um in der Vorstellung Optionen durchzuspielen, und angstfrei Veränderungen zu erproben. Fragen zu Möglichkeitskonstruktionen werden in zwei große Bereiche aufgeteilt. Zu den Fragen nach der Möglichkeitskonstruktion gehören:
  12. Lösungsorientierte Fragen (Verbesserungsfragen)

    In einem problembelasteten Kontext richtet sich der Fokus aller Beteiligten meist nur auf eben diesen. Solch ein eingeschränkter Blickwinkel verhindert die Wahrnehmung von Ressourcen, die zu einer Auflösung des Problems führen könnten. So scheint man sich von einer möglichen Lösung immer weiter zu entfernen. Lösungsorientierte Fragen hingegen verlagern diesen Fokus.
  13. Fragen nach Ausnahmen von Problemen

    Oft sehen die Beteiligten des Systems das Problem/ Symptom als die Regel an: "Person X ist immer depressiv". Durch Fragen nach Ausnahmen wird wiederum verdeutlicht, dass das Problem nicht allgegenwärtig ist.

    Beispiele: "Wie oft (wie lange, wann, wo) ist das Problem nicht aufgetreten?" "Was haben Sie und andere in diesen Zeiten anders gemacht?" "Wie könnten Sie mehr von dem machen, was Sie in Nicht-Problem-Zeiten gemacht haben?" Fragen nach Ressourcen Die Fragen nach Ressourcen eröffnen den Beteiligten den Blick auf ihre Stärken und Fähigkeiten. Dem Problem kommt so eine zweitrangige Rolle zu. Beispiele: "Was soll in Ihrem Leben so bleiben wie es ist, was ist gut daran?" "Was gefällt Ihnen an sich selbst und an den anderen?"
  14. Wunderfragen

    Wunderfragen geben vor, dass sich das Problem durch ein Wunder aufgelöst hat. Dabei fragen sie nicht nach dem "Wie?", sondern nach dem "Was-ist-danach?" Sie zielen darauf ab, unverbindlich mögliche Problemlösungen zu phantasieren. Das hohe Maß an Unverbindlichkeit bewirkt, dass sich keiner der Beteiligten verantwortlich fühlen muss, eine Lösung herbeizuführen.

    Beispiele: "Angenommen heute Nacht käme eine Fee und würde Ihnen das Problem abnehmen, was wäre dann morgen anders?" "Wer würde als erstes erkennen, dass das Wunder über Nacht geschehen ist, und woran?" "Was würden die Menschen um Sie herum danach anders machen?"
  15. Problemorientierte Fragen (Verschlimmerungsfragen)

    Durch problemorientiertes Fragen soll jedem einzelnen Beteiligten bewusst werden, dass er eine aktive Rolle bei der Erhaltung des Problems einnimmt, und in welcher Form sie sich gestaltet. Dass Probleme bewusst erzeugt werden, impliziert gleichzeitig, dass sie dann auch bewusst unterlassen werden können.

    Beispiel: "Was könnten Sie tun, um sich noch schlechter zu fühlen?" "Was können Sie tun - angenommen, Sie nähmen sich dies vor - um Ihr Problem absichtlich zu verschlimmern, zu behalten oder zu verewigen?" "Wie könnten die anderen dabei helfen, das Problem zu behalten?"
  16. Problem- und Lösungsszenarien

    Wenn jedem der Beteiligten seine aktive Teilnahme an der Problemerhaltung bewusst geworden ist, und sich Vorstellungen über mögliche Lösungen herauskristallisiert haben, (Verbesserungs-/ Verschlimmerungsfragen) so kann man nun gemeinsam den instrumentellen Charakter des Problems herausarbeiten. Das bedeutet, dass Probleme als Instrument eingesetzt werden können, um Bedürfnisse zu befriedigen bzw. Defizite auszugleichen. So kann beispielsweise (unbewusst) eine Krankheit dazu eingesetzt werden, sich dem angstbesetzten Berufsalltag zu entziehen und einer Auseinandersetzung mit dem ursprünglichen Problem auszuweichen.
  17. Fragen nach dem Nutzen, das Problem noch zu behalten

    Dieser Fragetyp macht die Instrumentalität des Problems durchschaubar.

    Beispiele: "Welchen Nutzen hätte es für das System, wenn das Problem noch eine Weile bestehen würde?" "Wird Ihr Mann/ Ihr Chef/ Ihr Kolleg/ Ihr Kind diesen Zustand nach dem Wunder eher begrüßen oder eher darüber traurig werden, und warum? Wie fühlen Sie sich dabei?"
  18. Fragen nach Zukunfts- und Zeitplänen

    Probleme können in der Vorstellung der Beteiligten zeitlich unbegrenzt existieren oder aber auch nur für einen bestimmten Zeitraum. Fragen nach Zukunfts- und Zeitplänen sollen diese Vorstellungen aufdecken.

    Beispiele: "Wie lange wird das Problem noch Ihr Begleiter sein? Wann werden Sie es verabschieden?" "Wir haben verstanden, dass Du auf Deine Eltern wütend bist und sie bestrafen willst: Was denkst Du, wann Du sie genug bestraft hast - in einem Jahr, in zwei Jahren oder schon in einigen Monaten?"
  19. Hypothetische Als-ob-Fragen

    Als-ob-Fragen sollen eine bewusste Simulation des Problems initiieren. Die Präsentation des Problems (alle nach außen getragenen Symptome) wird hierbei vom eigentlichen Problem losgelöst erfahrbar. Es ist durchaus denkbar, dass das gleiche Problem in verschiedenen Situationen unterschiedlich geäußert wird, gleichzeitig kann das nach außen getragene Symptom unterschiedliche Problemherde haben. Dadurch, dass die Präsentation und das Problem an sich nicht zwingend miteinander verknüpft sind, ergeben sich neue Handlungsoptionen, die aus den vermeintlichen Opferrollen herausführen. So wird jeder zum bewussten Akteur.

    Beispiele: "Wie müssten Sie sich verhalten, damit die anderen denken würden, Ihr Problem sei zurückgekommen, obwohl es das gar nicht ist?" "Angenommen, Sie hätten nächste Woche kein Kopfweh mehr, wollten aber Ihren Partner gern weiter zu dem rücksichtsvollen Verhalten bewegen, dass er an den Tag legt, wenn er Sie kopfwehgeplagt dasitzen sieht - wie könnten Sie das erreichen?" "Angenommen, Sie würden Ihrem Partner gegenüber nur so tun, als hätten Sie Kopfweh - würde er sich dann genauso rücksichtsvoll verhalten?"

Es fällt auf, wie die Frage-Interventionen die Horizonte verschieben. Die dadurch ausgelöste Kreativität befähigt wieder, den "Knoten" zu lösen und über den gesetzten Problemrahmen hinaus zu Ansichten zu kommen, die Lösungen ermöglichen. Die Frage-Interventionen enthalten die Implikation, dass ein Phänomen auch ganz anders gesehen werden kann und relativieren so feste Denkmuster. Auch wenn es scheinbar nur um Fragen geht, ist das "Fragen" prinzipielle Umsetzung systemischen Vorgehens. Dieses geht davon aus, dass nicht der Berater das Wissen um die Inhalte des entsprechenden Systems hat, sondern der Klient, der dafür als Experte gilt und dazu wieder zu befähigen ist. Dazu sind aber von Seiten des Coachs in einer entsprechenden Prozessführung günstige systemische Frage-Interventionen einzubringen, und es ist zum Weiterdenken aufzufordern.

Beispiel aus der Coachingpraxis

Coach: "Was meinen Sie, warum ihr Vorgesetzter Ihnen unsere Telefon-nummer gegeben hat?"

Mitarbeiter: "Er sagte, Sie können mir helfen."

Coach: "Was denken Sie, warum Sie seiner Meinung nach Hilfe brauchen?"

Mitarbeiter: "Damit ich meinen Job besser mache."

Coach: "Was glaubt er, soll sich ändern, damit Sie besser werden in Ihrem Job?"

Mitarbeiter: "Wenn es mir gut geht, dann wird meine Arbeit auch besser."

Coach (zur Führungskraft): "Woran erkennen Sie, dass es Herrn xy besser geht?"

Führungskraft: "Wenn sie nicht müde ist, kann sie sich konzentrieren."

Coach (zu Mitarbeiter): "Was denkt Dein Vorgesetzter, ist der Grund für Deine Müdigkeit?"

Mitarbeiter: "Er denkt, ich habe Stress mit dem Hausbau."

Coach: "Was müssen wir Ihrer Meinung nach tun, damit Sie weniger Stress mit dem Hausbau haben?"

Führungskraft: "Wir haben darüber gesprochen, dass …"

Coach (zu Mitarbeiter): "Was soll Ihrer Meinung nach geschehen?"

Mitarbeiter: "Wenn ich einen anderen Arbeitsplatz bekomme …"

Coach: "Was können wir tun, damit es Dir besser geht?"

Mitarbeiter: "Ihr könnt für mich einen neuen Arbeitsplatz finden."

Coach: "Was wird an einem anderen Arbeitsplatz anders sein als bisher?" (Frage zur Möglichkeitskonstruktion)

Mitarbeiter: "Da kann ich meine Arbeit auch dann tun, wenn ich etwas müde bin."

Reflexion der Methode

Die Methode des zirkulären Fragens kommt aus der systemischen Therapie und ist untrennbar mit der systemischen Denkweise verknüpft. Daher sind beim Einsatz der Methode Vorkenntnisse aus der systemischen Theorie sowie gewisse Fertigkeiten seitens des Anleiters erforderlich. Zunächst muss der Anleiter, der selbst Teil des Systems ist, den Anspruch der Neutralität erfüllen. In der Klärung eines Beziehungskontextes läuft der Leiter Gefahr zwischen die Fronten der Konfliktparteien zu geraten. Er ist mit verschiedenen Personen und Werten, aber auch mit verschiedenen Wünschen und Aufträgen konfrontiert.

Um dem Anspruch der Neutralität möglichst gerecht zu werden, wird in der Therapie ein weiterer Therapeut als Beobachter eingesetzt.

In der sozialpädagogischen oder schulischen Praxis könnte stattdessen ein zweiter Anleiter diesen Platz einnehmen. Wahrt der Therapeut die Neutralität nicht und solidarisiert sich mit einer Partei, so läuft er Gefahr, Teilnehmer des Systems zu verlieren, so dass die Therapie nicht erfolgreich abgeschlossen werden könnte. Auch muss dem Anleiter bewusst sein, dass (zirkuläre) Fragen immer auch einen suggestiven Wert haben. Vom Anleiter wird daher ein hohes Maß an Selbstreflexion erwartet. Außerdem ist im Prozess selbst aktives Zuhören und eine permanente Reflexion des Gesagten von Nöten, um Anknüpfungspunkte für zukünftige Fragestellungen zu finden. Nur so erhält das zirkuläre Fragen eine produktive Dynamik.


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