Wunderfrage

Dies ist ein zentraler Teil der berühmten Wunderfrage von Steve de Shazer: „Stell Dir vor, heute Nacht, während du schläfst, geschieht ein Wunder, und das Problem, das Dich gerade beschäftigt, ist verschwunden. Woran würdest Du das merken?“


Inhaltsverzeichnis

  1. Herkunft
  2. Anwendung
  3. Ziel
  4. Beispiel
  5. Vorgehen
  6. Varianten
  7. Dauer
  8. Literatur


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Aus dem Inhalt:
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Herkunft / Hintergrund

Die Wunderfrage ist Teil der „Lösungsfokussierten Kurztherapie“ (Solution Focused Brief Therapy) und wurde in den 1980er Jahren von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg entwickelt. Der Auslöser war eine verzweifelte Aussage eines Klienten über sein Problem: „Vielleicht kann da nur noch ein Wunder helfen“. Rasch war klar, wie nützlich diese Sichtweise sein konnte, und Insoo Kim Berg reagierte auf die mutlose Äußerung des Klienten spontan mit einer Frage, die inzwischen als Wunderfrage bekannt ist. Diese lenkt die Aufmerksamkeit der Klienten darauf, wie ihr Leben aussehen würde, sobald ihr Problem verschwunden ist und ermöglicht so Zugang zu den wirklichen Bedürfnissen des Klienten.

Wunderkerzen
Wunderkerzen (Unsplash: © Ian Schneider)

Die Wunderfrage

„Ich möchte Dir jetzt eine seltsame Frage stellen: Angenommen, während Du heute Nacht schläfst und das ganze Haus still ist, geschieht ein Wunder. Und dieses Wunder bewirkt, dass das Problem, das Dich hierher geführt hat, gelöst ist. Weil Du jedoch schläfst, weißt Du nicht, dass das Wunder geschehen ist.
Wenn Du nun morgen früh aufwachst, woran wirst Du merken, dass ein Wunder geschehen und Dein Problem gelöst ist?
Was wird anders sein? Woran werden es andere Menschen merken, ohne dass Du es ihnen sagst?“

Erweiterung der Frage

„Welchen Unterschied würdest Du (und andere) bemerken? Was wären die ersten Dinge, die Dir auffallen?
Ist so etwas schon einmal passiert?
Würde es helfen, eines dieser Wunder zu erschaffen?
Was müsste passieren, um dies zu tun?“

Anwendung / Einsatzmöglichkeiten im Coaching

Die Wunderfrage lenkt den Fokus auf die Lösung des Problems und zusätzlich auf die Auswirkung der Lösung für den Klienten. Anders als eine reine Zielfrage („Was möchtest Du gern erreichen?“ Oder: „Was wünschst Du Dir stattdessen?“) geht es bei der Wunderfrage um das „Ziel hinter dem Ziel“, um den „Wunsch hinter dem Wunsch“. Indem der Klient frei von gedanklichen Einschränkungen (schließlich ist es ein „Wunder“) seinen Lösungszustand beschreiben darf, werden seine wahren Bedürfnisse erkennbar. Diese unterscheiden sich manchmal gravierend von einem gesteckten Ziel.

Die Wunderfrage ist außerdem geeignet, wenn ein Klient in seinem Thema feststeckt und er sich kaum eine Lösung vorstellen, geschweige denn, sie entsprechend artikulieren kann. Mit einem „Wunder“ ist es ihm möglich, die Grenzen seiner Vorstellungskraft zu sprengen. Er muss sich keine Gedanken darüber machen, was realistisch ist, oder ob er selbst überhaupt etwas zur Lösung beitragen kann. Dies gilt häufig für verfahrene Situationen, die der Klient nicht allein bewältigen kann (z.B. wenn eine aktive Beteiligung anderer Personen notwendig ist), oder er sich einer Sachlage ohnmächtig ausgeliefert fühlt. Die Einsatzbereiche sind daher (unter anderem)

  • bei Unklarheit über ein Ziel.
  • bei Schwierigkeiten, Ziele zu formulieren.
  • bei Gefühlen der Ausweglosigkeit in einer Situation.
  • Erleben von Ohnmacht und Hilflosigkeit.
  • bei Unfähigkeit, zu handeln.

Ziel

  • Fokus auf die Lösung eines Problems lenken.
  • Klarheit für ein Ziel erreichen.
  • Das Ziel hinter dem Ziel entdecken.
  • Mögliche Schritte zur Lösung finden.
  • Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit des Klienten anregen.

Beispiel

Eine Klientin pflegt ihre bettlägerige Mutter. Zudem steckt sie in einer unglücklichen Beziehung und fühlt sich von ihrem Partner nicht wirklich unterstützt. Du möchtest, dass er sich ihr gegenüber liebevoller und aufmerksamer verhält, weiß aber nicht, was sie tun kann. Zudem ist sie durch die Pflege stark angebunden.

Die Wunderfrage „Woran würdest Du nach dem Erwachen merken, dass ihr Problem gelöst ist?“ könnte zu folgenden möglichen Aussagen führen:

„Ich erwache erfrischt und voller Energie und fühle mich den ganzen Tag glücklich.“

„Ich fühle mich geliebt, so wie ich bin und die ganze Welt begegnet mir liebevoll und freundlich.“

„Ich wache auf und genieße es, den Tag mit einem Partner im Bett zu verbringen.“

„Ich wache in aller Früh auf und kann hinaus in die Natur, ohne auf jemand anderen Rücksicht nehmen zu müssen.“

Jede dieser möglichen Antworten ist ein Hinweis auf unterschiedliche zugrunde liegende Bedürfnisse der Klientin: z.B. mehr Energie zu haben, sich geliebt fühlen, eine Partnerschaft zu genießen oder ungebunden und frei zu sein. Entsprechend können die nächsten Schritte und Coaching-Interventionen entwickelt und gestaltet werden.

Vorgehen in einer Coaching-Sitzung

Die Wunderfrage, so einfach sie auch klingt, sollte dennoch sorgfältig verwendet werden. Sie kann an vielen Stellen in einer Coaching-Sitzung eingesetzt werden. Es ist empfehlenswert, den Klienten auf die ungewöhnliche Fragestellung vorzubereiten (vor allem im Businesskontext).

Passe die Formulierungen je nach Kontext entsprechend an, z.B. wie folgt:


  • „Vielleicht kommt Dir die nächste Frage etwas merkwürdig vor, sie erfordert erst mal ein hohes Maß an Phantasie und Vorstellungsvermögen …“
  • Lasse dem Klienten an dieser Stelle einen Augenblick Zeit und achte auf seine nonverbalen Signale, z.B. ein zustimmendes Nicken, bevor Du fortfährst:

    „Stelle Dir bitte mal vor …
    … wenn Du heute nach unserer Coaching-Sitzung nach Hause gehst, …
    … den Abend so verbringen, wie vielleicht sonst auch …
    … und dann schließlich schlafen gehen …“


    Mache kleine Pausen und lasse auch hier dem Klienten immer wieder einige Momente Zeit, Deinen Gedanken zu folgen.

    „Und während Du schläfst, passiert ein Wunder…
    ... und ihr Problem ist gelöst, auf wundersame Art einfach so gelöst…
    ... und da Du ja schläfst, merkst Du nicht, dass dieses Wunder geschieht …
    … Du merkst es erst nach dem Aufwachen … an den Auswirkungen …
    … Woran würdest Du es merken…?“
  • Lasse Deinem Klienten etwas Zeit, um zu antworten, vielleicht ist er eine Zeit lang sehr still, während er seine Gedanken sortiert.

    Wenn es erforderlich ist, kannst Du auch nochmals betonen, dass die Frage sicher sehr ungewöhnlich ist, und außergewöhnliche Probleme auch ein außergewöhnliches Vorgehen notwendig machen.
  • Erweitere das Gespräch, je nach Kontext, auch gern um die Ergänzungsfragen und passe sie der Situation an:

    „Welchen Unterschied würdest Du (und andere) bemerken? … was noch …?
    … hast Du so etwas schon einmal erlebt, ist das schon einmal passiert …?
    … was wäre jetzt notwendig, um so ein Wunder entstehen zu lassen …?
    … was müsste geschehen…?“
    etc.
  • Egal, ob Du die Wunderfrage als zentrales Thema einer Coaching-Sitzung anwenden oder sie sich im Lauf eines Gesprächs anbietet, gebe Dir und Deinen Klienten die notwendige Zeit dafür. Manche sind sehr schnell mit der Antwort, manche brauchen erfahrungsgemäß etwas länger.

Varianten

Du kannst statt des Wunders, das über Nacht passiert, auch anregen, dass eine gute Fee über Nacht einen sehnlichsten Wunsch erfüllt. Bei Kindern hat sich das Bild der Fee sehr bewährt, Kinder sind auch meist sehr gut in der Lage, sich ein Wunder vorzustellen und das zu formulieren.

Dauer

Uhrzeit Dauer

Ungefähr 30 – 60 Minuten.

Weiterführende Literatur

Mehr als ein Wunder: Die Kunst der lösungsorientierten Kurzzeittherapie.

Mehr als ein Wunder: Die Kunst der lösungsorientierten Kurzzeittherapie

236 Seiten, Carl-Auer Verlag GmbH (1. Januar 2015)
ISBN 3896706284

Steve de Shazer, Yvonne Dolan

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