Inhaltsverzeichnis
- Hypnose braucht keine Bilder - sie braucht Resonanz
- Das Paradox: „Ich sehe nichts" - und beschreibt alles
- Drei Wege, eine Suggestion zu geben - ohne Visualisierung
- 1. Der resonierende Satz
- 2. Das Gefühl statt das Bild
- 3. Der Dialog mit dem Unbewussten
- Wenn Du selbst nicht visualisieren kannst - so adaptierst Du Betty Erickson
- Wahrnehmung und Persönlichkeit beeinflussen sich gegenseitig
- Für wen das wichtig ist
- Häufige Fragen
- Kann ich Hypnose lernen, wenn ich keine inneren Bilder sehen kann?
- Was ist Aphantasie genau?
- Welche Selbsthypnose-Übung passt am besten für Aphantasie?
- Soll ich als Coach Visualisierungsübungen vermeiden?
- Kann ich lernen, innere Bilder zu sehen?
- Wirkt der Dialog mit dem Unbewussten wirklich?
- Quelle
Aphantasie und Hypnose - auch ohne innere Bilder
Eine Teilnehmerin in meinem (Marian Zefferer) Hypnose-Practitioner sagt: „Ich kann keine inneren Bilder sehen. Bei jeder NLP-Übung hieß es, ich soll mir was vorstellen, und ich saß da und es war einfach schwarz." Zwei Sätze später beschreibt sie, wie sie sich in der Selbsthypnose an einen Entspannungsort begeben hat, „aus dem Urlaub, ich wusste ja noch, wie die Dinge dort aussahen". Sie schildert das Geräusch des Meeres, das Gefühl der Sonne auf der Haut, den Salzgeschmack in der Luft. Genau dieser Widerspruch ist der Anfang.
Aphantasie ist die Bezeichnung dafür, dass jemand keine willentlich abrufbaren mentalen Bilder erzeugen kann. Schätzungen gehen davon aus, dass es um 3-5% der Bevölkerung betrifft. Für mich als Hypnose-Trainer ist die spannendere Frage nicht „Wer hat Aphantasie?", sondern: Funktioniert Hypnose, wenn jemand das visuelle Sinnessystem innerlich nicht aktivieren kann? Antwort: Ja. Sehr gut sogar.
Hypnose braucht keine Bilder - sie braucht Resonanz
Im klassischen NLP gibt es eine Übung, die so etwa lautet: „Stell Dir ein Haus vor. Welche Farbe hat es? Wie viele Stockwerke? Wie sieht der Garten aus?" Wer keine inneren Bilder erzeugt, fällt da raus. Und meistens fällt nicht nur das Bild raus, sondern auch der Glaube an die eigene hypnotische Begabung.
Das ist Quatsch. Bei jeder Hypnose-Induktion geht es nicht darum, dass Du etwas „siehst". Es geht darum, dass etwas in Dir resoniert. Und Resonanz kann über jeden Sinneskanal entstehen - über Gefühl, über inneren Klang, über Wärme, Schwere, Leichtigkeit, sogar über Geruch oder Geschmack. Du findest dazu mehr Hintergrund in meinem Artikel zur Sinnesaktivierung in der Hypnose und zum Thema VAKOG und Sinneskanäle.
Die Forschung von Terhune und Kollegen hat gezeigt, dass Selbsthypnose so wirksam ist wie Fremdhypnose. Was zählt, ist die „preparedness to respond" - die Bereitschaft, auf eine Suggestion innerlich zu reagieren. Nicht die Fähigkeit, ein bestimmtes Sinnesbild zu erzeugen.
Das Paradox: „Ich sehe nichts" - und beschreibt alles
Die Teilnehmerin oben hat innerhalb von wenigen Sätzen Folgendes getan: Sie hat gesagt, sie sehe nichts. Und gleichzeitig hat sie Geräusche, Hauttemperatur, Geschmack und ein Gefühl von Ankommen beschrieben. Sie war in voller hypnotischer Trance - nur eben nicht visuell.
Das ist kein Einzelfall. Das passiert mir in Seminaren wöchentlich. Jemand sagt: „Ich kann das nicht, ich sehe innerlich nichts." Und beschreibt dann eine plastische Szene mit allen anderen Sinnen. Was Du daraus lernen kannst:
- Die Aussage „ich kann nicht visualisieren" stimmt meistens, ist aber irrelevant.
- Die Hypnose funktioniert über den Sinneskanal, der bei Dir präsent ist.
- Wenn Du als Coach mit jemandem arbeitest, der nicht visualisiert, frag nicht „Was siehst Du?", sondern „Was spürst Du jetzt?" oder „Welcher Gedanke kommt auf?"
Genau das beschreiben auch O'Hanlon und Hexum (2009) in ihrer Sammlung Ericksonischer Fälle: Erickson hat fast nie gesagt „Stell Dir vor". Er hat Sprache benutzt, die mehrere Sinneskanäle anbietet und die Person dort abholt, wo sie tatsächlich Zugang hat.
Drei Wege, eine Suggestion zu geben - ohne Visualisierung
In der Selbsthypnose habe ich drei Standardwege, mit denen Du Dir eine wirksame Suggestion geben kannst. Du brauchst dafür keine inneren Bilder. Such Dir den aus, der bei Dir resoniert.
1. Der resonierende Satz
Du nimmst einen kurzen Satz, der bei Dir innerlich „klick" macht. Das kann banal klingen: „Ich bin gelassen." Oder „Ich erlebe mich klar." Es kann auch ein Mantra sein, ein Wort aus einer anderen Sprache, ein Bibel- oder Romanzitat. Wichtig ist nur: Wenn Du den Satz innerlich sagst, geht etwas in Dir auf. Das Resonieren ist das Signal, dass der Satz für Dich passt.
Das ist die einfachste Variante, und sie funktioniert für sehr viele Menschen besser als Visualisierung. Du sagst Dir den Satz langsam, mehrfach. Du hörst ihn innerlich. Du lässt ihn nachhallen. Mehr braucht es nicht.
2. Das Gefühl statt das Bild
Du musst nicht „sehen", wie sich etwas anfühlt. Du musst es spüren. Wenn Du Dich selbstbewusst erleben willst, frag Dich: Wie würde sich Selbstbewusstsein in meinem Körper anfühlen? Vielleicht aufrecht im Brustkorb. Vielleicht warm in den Schultern. Vielleicht ruhig im Bauch.
In meinen Practitioner-Demos arbeite ich oft so: „Spüre mal das Gefühl, wenn der Arm schwer ist. Und jetzt das Gefühl, wenn er leicht ist." Die Klientin sieht innerlich nichts. Sie spürt. Und das reicht für eine vollständige Trance. Wer mehr zum Mechanismus wissen will, findet ihn in meinem Artikel zur Sinnesaktivierung in der Hypnose.
3. Der Dialog mit dem Unbewussten
Das ist der Weg, der bei vielen Aphantasie-Klienten am stärksten wirkt - und er kommt direkt aus der Erickson-Tradition. Du stellst Dir nicht etwas vor. Du redest mit einer Seite in Dir, die dafür verantwortlich ist, dass Dein Herz schlägt, dass Du atmest, dass Du am Leben bleibst. Manche nennen das „das Unbewusste". Andere nennen es „eine innere Seite". Wieder andere nennen es schlicht „die andere Stimme".
In der Praxis sieht das so aus: Du gehst in Ruhe, schließt die Augen (wenn das für Dich passt - sonst lass sie offen), atmest ein paar Mal tief und sagst innerlich:
„Liebes Unbewusstes, ich habe in zwei Wochen einen wichtigen Auftritt. Mir ist wichtig, dass meine Aufregung niedriger ist und ich präsent bin. Ich gebe Dir diesen Auftrag und vertraue, dass Du eine gute Lösung findest."
Bei manchen Menschen entsteht dann ein Dialog. Es poppen Bilder, Gedanken oder Gefühle auf, die irgendwie zur Frage passen. Bei anderen passiert in dem Moment nichts Bewusstes - und drei Tage später merken sie, dass etwas anders geworden ist. Beides ist okay. Du hast den Auftrag abgegeben, mehr ist nicht Deine Aufgabe.
Diese Form findest Du auch in Almans Selbsthypnose-Handbuch und im Suggestionsdesign-Artikel ausführlich beschrieben.
Wenn Du selbst nicht visualisieren kannst - so adaptierst Du Betty Erickson
Die Betty-Erickson-Methode in der Standardform fragt nach drei Dingen, die Du siehst, drei, die Du hörst, drei, die Du spürst. Wenn der visuelle Teil bei Dir nicht funktioniert, sind das keine drei verlorenen Schritte. Das sind sechs Möglichkeiten, die anderen Sinneskanäle intensiver zu nutzen.
Ein konkreter Vorschlag, der bei meinen Practitioner-Teilnehmern funktioniert:
- Setz Dich oder leg Dich hin und schließ die Augen - oder lass sie offen, je nachdem was Dir hilft.
- Spüre drei Berührungspunkte Deines Körpers mit der Umgebung: die Füße auf dem Boden, das Becken auf der Sitzfläche, die Hände auf den Oberschenkeln.
- Hör drei Geräusche. Auch leise. Das eigene Atmen zählt.
- Spüre drei innere Empfindungen: die Wärme im Bauch, das Pulsen in den Schläfen, das leichte Kribbeln in den Fingern.
- Wiederhol das mit jeweils zwei Wahrnehmungen pro Sinneskanal. Dann eine. Dann gar nichts mehr - Du bist dort.
Das ist eine vollständige Selbsthypnose-Induktion ohne ein einziges inneres Bild. Du findest die Langfassung dieser Methode im kostenlosen Hypnose-Workbook.
Wahrnehmung und Persönlichkeit beeinflussen sich gegenseitig
Schon Sigmund Freud hat im 19. Jahrhundert beobachtet, dass hysterische Patientinnen, die er hypnotisierte, innerlich besonders hell, scharf und groß sahen. Das war nicht zufällig. Es gibt eine Wechselwirkung: Deine Persönlichkeit beeinflusst, was und wie Du innerlich wahrnimmst. Und was Du innerlich wahrnimmst, beeinflusst Deine Persönlichkeit zurück.
Für die Praxis heißt das zwei Dinge:
Erstens: Wer Aphantasie hat, ist nicht „weniger hypnotisierbar". Er ist anders zugänglich. Genauer gesagt: Er ist über andere Sinneskanäle zugänglich. Das ist eine Variante, kein Defizit.
Zweitens: Wenn Du als Mensch mit Aphantasie irgendwann doch innere Bilder erleben willst, kannst Du das trainieren. Ich kenne einen Kollegen, der bis zu seiner NLP-Ausbildung schwarz-weiß gesehen hat. Über Monate hinweg hat er gezielt geübt, Farben innerlich abzurufen. Heute geht das. Er beschreibt es als die Veränderung, die sein Lernen, sein Lesen und sein Leben am stärksten beeinflusst hat. Das war seine Wahl. Es ist keine Pflicht.
Gunther Schmidt formuliert das in seiner Einführung in die hypnosystemische Therapie ähnlich: Hypnose ist eine Form, wie wir unsere Aufmerksamkeit ausrichten. Und Aufmerksamkeit lässt sich auf vielen Wegen ausrichten - nicht nur über das visuelle System.
Für wen das wichtig ist
Wenn Du Coach, Trainer, Berater oder Therapeut bist, triffst Du in jeder Gruppe ein bis zwei Personen, die nicht visualisieren. Wenn Du immer mit Visualisierung arbeitest, verlierst Du sie sofort. Sie sind raus, halten still und sagen am Ende: „Hat bei mir nicht funktioniert." Das war aber nicht Deine Hypnose. Das war Deine Sprachwahl. Wer das umkehren will, lernt in meiner Hypnose-Practitioner-Ausbildung, wie Du Sprache flexibel an den Klienten anpasst.
Wenn Du selbst Aphantasie hast: Du bist nicht weniger geeignet für Selbsthypnose. Du bist genauso geeignet. Du brauchst nur einen anderen Einstieg. Spüren, Hören, Dialog - das sind Deine Tore.
Und wenn Du Hypnose lernen willst und Dir unsicher bist, ob es bei Dir „klappt", probier es einmal mit dem Gefühl-Weg aus, dem resonierenden Satz und dem Dialog mit dem Unbewussten. Wenn einer davon Resonanz erzeugt, hast Du Zugang. Und dieser Zugang wird mit jeder Übung stärker.
Häufige Fragen
Kann ich Hypnose lernen, wenn ich keine inneren Bilder sehen kann?
Ja. Hypnose funktioniert über jeden Sinneskanal. Wer nicht visualisiert, arbeitet über Gefühl, inneren Klang, Wärme oder den Dialog mit einer inneren Seite. Das ist keine schwächere Variante - es ist eine andere.
Was ist Aphantasie genau?
Aphantasie bezeichnet das Fehlen willentlich abrufbarer mentaler Bilder. Wenn jemand mit Aphantasie aufgefordert wird, sich einen Apfel vorzustellen, erlebt er kein inneres Bild - aber meist trotzdem ein Konzept, ein Wissen, manchmal einen Geschmack oder eine Bewegung. Etwa 3-5% der Menschen haben diese Variante.
Welche Selbsthypnose-Übung passt am besten für Aphantasie?
Drei Varianten haben sich besonders bewährt: ein resonierender Satz oder ein Mantra, das Du Dir innerlich sagst und nachhallen lässt; das Spüren eines körperlichen Gefühls (Schwere, Leichtigkeit, Wärme) statt eines Bildes; und der Dialog mit einer inneren Seite oder dem Unbewussten, dem Du einen klaren Auftrag gibst.
Soll ich als Coach Visualisierungsübungen vermeiden?
Nein, aber sie sollten nicht die einzige Tür sein. Sprich Sprache, die mehrere Sinneskanäle anbietet. Statt „stell Dir vor" sag „nimm wahr, was sich zeigt - vielleicht ein Bild, vielleicht ein Gefühl, vielleicht ein Gedanke". Damit holst Du jeden ab. Das ist genau die Sprache, die Du in der Konversationshypnose trainierst.
Kann ich lernen, innere Bilder zu sehen?
Bei manchen Menschen ja, bei manchen nein. Es gibt Erfahrungsberichte über Training, das Farb- oder Bildwahrnehmung deutlich verbessert hat. Ob das bei Dir geht, weißt Du erst, wenn Du gezielt übst. Notwendig ist es nicht - Hypnose und Selbsthypnose funktionieren auch ohne.
Wirkt der Dialog mit dem Unbewussten wirklich?
Ja, allerdings nicht immer sofort sichtbar. Manchmal kommt direkt eine innere Antwort, ein Impuls, ein Bild. Manchmal passiert in der Sitzung nichts Bewusstes, und Du merkst Tage später, dass sich etwas verschoben hat. Beides ist normal. Der Mechanismus ist gut belegt und wird in der hypnosystemischen Tradition von Gunther Schmidt ausführlich beschrieben.
Quelle
- Terhune, D. B., Lynn, S. J., & Cardena, E. (2017). An exploratory study of self-hypnotic abilities suggesting hypnosis as preparedness to respond to suggestion. Neuroscience of Consciousness, 2017(1). https://doi.org/10.1093/nc/nix017
- O'Hanlon, W. H., & Hexum, A. L. (2009). Milton H. Ericksons gesammelte Fälle. Klett-Cotta.
- Schmidt, G. (2022). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Carl-Auer.
- Alman, B. M., & Lambrou, P. T. (2022). Selbsthypnose: Ein Handbuch zur Selbsttherapie. Carl-Auer.
Siehe auch
- Sinnesaktivierung in der Hypnose: Bilder schlagen Begriffe — VAKOG plus 6. Sinn (Kognition), zwei Workbook-Beispiele Abnehmen und Einschlafen, Stolpersteine, Aphantasie-Klienten.
- Growth Mindset & Selbsthypnose - warum Du an Dir arbeiten kannst, auch wenn Du glaubst, Du kannst es nicht — Dweck 1973/1986/2008: Beliefs über Veränderbarkeit sind der Kern dessen, was Persönlichkeit formbar macht. Non-State-...
- Selbsthypnose ist genauso wirksam wie Fremdhypnose - das sagt die Forschung — Terhune et al. 2017 zeigen: Selbsthypnose ist im Outcome so wirksam wie geführte Hypnose. Non-State-Einordnung, drei ...
- Selbsthypnose im Alltag - Du tust es schon — Wie Marian Selbsthypnose im Alltag nutzt - Dankbarkeitstagebuch, Tanzen vor dem Vortrag, Achtsamkeitsanker. Plus Wach...
- Wahrnehmung als Fundament der Hypnose
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.