Selbstreflexion – die Frage nach dem eigenen Ich

Unser Alltag, ob beruflich oder privat, ist vorrangig vom Umgang mit anderen Menschen geprägt. Wie verstehe ich mich mit den Kollegen, den Freunden, der Familie? Man befasst sich ganz explizit mit dem Außen, dem Gegenüber und bewertet subjektiv das Wahrgenommene, um entsprechend darauf zu reagieren. Zu selten hinterfragt man dabei die eigenen emotionalen und psychosozialen Prozesse, zu Viele sind in der äußeren Welt der technischen und elektronischen Reizüberflutung verloren gegangen.

Nachdenkliche Frau
Nachdenkliche Frau (Pixabay: © Free-Photos)

Um eben genau diesem Zustand entgegenzuwirken gewinnt eine gesunde Selbstreflexion in der heutigen Zeit immer mehr an Bedeutung. Dabei geht es nicht nur um die Frage „Wie reagiere ich auf etwas?“, sondern auch um die Beobachtung und Bewertung der eigenen Gedanken und Gefühle.

Aber was genau umfasst diese spezielle Form der Selbstwahrnehmung? Und was sind ihre Vorteile und Methoden? Diese und weitere Fragen zum Thema Selbstreflexion werden im Folgenden beantwortet.

Inhaltsverzeichnis

  1. Was ist Selbstreflexion?
    1. Selbstreflexion – Definition
    2. Selbstreflexion vs. Selbsterkenntnis
  2. Bekannte Reflexionsfragen im Überblick
    1. Bezüglich der Frage was man will
    2. Bezüglich bestehender immer wieder auftretender Selbstzweifel
    3. Bei konstant oder häufig auftretender Unzufriedenheit
  3. Der Psychoanalytische Ansatz - das Fünf-Faktoren-Modell
  4. Die Vorteile einer fundierten Selbstreflexion im Privat- und Berufsleben
  5. Die Risiken der Selbstreflexion

Was ist Selbstreflexion?

Selbstreflexion – Definition

Wie der Name schon vermuten lässt, umfasst die Selbstreflexion grundsätzlich die Reflexion, also die Rückschau oder Sicht auf sich selbst. Dabei spielt vor allem die Frage nach den Auswirkungen des eigenen Verhaltens eine große Rolle. Es geht also viel mehr um die Fähigkeit vorauszusehen und einschätzen zu können was ein angedachtes Handeln mit sich bringt. Diese Fähigkeit ist für den zwischenmenschlichen Umgang, vor allem bei der Konfliktvermeidung von außerordentlicher Bedeutung. Ziel des Vorgehens ist es also in weiterer Folge die passenden Handlungen zu unternehmen und unangebrachte Aktivitäten möglichst zu vermeiden.

Weiterhin ist die Selbstreflexion ein psychisches Phänomen, das nur den Menschen und nicht etwa Tieren zu eigen ist. Selbstreflektiertes Denken und Handeln spielt sowohl in der Psychologie, als auch in der Psychotherapie und wie bereits erläutert insbesondere im Zwischenmenschlichen eine große Rolle. Bei gewissen psychischen Störungen ist die Selbstreflexion erheblich bis völlig eingeschränkt, so beispielsweise im Fall einer Psychose. Gleichzeitig wird durch die Selbstreflexion unter anderem das Selbstbewusstsein erkannt und entwickelt.

Aus biologischer Sicht betrachtet ist die Selbstreflexion die Fähigkeit verschiedene neuronale Muster auf der Ebene des Nervensystems zu entwickeln und diese miteinander zu vergleichen. Auf dieser Grundlage entsteht der mentale Prozess den man als das Denken oder als das Überlegen bezeichnet.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet stellt die Selbstreflexion die Fähigkeit dar verschiedene Ideen auf der Grundlage des Verstandes zu entwickeln. In diesem Zusammenhang liegt die Hauptaufgabe nunmehr darin diese Ideen auf Ebene der Vorstellungen miteinander zu vergleichen, um zu entscheiden was situationsabhängig am besten zutreffend ist.

Eine fundierte Selbstreflexion nimmt Zeit in Anspruch und ist, sofern die Sache ernst genommen wird, auch keine einmalige Sache. Es kann sich dabei durchaus um einen Prozess persönlicher Weiterentwicklung handeln, der sich über viele Jahre erstreckt und möglichst fernab des Trubels und der 24-Stunden-Rundum-Versorgung von Radio, TV, Internet etc. stattfinden sollte. Eine Technik die dabei helfen kann, die Selbstreflexion langfristig zu verstärken, ist die Meditation.

Selbstreflexion vs. Selbsterkenntnis

Selbsterkenntnis ist die Erkenntnis einer Person über das eigene Selbst und damit eng mit der Selbstreflexion verbunden. Sie sollte aber grundsätzlich nicht mit dieser verwechselt werden.

Die Selbstreflexion umfasst neben dem Nachdenken über sich selbst (Selbstbeobachtung) auch die Selbstkritik, also das kritische Hinterfragen und Beurteilen des eigenen Denkens und der einhergehenden Handlungen. Dadurch kann ein individuell ausgeprägtes Selbstbewusstsein entwickelt werden. Genau dieses Selbstbewusstsein bildet nunmehr die Voraussetzung für die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis. Selbsterkenntnis in diesem Zusammenhang ist der Wissenserwerb über die eigenen psychischen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Realitäten und stellt somit die Voraussetzung für die Selbstverwirklichung dar.

In der Psychoanalyse als anerkanntes Behandlungsverfahren ist die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Selbstreflexion Grundvoraussetzung für den Erfolg einer jeden Behandlung. Die Selbsterkenntnis setzt damit eine gewisse Objektivität der Selbstbeobachtung und des Selbstbildes, also die richtige Beurteilung der eigenen Eigenschaften, Dispositionen, Kräfte und Werte des Selbst, voraus.

Selbsterkenntnis ist also eine grundlegende menschliche Fähigkeit, die insbesondere von der Verstehenden Psychologie untersucht wird. Sie ist auch Grundlage der Intersubjektivität, also des Verstehens von anderen Menschen, und damit eine wichtige Voraussetzung für ein funktionierendes soziales Zusammenleben. Das Gegenteil von Selbsterkenntnis ist die Selbsttäuschung, wobei diese sowohl zur sogenannten Selbstüberschätzung als auch zu Selbstunterschätzung führen kann.

Bekannte Reflexionsfragen im Überblick

Vor allem auf dem Gebiet der Psychotherapie und im Zusammenspiel mit Persönlichkeitstests werden immer wieder allgemeingültige Reflexionsfragen entwickelt. Diese können und sollen auch außerhalb der Psychoanalyse im täglichen Leben angewandt werden und unterstützen die Selbstreflexion in vollem Maße. Dabei lassen sich die Fragestrukturen selbst beispielsweise in Fragen bezüglich des eigenen Willens, vorherrschender Selbstzweifel und auftretender Unzufriedenheit unterteilen.

Bezüglich der Frage was man will

  • Was will ich wirklich?
  • Was macht mich wirklich glücklich?
  • Nehme ich meine Leidenschaften ernst genug?
  • Was bedeutet Erfolg für mich?
  • Welchen Job würden ich mir selbst geben?
  • Was möchte ich in meinem Leben ändern, verbessern?
  • Warum ist mir dieses Ziel so wichtig?
  • Worauf müsste ich dafür verzichten? Könnte ich das?

Bezüglich bestehender immer wieder auftretender Selbstzweifel

  • Angenommen, ich könnte von vorne beginnen: Was würde ich anders machen?
  • Für welche Werte will ich stehen?
  • Was müsste ich tun, um mein Ziel zu erreichen?
  • Glaube ich daran, dass ich dieses Ziel erreiche?
  • Falls nicht: Warum traue ich den Zweifeln mehr als meinem ersten Impuls?

Bei konstant oder häufig auftretender Unzufriedenheit

  • Wie viel Zeit investiere ich täglich in mich und meine Entwicklung?
  • Wie viel Erfolg brauche ich ganz persönlich?
  • Kann das, was ich heute mache, mich auch in fünf Jahren noch begeistern?
  • Was würde ich aufgeben, um mehr Zeit für mich zu haben?
  • Wenn ich in meinem Traumunternehmen, den Job hätte, den ich anstrebe – wäre ich dann zufrieden?
  • Was könnte ich tun, damit ich zufriedener wäre?

Der Psychoanalytische Ansatz - das Fünf-Faktoren-Modell

Big Five

Ein in der Psychoanalyse häufig angewandtes Modell zur Veranschaulichung der Selbstreflexion sind die sogenannten “Big Five“, auch das Fünf-Faktoren-Modell genannt. Hierbei handelt es sich um ein Modell der Persönlichkeitspsychologie, das gemeinhin auf fünf existierenden Hauptdimensionen oder Kritierien der Persönlichkeit basiert, in die jeder Mensch eingeteilt wird:

  • Offenheit für Erfahrungen (Aufgeschlossenheit)
  • Gewissenhaftigkeit (Perfektionismus)
  • Extraversion (Geselligkeit)
  • Verträglichkeit (Rücksichtnahme, Kooperationsbereitschaft, Empathie)
  • Neurotizismus (emotionale Labilität und Verletzlichkeit)

Die Entwicklung der Big Five begann bereits in den 1930er Jahren mit dem lexikalischen Ansatz nach Louis Thurstone, Gordon Allport und Henry Sebastian Odbert. Diesem liegt die Auffassung zugrunde, dass sich Persönlichkeitsmerkmale in der Sprache niederschlagen und somit alle wesentlichen Unterschiede zwischen Personen bereits durch entsprechende Begriffe repräsentiert sind. Auf der Basis von über 18.000 Begriffen wurden durch Faktorenanalyse die kulturstabilsten Faktoren gefiltert – die Big Five. Durch eine Vielzahl an Studien belegt und in über 3.000 wissenschaftlichen Studien angewandt, gelten die Big Five auch heute als international anerkanntes Standardmodell in der Persönlichkeitsforschung.

Die Resultate des Modells sind weiterhin klar definiert. Vor allem im Kindes-und Jugendalter schwanken die einzelnen Persönlichkeitspositionen innerhalb der Dimensionen. Erst nach dem 30. Lebensjahr bleiben die Werte kurzzeitig weitgehend konstant. Allerdings wird im höherem Alter nochmals eine dem jungen Erwachsenenalter vergleichbare Veränderung der Persönlichkeit sichtbar. Dies scheint insbesondere auf Lebenserfahrungen und soziale Umstände zurückzuführen zu sein. Mit steigendem Alter ergeben sich besonders deutliche Steigerungen für Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit. Die Werte für Offenheit nehmen hingegen im Alter ab. Bei den Persönlichkeitstypen wächst die Gruppe der sogenannten Überkontrollierten deutlich. Auch nach dem siebzigsten Lebensjahr wechseln bis zu 25 % der Menschen ihren früheren Persönlichkeitstyp innerhalb von vier Jahren, was aber teilweise stark vom Geschlecht und Persönlichkeitstyp abhängt. Bei der Erklärung der Veränderungen wurde das subjektive Alter in Selbst- und Fremdwahrnehmung, der Abstand zum wirklichen oder erwarteten Lebensende und das biologische Alter stärker berücksichtigt, als das chronologische Alter.

Die Vorteile einer fundierten Selbstreflexion im Privat- und Berufsleben

Eine positive Sicht auf das eigene Leben ist der eigentliche Schlüssel zum Erfolg. Selbstreflexion schult in hohem Maße die Selbstwahrnehmung und eröffnet somit ganz neue Potenziale, die eigene berufliche Zukunft nachhaltig zu beeinflussen. Nur wer sich selbst kennt und über seine Stärken, Schwächen, Vorlieben und Eigenarten Bescheid weiß, ist in der Lage, das eigene Verhalten objektiv wahrzunehmen, zu analysieren und notwendige Verhaltensänderungen vorzunehmen. Selbst reflektierte Menschen kennen ihre Haltung zum Leben und haben oftmals eine ganz individuelle Einstellung entwickelt, mit der zunehmenden Fremdbestimmung in der heutigen Konsum- und Leistungsgesellschaft umzugehen.

In Verbindung mit dem persönlichen oder beruflichen Erfolg bauen Wissenschaftler immer wieder auf eine tägliche Frage: Was war heute Ihr entscheidendes Erfolgserlebnis? Wer sich jeden Tag vor dem Schlafengehen ein Erfolgserlebnis des vergangenen Tages aufzeigt, der lebt auf lange Sicht gesehen ausgeglichener und zufriedener. Regelmäßiges Reflektieren unterstützt nicht nur die kognitive oder emotionale Seite des eigenen Ichs, es kann eben auch die eigene Arbeitsleistung nachhaltig beeinflussen.

Das zeigt auch eine Studie der beiden Harvard Forscher Francesca Gino und Gary Pisano. In einem ihrer Experimente sollten 202 Probanden eine Reihe von Online-Tests (vorwiegend sogenannte Brainteaser) lösen. Nach der ersten Testrunde unterteilten die Forscher die Teilnehmer in drei Gruppen - die Kontrollgruppe, die Reflektierer und die Mentoren. Die erste Gruppe sollte in der zweiten Runde einfach weitere Brainteaser lösen. Die Teilnehmer der zweiten Gruppe indes sollten darüber nachzudenken, wie sich die zuvor bearbeiteten Aufgaben noch besser und effizienter lösen lassen. Dabei machten sie sich Notizen zu erfolgreichen und weniger erfolgreichen Strategien, bevor auch sie weitere Test absolvierten. Die dritte Gruppe verfuhr wie Gruppe 2 – nur informierte man sie zusätzlich darüber, dass ihre Notizen von künftigen Probanden genutzt werden würden. Sie wurden damit praktisch zu Mentoren für weitere Teilnehmer. Letztendlich zeigte sich, dass Gruppe 2 und 3 durchschnittlich gut 18 Prozent bessere Ergebnisse als die Kontrollgruppe erzielten.

Fachwissen, strategisches Denken und praktische Erfahrungen – daran mangelt es dank Fallstudien, Pflichtpraktika und Rhetorikkursen den heutigen Studenten und somit Berufseinsteigern kaum. Die große Frage ist allerdings, wie es sich an dieser Stelle mit der Sozialkompetenz und dem gesellschaftlichen Zusammenleben verhält. Beschäftigt und befördert, werden demnach vorrangig nur brillante Analytiker, deren Sozialkompetenz jedoch selten mit dem eigenen Ego und Intellekt mitkommt. Dabei geht es im Arbeitsleben des Zeitalters Industrie 4.0 zunehmend um Fähigkeiten wie das Modernisieren bestehender Konzepte und darum Mitarbeiter zu motivieren. Dazu bedingt es einer entsprechend ausgeprägten Teamfähigkeit - und die wird in den Universitäten des Landes eher nebenbei gelehrt.

Vor allem auf dem Gebiet des Managements können so viele Fehler gemacht werden, die sich rückwirkend selten wieder richten lassen. Reine Karrieristen, die in den meisten Fällen gänzlich ohne Selbstreflexion arbeiten und handeln, denken häufig zu linear. Sie haben gelernt, ihre Ziele geradlinig zu verfolgen, ohne Rücksicht auf das Gegenüber. Dabei sind es eben nicht die umsatzfokussierten Workaholics, die ein Unternehmen erfolgreich machen, sondern Menschen, die nicht nur mit dem Verstand führen, sondern auch mit Herz und Empathie. Menschen, die Vorbild sind, Werte leben und visionieren.

Dee Hock, Gründer und langjähriger Chef von VISA, hat sich zunehmend mit Managementfragen auseinandergesetzt und kam bei seiner Arbeit zu klaren Ergebnissen. Wer den Erfolg sucht, sollte mindestens 50 Prozent seiner Zeit in das Selbstmanagement investieren, um seine Ziele, Prinzipien, Motive und sein Verhalten besser zu verstehen und zu verfolgen. Zu 25 Prozent sollte er versuchen, jene zu beeinflussen, die über ihm stehen sowie 20 Prozent in das Führen von Kollegen, Kunden oder Konkurrenten investieren. Die Rest-, bzw. Freizeit sollte dann an die Familie und Freunde, also Menschen, für die man verantwortlich ist, gehen.

Das Geheimnis liegt also darin, seinen eigenen Charakter, sein Temperament und diesbezüglich seine Worte und Handlungen im Zaum zu halten. Es geht nicht darum, anderen den Weg zu weisen, sondern darum sich in gesundem Maße auch auf beruflicher Ebene mit sich selbst zu beschäftigen.

Die Risiken der Selbstreflexion

Wie bei allen emotionsbasierten Evaluationsmethoden eines Menschen besteht auch bei der Selbstreflexion die große Gefahr der krankhaften Übertreibung. Schnell kann aus der Frage “Wer bin ich?“, die systematische Suche und Verurteilung der eigenen Fehler und Schwächen werden. Wider besseren Wissens gibt es Unmengen an Menschen, die sich an ihrer eigenen Leistung definieren. Und das obwohl Psychologen schon frühzeitig feststellten, dass man sich eben nicht durch den sozialen Status oder Beruf definieren lassen sollte.

Sich selbst negativ zu reflektieren bedeutet streng gesagt: „die Schuld bei sich selbst zu suchen„. Man reflektiert immer öfter nur über die Dinge, die schief gelaufen sind und macht sich für das eigene Versagen verantwortlich. Man übt häufig Selbstkritik, konzentriert sich auf die eigenen Fehler, negativen Charakterzüge, Schwächen und schlechten Angewohnheiten. Es ist kein Geheimnis, dass dieses Verhalten dem Individuum und seinem sozialen Umfeld schadet. Derartiges Verhalten nennt man Laster, welches schnell zur Gewohnheit werden kann und im Selbsthass endet.

Mit dem Selbsthass kommen in über 50 % der Fälle entsprechende Depressionen. Schließlich vermittelt Selbsthass, dauerhaft das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Und wer in sämtlichen Bereichen des täglichen Lebens nicht gut genug oder zufriedenstellend ist, der benötigt auch keine Fürsorge oder Pflege. So leiden viele dem Selbsthass Verfallenden unter Essstörungen, Schlafstörungen und starker Unausgeglichenheit. Das einzige Gegenmittel liegt auch hier in einer gesunden, fundierten Selbstreflexion und der Entwicklung einer ausgeprägten Selbstliebe. Denn nur, wer sich selbst liebt, der akzeptiert das Leben und wird entsprechend erfolgreich sein.