Eine Gabelung im Weg - zwei Lösungswege statt Problem und Defizit
Symptome als kompetente Lösungsversuche mit Preis - die hypnosystemische Perspektive nach Gunther Schmidt.

Symptome als Lösungsversuche: der Schmidt-Reframe im Coaching

Sie verliert in Konflikten die Stimme - und die Wut schwillt stattdessen im Bauch. Sechs Jahre lang hat sie in verschiedenen Kontexten daran gearbeitet, dieses Muster zu beseitigen. Immer wieder dasselbe Ergebnis: nichts. Was wäre, wenn das Problem gar kein Defizit wäre, sondern eine sehr kompetente Lösung - die nur einen hohen Preis hat? Ich (Marian Zefferer) erkläre, was Gunther Schmidts dialektische Hypnosystemik hier anders macht.

Die übliche Reaktion auf Symptome - und warum sie oft nicht hilft

Wenn jemand unter einem Muster leidet - Aufschieberitis, Konfliktvermeidung, Schlafstörungen, Selbstsabotage - ist die naheliegende Reaktion im Coaching: Wir arbeiten daran, dieses Muster zu beseitigen. Analysieren, warum es da ist, einen Plan entwickeln, wie es weggeht.

Das ist verständlich. Und es scheitert erstaunlich oft.

Gunther Schmidt benennt den Grund klar: Wenn man ein Symptommuster als Defizit behandelt, signalisiert man dem Klienten unbewusst, dass ein wichtiger Teil seines Lebens nicht der Rede wert ist - gerade der Teil, in den er aktuell am meisten Energie investiert. Das wird oft als Kränkung erlebt, auch wenn es gut gemeint ist. Der Klient kooperiert nicht wirklich, weil ein entscheidender Teil von ihm noch gar nicht gehört wurde (Schmidt, 2022).

Die Alternative ist ein anderer Blick: Was, wenn dieses Symptom eine kompetente Lösung ist - für ein Problem, das wir noch nicht kennen?

Der Kern: Probleme sind Lösungen mit Preis

Schmidt formuliert das in seinem hypnosystemischen Modell so: Symptommuster entstehen dadurch, dass unwillkürliche Prozesse - schneller und stärker als jeder Wille - etwas "regeln", das auf bewusster Ebene nicht geregelt werden konnte oder durfte (Schmidt, 2022).

Das klingt zunächst abstrakt. Konkret bedeutet es: Jedes Symptom dient irgendeinem Ziel. Es hat eine Funktion, auch wenn diese Funktion auf bewusster Ebene nicht sichtbar ist und auf unbewusster Ebene einen hohen Preis hat.

Wenn jemand in Konflikten die Stimme verliert, könnte das seine Funktion sein: Eskalation verhindern, Loyalität wahren, einen alten Schutz aktivieren. Nicht willkürlich, nicht bewusst - aber aus einer inneren Logik heraus sehr kompetent.

Der Schlüssel ist die Kosten-Nutzen-Analyse, die Schmidt beschreibt: Was leistet dieses Muster? Für welche Ziele? Und: Was kostet es - körperlich, emotional, in Beziehungen?

Wenn man das durchspielt, tauchen oft überraschende Erkenntnisse auf: Das Muster war nie "krank". Es war ein Kompromiss in einer Zwickmühle.

Die Zwickmühle hinter dem Symptom

Das ist das eigentliche Herzstück: Hinter vielen Symptommustern steckt eine Zwickmühle, die die Person noch nicht gelöst hat.

Ein Fallbeispiel: Jemand kommt mit dem Thema Aufschieberitis. Er schiebt seit Jahren wichtige Projekte auf, ärgert sich darüber, hat schon viele Methoden ausprobiert. Was er noch nicht betrachtet hat: Was passiert in seinen relevanten Beziehungen, wenn er tatsächlich liefert? Wenn er sichtbar ist, wenn er erfolgreich ist - wer reagiert dann wie? Manchmal zeigt sich: "Wenn ich das wirklich mache, verliere ich die Nähe zu jemandem, der mich nur dann nah lässt, wenn ich kämpfe."

Das ist keine Bewusstheit, die dieser Mensch hat. Das ist eine unbewusste Logik, die unwillkürlich geregelt wird. Und die Aufschieberitis ist die kompetente - wenn auch teure - Lösung für diesen Konflikt.

Schmidt nennt das "dialektische Hypnosystemik": Die Richtung der Arbeit oszilliert immer zwischen dem Problemerleben und dem Lösungserleben, keine Seite wird ignoriert. Gerade das Problemmuster wird als wichtige Botschaft ernst genommen, nicht weggeredet (Schmidt, 2022).

Sechs Fragen, die das Symptom utilisieren

Wer nach diesem Modell arbeitet, stellt andere Fragen als üblich. Nicht "Wie werden wir das los?" sondern: "Was leistet das für Dich?"

Hier sind sechs Fragen, die in der Praxis hilfreich sind:

1. Was regelt dieses Muster in Deinen Beziehungen? Wie verhalten sich andere Menschen, wenn das Symptom aktiv ist? Was wird einfacher, was schwieriger?

2. Was wäre das Schlimmste, das passieren würde, wenn dieses Muster komplett verschwände? Diese Frage öffnet oft die Zwickmühle. Sie ist keine Provokation - sie ist echtes Interesse an der unbewussten Logik.

3. Für welche Ziele wäre dieses Verhalten in einem anderen Kontext absolut sinnvoll? Kontextualisierung ist der erste Schritt zur positiven Konnotation. Ein Verhalten ist nie grundsätzlich schlecht - es ist manchmal im falschen Kontext aktiviert.

4. Wann läuft das Gegenteil? Was ist in diesen Momenten anders? Ausnahmen sind Lösungserleben in Miniatur. Sie zeigen, dass das Muster nicht zwangsläufig ist.

5. Wenn dieses Muster eine Botschaft an Dich wäre - was würde es sagen? Diese Frage lädt zu einem anderen Verhältnis zum Symptom ein: nicht als Feind, sondern als Signalgeber. Das ist die Verbindung zum Assoziationsprinzip und zur Arbeit mit inneren Anteilen.

6. Was bräuchtest Du, um das, was dieses Muster regelt, auf anderem Weg zu bekommen? Wenn die Funktion klar ist, kann nach Alternativen gesucht werden. Das ist der Übergang in den Lösungsbereich - aber erst nachdem das Symptom wirklich gehört wurde.

Die Verbindung zur positiven Absicht im Coaching, zum Seitenmodell und zum Assoziationsprinzip liegt hier direkt auf der Hand: Alle diese Werkzeuge arbeiten nach derselben Grundlogik - jedes Verhalten hat eine Funktion, und erst wenn wir diese Funktion würdigen, indem wir sie wirklich erleben statt nur beschreiben, kann es sich verändern.

Was das für den Reframing-Prozess bedeutet

Reframing bedeutet in diesem Kontext nicht: eine positive Sichtweise draufkleben. Es bedeutet: den Rahmen wechseln, in dem etwas gesehen wird.

Das ist ein wichtiger Unterschied. "Du bist eigentlich sehr loyal" als Trost für jemanden, der in Konflikten schweigt, ist kein Reframing. Es ist Trost, der das Muster in seiner Funktion unangetastet lässt.

Echtes Reframing passiert, wenn sich der Klient wirklich in einem anderen Kontext sieht - wenn er spürt, dass dasselbe Verhalten aus einer anderen Perspektive tatsächlich Sinn macht. Das ist eine innere Verschiebung, keine Aussage von außen. Und sie öffnet Spielraum, wo vorher keiner war.

Dafür braucht es oft einen Schritt der Würdigung zuerst: Das Muster bekommt Recht. Nicht das Leid, das es erzeugt - aber die Kompetenz, die darin steckt.

Drei Beispiele aus dem Coaching-Alltag

Schlafstörungen: Jemand schläft seit Monaten schlecht. Standardfrage: "Wie könntest Du besser einschlafen?" Die Systemfrage: "Was passiert in der Nacht, das am Tag nicht passieren darf? Welchen Raum gibt Dir die Schlaflosigkeit?" Manchmal ist die Nacht der einzige Ort, wo dieser Mensch ganz bei sich ist, allein, ungestört. Die Schlafstörung ist die kompetente - wenn auch teure - Lösung für zu wenig Raum.

Aufschieberitis: Jemand schiebt sein wichtigstes Projekt immer wieder auf. Systemfrage: "Was würde sich verändern, wenn Du dieses Projekt wirklich abschließt? In Deinen Beziehungen, in Deiner Rolle, in dem, was andere von Dir erwarten?" Manchmal ist das Unfertige der einzige Schutz vor Kritik, vor Sichtbarkeit, vor Veränderung.

Konfliktvermeidung: Jemand geht Konflikten aus dem Weg, auch wenn er dabei dauerhaft Schaden nimmt. Systemfrage: "Wann in Deiner Geschichte war es wirklich wichtig, nicht zu eskalieren? Wessen Frieden hast Du damit bewahrt?" Der Schutz, der damals nötig war, ist heute noch aktiv - ohne dass sein Ursprung bemerkt wurde.

In allen drei Fällen ist das Symptom kein Defizit. Es ist ein Lösungsversuch in einer Situation, die sich verändert hat. Der Klient braucht keine "Reparatur" - er braucht neue Möglichkeiten für dasselbe Ziel.

Verbindung zum Reframing in der Hypnose

Das, was Schmidt dialektische Hypnosystemik nennt, ist im Kern eine erweiterte Form von Reframing in der Hypnose. Der Unterschied zur klassischen positiven Konnotation: Schmidt geht noch einen Schritt weiter und fragt systematisch nach den Beziehungsauswirkungen. Er denkt nicht nur in Anteilen, sondern in systemischen Wechselwirkungen.

Das macht den Ansatz besonders stark für Themen, die in früheren Coaching-Ansätzen nicht aufgegangen sind - weil die systemische Ebene noch nicht angeschaut wurde.

Wenn Du mit diesem Modell vertraut werden willst: Das Hypnose-Practitioner gibt Dir das methodische Fundament, um mit positiver Konnotation, Seitenmodell und systemischen Fragen zu arbeiten. Erste Übungen zu diesen Prinzipien findest Du im Hypnose-Workbook.

Häufige Fragen

Bedeutet das, ich soll meinem Klienten sagen, sein Symptom sei eigentlich gut?

Nein. Es geht nicht darum, das Leid kleinzureden. Sondern darum, hinter dem Leid die Funktion zu sehen, die das Muster hat - und damit Spielraum zu schaffen, wo vorher Sackgasse war. Das Leid ist real. Und es gibt trotzdem eine Logik dahinter.

Was ist, wenn der Klient die Funktion seines Symptoms nicht sieht?

Das ist normal - und kein Problem. Die Funktion ist oft unbewusst. Die Fragen, die dabei helfen, sind indirekt: Was würde sich verändern, wenn das Muster verschwände? Was wäre das Schlimmste daran? Wann ist das Muster besonders stark - und was ist in diesen Situationen besonders auf dem Spiel?

Ist dieser Ansatz nur für schwere Probleme geeignet?

Nein. Das Prinzip gilt für kleine Alltagsmuster genauso: Warum greife ich gerade jetzt zu Süßigkeiten? Was regelt das gerade? Das ist keine Vertiefungsintervention, das ist ein anderer Blick - anwendbar überall.

Widerspricht das dem Zielorientierungs-Prinzip im Coaching?

Nein, es erweitert es. Klassisches Coaching fragt: Was ist Dein Ziel? Schmidt ergänzt: Was sind alle Ziele - auch die, die Du offiziell gar nicht nennen würdest? Erst wenn beide Seiten im Bild sind, kann ein wirklich stimmiges Ziel entwickelt werden.

Wie verhält sich das zu Coachings, bei denen es keine offensichtliche "Funktion" des Problems gibt?

Schmidt macht deutlich: Es gibt immer eine Funktion - auch wenn sie sehr alt, sehr unbewusst und sehr klein ist. Manchmal ist die Funktion nur noch ein Echo aus einem Kontext, der längst nicht mehr existiert. Dann ist die Arbeit: den alten Kontext würdigen und den neuen Spielraum sichtbar machen.

Quelle

  • Schmidt, G. (2022). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Carl-Auer Verlag GmbH.
Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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