Inhaltsverzeichnis
- Was die SHSS ist
- Die zwölf Suggestionen der Form C
- Was die Forschung mit der SHSS gefunden hat
- Verwandte Skalen
- Was die SHSS NICHT misst
- Warum die SHSS in meiner Coaching-Praxis kaum vorkommt
- Was bedeutet "hypnotisierbar"?
- Bezug zur Hypnose und zu den 8 Prinzipien
- Wenn Du tiefer einsteigen willst
- Häufige Fragen
- Kann man seine SHSS-Punktzahl trainieren?
- Warum erleben manche Menschen Halluzinationen unter Hypnose, andere nicht?
- Soll ich vor einer Hypnose-Sitzung getestet werden?
- Macht ein hoher SHSS-Wert Hypnose besser?
- Gibt es eine deutsche Version der SHSS?
- Quelle
Stanford Hypnotic Susceptibility Scale - die Standard-Messung
Wenn ein Hypnose-Forscher sagen will "diese Person ist hochsuggestibel", meint er fast immer einen Wert auf der Stanford Hypnotic Susceptibility Scale. Seit 1959 ist sie der weltweite Standard für die Messung der Hypnose-Antwortfähigkeit. Ich (Marian Zefferer) zeige Dir, wie sie aufgebaut ist, was sie misst, was sie nicht misst und warum sie in meiner Coaching-Praxis kaum eine Rolle spielt - obwohl sie für die Forschung essentiell ist.
Was die SHSS ist
Die Stanford Hypnotic Susceptibility Scale (SHSS) misst, wie viele von zwölf vorgegebenen hypnotischen Suggestionen eine Person erlebt. André Weitzenhoffer und Ernest Hilgard haben sie zwischen 1959 und 1962 in drei Versionen entwickelt:
- Form A und B (1959): zwei parallele Versionen für Test-Retest-Untersuchungen.
- Form C (1962): die anspruchsvollste Version, die seitdem der Forschungs-Standard ist.
Form C besteht aus zwölf Items mit ansteigender Schwierigkeit. Jede Suggestion zählt 1 Punkt, wenn der Klient die suggerierte Reaktion zeigt. Maximalpunktzahl: 12. Der Wert wird oft in drei Bereiche unterteilt: niedrig (0-4), mittel (5-7), hoch (8-12).
Die zwölf Suggestionen der Form C
Die Items decken verschiedene Phänomene ab. Beispiele:
- Hand Lowering: die Hand wird leichter und sinkt.
- Moving Hands Apart: die Hände bewegen sich auseinander, ohne willentliche Steuerung.
- Mosquito Hallucination: das Geräusch einer Mücke wird wahrgenommen.
- Taste Hallucination: ein bestimmter Geschmack erscheint im Mund.
- Arm Rigidity: der Arm wird steif und unbeweglich.
- Dream: ein Traumbild taucht auf.
- Age Regression: kurze Phase der Altersregression auf eine bestimmte Schulklasse.
- Arm Immobilization: der Arm kann nicht gehoben werden.
- Anosmia to Ammonia: der Geruch von Ammoniak verschwindet.
- Hallucinated Voice: eine Stimme wird wahrgenommen, die nicht da ist.
- Negative Visual Hallucination: ein vorhandenes Objekt wird nicht mehr gesehen.
- Posthypnotic Suggestion / Amnesia: posthypnotische Anweisung mit Amnesie für die Sitzung.
Die Items sind nach steigender Schwierigkeit angeordnet. Die ersten paar (motorische Items) gelingen den meisten Klienten leicht. Die letzten (Halluzinationen, Amnesie) sind so anspruchsvoll, dass nur etwa 5-10 Prozent der Bevölkerung sie erleben.
Was die Forschung mit der SHSS gefunden hat
Drei robuste Befunde aus 60 Jahren Forschung:
Erstens: Suggestibilität ist normalverteilt. In jeder größeren Stichprobe ergibt sich annähernd eine Glockenkurve. Etwa 10 Prozent der Bevölkerung erreichen hohe Werte (8-12), 80 Prozent mittlere (5-7), 10 Prozent niedrige (0-4).
Zweitens: Suggestibilität ist über die Lebenszeit relativ stabil. Wer mit 25 hochsuggestibel ist, ist es mit 50 oft auch noch. Test-Retest-Korrelationen über 10 oder 20 Jahre liegen typisch bei 0.7 - eine sehr hohe Stabilität für ein psychologisches Maß.
Drittens: Suggestibilität korreliert kaum mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen. Weder mit Intelligenz, Neurotizismus, Extraversion noch mit Geschlecht oder Alter ergeben sich klare Zusammenhänge. Die einzige nennenswerte Korrelation: Aufmerksamkeitsabsorption (Fähigkeit, ganz in eine Erfahrung einzutauchen) - hängt schwach bis mittel mit Suggestibilität zusammen.
Damit ist Hypnotisierbarkeit eine eigenständige Dimension - kein Spiegel anderer Persönlichkeitseigenschaften.
Verwandte Skalen
Die SHSS ist nicht alleine. Aus ihr abgeleitet sind:
Harvard Group Scale of Hypnotic Susceptibility (HGSHS, Shor und Orne 1962): ermöglicht Gruppenmessung. Praktisch für Studien mit großen Stichproben.
Waterloo-Stanford Group C (WSGC, Bowers 1993): eine Gruppenversion von Form C, näher am Forschungs-Standard.
Hypnotic Induction Profile (HIP, Spiegel 1972): kürzer, klinisch besser anwendbar - weniger Forschungs-Fokus.
Stanford Hypnotic Arm Levitation Induction and Test (SHALIT, Hilgard und Tart 1966): 6-Minuten-Variante, nur mit Armlevitation.
In der Praxis nutzen die meisten Forscher SHSS:C oder HGSHS:A. In der Klinik sind die kürzeren Varianten beliebter.
Was die SHSS NICHT misst
Drei wichtige Klarstellungen:
Sie misst nicht "wie tief Du in Trance kommst". Sie misst, wie viele bestimmte Suggestionen Du erlebst. Tiefe Trance kann bei mittlerer SHSS-Punktzahl erreicht werden, hohe SHSS-Punktzahl bedeutet nicht automatisch tiefe Trance.
Sie misst nicht "wie wirksam Hypnose bei Dir ist". Klinische Wirksamkeit (zum Beispiel bei Schmerzkontrolle, Phobien, Schlaf) korreliert nur lose mit SHSS-Werten. Es gibt mittelsuggestible Klienten, bei denen Hypnose hervorragend wirkt - und hochsuggestible, bei denen sie wenig bringt.
Sie misst nicht "Charakter" oder "Anfälligkeit". Suggestibilität ist eine kognitive Stärke, die mit Vorstellungsfähigkeit, Aufmerksamkeitsabsorption und Offenheit für innere Erfahrung zusammenhängt - nicht eine Schwäche.
Warum die SHSS in meiner Coaching-Praxis kaum vorkommt
Drei Gründe:
Erstens, der Aufwand. Eine vollständige SHSS:C dauert etwa 50-60 Minuten. In einer Coaching-Stunde habe ich Wichtigeres zu tun als zu testen - ich arbeite gleich mit dem, was kommt.
Zweitens, die geringe klinische Vorhersagekraft. Auch wenn ich wüsste, dass mein Klient eine 9 hat - was hilft mir das? Ich passe sowieso meine Sprache, mein Tempo, meine Methoden an den konkreten Klienten an. Eine Punktzahl hilft mir dabei kaum.
Drittens, das Risiko der Etikettierung. Wer einen Klienten als "niedrigsuggestibel" einordnet, geht oft mit weniger Vertrauen ins Coaching - und genau das macht die Sitzung schwerer. In meiner Erfahrung ist es klüger, jeden Klienten als potenziell gut hypnotisierbar zu behandeln und mit dem zu arbeiten, was sich zeigt.
In der Forschung ist die SHSS unverzichtbar. In der Coaching-Praxis ist sie ein Werkzeug, das in der Schublade bleibt - außer in spezifischen Forschungs- oder Lehrkontexten.
Was bedeutet "hypnotisierbar"?
Die SHSS hat einen Mythos mitgenährt: dass "Hypnotisierbarkeit" eine feste Eigenschaft ist, die manche haben und manche nicht. Mein Standpunkt ist klarer: jeder Mensch ist hypnotisierbar - die Frage ist nur wie.
Was die SHSS zeigt: bestimmte Standard-Suggestionen werden bei manchen Personen leichter erlebt als bei anderen. Das heißt aber nicht, dass die anderen "nicht hypnotisierbar" wären - es heißt nur, dass diese standardisierten Items bei ihnen nicht greifen. Mit anderen Methoden, anderer Sprache, anderer Beziehung können auch sie tiefe hypnotische Erfahrungen machen.
Im Coaching arbeite ich genau so: ich passe mich dem Klienten an, nicht der Klient meiner Methode.
Bezug zur Hypnose und zu den 8 Prinzipien
Die SHSS misst spezifische hypnotische Reaktionen, die sich an mehreren der acht hypnotischen Prinzipien orientieren - vor allem Sinnesaktivierung (Halluzinationen), Aufmerksamkeit (Fokussierung), Assoziation (Anker zwischen Suggestion und Reaktion).
Verwandte Begriffe: Suggestibilität, Erleichterte Suggestibilität, Non-State-Theorie.
Wenn Du tiefer einsteigen willst
Im Hypnose-Workbook findest Du Übungen, die das praktische Hypnose-Erleben aufbauen - unabhängig von SHSS-Werten. Im Hypnose-Practitioner lernst Du, Hypnose individuell auf den Klienten anzupassen, nicht auf eine Skala.
Häufige Fragen
Kann man seine SHSS-Punktzahl trainieren?
Ja, das ist nach aktueller Forschung möglich - Übung und positive Erwartung erhöhen die Punktzahl messbar. Allerdings ist die Forschungslage zu großen Sprüngen dünn: es bräuchte mehr Untersuchungen, um zu zeigen, welche Trainingsmodi konkret wirken. Aus meiner (Marian Zefferer) Erfahrung halte ich Suggestibilität für klar trainierbar - nicht bei jedem gleich, aber die spannende Frage ist nicht "ob", sondern "wie und was". Im militärischen Kontext gibt es dokumentierte Trainings mit Personen, die ursprünglich praktisch nicht hypnotisierbar waren - nach gezielter Übung wurde es möglich. Kurz: trainierbar, aber wir wissen noch zu wenig über die optimalen Trainingsformen.
Warum erleben manche Menschen Halluzinationen unter Hypnose, andere nicht?
Das hat mit individuellen Unterschieden in Aufmerksamkeitsabsorption und Vorstellungsfähigkeit zu tun. Es ist eine kognitive Variation, keine Persönlichkeitsstörung.
Soll ich vor einer Hypnose-Sitzung getestet werden?
In der Regel nicht. Test-Procedures sind für Forschung und in seltenen klinischen Fällen sinnvoll - im normalen Coaching brauchst Du das nicht.
Macht ein hoher SHSS-Wert Hypnose besser?
Nicht zwingend. Klinische Wirksamkeit hängt von vielen Faktoren ab - Beziehung, Anliegen, Methode, Erwartung. Die SHSS-Punktzahl ist nur einer davon, und nicht der wichtigste.
Gibt es eine deutsche Version der SHSS?
Ja, mehrere - unter anderem die HGSHS:A in deutscher Übersetzung (Bongartz 1985). Sie wird in deutscher Hypnose-Forschung regelmäßig genutzt.
Quelle
- Weitzenhoffer, A. M., & Hilgard, E. R. (1962). St
Siehe auch
- Erleichterte Suggestibilität - Wie können Suggestionen in Hypnose besonders effektiv wirken? - Erfahre, was „erleichterte Suggestibilität“ ist, wie sie in der Hypnose genutzt wird und welche Techniken und Anwendu...
- Suggestibilität - Was bedeutet Suggestibilität? Wie beeinflusst sie den Hypnoseprozess? - Erfahre, was Suggestibilität ist, wie sie den Hypnoseprozess beeinflusst und welche Rolle sie in der Therapie, im Coa...
Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.