Inhaltsverzeichnis
- Warum diese Frage die Gretchenfrage der Hypnose ist
- Was die meisten Antworten falsch machen
- Die ehrliche wissenschaftliche Antwort: Es ist die falsche Frage
- Das Trance-Gefühl ist echt. Es ist nur nicht die Ursache.
- Hammonds vier Faktoren: Was in einer Hypnose wirklich wirkt
- Was das konkret für Dich heißt
- Also: Ja oder Nein?
- Häufige Fragen
- Ist Hypnose jetzt ein veränderter Bewusstseinszustand oder nicht?
- Sieht man Hypnose nicht im Gehirn, an Alpha- und Theta-Wellen?
- Wenn es kein Sonderzustand ist, wie kann Hypnose dann wirken?
- Kann man in Hypnose stecken bleiben?
- Sind manche Menschen einfach nicht hypnotisierbar?
- Was ist der Unterschied zwischen State- und Non-State-Theorie?
- Quelle
Ist Hypnose ein veränderter Bewusstseinszustand? Die ehrliche Antwort
In fast jedem meiner Hypnose-Webinare kommt früher oder später dieselbe Frage. Meistens vorsichtig formuliert, manchmal mit einem Funkeln in den Augen: „Marian, ist das jetzt so ein veränderter Bewusstseinszustand? So richtig weg vom Fenster?" Ich (Marian Zefferer) verstehe die Frage gut. Sie steckt voller Hollywood: das pendelnde Uhrglas, die Augen fallen zu, die Person sinkt in eine andere Welt und tut danach Dinge, an die sie sich nicht erinnert.
Die ehrliche Antwort ist unspektakulärer und gleichzeitig viel spannender. Und sie ist der Grund, warum ich diesen einen Artikel schreibe, statt die Frage im Webinar in dreißig Sekunden abzubügeln.
Warum diese Frage die Gretchenfrage der Hypnose ist
Suchst Du im deutschsprachigen Netz nach einer Antwort, bekommst Du fast überall dasselbe: „Ja, Hypnose ist ein veränderter Bewusstseinszustand, messbar an Alpha- und Theta-Wellen im Gehirn." Klingt wissenschaftlich. Ist aber eine verkürzte Antwort auf eine Frage, über die die Fachwelt seit über hundert Jahren streitet.
Diese Debatte hat einen Namen: State- gegen Non-State-Theorie. Auf der einen Seite die Annahme, dass Hypnose ein eigener Zustand ist, der die hypnotischen Phänomene verursacht. Auf der anderen Seite die Position, dass es diesen Sonderzustand nicht braucht, um zu erklären, was passiert. Wer die State- und Non-State-Theorie im Überblick verstehen will, findet dort die ganze Landkarte. Hier geht es um die Frage, die fast jeder als Erstes stellt.
Was die meisten Antworten falsch machen
Das Problem mit der Alpha-Wellen-Antwort ist nicht, dass sie falsch wäre. Es ist, dass sie die falsche Schlussfolgerung zieht.
Ja, im Gehirn verändert sich etwas, wenn Du Dich auf eine Hypnose einlässt. Aber im Gehirn verändert sich auch etwas, wenn Du in einen guten Roman versinkst, wenn Du auf der Autobahn drei Ausfahrten verpasst, weil Du in Gedanken warst, oder wenn Du gebannt einem Redner zuhörst. Jede Veränderung der Aufmerksamkeit hat ein neurologisches Korrelat. Daraus folgt nicht, dass jedes Mal ein eigener, magischer Zustand am Werk ist.
Der amerikanische Hypnose-Forscher Irving Kirsch hat das schon 1990 auf den Punkt gebracht: Ja, in der Hypnose ändert sich der Bewusstseinszustand. Aber diese Zustandsänderung ist nicht die Ursache der hypnotischen Phänomene. Sie ist eine Begleiterscheinung. Ungefähr so, wie ein schwerer Arm beim Armschweben eine Begleiterscheinung ist, nicht die Erklärung. Das verändert alles. Wir verwechseln seit Jahrzehnten ein Symptom mit der Ursache.
Die ehrliche wissenschaftliche Antwort: Es ist die falsche Frage
2015 hat die Fachgesellschaft APA in ihrer offiziellen Definition Hypnose als „Bewusstseinszustand" beschrieben. Der erfahrene Kliniker D. Corydon Hammond hat darauf in einem klugen Fachartikel geantwortet: Diese Definition halte den endlosen Streit nur am Leben. Sein Vorschlag, mit dem ich als Non-State-Theoretiker viel anfangen kann: Behandle den Begriff „veränderter Bewusstseinszustand" als Metapher, nicht als physikalische Tatsache.
Hammonds Kernargument ist so einfach wie befreiend. Hypnose ist kein einzelnes Ding. Sie ist vieldimensional. Der Fehler fast aller alten Theorien war, einen einzigen Faktor zum alleinigen Verursacher zu erklären: mal die Suggestibilität, mal die Dissoziation, mal die Erwartung, mal die Beziehung. Hammond vergleicht das mit den blinden Männern, die einen Elefanten ertasten. Der eine fasst den Rüssel, der andere das Bein, der dritte das Ohr. Jeder beschreibt einen echten Teil. Keiner beschreibt den ganzen Elefanten.
Das Trance-Gefühl ist echt. Es ist nur nicht die Ursache.
Jetzt kommt der Teil, der oft missverstanden wird, also lies langsam. Ich behaupte nicht, dass das besondere Gefühl in der Hypnose eingebildet ist. Es ist real. Menschen erleben in tiefer Versunkenheit eine Veränderung. Die Welt rückt weg, die Zeit dehnt sich, der Körper wird schwer oder leicht.
Schon der Forscher Theodore Barber, einer der schärfsten Kritiker der Sonderzustand-Idee, hat hier eine wichtige Unterscheidung gemacht. Er sprach von zwei Erlebnissen, die man beide „Trance" nennt. Das eine ist Entspannung, Ruhe, Passivität. Das braucht es für hypnotische Wirkung gar nicht. Das andere ist etwas anderes: gebannt sein, vertieft sein, ganz und gar bei den Worten und Bildern sein. Dieses Vertieftsein ist das, was zählt. Es ist keine Bewusstlosigkeit. Es ist hochkonzentrierte Aufmerksamkeit.
Das deckt sich mit dem, was ich in Trainings ständig erlebe. Wer in Hypnose „weg" ist, ist nicht weniger da. Er ist intensiver da, nur fokussierter. Genau deshalb funktioniert auch Hypnose ganz ohne klassische Induktion, mitten im Gespräch, mit offenen Augen.
Hammonds vier Faktoren: Was in einer Hypnose wirklich wirkt
Statt eines magischen Zustands beschreibt Hammond vier Faktoren, die zusammenspielen. Sie greifen wie Zahnräder ineinander, und je nach Mensch und Situation ist mal das eine, mal das andere stärker beteiligt:
- Erwartung und Motivation. Was glaubst Du, dass passieren wird? Wozu bist Du bereit? Deine Haltung und Dein „so tun, als ob" sind keine Nebensache, sie sind ein Hauptmotor.
- Die angeborene Fähigkeit zur Vertiefung. Manche Menschen dissoziieren leichter, tauchen schneller ab. Das ist eine Veranlagung, vergleichbar mit Musikalität. Sie hilft, sie ist aber nicht die einzige Stellschraube.
- Das Aufgehen in inneren Bildern. Die Fähigkeit, sich so in eine Vorstellung zu vertiefen, dass sie sich fast echt anfühlt. Genau dieses Aufgehen erleben wir subjektiv als „Trance".
- Die Beziehung und der Kontext. Vertrauen, eine sichere Umgebung, das Gefühl, in guten Händen zu sein. Ohne diesen Faktor läuft fast nichts.
Schau Dir diese vier Punkte an, und Du siehst meinen ganzen Ansatz darin. Drei von vier Faktoren sind nichts anderes als wirksame Kommunikation: Erwartung formen, innere Bilder einladen, eine vertrauensvolle Beziehung herstellen. Das ist exakt das, was die acht hypnotischen Prinzipien systematisch trainieren. Und es ist der Grund, warum ich Hypnose nicht als Sonderzustand lehre, sondern als Sprache.
Auch die neuere Hirnforschung passt dazu. Die große Übersichtsarbeit von Terhune und Kollegen aus dem Jahr 2017 beschreibt Hypnose als eine Form von gesteuerter Aufmerksamkeit und Top-down-Regulation, also als etwas, das Dein Gehirn ohnehin kann, nur gezielt eingesetzt. Erwartung und Aufmerksamkeit, nicht ein geheimnisvoller Schalter.
Was das konkret für Dich heißt
Diese Antwort ist nicht nur Theorie für Fachleute. Sie hat handfeste Folgen.
Erstens: Du kannst nicht „stecken bleiben". Wenn es keinen abgetrennten Sonderzustand gibt, gibt es auch keinen Ort, in dem man hängen bleiben könnte. Das ist einer der hartnäckigsten Mythen, und er löst sich auf, sobald man die Frage sauber beantwortet. Mehr dazu findest Du im Artikel zu den Risiken und Nebenwirkungen von Hypnose.
Zweitens: Es geht nicht darum, ob ein Mensch „hypnotisierbar" ist oder nicht. Hammond betont das ausdrücklich für die Praxis. Statt zu fragen, ob jemand die Gabe hat, kümmert sich ein guter Hypnotiseur um alle vier Faktoren: Er baut Vertrauen, klärt Mythen auf, weckt eine positive Erwartung, lädt zu inneren Bildern ein. Nicht die Person ist hypnotisierbar oder nicht, sondern die Methode, die Beziehung und der Kontext entscheiden. Genau deshalb ist auch Selbsthypnose so wirksam wie Fremdhypnose: Du brauchst keinen externen Magier, der Dich in einen Zustand versetzt.
Drittens: Es nimmt der Hypnose die Mystik und gibt sie Dir zurück. Du musst nicht warten, bis ein besonderer Zustand „eintritt". Du kannst lernen, wirksam zu kommunizieren, Aufmerksamkeit zu lenken und innere Bilder zu wecken. Das ist erlernbar. Wenn Du tiefer einsteigen willst, ist der komplette Hypnose-Kurs ein guter Startpunkt.
Also: Ja oder Nein?
Wenn Du eine Antwort in einem Satz willst: Hypnose fühlt sich für viele wie ein veränderter Bewusstseinszustand an, aber dieses Gefühl ist eine Begleiterscheinung von intensiver, fokussierter Aufmerksamkeit, nicht ein magischer Sonderzustand, der die Wirkung erzeugt. Das, was wirkt, ist wirksame Kommunikation: Erwartung, Beziehung, Aufmerksamkeit und innere Bilder.
Die ehrliche Wissenschaft sagt nicht „Ja, Alpha-Wellen". Sie sagt: Die Frage nach dem einen Zustand ist die falsche Frage. Die bessere Frage lautet: Welche Faktoren kann ich nutzen, um wirksam zu werden im Kontakt?
Wenn Du genau das systematisch lernen willst, ist die Hypnose-Practitioner-Ausbildung der direkte Weg. Du übst dort die vier Faktoren an echten Gesprächen, statt auf einen Zustand zu warten. Wer erst einmal die Grundlagen der hypnotischen Sprache kennenlernen will, kann mit meinem kostenlosen Hypnose-Workbook starten.
Angenommen, Du würdest ab heute aufhören, auf den besonderen Zustand zu warten, und stattdessen anfangen, Aufmerksamkeit und Erwartung bewusst zu gestalten. Was würde sich in Deinen Gesprächen verändern?
Häufige Fragen
Ist Hypnose jetzt ein veränderter Bewusstseinszustand oder nicht?
Es kommt darauf an, was Du mit „Zustand" meinst. Subjektiv erleben viele Menschen eine deutliche Veränderung: vertieft, versunken, die Welt rückt weg. In diesem Sinne ist es ein verändertes Erleben. Es ist aber kein abgetrennter, magischer Sonderzustand, der die hypnotischen Phänomene verursacht. Forscher wie Kirsch und Hammond schlagen vor, „veränderter Bewusstseinszustand" als Metapher zu verstehen, nicht als physikalische Tatsache.
Sieht man Hypnose nicht im Gehirn, an Alpha- und Theta-Wellen?
Im Gehirn ändert sich tatsächlich etwas. Nur ändert sich dort auch etwas, wenn Du gebannt einen Film schaust oder in Gedanken eine Ausfahrt verpasst. Eine messbare Hirnaktivität beweist, dass Aufmerksamkeit sich verschiebt, nicht, dass ein eigener Hypnose-Zustand existiert. Die Übersichtsarbeit von Terhune und Kollegen ordnet Hypnose deshalb als gesteuerte Aufmerksamkeit ein, nicht als geheimnisvollen Schalter im Kopf.
Wenn es kein Sonderzustand ist, wie kann Hypnose dann wirken?
Genau das ist die gute Nachricht. Es wirken Erwartung, Motivation, das Aufgehen in inneren Bildern und die Qualität der Beziehung. Hammond nennt diese vier Faktoren. Drei davon sind wirksame Kommunikation und damit erlernbar. Du brauchst keinen magischen Zustand, Du brauchst Können.
Kann man in Hypnose stecken bleiben?
Nein. Wenn es keinen abgetrennten Sonderzustand gibt, gibt es auch keinen Ort, in dem man hängen bleiben könnte. Im schlimmsten Fall schläft jemand kurz ein und wacht von selbst wieder auf. Mehr dazu im Artikel zu den Risiken und Nebenwirkungen von Hypnose.
Sind manche Menschen einfach nicht hypnotisierbar?
Menschen unterscheiden sich darin, wie leicht sie sich vertiefen. Das ist aber nur einer von vier Faktoren. Statt zu fragen, ob jemand die Gabe hat, lohnt es sich, an Beziehung, Erwartung und inneren Bildern zu arbeiten. Nicht die Person ist hypnotisierbar oder nicht, sondern Methode, Beziehung und Tagesform entscheiden.
Was ist der Unterschied zwischen State- und Non-State-Theorie?
Die State-Theorie nimmt an, dass Hypnose ein eigener Zustand ist, der die Phänomene verursacht. Die Non-State-Theorie erklärt dieselben Phänomene über Erwartung, Aufmerksamkeit, Vorstellungskraft und Beziehung, ohne einen Sonderzustand vorauszusetzen. Einen ausführlichen Überblick gibt der Artikel zur State- und Non-State-Theorie der Hypnose.
Quelle
- Hammond, D. C. (2015). Defining hypnosis: An integrative, multi-factor conceptualization. American Journal of Clinical Hypnosis, 57(4), 439-444. https://doi.org/10.1080/00029157.2015.1011496
- Lynn, S. J., Fassler, O., & Knox, J. (2005). Hypnosis and the altered state debate: Something more or nothing more? Contemporary Hypnosis, 22(1), 39-45.
- Terhune, D. B., Cleeremans, A., Raz, A., & Lynn, S. J. (2017). Hypnosis and top-down regulation of consciousness. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 81, 59-74. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2017.02.002
Siehe auch
- State- versus Non-State-Theorien der Hypnose: Ein anschaulicher Überblick über die empirischen Belege und die wissenschaftliche Debatte - State- versus Non-State-Theorien der Hypnose: Ein anschaulicher Überblick ü...
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.
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