Abstrakte warme Lichtspur aus vielen einzelnen Impulsen, die erst ab der Mitte zu einer durchgehenden Linie zusammenwächst
Neun Studien, 530 Patienten. Die entscheidende Zahl in dieser Auswertung ist die Anzahl der Sitzungen.

Chronischer Schmerz: Hypnose wirkt ab acht Sitzungen

Vier Sitzungen Hypnose gegen einen Rücken, der seit sechs Jahren wehtut. Der Klient geht zufrieden nach Hause, der Schmerz ist ungefähr da, wo er vorher war. Eine französisch-kanadische Arbeitsgruppe hat neun randomisierte Studien mit 530 Schmerzpatienten zusammengerechnet und dabei etwas gefunden, das mit der Methode wenig zu tun hat: Ab acht Sitzungen wurde der Effekt fast doppelt so groß.

Ich (Marian Zefferer) finde diese Auswertung deshalb so brauchbar, weil sie eine Frage beantwortet, die in der Praxis jeden Tag auftaucht und in der Forschung fast nie gestellt wird. Diese Meta-Analyse ist eine von über 200 Arbeiten, die ich in der Hypnose-Forschung mit Studien im Überblick gesammelt habe, und sie steht dort im Block zum chronischen Schmerz.

Was untersucht wurde

Pascaline Langlois und ihre Kollegen aus Limoges, Poitiers, Montréal und Lüttich durchsuchten bis zum 13. Mai 2021 fünf Datenbanken. Gesucht wurde jede randomisierte kontrollierte Studie, in der Erwachsene mit chronischen Muskel-, Gelenk- oder Nervenschmerzen Hypnose oder Selbsthypnose bekamen und in der die Schmerzstärke gemessen wurde.

Neun Studien erfüllten die Kriterien, zusammen 530 Teilnehmer. Das Vorgehen war vorab bei PROSPERO registriert, das Verzerrungsrisiko wurde mit dem aktuellen Cochrane-Werkzeug RoB 2.0 geprüft. Beides spricht für saubere Arbeit.

Die Gruppe schaute sich drei Dinge an:

  • Die Schmerzstärke direkt nach der Behandlung.
  • Die Schmerzstärke beim kurzfristigen Nachuntersuchungstermin.
  • Die Beeinträchtigung durch den Schmerz im Alltag, also wie sehr er Schlaf, Arbeit und Stimmung durchkreuzt.

Und dann teilten sie die Studien nach der Anzahl der Sitzungen. Genau dort wird es interessant.

Was herauskam

Über alle neun Studien hinweg senkte Hypnose die Schmerzstärke moderat: Hedges' g von -0,42 (p = 0,025). Beim kurzfristigen Follow-up hielt der Effekt mit -0,37 (p = 0,027). Die Beeinträchtigung im Alltag sank um -0,39 (p = 0,029).

Übersetzt heißt ein g von -0,42 ungefähr das: Greifst Du zufällig einen Patienten aus der Hypnosegruppe und einen aus der Kontrollgruppe heraus, geht es dem aus der Hypnosegruppe in rund 62 von 100 Fällen besser. Bei Menschen, deren Schmerz schon allem anderen standgehalten hat, ist das eine Menge.

Die eigentliche Nachricht steckt aber in der Aufteilung nach Sitzungszahl:

Ab acht Sitzungen: g = -0,555 (p = 0,034). Unter acht Sitzungen: g = -0,299, statistisch bedeutungslos (p = 0,19).

Dieselbe Methode, dieselbe Patientengruppe, fast der doppelte Effekt. Unterhalb von acht Sitzungen war das Ergebnis so schwach, dass es genauso gut Zufall sein konnte.

Die Autoren formulieren daraus eine für eine Meta-Analyse ungewöhnlich klare Empfehlung: Eine Hypnosebehandlung bei chronischem Schmerz sollte mindestens acht Sitzungen umfassen, um ein wirksamer ergänzender Ansatz zu sein.

Was das für Deine Praxis heißt

Der Satz, den Du morgen im Erstgespräch sagen kannst, lautet: "Bei einem Schmerz, der Sie seit Jahren begleitet, rechnen wir mit ungefähr zehn Terminen. Alles darunter wäre unfair Ihnen gegenüber."

Damit machst Du zwei Dinge gleichzeitig. Du nimmst dem Klienten den Druck, schon nach der zweiten Sitzung Ergebnisse liefern zu müssen. Und Du setzt eine Präsupposition aus meinen 8 hypnotischen Prinzipien: Die offene Frage ist ab jetzt das Wann. Der Klient beginnt zu rechnen statt zu zweifeln.

Die zweite Konsequenz betrifft Deine eigene Geduld. Wenn nach drei Terminen wenig passiert, ist das laut dieser Auswertung der Normalfall und kein Grund, die Methode zu wechseln. Die Arbeit macht ohnehin der Klient, Du stellst den Rahmen. Genau das ist das Kooperationsprinzip, und ein Rahmen braucht Zeit, um zu halten.

Das passt zu dem, was die Meta-Analyse von Adachi und Kollegen für chronische Schmerzen insgesamt zeigt, und zur Auswertung zur Fibromyalgie, in der Hypnose als Zusatz zu einer laufenden Therapie am besten abschnitt. Weitere Anwendungsfelder findest Du unter Hypnose bei Schmerzen.

Grenzen der Studie

Neun Studien und 530 Teilnehmer sind wenig für eine Aussage dieser Tragweite. Der Vergleich zwischen kurzen und längeren Behandlungen ist zudem eine Untergruppenanalyse, und die Studien wurden nicht danach ausgewählt. Es kann gut sein, dass die längeren Behandlungen auch in anderer Hinsicht sorgfältiger waren, etwa durch erfahrenere Behandler oder motiviertere Patienten.

Dazu kommt: Was in diesen neun Studien jeweils "Hypnose" hieß, unterschied sich erheblich. Selbsthypnose per Audioaufnahme und eine Sitzung mit einem erfahrenen Therapeuten landen in derselben Rechnung.

Und die Teilnehmer wussten, dass sie Hypnose bekamen. Erwartung gehört zur Wirkung dazu. Fürs Behandeln ist das brauchbar, für die Frage nach dem Mechanismus bleibt es offen.

In Deutschland ist die Behandlung von Krankheiten dem Heilpraktiker- und Heilberufsrecht vorbehalten, in Österreich greift das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz gilt kantonales Recht. Chronischer Schmerz gehört immer auch in ärztliche Hände.

Häufige Fragen

Wie viele Hypnose-Sitzungen braucht es bei chronischen Schmerzen? In der Meta-Analyse von Langlois und Kollegen zeigten Behandlungen ab acht Sitzungen einen mittleren bis großen Effekt (g = -0,555), Behandlungen mit weniger als acht Sitzungen dagegen nur einen kleinen und statistisch unsicheren Effekt (g = -0,299). Die Autoren empfehlen daraus mindestens acht Sitzungen.

Wie stark wirkt Hypnose bei Nervenschmerzen und Muskelschmerzen? Über neun randomisierte Studien mit 530 Patienten senkte Hypnose die Schmerzstärke mit einem Hedges' g von -0,42, ein moderater Effekt. Die Beeinträchtigung im Alltag sank um -0,39.

Hält die Wirkung auch nach dem Therapieende an? Beim kurzfristigen Nachuntersuchungstermin lag der Effekt bei -0,37 und damit fast so hoch wie direkt nach der Behandlung. Wie Du solche Behandlungen aufbaust, übst Du in der Hypnose-Practitioner-Ausbildung.

Fazit

Die spannendste Zahl dieser Arbeit steht nicht in der Zusammenfassung ganz oben. Sie steht in der Untergruppenanalyse und heißt acht. Wer Hypnose bei chronischem Schmerz in vier Terminen unterbringen will, hat nach dieser Auswertung gute Chancen, gar nichts zu bewirken und es der Methode anzulasten.

Angenommen, Du würdest Deinem nächsten Schmerzklienten schon im Erstgespräch zehn Termine vorschlagen. Was würde sich an seinem Gesicht verändern, und was an Deinem?

Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie über mehrere Sitzungen hinweg aufbaust, lernst Du im Hypnose-Practitioner.

Quelle

  • Langlois, P., Perrochon, A., David, R., Rainville, P., Wood, C., Vanhaudenhuyse, A., & Billot, M. (2022). Hypnosis to manage musculoskeletal and neuropathic chronic pain: A systematic review and meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 135, 104591. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2022.104591

Siehe auch

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Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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