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Chronischer Schmerz: die Hypnose-Zahl, die alle zitieren
Seit Jahren Schmerzen. Medikamente, Physiotherapie, Termine, Wartezimmer. Dann setzt sich jemand daneben und redet mit Dir. Vier Studien haben genau das gegen die übliche Behandlung gestellt, und die Hypnose gewann mit d = 0,60. Ein mittlerer Effekt. Die Spannbreite dieser Zahl reicht von 0,03 bis 1,17, und darüber spricht fast niemand.
Ich (Marian Zefferer) halte beide Hälften für erzählenswert. Diese Meta-Analyse ist eine von über 200 Arbeiten, die ich in der Hypnose-Forschung mit Studien im Überblick gesammelt habe, und sie steht dort im Block zum chronischen Schmerz.
Was untersucht wurde
Tomonori Adachi und seine Arbeitsgruppe an der Universität Osaka stellten 2014 eine Frage, die bis dahin offen war. Zu Hypnose und Schmerz gab es reichlich Zahlen, die meisten davon aus dem Labor oder von akuten Eingriffen. Wie gut Hypnose Menschen hilft, die seit Monaten oder Jahren Schmerzen haben, hatte niemand zusammengerechnet.
Die Gruppe sammelte 14 kontrollierte Studien und legte zwei Vergleiche nebeneinander:
- Hypnose gegen die Standardversorgung, also gegen das, was der Patient ohnehin bekommen hätte.
- Hypnose gegen andere psychologische Verfahren, etwa Entspannungstraining, Autogenes Training oder Verhaltenstherapie.
Und sie machten etwas, das ich klug finde: Sie trennten die Kopfschmerz-Patienten von allen anderen. Migräne und Spannungskopfschmerz verhalten sich anders als ein Rücken, der seit acht Jahren wehtut.
Was herauskam
Gegen die Standardversorgung lag Hypnose vorn. Der Effekt betrug d = 0,60, berechnet aus vier Studien, mit einem Vertrauensbereich von 0,03 bis 1,17.
Übersetzt heißt ein d von 0,60 ungefähr Folgendes: Greifst Du zufällig einen Patienten aus der Hypnosegruppe und einen aus der Vergleichsgruppe heraus, geht es dem aus der Hypnosegruppe in etwa 66 von 100 Fällen besser. Bei einer Erkrankung, die per Definition schon allem anderen standgehalten hat, ist das eine Menge.
Der zweite Vergleich ist der interessantere. Gegen andere psychologische Verfahren behielt Hypnose ebenfalls einen mittleren Vorsprung, allerdings ausschließlich bei den Patienten ohne Kopfschmerz. In der Kopfschmerz-Gruppe schmolz der Vorsprung dahin. Dort war Hypnose eine gute Option unter mehreren gleich guten.
Gegen die übliche Versorgung gewinnt Hypnose. Gegen andere gute Verfahren gewinnt sie überall, außer beim Kopfschmerz.
Die Autoren fanden dabei eine große Streuung zwischen den Studien. Die eingeschlossenen Arbeiten unterschieden sich stark darin, wer behandelt wurde, wie lange und mit welchen Worten. Adachi und Kollegen schreiben das offen hin und diskutieren am Ende ihrer Arbeit, was "Hypnose" in diesen 14 Studien überhaupt jeweils bedeutete.
Was das für Deine Praxis heißt
Der Satz, den Du morgen in einer Sitzung sagen kannst, lautet: "Was macht der Schmerz gerade mit Ihrem Tag, und was davon hätten Sie als Erstes gern zurück?"
Damit hörst Du auf, den Schmerz wegverhandeln zu wollen. Du arbeitest mit dem, was da ist, und das ist die Utilisation aus meinen 8 hypnotischen Prinzipien. Bei einem chronischen Schmerz ist das mehr als eine Technik, es ist die einzige ehrliche Haltung. Ein Mensch, der seit sieben Jahren Schmerzen hat, glaubt Dir kein Versprechen auf Schmerzfreiheit. Er glaubt Dir vielleicht, dass er wieder eine Stunde am Stück im Garten stehen kann. Weitere Anwendungsfelder findest Du unter Hypnose bei Schmerzen.
Die zweite Konsequenz betrifft den Kopfschmerz, und sie ist unbequem. Wenn Dein Klient wegen Migräne kommt und mit Autogenem Training gute Erfahrungen gemacht hat, gibt Dir diese Auswertung kein Argument, ihn davon wegzuholen. Nimm das Verfahren, an das er andocken kann. Genau das ist das Kooperationsprinzip: Die Arbeit macht der Klient, Du stellst den Rahmen.
Dazu passt eine Beobachtung aus dem Labor. In der Auswertung von 85 Hypnose-Experimenten von Thompson und Kollegen wirkte die direkte Suggestion deutlich stärker als reine Entspannung. Die Hypnose trägt dort, wo sie etwas Eigenes anbietet, und beim Kopfschmerz scheint dieses Eigene weniger ins Gewicht zu fallen.
Grenzen der Studie
Die Schlagzeilenzahl steht auf vier Studien. Das ist wenig, und man sieht es dem Vertrauensbereich an: Er reicht von 0,03 bis 1,17. Die untere Grenze liegt haarscharf über der Null. Wäre eine dieser vier Arbeiten anders ausgegangen, stünde dort vermutlich ein Ergebnis ohne statistische Bedeutung. Der wahre Effekt kann also irgendwo zwischen "kaum spürbar" und "sehr deutlich" liegen.
Dazu kommt die große Heterogenität, die die Autoren selbst betonen. Wenn 14 Studien sehr verschiedene Dinge tun und man ihre Ergebnisse mittelt, beschreibt der Mittelwert am Ende keine Behandlung, die es so gibt.
Und Patienten wissen in solchen Studien, dass sie Hypnose bekommen. Erwartung gehört zur Wirkung dazu. Fürs Behandeln ist das brauchbar, für die Frage nach dem Mechanismus bleibt es offen.
Seit 2014 ist einiges dazugekommen, unter anderem eine eigene Auswertung zur Fibromyalgie. Die Richtung hat gehalten, die Vorsicht bei der Größe des Effekts ebenfalls.
In Deutschland ist die Behandlung von Krankheiten dem Heilpraktiker- und Heilberufsrecht vorbehalten, in Österreich greift das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz gilt kantonales Recht. Chronischer Schmerz gehört immer auch in ärztliche Hände.
Häufige Fragen
Wie gut hilft Hypnose bei chronischen Schmerzen? In der Meta-Analyse von Adachi und Kollegen über 14 kontrollierte Studien lag Hypnose gegenüber der Standardversorgung bei d = 0,60. Das ist ein mittlerer Effekt. Der Vertrauensbereich von 0,03 bis 1,17 zeigt allerdings, wie unsicher diese Schätzung ist.
Ist Hypnose besser als Entspannung oder Verhaltenstherapie? Bei chronischen Schmerzen ohne Kopfschmerz behielt Hypnose in dieser Auswertung einen mittleren Vorsprung vor anderen psychologischen Verfahren. Bei Kopfschmerz-Patienten verschwand dieser Vorsprung.
Warum wirkt Hypnose bei Kopfschmerz weniger deutlich? Die Meta-Analyse zeigt den Unterschied und erklärt ihn nicht. Möglich ist, dass Entspannungsverfahren bei Spannungskopfschmerz und Migräne ohnehin sehr gut greifen und deshalb wenig Abstand bleibt. Wie Du Sprache gezielt auf Schmerz richtest, übst Du in der Hypnose-Practitioner-Ausbildung.
Fazit
Eine Zahl, zwei Geschichten. Die eine erzählt von einem mittleren Vorsprung gegenüber der Standardversorgung, die andere von einer Spannbreite, die fast bis zur Null reicht. Wer nur die erste erzählt, verkauft. Wer nur die zweite erzählt, redet die Sache klein.
Angenommen, Du würdest Deinem nächsten Schmerzklienten nichts über den Schmerz versprechen und stattdessen über seinen Tag sprechen. Was würde er Dir dann als Erstes erzählen?
Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie sicher einsetzt, lernst Du im Hypnose-Practitioner.
Quelle
- Adachi, T., Fujino, H., Nakae, A., Mashimo, T., & Sasaki, J. (2014). A Meta-Analysis of Hypnosis for Chronic Pain Problems: A Comparison Between Hypnosis, Standard Care, and Other Psychological Interventions. International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis, 62(1), 1-28. https://doi.org/10.1080/00207144.2013.841471
Siehe auch
- Hypnose-Forschung: Die wichtigsten Studien im Überblick — Der Sammelartikel mit allen Hypnose-Studien, sortiert nach Themenbereich und Evidenzstufe. Diese Meta-Analyse steht dort im Block zum chronischen Schmerz.
- Hypnose vor der Operation: 34 Studien und eine klare Rangfolge — Meta-Analyse Tefikow et al. 2013: 34 randomisierte Studien mit 2597 Patienten. Seelische Belastung g = 0,53, Schmerz ...
- Hypnose gegen Schmerz: was die meistzitierte Meta-Analyse wirklich zeigt — Meta-Analyse Montgomery et al. 2000: d = 0,74, klinischer und experimenteller Schmerz gleichermaßen, Suggestibilität ...
- 42 Prozent weniger Schmerz: was 85 Hypnose-Experimente zeigen — Meta-Analyse Thompson et al. 2019: g = 0,54 bis 0,76 über 85 Laborexperimente, 42 Prozent Schmerzreduktion bei hoher ...
- Besser als 89 Prozent der Kontrollgruppe: Hypnose rund um die Operation — Meta-Analyse Montgomery et al. 2002: 20 kontrollierte Studien mit chirurgischen Patienten, D = 1,20, besser als 89 Pr...
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.
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