Inhaltsverzeichnis
Halbes Schmerzmittel: Hypnose bei der Sedierung
Jemand liegt wach auf dem OP-Tisch. Lokal betäubt, zusätzlich eine Spritzenpumpe mit Schmerzmittel und Beruhigungsmittel, die er bei Bedarf bekommt. Daneben sitzt die Anästhesistin und redet. In der einen Gruppe redete sie beruhigend. In der anderen machte sie Hypnose. Am Ende hatte die Hypnosegruppe weniger als die Hälfte des Schmerzmittels verbraucht: 8,7 statt 19,4 Mikrogramm Alfentanil pro Kilogramm und Stunde. Und berichtete trotzdem weniger Schmerz.
Das erschien 1997 in der Fachzeitschrift Pain. Marie-Elisabeth Faymonville, Anästhesistin in Lüttich, hatte 60 Patienten begleitet, die zu einer geplanten plastischen Operation kamen. Ich (Marian Zefferer) halte diese Arbeit für eine der ehrlichsten im ganzen Feld, weil ihre Kontrollgruppe keine Wartezeit war. Sie bekam genau das, was eine gute Anästhesistin ohnehin tut. Diese Studie ist eine von über 300 auf meiner Seite Hypnose-Forschung: Studien im Überblick, und sie steht dort aus einem einzigen Grund so weit vorne: Sie zeigt, wie viel Spielraum in der Art liegt, wie im Raum gesprochen wird.
Was untersucht wurde
60 Patienten mit einem geplanten plastisch-chirurgischen Eingriff unter Lokalanästhesie wurden zufällig auf zwei Gruppen verteilt. Die eine bekam klassische Stressreduktion: Zuwendung, beruhigende Worte, Begleitung durch den gesamten Eingriff. Die andere bekam Hypnose, ebenfalls durch den gesamten Eingriff.
Beides machte dieselbe Anästhesistin. Damit fällt ein Einwand weg, der sonst immer kommt: Dass die eine Gruppe einfach einen sympathischeren Menschen am Kopfende hatte.
Alle Patienten hatten Zugang zu Midazolam und Alfentanil, auf Anforderung. Niemandem wurde etwas weggenommen. Die Patienten gaben vor, während und nach dem Eingriff Angst, Schmerz und ihr Gefühl von Kontrolle an. Eine Psychologin notierte parallel das beobachtbare Verhalten. Erfasst wurden außerdem Übelkeit und Erbrechen nach dem Eingriff, die Vitalzeichen, die Zufriedenheit und die Operationsbedingungen.
Was herauskam
Beim Medikament ist der Abstand groß. Alfentanil: 8,7 gegen 19,4 Mikrogramm pro Kilogramm und Stunde. Midazolam: 0,04 gegen 0,09 Milligramm pro Kilogramm und Stunde. Beides mit p kleiner 0,001. Übersetzt heißt das: Die Hypnosegruppe kam mit knapp der Hälfte aus, obwohl sie jederzeit mehr hätte anfordern können.
Angst und Schmerz lagen während und nach dem Eingriff deutlich niedriger. Dieser Teil wird üblicherweise als Erwartungseffekt gelesen, zu Recht vorsichtig.
Interessanter sind die Befunde, die niemand sich einbilden kann. Übelkeit und Erbrechen nach dem Eingriff: 6,5 gegen 30,8 Prozent. Die Vitalzeichen blieben stabiler. Die Psychologin sah weniger Anzeichen von Unbehagen und Schmerz. Und die Operationsbedingungen wurden als besser bewertet, also das, was der Chirurg am Tisch braucht: wenig Bewegung, wenig Unruhe.
Ein Wert ist mir dabei der liebste: Die Patienten unter Hypnose berichteten mehr Gefühl von Kontrolle während des Eingriffs (p kleiner 0,01). Jemand liegt aufgeschnitten auf einem Tisch, und er fühlt sich dabei zuständiger für sich selbst.
Dieselbe Anästhesistin, derselbe Eingriff, dieselben Medikamente auf Abruf. Der Unterschied war die Art des Gesprächs. Ergebnis: halbes Schmerzmittel, halbes Beruhigungsmittel, ein Fünftel so viel Übelkeit.
Die Übelkeits-Zahl ist seither nicht allein geblieben. Die größte Übersichtsarbeit zum Thema rechnet über 142 Studien zu Hypnose im OP und findet für Übelkeit und Erbrechen nach dem Eingriff ein Risikoverhältnis von 0,43, also eine mehr als halbierte Rate. Beim Medikamentenverbrauch sieht das Update von 50 randomisierten Studien zu Hypnose vor der OP einen mittleren Effekt von g = 0,46. Faymonvilles Werte aus 1997 sind groß. Im Mittel über viele Studien schrumpfen sie. Das gehört dazu.
Was das für Deine Praxis heißt
Die Kontrollgruppe hier war freundlich, zugewandt und kompetent. Sie hat verloren. Das ist die Lehre, die am meisten wehtut und am meisten bringt.
Der Unterschied lag darin, was die Patienten zu tun bekamen. Beruhigen heißt: Ich mache etwas mit Dir. Hypnose heißt hier: Ich gebe Dir etwas zu tun, das Deine Aufmerksamkeit bindet, und Du machst es. Das ist das Kooperationsprinzip, eines meiner 8 hypnotischen Prinzipien. Den gleichen Mechanismus findest Du bei Lang 2000 im Lancet, wo die Patienten ihre Entspannung selbst machten und der Schmerz über die gesamte Eingriffszeit flach blieb.
Der Satz, den Du morgen sagen kannst, bei jemandem, der auf etwas Unangenehmes wartet: „Erzähl mir von einem Ort, an dem Du gern bist. Beschreib mir, was Du dort hörst." Keine Beruhigung, keine Behauptung, dass es leicht wird. Eine Aufgabe, die er nur lösen kann, indem er mit der Aufmerksamkeit woanders hingeht.
Grenzen der Studie
60 Patienten sind wenig. Eine Behandlerin ist einer. Dass dieselbe Anästhesistin beide Bedingungen durchführte, löst ein Problem und schafft ein neues: Sie wusste jedes Mal, in welcher Gruppe sie war, und sie hatte ein Interesse am Ergebnis.
Verblinden ließ sich hier nichts. Angst, Schmerz und Kontrolle gaben die Patienten selbst an. Die Beobachtung durch die Psychologin, die Übelkeitsrate und die Medikamentenmenge sind davon unabhängiger, und sie tragen die Studie.
Es ging um geplante plastische Chirurgie bei wachen, lokal betäubten Menschen. Auf eine Notoperation unter Vollnarkose lässt sich das nicht übertragen. Hypnose stand hier zusätzlich zur Medizin, niemals an ihrer Stelle.
Häufige Fragen
Spart Hypnose im OP wirklich Schmerzmittel? In der randomisierten Studie von Faymonville und Kollegen aus dem Jahr 1997 verbrauchten 60 Patienten bei plastischer Chirurgie unter Hypnose 8,7 statt 19,4 Mikrogramm Alfentanil pro Kilogramm und Stunde und 0,04 statt 0,09 Milligramm Midazolam, bei weniger Schmerz und weniger Angst. Über viele Studien gerechnet liegt der Effekt auf den Medikamentenverbrauch bei g = 0,46, also kleiner als in dieser Einzelstudie.
Wirkt Hypnose besser als freundliche Zuwendung? In dieser Studie ja. Die Kontrollgruppe bekam klassische Stressreduktion durch dieselbe Anästhesistin. Beim Medikamentenverbrauch, bei Angst und Schmerz, bei der Übelkeit nach dem Eingriff und bei der Stabilität der Vitalzeichen lag die Hypnosegruppe vorne. Warum dafür kein besonderer Bewusstseinszustand nötig ist, zeigt die State- und Non-State-Theorie der Hypnose.
Hilft Hypnose gegen Übelkeit nach der Operation? Bei Faymonville traten Übelkeit und Erbrechen bei 6,5 Prozent der Hypnosegruppe und bei 30,8 Prozent der Kontrollgruppe auf. Die größte Übersichtsarbeit über 142 Studien findet für diesen Endpunkt ein Risikoverhältnis von 0,43.
Fazit
60 Menschen, ein Operationssaal, eine Anästhesistin, zwei Arten zu reden. Am Ende halbes Schmerzmittel, halbes Beruhigungsmittel, ein Fünftel so viel Übelkeit und Patienten, die sich mitten im Eingriff zuständiger für sich fühlten.
Die Studie ist klein und alt. Sie hat trotzdem eine Karriere gemacht, weil sie den unbequemen Vergleich gewählt hat: Hypnose gegen gute Zuwendung.
Angenommen, Du würdest beim nächsten angespannten Menschen aufhören, ihn zu beruhigen, und ihm stattdessen eine Aufgabe geben. Welche wäre das, und was würde er damit anfangen?
Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie im Gespräch aufbaust, lernst Du im Hypnose-Practitioner.
Quelle
- Faymonville, M.-E., Mambourg, H. P., Joris, J., Vrijens, B., Fissette, J., Albert, A., & Lamy, M. (1997). Psychological approaches during conscious sedation. Hypnosis versus stress reducing strategies: a prospective randomized study. Pain, 73(3), 361-367. https://doi.org/10.1016/S0304-3959(97)00122-X
Siehe auch
- Hypnose-Forschung: Studien im Überblick — Der Pillar zu diesem Artikel: über 300 Hypnose-Studien mit Ergebniszahlen, sortiert nach Anwendungsfeld.
- 17 Minuten kürzer: Selbsthypnose im Eingriffsraum — Studien-Spoke zum Pillar: Randomisierte Lancet-Studie Lang et al. 2000 (Band 355, Heft 9214, Seiten 1486-1490, April ...
- Hypnose im OP: 142 Studien, eine offene Frage — Studien-Spoke zum Pillar: Systematische Übersichtsarbeit Lahoud, Gurary & Elia 2026 in Anaesthesia, 142 Studien mit 9...
- Halber Schmerz nach der Brust-OP: 15 Minuten Hypnose — Studien-Spoke zum Pillar: Randomisierte kontrollierte Studie Montgomery et al. 2007 im Journal of the National Cancer...
- Hypnose vor der Operation: 34 Studien und eine klare Rangfolge — Meta-Analyse Tefikow et al. 2013: 34 randomisierte Studien mit 2597 Patienten. Seelische Belastung g = 0,53, Schmerz ...
Hypnose wirklich beherrschen.
Im Hypnose-Practitioner lernst Du die 8 hypnotischen Prinzipien strukturiert anzuwenden - Schritt für Schritt, praxisnah und mit viel Lebendigkeit im Online-Raum. Der Einstieg für alle, die Hypnose wirklich im Alltag anwenden wollen.
Hypnose-Practitioner ansehen →Lieber live erleben? Die nächsten kostenlosen Webinare mit Marian
Online, live und kostenlos. Komm vorbei, probier aus und stell Deine Fragen direkt.
-
Sonntag, 13.12.2026, 09:00-16:00 Uhr · kostenlos
NLP-Basis-Tag
Der ideale Einstieg für alle, die NLP gerne intensiv kennenlernen möchten. Unsere Vision ist es, allen wirklich Interessierten die Möglichkeit zu bieten, NLP …
-
Montag, 01.03.2027, 20:00-21:00 Uhr · kostenlos
News von der Online-Didaktik Front
Wie jedes Jahr gibt Marian ein Online-Update. Was gibt es Neues aus dem Bereich der Didaktik im Online-Bereich? Egal, ob Technik, Software oder Rhetorik …
Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.
→ Mehr über Marian · → Hypnose-Practitioner · → Hypnose-Master · → Hypnose-Studien