Inhaltsverzeichnis
- Warum bildhafte Sprache der Reifen am Auto ist
- Übung 1: Sprich zu einem Siebenjährigen, den Du kennst
- Übung 2: Häng „Das ist wie ..." hinten dran
- Übung 3: Nimm Dich auf und lies mit
- Der Test: Ist ein Film entstanden?
- Wo bildhafte Sprache kippt
- Welche Prinzipien hier arbeiten
- Häufige Fragen
- Fazit
- Quelle
Bildhaft sprechen lernen: 3 Übungen, die sofort greifen
In der Familienintensivbetreuung habe ich (Marian Zefferer) einmal längere Zeit mit einem Vierzehnjährigen gearbeitet. Er war umgänglich, er wirkte reflektiert, und er hat genickt, wenn ich ihm etwas erklärt habe. Er hat auch gelächelt. Ich habe das jedes Mal als Verständnis gelesen.
Irgendwann ist mir aufgefallen, dass meine verschachtelten Sätze bei ihm nie angekommen sind. Er war einfach sehr gut darin, das Nicken hinzubekommen. Von dem, was ich in Nebensätzen verpackt hatte, war bei ihm praktisch nichts.
Danach habe ich meine Sätze geprobt. Maximal sechs Wörter pro Satz. Schreib das mal auf, wenn Du es für einfach hältst. Es war das härteste Sprachtraining meines Lebens und das beste.
Seitdem weiß ich: Bildhaftes Sprechen ist eine Fertigkeit. Sie hat nichts mit Kreativität zu tun und nichts mit Talent. Sie hat mit Übung zu tun.
Ich habe dazu ein kurzes Video aufgenommen. Wenn Du lieber zuhörst:
Warum bildhafte Sprache der Reifen am Auto ist
Bildhafte Sprache ist so wie die Reifen fürs Auto. Alles andere ist teurer. Motor, Getriebe, Lack. Ohne Reifen geht es trotzdem nicht.
Genauso ist es mit den Werkzeugen der Hypnose. Induktionen, Pacing, Präsuppositionen, Doppelbindungen, das alles klingt beeindruckender. Wenn Deine Sprache keine Bilder macht, läuft nichts davon.
Der Grund liegt daran, wie Suggestion arbeitet. Ein Klient kann eine Anweisung nicht befolgen, die er nicht erlebt. „Du wirst gelassener" ist eine Behauptung. Sie lässt sich kaum erleben. „Du gehst durch das Gespräch wie durch einen Wald am frühen Morgen, jeder Schritt sitzt" ist etwas, das im Kopf passiert, während Du es hörst.
Deshalb steht die Sinnesaktivierung so weit vorne in meinen 8 hypnotischen Prinzipien. Und deshalb funktioniert Wachhypnose überhaupt: Sie braucht keine geschlossenen Augen, weil das Bild die Arbeit macht.
Was in diesem Artikel folgt, sind drei Übungen. Ich benutze sie selbst, und ich gebe sie in jeder Ausbildung weiter. Jede greift innerhalb von Minuten.
Übung 1: Sprich zu einem Siebenjährigen, den Du kennst
Stell Dir vor, Du erklärst es einem Siebenjährigen. Automatisch wirst Du bildhafter.
Der Teil, den die meisten weglassen, ist der wichtige: Nimm einen echten Siebenjährigen. Ein Kind, das Du kennst. Dein Neffe, das Nachbarskind, Deine Tochter. Stell Dir vor, es sitzt jetzt gerade vor Dir, und dann sprich zu ihm.
Ein abstrakter „Siebenjähriger" ändert Deine Wortwahl kaum. Ein konkreter ändert sie sofort, weil Dein Gehirn beim konkreten Gegenüber anfängt zu rechnen: Das Wort kennt er nicht. Den Nebensatz verliert er. Da braucht es ein Bild.
Und es geht noch weiter runter. Wenn Christine in meinem Training etwas so glasklar erzählt, dass ein Siebenjähriger es sofort versteht, dann versteht es auch ein Vierzigjähriger. Tendenziell gilt: je einfacher gesprochen, desto besser. Das klingt unattraktiv. Es ist wirksam.
Vier Sätze, jeweils vorher und nachher:
- Coaching: „Sie befinden sich in einem Ambivalenzkonflikt." Besser: „Ein Teil von Dir hat schon die Schuhe an. Der andere hält die Tür zu."
- Verkauf: „Das ist exponentielles Wachstum." Besser: „Das wächst wie eine Krebszelle. Am Anfang siehst Du es nicht. Dann ist es überall."
- Rettungseinsatz: „Bitte beruhigen Sie Ihre Atmung." Besser: „Atmen Sie mit mir. Ein. Und langsam raus, wie wenn Sie eine Kerze nicht ausblasen wollen."
- Elternhaus: „Du musst lernen, Deine Impulse zu kontrollieren." Besser: „Zwischen Wut und Hand darf eine Bremse rein. Wie beim Radfahren, bergab."
Jede zweite Version ist kürzer als Du denkst. Das ist kein Zufall. Ein Bild spart Erklärung.
Übung 2: Häng „Das ist wie ..." hinten dran
Die zweite Übung ist ein Satzanfang, und sie ist der schnellste Hebel, den ich kenne.
Du sagst Deinen abstrakten Satz ruhig so, wie er Dir rauskommt. Dann hängst Du hinten dran: „Das ist wie ..."
„Das ist ein exponentielles Wachstum." Nicht besonders bildhaft. „Das ist wie eine Krebszelle. Die kann auch exponentiell wachsen, und wenn sie das tut, geht es sehr schnell." Jetzt habe ich ein Bild im Kopf. Es ist massiv. Es ist viel. Exponentiell heißt auf einmal etwas.
Der Vorteil dieser Übung: Du musst Deine Sprache vorher nicht umbauen. Du darfst abstrakt anfangen. Die Brücke kommt danach. Damit fällt die typische Blockade weg, dass Dir unter Druck kein Bild einfällt.
Drei Dinge machen die Brücke stark:
Konkret. Ein Gegenstand, eine Szene, ein Moment. „Loslassen" ist allgemein. „Wie wenn Du den Griff aufmachst und der Luftballon steigt" ist konkret.
In Bewegung. „Eine Tür" wirkt weniger als „eine Tür, die langsam aufgeht". Bewegte Bilder ziehen mehr Aufmerksamkeit.
Aus seiner Welt. Manfred Prior beschreibt in seinen MiniMax-Interventionen, wie viel eine winzige sprachliche Änderung bewegt, wenn sie zum Gegenüber passt. Ein Handwerker versteht die Wasserwaage. Eine Läuferin versteht den letzten Kilometer. Dasselbe Bild bei der falschen Person ist nur ein Satz.
Ein paar Brücken, die ich oft verwende:
- „Das ist wie ein Muskel. Du hast ihn, Du hast ihn nur nicht benutzt."
- „Das ist wie ein Weg im hohen Gras. Du bist ihn tausendmal gegangen. Deshalb ist er breit."
- „Das ist wie beim Steuerberater. Der schaut nicht, ob Du ein guter Mensch bist. Der schaut auf die Zahlen."
- „Das ist wie ein Rauchmelder. Der schreit auch, wenn nur Toast verbrannt ist."
Sammle Dir zehn eigene. Mehr brauchst Du erstmal nicht.
Übung 3: Nimm Dich auf und lies mit
Die dritte Übung ist die unbequemste und die mit dem größten Effekt.
Was auch immer Du machst: Nimm es auf. Lass es transkribieren. Und dann lies es.
Als ich meine sechs-Wörter-Sätze geübt habe, gab es noch kein Transkriptionstool. Ich habe alles handschriftlich aufgeschrieben. Heute drückst Du auf einen Knopf. Diese Abkürzung bekommst Du geschenkt, und fast niemand nimmt sie.
Der Grund, warum das so stark wirkt: Beim Sprechen hörst Du Deine Absicht. Im Transkript siehst Du, was rausgekommen ist. Dazwischen liegt der ganze Lernstoff.
Worauf ich beim Lesen schaue:
- Wörter pro Satz. Alles über zwanzig ist ein Kandidat. Alles über dreißig ist ein Problem.
- Abstrakte Substantive. Prozess, Zustand, Bereich, Ebene, Möglichkeit, Struktur. Jedes dieser Wörter ist eine Stelle, an der ein Bild hätte stehen können.
- Wie viele Bilder auf eine Seite? Wenn Du eine Seite ohne einen einzigen Gegenstand liest, weiß Dein Zuhörer nicht, wovon Du gesprochen hast.
- Füllwörter. Also, quasi, irgendwie, sozusagen. Die verraten die Stellen, an denen Du selbst kein Bild hattest.
Mach das drei Wochen mit je einer Aufnahme. Danach hörst Du Dich beim Sprechen selbst, und das ist der Punkt, ab dem es von allein läuft.
Der Test: Ist ein Film entstanden?
Eine Frage entscheidet, ob Du bildhaft genug warst. Ist im Kopf des Zuhörers ein Film entstanden?
Wenn ja, war es bildhaft genug. Wenn nein, war es Erklärung.
Der Test funktioniert im Nachhinein und mitten im Gespräch. Frag einfach: „Was siehst Du gerade?" Die Antwort sagt Dir mehr als jede Selbstbewertung.
Dazu gehört etwas, das leicht untergeht: die Pause. Ein Bild braucht Zeit, um abzulaufen. Wenn Du den nächsten Satz draufsetzt, während der Film noch läuft, schneidest Du ihn ab. Zwei Sekunden Stille sind hier eine Technik.
Wo bildhafte Sprache kippt
Drei Stellen, an denen ich aufpasse.
Das Bild passt nicht. Bildhaft ohne Passung ist aufdringlich. Deshalb kommt Pacing immer vor dem Bild. Nimm Bilder aus seiner Sprache, seinem Beruf, seinem Hobby. Gunther Schmidt beschreibt genau das als Kern hypnosystemischer Arbeit: Du arbeitest mit dem Material des Klienten.
Der Klient hat keine Bilder. Manche Menschen haben kein inneres Sehen. Das ist keine Blockade und kein Widerstand. Dann gehst Du über Geräusche, über Körperempfindung, über Bewegung. Wie das praktisch geht, habe ich in Aphantasie und Hypnose und bei den Sinneskanälen aufgeschrieben.
Das Bild ist stärker als gewollt. Die Krebszelle ist ein gutes Bild für Wachstum und ein schlechtes für einen Menschen, der gerade eine Diagnose bekommen hat. Bilder haften. Frag Dich vor dem starken Bild einmal, was es bei diesem Gegenüber noch anhängt.
Welche Prinzipien hier arbeiten
Bildhaftes Sprechen bedient drei meiner acht Prinzipien gleichzeitig, und das erklärt die Wirkung besser als jede Technikliste.
Die Sinnesaktivierung ist offensichtlich. Ein Bild spricht Augen, Ohren und Körper an.
Die Aufmerksamkeit bündelt sich am Bild. Solange der Luftballon steigt, ist kein Platz für die Einkaufsliste.
Die Assoziation macht den Rest. Dein Bild hängt sich an die Erfahrungen des Klienten. Deswegen wirkt ein Bild aus seiner Welt so viel stärker als ein schönes aus meiner.
Genau hier liegt auch der Grund, warum ich Hypnose als wirksame Kommunikation beschreibe. Es braucht keinen Sondermodus, damit ein Bild wirkt. Mehr dazu in der State- und Non-State-Debatte und in der Konversationshypnose.
Häufige Fragen
Ich bin einfach nicht kreativ. Kann ich das trotzdem lernen? Ja, und Kreativität ist dafür nicht die Voraussetzung. Übung 2 braucht sie überhaupt nicht: Du sagst Deinen normalen Satz und hängst „Das ist wie ..." dran. Der Rest ist Sammeln. Zehn Brücken, die Du kennst, tragen Dich durch die meisten Gespräche.
Wie lange dauert es, bis man es merkt? Die erste Übung wirkt im selben Gespräch. Die Transkript-Schleife braucht etwa drei Wochen, bis Du Dich beim Sprechen selbst hörst. Danach arbeitet es im Hintergrund weiter.
Sind viele Adjektive das Geheimnis? Nein. Eine Adjektivkette kann rhythmisch tragen, das ist ein anderer Effekt. Ein gut gewählter Gegenstand schlägt zehn Adjektive.
Muss ich Metaphern und Geschichten bauen können? Für den Anfang nicht. Ein Bild ist ein Satz. Eine Metapher ist eine Struktur, und eine Geschichte ist eine Dramaturgie. Fang beim Satz an, das andere wächst darauf.
Funktioniert das auch außerhalb von Coaching und Hypnose? Überall, wo jemand Dir zuhören soll. Ich nutze es im Unterricht, im Rettungseinsatz, im Klassenzimmer und am Küchentisch. Der Mechanismus bleibt gleich.
Fazit
Bildhafte Sprache ist der Reifen am Auto. Unauffällig, billiger als der Rest, und ohne sie steht alles.
Drei Übungen, die Du ab heute machen kannst. Sprich zu einem echten Siebenjährigen, den Du kennst. Häng „Das ist wie ..." hinten dran. Nimm Dich auf und lies mit.
Angenommen, Du nimmst Dir für das nächste Gespräch genau eine dieser drei Übungen vor. Welche wäre es, und an welchem Satz würdest Du sie ausprobieren?
Wenn Du das systematisch üben willst: Im kostenlosen Hypnose-Workbook findest Du auf rund 50 Seiten die Grundlagen samt Übungen zur Sinnesaktivierung. In der Hypnose-Practitioner-Ausbildung übst Du bildhaftes Sprechen an echten Themen der Teilnehmer, mit Feedback in Echtzeit.
Quelle
- Bandler, R., Grinder, J., & Erickson, M. H. (2015). Patterns: Muster der hypnotischen Techniken Milton H. Ericksons. Junfermann.
- Erickson, M. H., & Rossi, E. L. (2011). Hypnose erleben (Leben Lernen, Bd. 168): Veränderte Bewusstseinszustände therapeutisch nutzen. Klett-Cotta.
- Hammel, S. (2018). Handbuch des therapeutischen Erzählens (Leben Lernen, Bd. 221): Geschichten und Metaphern in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde, Coaching und Supervision. Klett-Cotta.
- Prior, M. (2023). MiniMax-Interventionen: 15 minimale Interventionen mit maximaler Wirkung. Carl-Auer.
- Schmidt, G. (2022). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Carl-Auer.
Siehe auch
- Wachhypnose - die Macht der bildhaften Sprache
- Konversationshypnose - hypnotische Wirkung im Gespräch — Marians USP-Artikel zur Konversationshypnose - hypnotische Arbeit im normalen Dialog ohne formale Induktion. Drei Säu...
- Indirekte Suggestion in der Hypnose - sanft führen statt befehlen
- Sinnesaktivierung in der Hypnose — Das Prinzip hinter jedem Bild: Je mehr Sinne ein Satz anspricht, desto stärker wirkt er.
- Adverb-Präsuppositionen: einfach, natürlich, mühelos
Hypnose wirklich beherrschen.
Im Hypnose-Practitioner lernst Du die 8 hypnotischen Prinzipien strukturiert anzuwenden - Schritt für Schritt, praxisnah und mit viel Lebendigkeit im Online-Raum. Der Einstieg für alle, die Hypnose wirklich im Alltag anwenden wollen.
Hypnose-Practitioner ansehen →
Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.
→ Mehr über Marian · → Hypnose-Practitioner · → Hypnose-Master · → Hypnose-Studien