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Wenn nett sein nicht reicht: Hypnose bei Eingriffen

Jemand liegt wach auf dem Behandlungstisch, während ein Katheter zu einem Tumor geschoben wird. Örtlich betäubt, bei Bedarf Schmerzmittel über die Vene. Neben ihm sitzt eine zusätzliche Person, deren einzige Aufgabe Freundlichkeit ist: zuhören, zustimmen, Mitgefühl zeigen. Genau in dieser Gruppe kam es bei 48 Prozent der Patienten zu Zwischenfällen, die medizinisch nachgesteuert werden mussten. Wo dieselbe Freundlichkeit mit Selbsthypnose verbunden war: 12 Prozent. Und in der Gruppe mit reiner Standardversorgung, ohne zusätzliche Person am Kopfende: 26 Prozent.

Das erschien 2008 im Journal of Vascular and Interventional Radiology. Elvira Lang, Radiologin in Boston, hatte zusammen mit David Spiegel 201 Patienten begleitet. Der Titel der Arbeit ist selten offen für eine Fachzeitschrift: „When Being Nice Does Not Suffice." Ich (Marian Zefferer) kenne keine zweite Studie, die so genau zeigt, dass gute Absicht und Wirkung zwei verschiedene Dinge sind. Diese Studie ist eine von über 325 auf meiner Seite Hypnose-Forschung: Studien im Überblick, und sie steht dort im Block zu Operationen und Eingriffen.

Was untersucht wurde

201 Patienten kamen zu einer Tumorembolisation oder einer Radiofrequenzablation. Eingriffe, bei denen man wach bleibt, örtlich betäubt wird und über einen Venenzugang selbst Schmerz- und Beruhigungsmittel anfordern kann. Zufällig verteilt wurden sie auf drei Gruppen: 70 bekamen Standardversorgung, 65 bekamen zusätzlich eine Person, die ein festgelegtes Repertoire empathischer Verhaltensweisen zeigte, 66 bekamen dieselben empathischen Verhaltensweisen plus eine Anleitung zu selbsthypnotischer Entspannung.

Alle drei Gruppen hatten denselben Zugang zu Medikamenten. Niemandem wurde etwas weggenommen.

Schmerz und Angst gaben die Patienten alle 15 Minuten selbst an. Der Medikamentenverbrauch wurde in Einheiten gezählt, eine Einheit waren 50 Mikrogramm Fentanyl oder 1 Milligramm Midazolam. Und dann gab es noch eine Zielgröße, die in Hypnosestudien kaum vorkommt: Zwischenfälle. Vorab definiert als alles, was zusätzliche medizinische Aufmerksamkeit nötig machte. Blutdrucksprünge von mindestens 50 mmHg auf über 180 oder unter 105, Kreislaufkollapse, Herzereignisse, Probleme mit der Atmung.

Was herauskam

Beim Schmerz und bei der Angst lag die Hypnosegruppe zu mehreren Messzeitpunkten deutlich niedriger als die beiden anderen Gruppen. Beim Medikament ebenfalls: im Median 2,0 Einheiten gegen 3,0 in der Standardgruppe (p = 0,0147) und 3,50 in der Empathiegruppe (p = 0,0026).

Die Zahl, um die es hier geht, ist die andere. Zwischenfälle traten bei 31 von 65 Patienten der Empathiegruppe auf, das sind 48 Prozent. In der Hypnosegruppe bei 8 von 66, also 12 Prozent (p = 0,0001). Und in der Standardgruppe bei 18 von 70, also 26 Prozent (p = 0,0118).

Übersetzt: In der Gruppe mit der freundlichen Begleitung musste bei fast jedem zweiten Patienten medizinisch eingegriffen werden, in der Hypnosegruppe bei jedem achten. Die Gruppe ohne zusätzliche Zuwendung lag dazwischen.

Dieselben Eingriffe, dieselben Medikamente auf Abruf, dieselben empathischen Verhaltensweisen. Der Unterschied war die Anleitung zur Selbsthypnose. Mit ihr: 12 Prozent Zwischenfälle. Ohne sie: 48 Prozent.

Die Erklärung der Autoren ist unbequem und klingt plausibel. Zuwendung, die die Aufmerksamkeit des Patienten nach außen zieht, auf den freundlichen Menschen neben ihm, und ihm dabei nichts in die Hand gibt, womit er sich selbst beruhigen kann, lässt ihn abhängiger zurück als vorher. Er hat jemanden zum Anschauen. Er hat nichts zu tun.

Dieses Muster taucht in der Forschungsgruppe um Lang immer wieder auf. Im Lancet-Klassiker von 2000 zu Selbsthypnose bei invasiven Eingriffen blieb der Schmerz nur dort über die gesamte Eingriffszeit flach, wo die Patienten ihre Entspannung selbst machten. Bei der Brustbiopsie 2006 sank die Angst Minute für Minute nur in der Selbsthypnose-Gruppe. Und Faymonville 1997 in Lüttich fand dasselbe mit derselben Anästhesistin in beiden Bedingungen.

Was das für Deine Praxis heißt

Die Empathiegruppe war freundlich, geschult und gut gemeint. Sie hat verloren, und zwar gegen die Standardversorgung.

Der Grund liegt in der Rollenverteilung. Beruhigen heißt: Ich mache etwas mit Dir, Du hältst still. Hypnose heißt hier: Ich gebe Dir etwas zu tun, das Deine Aufmerksamkeit bindet, und Du machst es. Das ist das Kooperationsprinzip, eines meiner 8 hypnotischen Prinzipien. Dafür braucht es keinen besonderen Bewusstseinszustand, wie die State- und Non-State-Theorie der Hypnose zeigt.

Der Satz, den Du morgen sagen kannst, bei jemandem, der auf etwas Unangenehmes wartet: „Lass Deinen Atem einmal langsam bis unten gehen und sag mir, wo Du ihn am deutlichsten spürst." Kein Trost, keine Behauptung, dass es leicht wird. Eine Aufgabe, die er nur selbst lösen kann.

Die Gegenprobe: Höre Dir selbst zu, wenn Du jemanden beruhigst. Wenn in Deinen Sätzen nur Du vorkommst, ist er Zuschauer.

Grenzen der Studie

Die Empathiebedingung war ein festgelegtes Verhaltensrepertoire einer zusätzlichen Person, kein normaler Klinikalltag. Dass eine fremde Begleitung mit Script schlechter abschneidet als Routine, lässt sich nicht ohne Weiteres auf eine vertraute Pflegekraft übertragen.

Verblinden ließ sich hier nichts. Die Patienten wussten, was sie bekamen, das Behandlungsteam ebenso. Schmerz und Angst gaben die Patienten selbst an. Die Zwischenfälle und der Medikamentenverbrauch sind davon unabhängiger, und sie tragen die Studie.

Ein großer Teil der Zwischenfälle waren Blutdruckschwankungen. Ob dabei tatsächlich Schaden entstand, sagt die Studie nicht. Sie sagt, dass das Team öfter eingreifen musste.

Es ging um wache, örtlich betäubte Menschen bei radiologischen Tumoreingriffen. Hypnose stand zusätzlich zur Medizin, niemals an ihrer Stelle.

Häufige Fragen

Kann freundliche Zuwendung bei einem medizinischen Eingriff schaden? In der randomisierten Studie von Lang und Kollegen aus 2008 hatten 201 Patienten bei perkutanen Tumoreingriffen in der Gruppe mit strukturierter empathischer Zuwendung ohne Hypnose 48 Prozent Zwischenfälle, in der Standardgruppe 26 Prozent und in der Hypnosegruppe 12 Prozent. Die Autoren führen das darauf zurück, dass Zuwendung die Aufmerksamkeit nach außen lenkt, ohne die Selbstbewältigung des Patienten zu stärken.

Was macht Hypnose im Eingriffsraum anders als Beruhigen? Sie gibt dem Patienten eine eigene Aufgabe. Bei Lang 2008 bekam die Hypnosegruppe dieselben empathischen Verhaltensweisen wie die Vergleichsgruppe, zusätzlich eine Anleitung zu selbsthypnotischer Entspannung. Sie brauchte im Median 2,0 statt 3,50 Medikamenteneinheiten und hatte ein Viertel der Zwischenfälle.

Wie viel Schmerzmittel spart Hypnose bei solchen Eingriffen? Im Median 2,0 Einheiten gegen 3,0 in der Standardversorgung, eine Einheit entsprach 50 Mikrogramm Fentanyl oder 1 Milligramm Midazolam. Über viele Studien gerechnet findet die große Übersichtsarbeit über 142 Studien zu Hypnose im OP deutlich kleinere Mittelwerte als solche Einzelstudien.

Fazit

201 Menschen, drei Gruppen, derselbe Eingriff. Am Ende hatte die freundlichste Begleitung die meisten Zwischenfälle und die Selbsthypnose die wenigsten.

Nett sein reicht eben nicht. Es kommt darauf an, was Du dem anderen zu tun gibst.

Angenommen, Du würdest beim nächsten aufgeregten Menschen aufhören, ihn zu beruhigen, und ihm stattdessen eine kleine Aufgabe geben. Welche wäre das, und was würde sich damit verändern?

Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie im Gespräch aufbaust, lernst Du im Hypnose-Practitioner.

Quelle

  • Lang, E. V., Berbaum, K. S., Pauker, S. G., Faintuch, S., Salazar, G., Lutgendorf, S. K., Laser, E., Logan, H. L., & Spiegel, D. (2008). Beneficial Effects of Hypnosis and Adverse Effects of Empathic Attention during Percutaneous Tumor Treatment: When Being Nice Does Not Suffice. Journal of Vascular and Interventional Radiology, 19(6), 897-905. https://doi.org/10.1016/j.jvir.2008.01.027

Siehe auch

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Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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