Zwei Pole - Problemtrance und Lösungstrance, visualisiert als Aufmerksamkeitsfokus
Problemtrance und Lösungstrance als Pole hypnosystemischer Arbeit nach Gunther Schmidt.

Problemtrance und Lösungstrance: Schmidts Schlüsselbegriff

Jemand sitzt im Coaching-Gespräch und erzählt von seiner Angst. Nach drei Minuten sitzt er körperlich mitten in ihr. Er schwitzt, die Schultern fallen nach vorne, die Stimme wird leiser - dabei ist draußen Sonnenschein, der Raum ist sicher, es passiert gerade gar nichts Bedrohliches. Er hat sich selbst hypnotisiert. Ich (Marian Zefferer) nenne das mit Gunther Schmidt: Problemtrance.

Was Problemtrance bedeutet

Der Begriff stammt von Gunther Schmidt und Stephen Gilligan, die ihn Ende der 1980er-Jahre gemeinsam geprägt haben. Die Kernidee ist einfach und trotzdem ein Perspektivwechsel: Symptome und Probleme entstehen nicht trotz unserer Aufmerksamkeit, sondern weil wir sie mit Aufmerksamkeit füttern.

Wenn jemand ein Problem erlebt, ist das qualitativ dasselbe wie eine hypnotische Trance, nur eine ungewollte. Schmidt definiert Trance allgemein als Erlebnisweise, in der unwillkürliches Erleben vorherrscht - das Ich fühlt sich dem Geschehen ausgeliefert, kann nicht "einfach aufhören". Genau das passiert im Problemmuster: das bewusste Ich will etwas anderes erleben, aber unwillkürliche Prozesse setzen sich durch, schneller und stärker als jeder Wille (Schmidt, 2022).

Das ist keine Schwäche. Das ist Physiologie. Unwillkürliche Prozesse sind von Natur aus schneller und effizienter als willkürliche. Das ist beim Pianisten, der ohne Nachdenken spielt, genauso wie beim Menschen, der ohne Nachdenken Angst bekommt.

Der Unterschied: In einem Fall ist es gewünscht, im anderen nicht.

Warum das stärker ist als "positives Denken"

Viele Ansätze reagieren auf Problemmuster mit dem Versuch, dagegen anzudenken: "Denk doch einfach positiv", "Das ist doch nicht so schlimm", "Reiß Dich zusammen." Das Scheitern dieser Versuche ist nicht mangelnde Disziplin. Es ist Neurobiologie.

Das limbische System - entwicklungsgeschichtlich viel älter als die Großhirnrinde - fällt Entscheidungen schneller, als uns das bewusst wird. Wenn die Amygdala eine Situation als bedrohlich einstuft, löst sie eine Kaskade aus, noch bevor wir "denken" können. Gegen diese Kaskade anzureden - mit Vernunft, mit guten Argumenten, mit Willensanstrengung - ist ein asymmetrischer Kampf. Man kommt nicht heran.

Wer das versteht, dreht den Hebel um. Nicht kämpfen, sondern umlenken. Nicht die Problemtrance bekämpfen, sondern die Aufmerksamkeit so fokussieren, dass sich eine Lösungstrance aufbauen kann.

Das ist der Kern von Schmidts Ansatz - und er deckt sich direkt mit dem Aufmerksamkeitsprinzip, einem der acht hypnotischen Prinzipien: Wohin die Aufmerksamkeit geht, geschieht verwirklichte Physiologie.

Die drei Schritte im hypnosystemischen Coaching

Schmidt beschreibt drei komplementäre Aufgaben, wenn man mit Problemtrance arbeitet (Schmidt, 2022):

Schritt 1: Problemtranceexduktion. Die Kraft der laufenden Problemtrance unterbrechen. Das kann durch Musterunterbrechung, durch Körperinterventionen, durch unerwartete Fragen geschehen - alles, was den Fokus kurz aus dem Problemkreisen herausholt. Nicht mit Gewalt, sondern durch einen Unterschied.

Schritt 2: Lösungstranceinduktion. Jetzt gezielt auf die ressourcenvollen Muster fokussieren. Nicht "denk dir etwas Schönes aus", sondern: Welche Zustände kennt dieser Mensch bereits, in denen er das Gegenteil des Problems erlebt? Wie klingen, fühlen, sehen sich diese Momente an? Sinnesaktivierung ist hier der Schlüssel - die Lösung muss erlebt, nicht nur gedacht werden.

Schritt 3: Transfermuster aufbauen. Das Ziel ist nicht, dass die Problemtrance nie mehr auftaucht. Das Ziel ist, dass sie zur Brücke wird. Schmidt nennt das "Utilisation der Problemmuster": Das erste Anzeichen der Problemtrance wird zum Signal, das automatisch die Lösungstrance einleitet. Wer das aufgebaut hat, braucht das Problem nicht mehr zu fürchten.

Ein Beispiel: Prüfungsangst

Stellen wir uns eine typische Situation vor: Jemand kommt zum Coaching, weil er vor Prüfungen komplett "blockiert" ist. Er erzählt davon - und schon beim Erzählen beginnt der Körper die Antwort. Flachere Atmung, leichtere Anspannung im Nacken, etwas schmalere Aufmerksamkeit.

Das ist kein Einbilden. Das ist Problemtrance in Gang.

Eine klassische Reaktion wäre: "Wir analysieren die Angst." Damit fokussiert man aber genau auf das Muster, das man auflösen will. Es wird dabei nicht kleiner.

Ein hypnosystemischer Zugang fragt stattdessen: Wann läuft dieser Mensch im Gegenteil von "blockiert"? Was ist der Zustand, den er kennt, wenn er voll da ist, wenn es leicht geht? Wie genau klingt, fühlt, sieht sich das an? - Mit diesen Fragen wird Aufmerksamkeit auf ressourcenvolles Erleben gelenkt, das der Mensch bereits kennt und als eigenes gespeichert hat.

Das ist keine Ablenkung. Das ist der Aufbau eines Gegengewichts, das neurobiologisch wirksam ist.

Im Anschluss wird gearbeitet: Wie kommt dieser Mensch aus der Problemtrance heraus? Was ist das erste Körpersignal, das anzeigt, dass das Muster startet? Und: Was kann er in diesem Moment tun, damit sein Fokus automatisch kippt? Das ist das Transfermuster.

Verbindung zu Marians 8 Prinzipien

Problemtrance und Lösungstrance lassen sich direkt auf drei der acht hypnotischen Prinzipien abbilden:

Aufmerksamkeit: Problemtrance ist fokussierte Aufmerksamkeit auf das Problemerleben, Lösungstrance ist Fokussierung auf Ressourcen. Beide wirken nach demselben Prinzip - in entgegengesetzte Richtungen.

Assoziation: Wer in einer Problemtrance ist, ist tief assoziiert mit dem Problemmuster. Die Dissoziation - der Schritt auf eine Beobachterposition - ist oft die erste Intervention. Das Assoziationsprinzip zeigt, wie stark dieser Unterschied wirkt.

Sinnesaktivierung: Lösungstrance entsteht nicht durch Argumentieren, sondern durch sensorisches Erleben. Die Ressource muss gespürt, gehört, gesehen werden - nicht nur gedacht. Das ist der Unterschied zwischen Lösungsgespräch und Lösungstrance.

Was das für Coaches bedeutet

Wer mit diesem Rahmen arbeitet, hört Coaching-Gespräche anders. Jede Schilderung eines Problems ist auch eine Beschreibung einer Trance: Wie genau fokussiert sich dieser Mensch in sein Problemerleben? Welche Sinneskanäle trägt er dabei? Wie tief ist die Assoziation?

Und umgekehrt: Welche Ausnahmen gibt es? Wann läuft das Gegenteil? Was wäre ein erster kleiner Schritt, der die Aufmerksamkeit verschiebt?

Das ist kein theoretisches Modell. Es ist eine Beobachtungsbrille für jede Begegnung.

Wenn Du das methodisch vertiefen willst: Im Hypnose-Practitioner ist Schmidts hypnosystemischer Ansatz ein zentraler Baustein - genau dieser Wechsel von Problem- zu Lösungsfokus ist dort Kernthema. Und im Hypnose-Workbook findest Du erste praktische Übungen zu Aufmerksamkeitsfokussierung und den acht Prinzipien.

Häufige Fragen

Was unterscheidet Problemtrance von normaler Sorge?

Eine normale Sorge bleibt auf bewusst-willkürlicher Ebene handhabbar - man denkt nach, bewertet, entscheidet. Bei der Problemtrance dominiert das Unwillkürliche: der Körper reagiert stärker als der Wille, man kreist, kommt nicht raus. Das ist das qualitative Kriterium. Schmidt spricht von einem Erlebnisprozess, in dem das Ich sich als den unwillkürlichen Prozessen ausgeliefertes Opfer empfindet.

Wie merke ich als Coach, dass mein Klient gerade in einer Problemtrance ist?

Die Signale sind körperlich: veränderte Atmung, engere Körperhaltung, eingeengter Blick, langsamere oder flachere Sprache, oft Wiederholungen. Wichtiger noch: der Klient beginnt im Kreis zu drehen, jede neue Information wird durch die Linse des Problems interpretiert. Der Fokus schließt sich.

Kann ich selbst aus einer Problemtrance herausarbeiten?

Ja - aber nicht durch Willensanstrengung. Was hilft: eine körperliche Unterbrechung (aufstehen, Bewegung, Atemwechsel), ein radikaler Perspektivwechsel ("Was würde jemand sehen, der dieses Thema gar nicht kennt?"), oder gezielte Aufmerksamkeitsfokussierung auf einen Zustand, in dem es besser läuft. Selbsthypnose ist dafür ein wirksames Werkzeug.

Funktioniert das auch bei schweren, lange andauernden Problemen?

Schmidt betont ausdrücklich: Auch nach langen Jahren leidvoller Symptompräsenz sind die Grundkompetenzmuster für eine gesunde Auflösung im Erfahrungsspektrum gespeichert - sie sind nur schwer zugänglich, weil die Problemmuster die Aufmerksamkeit dominieren. Lösungstrance ist grundsätzlich immer zugänglich, weil jeder Mensch bereits Zustände kennt, in denen das Problem nicht vorherrschend war. Selbst kleine Ausnahmen sind Anker.

Ist Problemtrance dasselbe wie ein Symptom?

Nicht ganz - die Beziehung ist eine Richtung, nicht Gleichung. Jedes Symptom ist immer eine Problemtrance: Es ist ein unwillkürlicher Prozess, der Aufmerksamkeit auf das Problemerleben fokussiert, und das Ich fühlt sich ihm ausgeliefert. Aber nicht jede Problemtrance ist ein Symptom. Wer sich in einem Gespräch in Sorgen hineinsteigert, wer kreisende Gedanken vor dem Einschlafen kennt, wer beim Erzählen einer unangenehmen Situation körperlich wieder in sie hineingleitet - das sind alles Problemtrancen, die man im Alltag nicht als "Symptom" bezeichnen würde. Der Begriff Symptom beschreibt eher verfestigte, wiederkehrende Muster mit klarem Leidenscharakter. Problemtrance ist das breitere Konzept dahinter.

Warum hilft "positives Denken" so selten?

Weil die kognitive Ebene (Großhirnrinde) gegen die schnelleren, entwicklungsgeschichtlich älteren Bereiche des Gehirns antritt - und dort meist nicht ankommt. Das limbische System entscheidet vor dem bewussten Denken. Wer nur auf kognitiver Ebene "umdenkt", ohne die sensorisch-körperliche Ebene einzubeziehen, kommt an den entscheidenden Schnittstellen nicht vorbei.

Quelle

  • Schmidt, G. (2022). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Carl-Auer Verlag GmbH.
Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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