Abstrakte Darstellung einer roten Wellenlinie, die sich nach rechts hin beruhigt und in warmes Licht übergeht
Schmerz ist ein Erlebnis. Und Erlebnisse lassen sich beeinflussen.

Hypnose gegen Schmerz: was die meistzitierte Meta-Analyse wirklich zeigt

Zwei Werte in dieser Meta-Analyse waren so groß, dass die Autoren sie aus der Rechnung nahmen. Brandverletzte Patienten, Effektstärken von 15 und 17, in einem Feld, in dem 0,8 als großer Effekt gilt. Übrig blieb nach dem Herausrechnen eine Zahl, die seit 26 Jahren zitiert wird: d = 0,74.

Übersetzt heißt das: Der durchschnittliche Mensch, der Hypnose bekam, hatte mehr Schmerzlinderung als 75 Prozent der Menschen in den Kontrollgruppen. Drei von vier.

Ich (Marian Zefferer) komme auf diese Arbeit immer wieder zurück, weil sie eine Frage beantwortet, die in jedem Seminar auftaucht: Wirkt das auch bei echten Schmerzen, oder nur bei Studenten mit der Hand im Eiswasser? Sie ist eine von über 200 Untersuchungen, die ich in der Hypnose-Forschung mit 208 Studien im Überblick gesammelt habe.

Was untersucht wurde

Guy Montgomery und sein Team an der Mount Sinai School of Medicine in New York werteten im Jahr 2000 alle kontrollierten Studien zur hypnotischen Schmerzlinderung aus, die sie finden konnten. 18 Studien, 27 einzelne Effektstärken, mehr als 900 Teilnehmer.

Die Bandbreite ist der interessante Teil. Auf der einen Seite Laborschmerz: Eiswasser, Druck auf den Finger, abgeklemmte Blutzufuhr. Auf der anderen Seite echte Patienten: Verbrennungen, Krebsschmerzen, chronische Kopfschmerzen, eine radiologische Prozedur ohne Vollnarkose.

Die Autoren wollten drei Dinge wissen. Wie groß ist der Effekt überhaupt. Ist er im Labor größer als in der Klinik. Und hängt er davon ab, wie hypnotisierbar jemand ist.

Was herauskam

Der Gesamteffekt lag bei d = 0,74, in der konservativeren, nach Stichprobengröße gewichteten Rechnung bei D = 0,67. Beides ist ein mittlerer bis großer Effekt.

Bei den echten Patienten war er sogar etwas größer als im Labor (D = 0,74 gegenüber D = 0,64). Statistisch ließ sich zwischen den beiden Welten kein Unterschied nachweisen. Was im Eiswasser funktioniert, funktioniert auf der Verbrennungsstation.

Der zweite Befund ist der, den ich in Ausbildungen am häufigsten erkläre. Menschen mit hoher Suggestibilität profitierten stärker als Menschen mit niedriger. So weit erwartbar. Nur: Die große Mittelgruppe unterschied sich statistisch nicht von der Hochsuggestiblen-Gruppe. Wer also im mittleren Bereich liegt, und das ist die Mehrheit, bekommt praktisch dieselbe Linderung wie ein Hochbegabter der Trance. Was das für die Frage bedeutet, ob jeder Mensch hypnotisierbar ist, steht in einem eigenen Artikel.

Der dritte Befund ist der unbequemste für die Konkurrenz. Verglichen mit anderen psychologischen Verfahren, mit autogenem Training, Entspannung, kognitiv-behavioralen Trainings, schnitt Hypnose mindestens gleich gut ab, in mehreren Studien besser.

Der Unterschied zwischen Entspannung und hypnotischer Schmerzlinderung ist die Suggestion, die sich direkt auf das Schmerzerleben richtet. Ruhe allein reicht nicht.

Was das für Deine Praxis heißt

Der Satz, den Du morgen sagen kannst, ist der über die Zahl. "Drei von vier Menschen haben in den Studien mehr Linderung gehabt als der Durchschnitt der Vergleichsgruppe." Das ist eine ehrliche Erwartungsaussage, und Erwartung ist selbst ein Wirkfaktor.

Wirksam wird hier vor allem das Aufmerksamkeitsprinzip aus meinen 8 hypnotischen Prinzipien. Schmerz ist ein Erlebnis, das in dem Maß wächst, in dem es die Aufmerksamkeit besetzt. Wer den Fokus verschiebt, verändert das Erlebnis. Deshalb wirkte in den Studien die gezielte Suggestion stärker als bloßes Entspannen.

Das zweite Prinzip im Hintergrund ist die Kooperation. Bei Patterson und Kollegen genügte 1992 bei Brandverletzten eine einzige Sitzung. Eine Sitzung reicht nur, wenn der Mensch mitgeht, und mitgehen tut er, wenn er sich verstanden fühlt. Wie das aufgebaut wird, steht beim Kooperationsprinzip. Wie Du eine Suggestion formulierst, die auf das Schmerzerleben zielt, steht beim Suggestionsdesign.

Grenzen der Studie

Die Arbeit ist von 2000, die eingeschlossenen Studien stammen aus den Jahren 1978 bis 1996. Die methodischen Standards von heute erfüllen die wenigsten davon. Neuere Analysen mit strengeren Kriterien kommen auf kleinere Effekte.

Schmerz wurde fast überall über Selbstauskunft gemessen, und wer hypnotisiert wurde, wusste das. Die Autoren nehmen den Einwand ernst und halten zwei Punkte dagegen: In mehreren Studien sank auch der tatsächliche Schmerzmittelverbrauch, und niemand kürzt sein Morphin, um dem Versuchsleiter zu gefallen. Außerdem fanden sich körperliche Korrelate der Wirkung.

Und dann sind da die zwei Ausreißer, mit denen dieser Artikel angefangen hat. Dass ein einzelnes Ergebnis so weit aus der Reihe fällt, sagt auch etwas über die Datenlage der damaligen Zeit.

Schmerz gehört zuerst ärztlich abgeklärt. Was Hypnose danach begleitend leisten kann, steht bei der Schmerzbehandlung mit Hypnose und in der Übersicht zur Hypnose in der Medizin. In Deutschland ist die Behandlung von Krankheiten dem Heilpraktiker- und Heilberufsrecht vorbehalten, in Österreich greift das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz gilt kantonales Recht. Als Coach arbeitest Du am Umgang mit Beschwerden, die Diagnose bleibt beim Arzt.

Häufige Fragen

Wie stark wirkt Hypnose gegen Schmerzen? In der Meta-Analyse von Montgomery und Kollegen lag der mittlere Effekt bei d = 0,74, gewichtet bei D = 0,67. Der durchschnittliche Teilnehmer mit Hypnose hatte damit mehr Schmerzlinderung als 75 Prozent der Teilnehmer in den Kontrollgruppen.

Wirkt Hypnose bei echten Schmerzen genauso gut wie im Labor? Ja. Zwischen den 10 Effektstärken aus klinischen Studien und den 17 aus Laborstudien fand sich kein statistisch bedeutsamer Unterschied. Bei den Patienten lag der Wert sogar leicht höher.

Muss ich besonders hypnotisierbar sein, damit es hilft? Menschen mit sehr niedriger Suggestibilität hatten weniger Linderung als Hochsuggestible. Die große Mittelgruppe unterschied sich von den Hochsuggestiblen jedoch statistisch nicht. Die Mehrheit der Menschen profitiert also deutlich. Die Frage, ob Hypnose ein eigener Zustand ist, hängt eng damit zusammen und wird bei der State- und Non-State-Theorie behandelt.

Fazit

Eine Meta-Analyse von 2000, methodisch von gestern, und trotzdem die Arbeit, an der die Diskussion bis heute hängt. Ihr Kern ist eine einzige, gut merkbare Zahl: drei von vier.

Angenommen, Du nimmst in Deinem nächsten Gespräch über Schmerz eine gezielte Suggestion dazu, statt nur zur Entspannung einzuladen. Woran würdest Du merken, dass sie angekommen ist?

Die sprachlichen Grundlagen dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie sich eine Schmerzsuggestion im echten Gespräch anfühlt und wo sie kippt, übst Du in der Hypnose-Practitioner-Ausbildung an echten Anliegen aus der Gruppe.

Quelle

  • Montgomery, G. H., DuHamel, K. N., & Redd, W. H. (2000). A meta-analysis of hypnotically induced analgesia: How effective is hypnosis? International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis, 48(2), 138-153. https://doi.org/10.1080/00207140008410045

Siehe auch

Hypnose wirklich beherrschen.

Im Hypnose-Practitioner lernst Du die 8 hypnotischen Prinzipien strukturiert anzuwenden - Schritt für Schritt, praxisnah und mit viel Lebendigkeit im Online-Raum. Der Einstieg für alle, die Hypnose wirklich im Alltag anwenden wollen.

Hypnose-Practitioner ansehen →
Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

→ Mehr über Marian · → Hypnose-Practitioner · → Hypnose-Master · → Hypnose-Studien

Marian folgen: LinkedIn · YouTube · Instagram · Podcast