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Positive Absicht im Coaching - die unsichtbare Tür
Stell Dir ein Kind vor, anderthalb Jahre alt. Es bewirft ein anderes Kind mit Sand. Denkst Du "gewalttätig veranlagt"? Wahrscheinlich nicht. Du nimmst eine harmlose Absicht an. Es probiert einfach aus.
Macht ein Erwachsener dasselbe, ist Deine erste Annahme eine andere. Das Verhalten ist identisch. Verschoben hat sich nur, was Du unterstellst.
Genau dieser Hebel, was wir einem Verhalten an Absicht zuschreiben, lässt sich im Coaching gezielt nutzen. Eine Frage reicht, und ein festgefahrenes Gespräch beginnt sich zu bewegen. Ich (Marian Zefferer) habe sie immer dabei.
Die eine Frage
Die Frage lautet: "Was ist die positive Absicht hinter diesem Verhalten?"
Sie sieht harmlos aus. Tatsächlich enthält sie zwei Präsuppositionen. Erstens: dass es eine Absicht gibt. Zweitens: dass sie positiv ist. Beides muss der Klient nicht glauben, um die Frage beantworten zu können. Es reicht, wenn er sie ernst nimmt.
Beim ersten Mal kommt oft: "Keine Ahnung. Ich bin halt so." Das ist normal. Du bleibst dran. Dein Pacing-Satz: "Ich verstehe. Trotzdem mal nur hypothetisch, angenommen, da wäre eine positive Absicht. Was könnte das sein?"
Drei Beispiele aus dem Coaching
Cholerischer Chef. Was könnte die positive Absicht hinter seinem cholerischen Verhalten sein? Vielleicht ist ihm das Unternehmen wichtig, und er kann seine Sorge nur emotional ausdrücken. Vielleicht hat er Angst, dass etwas Wichtiges verloren geht. Sobald die Mitarbeiterin diese Möglichkeit sieht, ist der Chef nicht mehr nur das Monster. Er ist ein Mensch, dem etwas wichtig ist. Das verändert nicht ihn. Es verändert ihre Reaktion.
Wiederkehrendes Schokoladenessen. Welche positive Absicht könnte dahinter stehen? Vielleicht Belohnung, vielleicht Ruhepause, vielleicht ein Ersatz für etwas, das im Leben gerade fehlt. Sobald der Klient den Bedarf sieht, kann er ihn anders decken. Solange das Verhalten nur ein "Versagen" ist, gibt es nichts, was sich anders erfüllen ließe.
Dreimal abgenommen, dreimal zugenommen. Was könnte die positive Absicht hinter dem Zunehmen sein? Vielleicht hat das System sich so vor einer noch größeren Krise geschützt, etwa vor einer Erkrankung, die in einer stressigen Phase wahrscheinlicher gewesen wäre. Vielleicht war das Zunehmen die langsame Variante, statt einer schnellen Eskalation.
Du gibst die Antwort nicht vor. Der Klient gibt sie. Genau deshalb wirkt die Frage. Würdest Du die Antwort nennen, wäre es eine Behauptung. Findet er sie selbst, ist es eine Erkenntnis.
Wie Du die Frage stellst
Drei kleine Tipps machen den Unterschied.
1. Hypothetisch anbieten. Stell die Frage nicht als Behauptung, sondern als Hypothese: "Mal ganz hypothetisch angenommen, da wäre eine positive Absicht..." Damit nimmst Du dem Klienten den Druck, die Existenz beweisen zu müssen.
2. Zeit lassen. Nach der Frage kommt oft Stille. Halte sie aus. Sieben Sekunden Stille fühlen sich für Dich lang an, für den Klienten meist nicht. Er denkt.
3. Bei der ersten flachen Antwort nachfragen. Wenn der Klient sagt "Keine Ahnung" oder "Ist halt einfach so", sag ruhig: "Ja. Und wenn da etwas wäre, was wäre das?" Erst beim zweiten oder dritten Anlauf kommt oft die ehrliche Antwort.
Was unter der Oberfläche passiert
Die Frage nach der positiven Absicht ist keine Wundermechanik. Sie aktiviert drei der acht hypnotischen Prinzipien gleichzeitig: Assoziation, Aufmerksamkeit und Sinnesaktivierung.
Assoziation. Solange ein Klient sagt "ich rauche halt", ist er identisch mit dem Verhalten. Mit der Frage nach der positiven Absicht muss das Bewusstsein einen Schritt zurücktreten. Es schaut das Verhalten von außen an. Damit wechselt der Klient den Anteil, mit dem er sich identifiziert. Eben war er der Raucher. Jetzt ist er der Beobachter, der eine Vermutung anstellt. Das ist exakt der Effekt, den auch das Seitenmodell im Coaching erzeugt.
Aufmerksamkeit. Vor der Frage liegt die Aufmerksamkeit auf dem Verhalten und seinen Folgen. Ich rauche. Es ist schädlich. Ich sollte aufhören. Das ist eine festgelegte Schleife. Die Frage öffnet einen anderen Raum. Der Klient schaut hinter das Verhalten. Was bringt es mir? Welcher Bedarf wird hier gedeckt? Aufmerksamkeit verschoben, innerer Zustand verschoben.
Sinnesaktivierung. Wenn der Klient antwortet "Ich glaube, das ist die einzige Pause, die ich mir gönne", ist das nicht nur eine Erkenntnis. Es ist eine Erinnerung. Er sieht innerlich Bilder, hört vielleicht die Stille zwischen zwei Telefonaten, spürt die kurze Entspannung in den Schultern. Eine Erkenntnis ohne Sinnesaktivierung bleibt akademisch. Eine Erkenntnis mit Sinnesaktivierung wird zur Veränderung.
Du musst diese drei Prinzipien nicht im Kopf nachverfolgen. Du erkennst, dass sie aktiv sind, an drei äußeren Zeichen: der Klient wird langsamer, sein Blick verliert den Fokus, und es kommen konkrete Bilder statt allgemeiner Aussagen. Wenn alle drei eintreten, ist die Frage angekommen.
Warum Du wenig vorgeben solltest
Aus den drei Prinzipien ergibt sich eine wichtige Konsequenz für Deinen Stil als Coach: gib so wenig wie möglich vor.
Wenn Du selbst sagst "Vielleicht ist das Rauchen ja eine Pause für Dich", hast Du dem Klienten alle drei Prinzipien aus der Hand genommen. Er muss seine Aufmerksamkeit nicht verschieben, denn Du hast den neuen Ort schon vorgegeben. Er muss keine Sinneseindrücke aktivieren, denn Du hast die Erkenntnis fertig serviert. Das wirkt für den Moment freundlich und kompetent. In Wahrheit hast Du den Trance-Effekt verpuffen lassen.
Die wirksame Form der Frage ist fast immer leer und offen: "Was könnte das sein?" Mehr nicht. Pause. Warten. Der Klient ist die Autorität für sein eigenes Erleben. Du machst ihm nur ein Angebot, einen Raum zu betreten, den er selbst füllt.
Eine Mini-Übung für Dich
Nimm Dir ein eigenes Verhalten, das Du gerne ändern würdest.
Setz Dich hin, schließ kurz die Augen, und stell Dir die Frage: "Welche positive Absicht könnte hinter diesem Verhalten stehen?"
Achte darauf, was passiert: in welchem Anteil von Dir bist Du gerade? Wo geht Deine Aufmerksamkeit hin? Welche Bilder, Geräusche, Körperempfindungen tauchen auf?
Diese drei Beobachtungen sind nicht akademisch. Sie sind das Werkzeug. Wenn Du sie bei Dir selbst spürst, kannst Du sie bei anderen wiedererkennen.
Zum Weiterlesen
- Der zweite Hebel: Konsequenz-Frage im Coaching
- Die Sprachebene dahinter: Präsuppositionen in der Hypnose
- Der parallele Sprachzugang: Seitenmodell im Coaching
- Eines der drei Prinzipien im Detail: Aufmerksamkeit in der Hypnose
- Eng verwandt: Hypothetische Fragen als Trance-Induktion
- Die Position dahinter: State- vs. Non-State-Theorie der Hypnose
Dein nächster Schritt
Die Frage nach der positiven Absicht ist in jedem Coaching-Setting sofort einsetzbar. Im kostenlosen Hypnose-Workbook findest Du Übungen zu Frageformen und Präsuppositionen.
In der Hypnose-Practitioner-Ausbildung trainieren wir die Frage an echten Coachingfällen, bis sie schneller in Dir auftaucht als die Erklärung dazu.
Fazit
Die positive Absicht ist keine Frage. Sie ist drei Prinzipien gleichzeitig.
Assoziation verschiebt sich, weil das Bewusstsein einen neuen Anteil einnehmen muss, um die Frage zu beantworten. Aufmerksamkeit verschiebt sich, weil ein neuer Raum aufgemacht wird, hinter das Verhalten zu schauen. Sinnesaktivierung setzt ein, sobald der Klient seine Antwort wirklich findet, in Bildern, Geräuschen und Körpergefühl.
Mal angenommen, Du würdest in Deinem nächsten Coaching alle drei Prinzipien gleichzeitig im Blick haben: was würdest Du dann anders hören als bisher? Und was würdest Du, vielleicht zum ersten Mal, sehen, was schon da war?
Siehe auch
- Präsuppositionen - was ein Satz suggeriert, ohne es zu sagen
- Hypnose im Coaching – Wie wird Hypnose im Coaching-Prozess angewendet? — Erfahre, wie Hypnose im Coaching-Prozess eingesetzt wird, um persönliches Wachstum und Veränderungen zu fördern. Entd...
- Pacing und Leading - wie Du Menschen wirklich erreichst
- Hypothetische Fragen - die einfachste Trance-Induktion
- Rapport und Erwartung — warum Hypnose ohne Beziehung nichts bewirkt — Terhune et al. 2017 zeigen: Rapport aktiviert die preparedness to respond, die eigentliche Wirkungsmaschine in Hypnos...
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.