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Seitenmodell im Coaching - eine Seite von mir
Eine Klientin saß in den ersten zehn Minuten Coaching mir gegenüber und sagte: "Ich bin eine Versagerin. Ich bin zu blöd für diese Welt. Ich krieg nichts auf die Reihe."
Ich (Marian Zefferer) habe nicht widersprochen. Ich habe nur paraphrasiert, mit einem winzigen Eingriff:
"Wenn ich Dich richtig verstehe, sagt eine Seite in Dir, dass das, was Du gemacht hast, total dämlich war. Und eine Seite in Dir denkt: das musst Du endlich besser hinbekommen."
Eine Minute später sagte sie selbst: "Eine Seite von mir glaubt, dass es nicht mehr geht." Das Problem war nicht weg. Aber sie war nicht mehr identisch damit.
Das ist das Seitenmodell in seiner kürzesten Form. Vier Worte. Eine große Verschiebung. Hier kommt, warum es funktioniert und warum es in jedem ernstzunehmenden Coaching-Modell wieder auftaucht.
Was ist das Seitenmodell?
Das Seitenmodell ist die Bezeichnung, die im hypnosystemischen Ansatz nach Gunther Schmidt verwendet wird. Im NLP heißt das gleiche Konzept Teile-Modell. Beide beschreiben das Gleiche: ein Mensch ist nicht eine einzelne Stimme. Er ist ein Chor. Wer das ausspricht, und sei es nur durch die Formulierung eine Seite von mir oder ein Teil in mir, macht den Klienten zum Beobachter dieses Chores. Damit ist er nicht mehr dieselbe Person, die er eben noch war.
Sprachlich liegt im Wort eine eine Präsupposition: wenn es eine Seite gibt, gibt es zwingend andere. Du musst diese anderen Seiten nicht benennen. Das Unbewusste registriert sie automatisch. Genau dieser Effekt erzeugt die Bewegung.
Andere Schulen, gleiches Prinzip
Das Seitenmodell ist weder eine Marian-Erfindung noch ein Gunther-Schmidt-Patent. Praktisch jede große Schule der Psychologie hat eine Version davon. Hier sind die wichtigsten in der Reihenfolge, in der Du ihnen wahrscheinlich begegnen wirst.
Teile-Modell (NLP) Im NLP wird vom Teile-Modell gesprochen. Jeder Mensch besteht aus verschiedenen Teilen, von denen jeder eine eigene positive Absicht verfolgt. Konflikte zwischen Teilen lassen sich durch sogenannte Teile-Arbeit klären. Inhaltlich ist das Teile-Modell dem hypnosystemischen Seitenmodell sehr nahe. Es ist im Wesentlichen dasselbe Konzept in zwei Vokabularien.
Inneres Team (Friedemann Schulz von Thun) Der Hamburger Kommunikationspsychologe beschreibt jedes Ich als Team verschiedener innerer Mitglieder, die in einer Konferenz miteinander reden. Der Coach moderiert das Team. Sehr nützlich, wenn ein Klient zwischen Optionen schwankt.
Ego-State-Therapie (John und Helen Watkins) Die Watkins haben in den 1970er Jahren eine eigene Therapieform daraus entwickelt: jeder Mensch hat verschiedene Ich-Zustände, die in unterschiedlichen Lebensphasen entstanden sind. Manche sind ressourcenreich, manche traumatisiert. Therapie heißt: mit den einzelnen Anteilen direkt arbeiten, nicht mit der Person als Ganzes.
Transaktionsanalyse (Eric Berne) Berne unterscheidet drei Ich-Zustände: das Eltern-Ich (das, was Du von Bezugspersonen übernommen hast), das Erwachsenen-Ich (Deine reale Bewertung der Lage) und das Kind-Ich (Deine frühen Gefühle und Reaktionen). Wer in einem Konflikt redet, redet immer aus einem dieser drei Zustände, und das Gegenüber antwortet aus einem.
Strukturmodell der Psyche (Sigmund Freud) Das älteste Modell. Freud unterscheidet drei Instanzen: das Es (Triebe und Wünsche), das Ich (Realität) und das Über-Ich (verinnerlichte Normen). Auch hier ist der Mensch nicht eine, sondern eine Aushandlung zwischen Stimmen.
Internal Family Systems (Richard Schwartz) Eine modernere amerikanische Schule. Schwartz spricht von verschiedenen Parts in einem inneren Familiensystem, die sich gegenseitig in Schach halten oder ausgleichen. Jedes Verhalten hat einen Part, der es als sinnvoll erlebt, inklusive der Verhaltensweisen, die der Klient eigentlich ändern will.
Was alle teilen: der Mensch ist nicht ein einzelnes Selbst. Er ist ein Verbund. Und Veränderung geschieht dort, wo dieser Verbund sich neu sortiert.
Warum die Sprache wirkt
Wenn Du "ich bin eine Versagerin" sagst, gibt es nichts außerhalb der Aussage. Du bist es. Punkt.
Wenn Du "eine Seite von mir glaubt, ich bin eine Versagerin" sagst, hast Du Dir einen Beobachter gegeben. Es gibt jemanden, der die Aussage hört. Und diese Beobachter-Position ist immer stabiler als jede Inhalt-Position. Genau diese Verschiebung ist der Trance-Effekt im Sinne der Non-State-Theorie.
Vier Anwendungsfelder mit je einem Beispielsatz
Im Selbstgespräch Ich kann das nicht. -> Eine Seite von mir traut sich das gerade nicht zu.
Im Coaching oder in der Therapie Ich bin eine Versagerin. -> Eine Seite von Dir denkt im Moment, dass Du eine Versagerin bist. Eine andere Seite hat Dich heute hierher gebracht.
In der Mitarbeiterführung Du willst das Projekt nicht. -> Eine Seite von Dir möchte das Projekt abgeben. Ich versuche herauszufinden, welche.
In der Erziehung Du bist gerade unmöglich. -> Eine Seite von mir tut sich gerade sehr schwer, mit Dir zu reden.
In jedem dieser Sätze passiert dasselbe: aus dem Sein wird ein Sehen. Und aus einem Sehen wird Bewegung.
Eine Mini-Übung für Dich
Hör Dir in den nächsten 24 Stunden zu, wenn Du selbst etwas Hartes über Dich denkst.
Nimm den Satz, so wie er gerade gedacht wurde, und schreib ihn auf. Dann formulier ihn um, sodass er mit eine Seite von mir beginnt.
Lies beide Versionen laut. Welche fühlt sich anders an? Was wird möglich in dem Satz mit eine Seite von mir, das vorher nicht möglich war?
Zum Weiterlesen
- Eng verwandt: Gunther Schmidt - der Pionier der Hypnosystemik
- Die Sprachebene dahinter: Präsuppositionen in der Hypnose
- Wie Du dort hinkommst: Pacing und Leading in der Hypnose
- Warum Worte unter der Oberfläche wirken: Eingebettete Suggestionen und analoges Markieren
- Die Position dahinter: State- vs. Non-State-Theorie der Hypnose
- Im Coaching anwenden: Hypnose im Coaching
Dein nächster Schritt
Das Seitenmodell ist eine der schnellsten Sprachverschiebungen in der Konversationshypnose. Im kostenlosen Hypnose-Workbook findest Du erste Übungen zur Sprachpräzision.
In der Hypnose-Practitioner-Ausbildung trainieren wir das Seitenmodell an echten Klientensätzen, bis Du es spontan einsetzt, ohne nachzudenken, ob es gerade passt.
Fazit
Vier Worte und ein Selbstbild verschiebt sich. Eine Seite von mir.
Das Seitenmodell ist kein Trick und kein Mythos. Es ist die Sprache eines alten Wissens, das im NLP, bei Schmidt, Schulz von Thun, Watkins, Berne, Freud und Schwartz auf jeweils eigene Weise formuliert wurde: ein Mensch ist ein Chor, und Veränderung passiert, wenn der Chor sich neu sortiert.
Mal angenommen, Du würdest ab heute jeden Satz, der mit "ich bin..." anfängt, einmal probeweise umformulieren in "eine Seite von mir glaubt..." - was würde sich an Deiner inneren Stimme verändern? Und was würde dadurch in den nächsten Wochen anders möglich sein?
Siehe auch
- Hypnose im Coaching – Wie wird Hypnose im Coaching-Prozess angewendet? — Erfahre, wie Hypnose im Coaching-Prozess eingesetzt wird, um persönliches Wachstum und Veränderungen zu fördern. Entd...
- Rapport und Erwartung — warum Hypnose ohne Beziehung nichts bewirkt — Terhune et al. 2017 zeigen: Rapport aktiviert die preparedness to respond, die eigentliche Wirkungsmaschine in Hypnos...
- Hypothetische Fragen - die einfachste Trance-Induktion
- Gunther Schmidt: Der Pionier der Hypnosystemik — Gunther Schmidt: Der Pionier der Hypnosystemik
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.