Inhaltsverzeichnis
- Faszination Hypnose: Warum die Frage nach ihrem Wesen so spannend ist
- State und Non-State: Zwei gegensätzliche Erklärungsmodelle, viele offene Fragen
- Was ist Hypnose eigentlich? – Alltagsvorstellungen und wissenschaftliche Definitionen
- Die State-Theorie: Hypnose als besonderer Bewusstseinszustand
- Die Non-State-Theorie: Hypnose als Rolle, Erwartung und Kontext
- Multikomponenten- und Kontinuumsmodelle: Neue Wege in der Hypnoseforschung
- State-Argumente: Fälle und Befunde, die für einen besonderen Zustand sprechen
- Non-State-Argumente: Studien, die Erwartung, Suggestion und Kontext ins Zentrum rücken
- Grenzfälle und gemischte Ergebnisse: Wenn die Theorie an ihre Grenzen stößt
- Die Rolle der Suggestibilität und Erwartung – Ein Blick auf Praxis und Therapie
- Warum die klassische State-Theorie ihre Mängel hat und welche Vorteile Non-State und Hybride Modelle haben
- Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse
- Blick in die Zukunft: Wie könnte Hypnose weiter erforscht und genutzt werden?
- Häufige Fragen zur State & Nonstate-Theorie
- Was ist der Unterschied zwischen State- und Non-State-Theorie der Hypnose?
- Ist Hypnose wissenschaftlich bewiesen?
- Braucht man für Hypnose einen besonderen Bewusstseinszustand?
- Wo kann man Hypnose nach der Non-State-Theorie lernen?
- Welche Rolle spielt Erwartung bei hypnotischen Phänomenen?
- Gibt es einen "hidden observer" im hypnotischen Zustand?
- Quellen
State- versus Non-State-Theorien der Hypnose: Ein anschaulicher Überblick über die empirischen Belege und die wissenschaftliche Debatte
Worum geht es bei dieser Debatte?
Die Hypnose fasziniert die Menschheit seit Jahrhunderten, doch ihre wissenschaftliche Natur bleibt ein lebhaft diskutiertes Thema. Im Zentrum dieser Debatte stehen zwei grundlegende Theorien: die State- und die Non-State-Theorie (Elkins, 2021). Beide versuchen zu erklären, wie hypnotische Phänomene entstehen und welche Rolle das Bewusstsein dabei spielt.
Faszination Hypnose: Warum die Frage nach ihrem Wesen so spannend ist
Die Vorstellung von Hypnose weckt oft Bilder von Bühnenshows oder tiefen, unerklärlichen Trancezuständen. Doch abseits dieser Klischees verbirgt sich ein komplexes psychologisches Phänomen mit erheblichen klinischen Anwendungsmöglichkeiten, beispielsweise in der Schmerztherapie oder der Onkologie. Das Verständnis ihres Wirkmechanismus beeinflusst direkte therapeutische Ansätze, die Entwicklung von Diagnoseinstrumenten und neurobiologische Forschungsrichtungen (Elkins, 2021). Daher ist die präzise Definition und Erklärung der Hypnose für Wissenschaft und Praxis von großer Bedeutung.
State und Non-State: Zwei gegensätzliche Erklärungsmodelle, viele offene Fragen
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Hypnose wird maßgeblich durch die Spannung zwischen der State- und der Non-State-Theorie geprägt. Während die State-Theorien Hypnose als einen spezifischen, veränderten Bewusstseinszustand oder eine "Trance" begreifen, der mit besonderen neurophysiologischen und psychologischen Merkmalen einhergeht, betrachten die Non-State-Theorien hypnotische Reaktionen als Ergebnis sozialer, kognitiver und motivationaler Prozesse, die keinen besonderen Zustand erfordern. Beide Ansätze haben über die Jahre hinweg empirische Unterstützung gefunden, aber auch Widerspruch erfahren, was die Debatte kontinuierlich befeuert (Elkins, 2021).
Thematischer Überblick: Wie wurde Hypnose erforscht?
Die Forschung zur Hypnose hat sich von anekdotischen Beobachtungen zu einer vielschichtigen Disziplin entwickelt. Sie nutzt moderne Methoden der Neurophysiologie und der kognitiven Psychologie, um die Mechanismen hinter hypnotischen Phänomenen zu ergründen. Dabei haben sich unterschiedliche Perspektiven etabliert, die das Wesen der Hypnose beleuchten.
Was ist Hypnose eigentlich? – Alltagsvorstellungen und wissenschaftliche Definitionen
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Hypnose oft mit Kontrollverlust oder Manipulation assoziiert. Wissenschaftlich betrachtet ist Hypnose jedoch ein Zustand fokussierter Aufmerksamkeit und erhöhter Suggestibilität (Elkins, 2021). Die American Psychological Association (APA) definiert Hypnose als eine Interaktion, bei der ein Teilnehmer auf Vorschläge für Veränderungen in Empfindungen, Gedanken, Gefühlen oder Verhalten reagiert. Diese Definition vermeidet eine Festlegung auf einen spezifischen inneren Mechanismus und lässt Raum für verschiedene theoretische Erklärungen. Die Messung der Hypnotisierbarkeit erfolgt häufig mittels standardisierter Skalen wie der Harvard Group Scale oder der Stanford Hypnotic Susceptibility Scale.
Die State-Theorie: Hypnose als besonderer Bewusstseinszustand
Anhänger der State-Theorie sehen Hypnose als einen fundamental anderen Bewusstseinszustand, ähnlich einer Trance oder einem modifizierten Wachzustand (Elkins, 2021; Rainville & Price, 2003). Dieser Zustand soll durch spezifische Induktionstechniken hervorgerufen werden und zu einer erhöhten Empfänglichkeit für Suggestionen führen. Die Kernannahme liegt darin, dass physiologische und psychologische Prozesse während der Hypnose sich von denen im normalen Wachzustand unterscheiden.
Neurophysiologische Befunde – Was zeigt das Gehirn unter Hypnose?
Bildgebende Verfahren wie funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRI) und Positronen-Emissions-Tomographie (PET) liefern Hinweise auf spezifische Veränderungen der Hirnaktivität während der Hypnose (Elkins, 2021; Halsband & Wolf, 2021). Studien identifizieren Aktivierungsverschiebungen in Arealen wie dem präfrontalen Kortex, der Insula und dem anterioren cingulären Kortex. Diese Befunde legen nahe, dass ein spezifischer neurophysiologischer Zustand mit Hypnose korreliert (Halsband & Wolf, 2021). Es gibt auch Unterschiede in der Hirnmorphologie und -aktivierung zwischen Personen mit hoher und niedriger Hypnotisierbarkeit sowie zwischen simulierten und tatsächlich hypnotisch induzierten Zuständen (Elkins, 2021) . Ein Modell der Bewusstseinsphänomenologie zeigt, dass die hypnotischen Merkmale wie Entspannung, Absorption und veränderte Selbstwahrnehmung grundlegende phänomenale Eigenschaften des Bewusstseins widerspiegeln (Rainville & Price, 2003).
Das Phänomen der Dissoziation und der "hidden observer"
Ein zentrales Argument für die State-Theorie ist das Konzept des "hidden observer" (versteckter Beobachter) von Hilgard. Dieses Phänomen beschreibt eine Form der Dissoziation, bei der ein Teil des Bewusstseins scheinbar unberührt von hypnotischen Suggestionen bleibt und Informationen wahrnehmen kann, die dem bewussten Erleben der hypnotisierten Person entzogen sind. Beispielsweise könnte eine Person unter hypnotisch induzierter Schmerzunempfindlichkeit dennoch auf einer unbewussten Ebene den Schmerz registrieren. Dieses duale Bewusstsein wird als Beleg für einen veränderten Zustand gewertet . Allerdings zeigen Replikationsstudien, dass dieses Phänomen nicht universell auftritt und durch experimentelle Faktoren beeinflusst werden kann (Elkins, 2021).
Die Non-State-Theorie: Hypnose als Rolle, Erwartung und Kontext
Im Gegensatz dazu postulieren Non-State-Theorien, dass Hypnose keine besonderen Bewusstseinszustände erfordert. Stattdessen werden hypnotische Phänomene als normale psychologische Reaktionen auf Suggestionen verstanden, die durch Faktoren wie Erwartung, Motivation und soziale Rollen beeinflusst werden (Elkins, 2021; Braffman & Kirsch, 1999). Aus dieser Sichtweise ist Hypnose eine Form des zielgerichteten Verhaltens, das im Kontext einer spezifischen sozialen Interaktion auftritt.
Suggestibilität und der Einfluss von Erwartung
Ein Hauptpfeiler der Non-State-Theorie ist die Erkenntnis, dass viele hypnotische Effekte auch ohne formale Hypnoseinduktion oder unter Kontrollbedingungen auftreten können, beispielsweise bei einfacher Entspannung oder Imaginationstraining (Elkins, 2021). Die Reaktion auf Suggestionen ist nicht ausschließlich an einen hypnotischen Zustand gebunden. Vielmehr spielen Erwartungshaltungen, sogenannte "response expectancies", eine zentrale Rolle (Elkins, 2021; Braffman & Kirsch, 1999). Wenn Personen erwarten, dass eine Suggestion wirkt, steigen die Chancen, dass sie tatsächlich wirkt, unabhängig von einer formalen Induktion. Hypnose kann hier als ein "nicht täuschendes Placebo" wirken, bei dem die Erwartung die Effekte maßgeblich erklärt. Nach Karl Popper könnte man nun also argumentieren, nun, wenn die Theorie ist, , es benötigt einen Zustand (State-Theorie), um hypnotische Phänomene zu erzeugen, und es gelingt auch diese Phänomene zu erzeugen, ohne den Zustand zu haben, dann ist die State-Theorie-Hypothese schlicht falsch. State-Theoretiker können nun einwerfen, dass in diesem Fall - auch ohne klassische Induktion - trotzdem irgendwie eine Trance erzeugt wurde und es deswegen funktioniert. Sprich: Wenn es funktioniert, war die Person in Trance - und sonst nicht. Das ist fast schon eine Tautologie, aber ohne messbare oder kontrollierbare Variablen, ab wann man denn jetzt von Trance spricht und wann nicht, sprich, dieses Argument erklärt nichts. Um dieses Argument zu überprüfen, müsste ein State-Theoretiker anhand eines Videos benennen können, ob die Person in Trance ist (ja oder nein) erst im Anschluss würde der State-Theoretiker sehen, ob die Suggestion gefruchtet hat. Wenn die Quote deutlich über dem Zufall ist, sprich der State-Theoretiker fast immer richtig liegt, dann wäre an dieser These etwas dran und man könnte erforschen, woran man denn nun diese ominöse Trance erkennt.
Soziale und kognitive Faktoren: Hypnose als bewusstes Mitspielen
Neben der Erwartung werden auch soziale und kognitive Faktoren als Erklärung für hypnotische Phänomene herangezogen. Dazu gehört die Bereitschaft, eine bestimmte Rolle zu spielen, die der hypnotisierten Person zugeschrieben wird, oder sich den sozialen Erwartungen der Situation anzupassen. Speziell bei Show-Hypnose zeigt sich dieses Phänomen sehr gut, wo die Teilnehmer ja bezahlen für eine SHOW-Hypnose und dann auf die SHOW-Bühne eingeladen werden, um bei der SHOW mitzumachen. Übertrieben könnte man argumentieren: Jeder der sich hier normal verhält hat nicht ganz verstanden wo er gerade ist. Die subjektive Erfahrung der Hypnose unterscheidet sich oft nicht signifikant von anderen Zuständen fokussierter Aufmerksamkeit oder Entspannung (Elkins, 2021). Hohe Suggestibilität, die Fähigkeit, sich in imaginative Prozesse zu vertiefen (Absorption), und die Motivation zur Kooperation tragen ebenfalls zur Reaktion auf Suggestionen bei . Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass selbst bei starken hypnotischen Effekten ein gewisses Maß an bewusster Kontrolle erhalten bleiben kann, was gegen die Vorstellung eines völlig passiven, "tranceartigen" Zustands spricht.
Multikomponenten- und Kontinuumsmodelle: Neue Wege in der Hypnoseforschung
Die klassische Dichotomie zwischen State- und Non-State-Theorien wird zunehmend als zu vereinfachend kritisiert. Neuere Ansätze, sogenannte Multikomponenten- oder Kontinuumsmodelle, versuchen, die Stärken beider Perspektiven zu integrieren und die Komplexität hypnotischer Phänomene umfassender abzubilden (Elkins, 2021; Lynn et al., 2015). Diese Modelle betonen, dass hypnotische Reaktionen durch ein Zusammenspiel kognitiver Fähigkeiten, motivationaler Faktoren, physiologischer Dispositionen und sozialer Kontexte entstehen (Elkins, 2021; Lynn et al., 2015). Hypnotisierbarkeit wird dabei als eine hierarchisch strukturierte Fähigkeit verstanden, die sich aus mehreren Subfähigkeiten zusammensetzt. Diese integrativen Ansätze erlauben eine differenziertere Betrachtung und berücksichtigen, dass verschiedene Menschen auf unterschiedliche Weise auf Hypnose reagieren (Sadler & Woody, 2021). Wobei streng genommen die starke These der State-Theorie "es benötigt einen Zustand" natürlich nicht mehr haltbar ist in diesem hybriden Modell, sondern einer sanfteren Hypothese wie "es gibt Zustände, die helfen können, Trancephänomene zu erleben" weichen muss.
Empirische Belege im Vergleich: Was zeigen die wichtigsten Studien?
Die empirische Forschung hat über Jahrzehnte hinweg eine Fülle von Daten generiert, die sowohl die State- als auch die Non-State-Theorien stützen oder infrage stellen. Eine systematische Gegenüberstellung dieser Befunde offenbart ein nuanciertes Bild der hypnotischen Phänomene.
State-Argumente: Fälle und Befunde, die für einen besonderen Zustand sprechen
Neurophysiologische Studien liefern einige der stärksten Argumente für die State-Theorie. Bildgebende Verfahren zeigen konsistente Veränderungen in bestimmten Hirnarealen während der Hypnose. Insbesondere bei hoch hypnotisierbaren Personen wurden spezifische neuronale Muster und Aktivierungsverschiebungen im Gehirn festgestellt, die sich von denen im Wachzustand oder bei Placebo-Bedingungen unterscheiden (Elkins, 2021; Barabasz et al., 1999). Beispielsweise zeigen Elektroenzephalographie (EEG)-Studien veränderte ereigniskorrelierte Potentiale (ERPs) während hypnotischer Halluzinationen. Diese Befunde könnten auf einen spezifischen hypnotischen Zustand im Gehirn hinweisen, der die Erlebnisse der Probanden neurologisch untermauert. Ferner wird das "Hidden Observer"-Phänomen als Beleg für eine Dissoziation innerhalb des Bewusstseins angeführt, was auf einen nicht-alltäglichen mentalen Zustand hindeutet.
Non-State-Argumente: Studien, die Erwartung, Suggestion und Kontext ins Zentrum rücken
Ein Großteil der experimentellen Forschung stützt die Non-State-Theorie, indem sie die Wirksamkeit von Erwartungen und Suggestionen hervorhebt. Studien belegen, dass viele hypnotische Effekte auch ohne formale Hypnoseinduktion erzielt werden können, beispielsweise durch Entspannung oder Imaginationstraining (Elkins, 2021). Die Veränderung von Erwartungshaltungen („response expectancies“) erklärt einen erheblichen Teil der beobachteten Effekte (Elkins, 2021; Braffman & Kirsch, 1999). So zeigten klinische Studien, dass Erwartung und Distress als Mediatoren hypnotischer Effekte auf postoperative Nebenwirkungen dienen. Zudem ist die Hypnotisierbarkeit als Prädiktor für die Wirksamkeit hypnotischer Interventionen relevant, wobei auch hier die Erwartung eine entscheidende Rolle spielt. Vergleiche zwischen hypnotischer und nicht-hypnotischer Suggestibilität zeigen, dass letztere stark mit Absorption, Fantasieneigung und Erwartung korreliert ist (Braffman & Kirsch, 1999).
Grenzfälle und gemischte Ergebnisse: Wenn die Theorie an ihre Grenzen stößt
Die empirische Realität ist selten so eindeutig, wie es die reine State- oder Non-State-Theorie vermuten ließe. Viele Befunde lassen sich nicht klar einer Kategorie zuordnen. Beispielsweise können neurophysiologische Veränderungen, die in hypnotischen Zuständen beobachtet werden, teilweise auch durch Placebo-Effekte oder starke Erwartungen hervorgerufen werden. Dies relativiert die Spezifität der „hypnotischen“ Hirnaktivierung. Gleichzeitig gibt es Phänomene wie extreme Schmerzreduktion unter Hypnose, die schwerlich allein durch Erwartung zu erklären sind, insbesondere wenn ein "hidden observer" den Schmerz weiterhin registriert. Aus diesem Grund hat Marian Zefferer auch seine acht hypnotischen Prinzipien entwickelt, um der Non-State-Theorie eine Theorie und eine Erklärung dafür zu geben, warum dies nun wirksam ist.
Analyse: Was bedeutet das für unser Verständnis von Hypnose?
Die Gegenüberstellung der State- und Non-State-Theorien sowie der zugehörigen empirischen Befunde offenbart ein komplexes Bild. Keine der beiden klassischen Theorien kann alle beobachteten Phänomene umfassend erklären. Dies hat weitreichende Konsequenzen für die Forschung und die praktische Anwendung der Hypnose.
Die Rolle der Suggestibilität und Erwartung – Ein Blick auf Praxis und Therapie
Die zentrale Rolle von Suggestibilität und Erwartung, wie sie von Non-State-Theorien betont wird, hat direkte Implikationen für die klinische Praxis. Hypnose wirkt in bestimmten Kontexten, beispielsweise im Schmerzmanagement oder in der Onkologie, empirisch nachweisbar (Elkins, 2021). Dabei ist die individuelle Hypnotisierbarkeit ein wichtiger Prädiktor für den Therapieerfolg. Therapeuten sollten die Erwartungen der Patienten gezielt nutzen und positiv beeinflussen, da diese einen Großteil der hypnotischen Effekte erklären. Die Erkenntnis, dass Erwartungseffekte auch neurophysiologische Veränderungen bewirken können, zeigt zudem die Macht der mentalen Einstellung auf den Körper (Elkins, 2021).
Warum die klassische State-Theorie ihre Mängel hat und welche Vorteile Non-State und Hybride Modelle haben
Die klassische State-Theorie hat Schwierigkeiten, die Vielfalt hypnotischer Phänomene zu erklären, insbesondere die Tatsache, dass viele Effekte auch ohne formale Hypnoseinduktion auftreten. Ihre Fokussierung auf einen singulären, besonderen Bewusstseinszustand erweist sich als zu restriktiv. Non-State-Theorien und die Multikomponenten- und Kontinuumsmodelle bieten hier eine flexiblere und umfassendere Erklärung (Elkins, 2021; Lynn et al., 2015). Sie ermöglichen es, sowohl die neurophysiologischen Korrelate als auch die kognitiven, sozialen und motivationalen Faktoren zu berücksichtigen, die zusammenwirken, um hypnotische Reaktionen zu erzeugen. Diese Modelle erkennen an, dass Hypnose kein monolithisches Phänomen ist, sondern ein Spektrum von Erfahrungen, das durch verschiedene Mechanismen beeinflusst wird. Eine anschauliche Idee dazu sind die 8 hypnotischen Prinzipien von Marian, die verdeutlichen sollen warum und wie Hypnose wirkt.
Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse
Neurophysiologische Studien liefern Hinweise auf spezifische Veränderungen im Gehirn während der Hypnose, die für die Existenz eines besonderen Zustandes sprechen. Gleichzeitig betonen experimentelle und klinische Befunde die zentrale Bedeutung von Erwartung, Suggestibilität und sozialem Kontext für das Auftreten hypnotischer Phänomene. Multikomponentenmodelle und Kontinuumsansätze gewinnen an Bedeutung, da sie die Vielschichtigkeit hypnotischer Reaktionen besser abbilden, indem sie physiologische, kognitive und soziale Faktoren integrieren (Elkins, 2021; Lynn et al., 2015; Sadler & Woody, 2021).
Blick in die Zukunft: Wie könnte Hypnose weiter erforscht und genutzt werden?
Zukünftige Forschung könnte sich auf die Integration verschiedener Methodologien konzentrieren, um die Lücken im Verständnis der Hypnose zu schließen. Dies umfasst die Kombination von hochauflösenden bildgebenden Verfahren mit detaillierten psychologischen Messungen und subjektiven Berichten (Elinks, 2015; W. Mahowald et al., 2011). Eine tiefere Erforschung der individuellen Unterschiede in der Hypnotisierbarkeit und der zugrundeliegenden neurobiologischen Mechanismen wird das Verständnis weiter vertiefen. In der klinischen Anwendung könnte ein besseres Verständnis der Wirkmechanismen zu personalisierten Hypnoseinterventionen führen, die die spezifischen Bedürfnisse und Eigenschaften der Patienten berücksichtigen. Das Erkennen der Synergien zwischen physiologischen Reaktionen und psychologischen Erwartungen eröffnet neue Möglichkeiten für die therapeutische Nutzung der Hypnose.
Häufige Fragen zur State & Nonstate-Theorie
Was ist der Unterschied zwischen State- und Non-State-Theorie der Hypnose?
Die State-Theorie sieht Hypnose als besonderen Bewusstseinszustand oder "Trance", der mit spezifischen neurophysiologischen Veränderungen einhergeht. Die Non-State-Theorie hingegen erklärt hypnotische Phänomene durch normale psychologische Prozesse wie Erwartung, Motivation und soziale Rollen - ohne dass ein besonderer Zustand nötig wäre. Moderne Forschung deutet darauf hin, dass beide Ansätze Teilwahrheiten enthalten und sich am besten durch integrative Modelle erklären lassen. Wenn auch die State-Theorie - zumindest nach Karl Poppers Ansatz der Falsifikation - als widerlegt scheint.
Ist Hypnose wissenschaftlich bewiesen?
Ja, die Wirksamkeit von Hypnose ist durch zahlreiche Studien belegt, besonders in der Schmerztherapie und Onkologie. Umstritten ist nicht ob Hypnose wirkt, sondern wie sie wirkt. Neurophysiologische Studien zeigen messbare Veränderungen im Gehirn, während experimentelle Forschung die zentrale Rolle von Erwartung und Suggestibilität betont. Beide Befunde sind wissenschaftlich fundiert.
Braucht man für Hypnose einen besonderen Bewusstseinszustand?
Nach der Non-State-Theorie nein. Viele hypnotische Effekte lassen sich auch ohne formale Hypnoseinduktion erzielen - etwa durch einfache Entspannung oder Imagination. Die Forschung zeigt, dass Erwartungshaltungen und Suggestibilität oft wichtiger sind als ein spezifischer "Trancezustand". Das erklärt auch, warum Hypnose bei verschiedenen Menschen unterschiedlich wirkt.
Wo kann man Hypnose nach der Non-State-Theorie lernen?
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Welche Rolle spielt Erwartung bei hypnotischen Phänomenen?
Erwartung spielt eine zentrale Rolle. Studien belegen, dass sogenannte "response expectancies" einen erheblichen Teil hypnotischer Effekte erklären. Wenn Menschen erwarten, dass eine Suggestion wirkt, steigt die Wahrscheinlichkeit deutlich - unabhängig von einer formalen Induktion. Hypnose funktioniert hier ähnlich wie ein "nicht täuschendes Placebo", bei dem die Erwartungshaltung messbare Veränderungen im Gehirn und Körper bewirkt.
Gibt es einen "hidden observer" im hypnotischen Zustand?
Das Konzept des "hidden observer" von Hilgard beschreibt eine Form der Dissoziation, bei der ein Teil des Bewusstseins scheinbar unberührt von Suggestionen bleibt. Während State-Theoretiker dies als Beweis für einen veränderten Zustand werten, zeigen Replikationsstudien, dass dieses Phänomen nicht universell auftritt und stark durch experimentelle Faktoren beeinflussbar ist. Es bleibt ein umstrittener Befund in der Hypnoseforschung.
Quellen
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