Zwei gleichwertige Seiten einer Ambivalenz, visualisiert als Balance oder Brücke
Ambivalenz im Coaching - zwei gleichberechtigte Seiten würdigen statt Druck aufbauen.

Ambivalenz im Coaching auflösen: Schmidts Methode praktisch

Sechs Wochen Coaching, dasselbe Thema, kein Schritt vorwärts. Der Klient will kündigen - und kann es nicht. Jede Session endet mit einem guten Plan, der nächste Montag beginnt und am Mittwoch schon wieder begraben ist. Nicht weil er es nicht ernst meint. Sondern weil zwei sehr kompetente Teile in ihm gleichzeitig Recht haben. Ich (Marian Zefferer) erkläre, was Gunther Schmidt dazu sagt und wie sein Ambivalenzcoaching-Ansatz praktisch aussieht.

Was Ambivalenz wirklich bedeutet

Ambivalenz wird im Coaching-Alltag oft als Hindernis erlebt. Der Klient "will nicht wirklich", er "sabotiert sich selbst", er ist "noch nicht bereit". Diese Einschätzungen klingen nach Diagnose - und sie führen meistens in die Sackgasse.

Gunther Schmidt schlägt einen anderen Blick vor: Ambivalenz ist kein Zeichen von Schwäche oder mangelnder Entschlossenheit. Sie ist ein Indikator dafür, dass zwei Teile eines Menschen gleichzeitig legitime, wichtige Ziele verfolgen - und dass diese Ziele in der aktuellen Situation noch nicht kompatibel gemacht wurden (Schmidt, 2022).

Beide Seiten haben Recht. Beide haben Energie. Beide haben Geschichte.

Wer das versteht, hört das "Ich will - und kann nicht" ganz anders. Nicht als Widerstand gegen den Coaching-Prozess, sondern als Information über eine Zwickmühle, die noch nicht gelöst ist.

Der Zusammenhang mit Symptomen als Lösungsversuchen

Schmidt entwickelt das Ambivalenzcoaching im direkten Anschluss an sein Modell der Symptome als Lösungsversuche (Kap. 8.2.6 und 8.2.7 in Schmidt, 2022). Die Verbindung ist direkt: Wenn Symptome kompetente Lösungsversuche für versteckte Ziele sind, dann ist Ambivalenz oft das Signal, dass diese versteckten Ziele noch nicht in den Auftrag integriert wurden.

Ein Klient kommt mit dem offiziellen Ziel: "Ich will kündigen." Was er noch nicht ausgesprochen hat: "Aber meine Kollegin zählt auf mich. Meine Eltern würden das nicht verstehen. Und ohne diesen Job weiß ich nicht mehr, wer ich bin."

Diese drei Punkte sind nicht irrational. Sie sind sehr legitime Anliegen - sie wurden nur noch nicht in das Bild aufgenommen.

Wenn man auf das offizielle Ziel zusteuert, ohne diese anderen Anliegen zu würdigen, geht der Klient raus mit einem guten Plan - und kommt nächste Woche mit demselben Problem zurück. Weil der Teil, der "nicht kann", nie gehört wurde.

Schmidt hat dafür den Begriff Ambivalenzcoaching geprägt: "würdigende Behandlung der Ambivalenzen" als expliziter Schritt im Coaching-Prozess (Schmidt, 2022).

Der hypnosystemische Workflow in sechs Schritten

Schritt 1: Beide Seiten benennen lassen. Nicht "Was hält Dich zurück?" - das fragt nach dem Hindernis. Sondern: "Was will der Teil in Dir, der kündigen möchte? Und was will der Teil, der es nicht tut?" Beide Seiten bekommen gleiches Gewicht, gleiches Interesse, gleiche Neugier.

Schritt 2: Beide Seiten separieren. Eine bewährte Technik aus dem Seitenmodell: Beide Seiten bekommen einen Platz im Raum, eine Körperhaltung, eine Stimme. Der Klient kann zwischen ihnen wechseln, spricht aus jeder Seite heraus, nicht über sie. Das macht einen gewaltigen Unterschied - weil man etwas fühlt, statt es zu analysieren. Genau hier ist das Assoziationsprinzip aktiv: Wer in eine Seite eintaucht, statt sie von außen zu betrachten, erlebt sie mit einer anderen Intensität und Wahrhaftigkeit.

Schritt 3: Jede Seite vollständig hören. Was will diese Seite wirklich? Nicht nur die oberflächliche Antwort, sondern: Für welches tiefere Bedürfnis steht sie? Was wäre gefährdet, wenn sie nicht gehört würde? Hier hilft die Frage nach der positiven Absicht: Was ist das Beste, was diese Seite für den Menschen will?

Schritt 4: Die Kosten und den Preis beider Seiten anschauen. Was kostet es, auf Seite A zu folgen? Was kostet es, bei Seite B zu bleiben? Diese Frage ist nicht rhetorisch - es gibt keinen kostenlosen Weg. Beide Entscheidungen haben Konsequenzen, und beide können legitim sein.

Schritt 5: Nach dem gemeinsamen Ziel suchen. Hier beginnt der eigentliche Kern. Schmidt beschreibt es als das Finden einer "Sowohl-als-auch"-Lösung (Schmidt, 2022): Was ist das übergeordnete Ziel, dem beide Seiten dienen - nur mit unterschiedlichen Mitteln? Wenn das gefunden ist, müssen die Seiten nicht mehr gegeneinander kämpfen. Sie können kooperieren.

Schritt 6: Neue Möglichkeiten entwickeln. Wenn das übergeordnete Ziel klar ist, können neue Wege gesucht werden, die dieses Ziel auf eine Art erreichen, die beide Seiten einbeziehen. Das ist keine Kompromisslösung, bei der jeder verliert - das ist eine Integration, bei der ein dritter Weg entsteht.

Beispiel: Der Klient, der kündigen will

Nehmen wir das Einstiegs-Beispiel. Der Klient will kündigen, hat das seit Monaten nicht getan.

Seite A (will kündigen): Ich bin erschöpft, ich wachse nicht mehr, ich verliere mich in diesem Job, ich will mehr vom Leben.

Seite B (bleibt): Meine Kollegin braucht mich. Meine Familie rechnet damit, dass ich liefere. Ohne diesen Job bin ich jemand anderes.

Was ist das gemeinsame Ziel beider Seiten? In diesem Fall: "Ich will Integrität - zu meinen eigenen Bedürfnissen und zu meinen Beziehungen."

Beide Seiten kämpfen für Integrität - nur mit unterschiedlichen Mitteln und Prioritäten. Wenn das klar wird, ändert sich der Auftrag. Nicht mehr "Kündigen ja oder nein?" - sondern: "Wie kann ich integer handeln, ohne jemanden zu verraten - auch mich selbst nicht?"

Das ist eine lösbare Frage. Die erste war es nicht.

Der häufigste Fehler: eine Seite bevorzugen

Der häufigste Fehler im Ambivalenzcoaching: Der Coach - oder die coachende Person - macht sich unbewusst zur Verbündeten einer Seite. "Du weißt doch, was richtig ist", "Du verdienst Besseres", "Hör auf Deinen Bauch."

Das klingt unterstützend. Es ist aber eine Entwertung der anderen Seite - die genauso real, genauso berechtigt, genauso energetisch ist. Die Folge: Der Klient geht nach Hause mit dem Gefühl, jetzt müsste er kündigen, weil sein Coach das für richtig hält. Nicht weil er wirklich ready ist.

Das Ergebnis ist bekannt: nächste Woche dasselbe Thema.

Schmidt betont: Rückfälle und Stillstand im Coaching sind oft Signale, dass die Ambivalenz noch nicht wirklich aufgelöst ist. Kein Widerstand, keine schlechte Zusammenarbeit - sondern ein Hinweis, dass ein Teil noch nicht gehört wurde (Schmidt, 2022).

Die Verbindung zu hypnotischer Kommunikation

Ambivalenzcoaching ist hypnotisch im Kern des Begriffs. Es arbeitet direkt mit der Aufmerksamkeitsfokussierung: Welche Seite bekommt gerade die Aufmerksamkeit? Und: Wie kann man beide Seiten gleichzeitig aktivieren, ohne eine zu beschämen? Das Assoziationsprinzip spielt auch auf dieser Ebene eine Rolle: Wer eine Seite beschreibt, ohne in sie einzutauchen, bleibt distanziert - wer aus ihr heraus spricht, erlebt sie als lebendige Wirklichkeit. Genau das macht die Arbeit an Ambivalenzen qualitativ anders als eine kognitive Analyse.

Das Sowohl-als-auch-Prinzip - das Schmidt als Gegenstück zur binären Entweder-oder-Logik einführt - ist auch in der Erickson'schen Hypnotherapie zentral. Im Trancezustand lösen sich Widersprüche leichter auf, weil das fließend-bildhafte Denken Sowohl-als-auch-Lösungen zugänglicher macht als das analytische Alltagsbewusstsein.

Im Coaching-Kontext bedeutet das: Techniken wie Visualisierungen, Körperarbeit oder das explizite Erleben beider Seiten sind nicht nur methodische Hilfsmittel - sie nutzen neurobiologische Mechanismen, die das Entweder-oder-Denken auflösen.

Praxis-Hinweis: Wann du das Modell brauchst

Du erkennst, dass Ambivalenzcoaching das richtige Werkzeug ist, wenn:

  • ein Klient immer wieder mit demselben Thema kommt, ohne dass sich etwas bewegt
  • jeder neue Plan zwar gut klingt, aber nicht umgesetzt wird
  • der Klient sagt: "Ich weiß, was ich tun sollte - und ich tue es trotzdem nicht"
  • spürbar ist, dass es eine "Aber"-Energie gibt, die nicht ausgesprochen wird

Das sind keine Zeichen schlechter Motivation. Das sind Einladungen, tiefer zu schauen.

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Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Ambivalenz und echtem Nicht-Wollen?

Eine echte Entscheidung gegen etwas fühlt sich anders an als Ambivalenz. Bei echter Entscheidung ist der Klient ruhig, klar, es ist keine Energie mehr im Thema. Bei Ambivalenz zieht immer noch beides - Anspannung, Unruhe, Kreisen. Das ist der Unterschied.

Kann man Ambivalenz auch alleine auflösen, ohne Coach?

Ja - aber es ist schwerer, weil man leicht in die stärkere Seite hineingezogen wird und die andere verkleinert. Eine Methode: Beide Seiten explizit schriftlich zu Wort kommen lassen, jede vollständig ausreden lassen. Dann nach dem gemeinsamen Ziel fragen.

Was ist, wenn beide Seiten gleichwertige Argumente haben?

Das ist der Normalfall - und das ist gut so. Es bedeutet, dass beide Seiten wirklich wichtig sind. Dann ist nicht die Frage "Welche hat Recht?" sondern "Welche Lösung würdigt beide?"

Wie lange dauert Ambivalenzcoaching?

Das hängt davon ab, wie tief die Ambivalenz verankert ist. In einfachen Fällen kann eine einzige Session das Bild verändern. In komplexen Situationen, wo die Ambivalenz viele Beziehungsebenen berührt, ist es ein längerer Prozess. Das Tempo ist immer das des Klienten.

Was, wenn ein Klient gar nicht ambivalent sein will - er will einfach eine Entscheidung?

Das ist ernst zu nehmen. Wenn jemand klar ist und wirklich nur eine Entscheidung treffen möchte, braucht es kein Ambivalenzcoaching. Wenn aber jemand eine Entscheidung will und sie trotzdem nicht trifft, kann das ein Hinweis sein: Vielleicht besteht die Ambivalenz gar nicht in der ursprünglichen Frage - sondern in einer tieferen Ebene, nämlich zwischen "Ich will mich entscheiden" und "Ich will mich (noch) nicht entscheiden". Auch das ist eine Ambivalenz. In dem Fall macht es Sinn, sie zu benennen - aber nie aufzuzwingen. Die Aufgabe ist immer: Ambivalenz sehen, wenn sie da ist. Nicht: Ambivalenz dort einführen, wo sie nicht gefragt ist.

Quelle

  • Schmidt, G. (2022). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Carl-Auer Verlag GmbH.
Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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