Abstrakte Darstellung eines kühlen klinischen Raums, durch den ein einzelner warmer Lichtfaden läuft
Ein kalter Raum, viel Technik, und eine Stimme, die mitbehandelt.

Hypnose im OP: 142 Studien, eine offene Frage

Du liegst auf dem Operationstisch. Über Dir das Licht, um Dich herum Metall, und irgendwo am Kopfende eine Stimme, die Dir ansagt, was gleich passiert. Eine Genfer Forschergruppe hat nachgerechnet, was es bringt, wenn diese Stimme hypnotisch arbeitet. 142 Studien, 9238 Patienten. Das deutlichste Ergebnis: Das Risiko für Übelkeit und Erbrechen nach der Operation fiel auf weniger als die Hälfte, Risikoverhältnis 0,43.

Die Arbeit ist in Anaesthesia erschienen, einem der führenden Journale der Anästhesiologie, und sie ist die bislang größte Zusammenstellung zu diesem Thema. Ich (Marian Zefferer) mag sie aus einem Grund, der auf den ersten Blick wie ein Nachteil aussieht: Sie sagt sehr genau, was sie nicht zeigen kann.

Diese Studie ist eine von 293 auf meiner Seite Hypnose-Forschung: Studien im Überblick. Im Block Operationen und medizinische Eingriffe steht sie an erster Stelle, weil sie den gesamten Bereich zusammenfasst.

Was untersucht wurde

Marie José Lahoud, Samuel Gurary und Nadia Elia haben nach Studien jeder Bauart gesucht, in denen Hypnose bei einem Eingriff eingesetzt wurde, der die Anwesenheit eines Anästhesisten erfordert. Erwachsene und Kinder, Hypnose allein oder zusätzlich zu jeder Form von Narkose. 142 Studien blieben übrig, 9238 Patienten, davon 8319 Erwachsene und 919 Kinder.

Das Besondere steckt in der Sortierung. Die Autoren haben nach dem Zeitpunkt getrennt: Hypnose vor dem Eingriff, während des Eingriffs, danach. Gerechnet wurde nur dort, wo mindestens drei randomisierte Studien dasselbe Ergebnis gemessen hatten.

Die Hauptfrage war eine handfeste: Senkt Hypnose den Verbrauch an Narkosemitteln und Opioiden während des Eingriffs? Alles rund um Schmerz, Angst und Nebenwirkungen lief als Nebenfrage mit.

Was herauskam

Hypnose vor dem Eingriff:

  • Schmerz danach um 0,88 cm niedriger auf der 10-cm-Skala (Vertrauensbereich 1,72 bis 0,05)
  • Angst deutlich geringer, standardisierte Effektstärke 0,76 (1,14 bis 0,38)

Hypnose während des Eingriffs:

  • Schmerz während des Eingriffs um 1,14 cm niedriger (1,86 bis 0,41)
  • Angst danach geringer, Effektstärke 0,44 (0,75 bis 0,13)
  • Übelkeit und Erbrechen nach der OP: Risikoverhältnis 0,43 (0,25 bis 0,74)

Was heißt das im Alltag? Ein Zentimeter auf einer 10-cm-Skala ist etwa ein Zehntel weniger Schmerz. Spürbar, bescheiden. Die Angst ist das stärkere Ergebnis: Eine Effektstärke von 0,76 gilt als groß, da liegen Welten zwischen den Gruppen. Und beim Risikoverhältnis 0,43 heißt es konkret: Angenommen, von 100 Patienten einer OP-Art wird 30 danach übel. Mit Hypnose während des Eingriffs wären es rund 13.

Das beste Ergebnis dieser Auswertung ist kein Schmerzwert. Es ist die Angst. Und Angst ist genau das, was Sprache erreicht, bevor irgendein Medikament wirkt.

Und die Hauptfrage? Die Datenlage reichte nicht. Trotz mehr als 9000 Patienten konnten die Autoren nicht sagen, ob Hypnose den Verbrauch an Narkosemitteln und Opioiden während des Eingriffs senkt. Zu Hypnose nach dem Eingriff fand sich zu keinem Ergebnis genug Material.

Die Zahlen passen ins Bild der älteren Arbeiten. Holler und Rosendahl fanden 2021 über 50 randomisierte Studien mittlere Effekte auf seelische Belastung und kleinere auf Schmerz, Tefikow 2013 über 34 Studien dieselbe Rangfolge. Immer liegt der psychische Anteil vorne. Immer folgt der Schmerz mit Abstand.

Was das für Deine Praxis heißt

Der OP-Saal ist bereits ein hypnotischer Kontext. Niemand muss dort eine Trance herstellen. Der Mensch liegt fixiert, sieht wenig, hört viel, und sein Körper ist auf Gefahr geschaltet. In diesem Zustand landet jedes Wort verstärkt. Das ist das erste meiner 8 hypnotischen Prinzipien: Der Kontext bestimmt die Wirkung. Im OP arbeitet er für Dich oder gegen Dich, und er fragt nicht um Erlaubnis.

Der Satz, den Du morgen sagen kannst, am Behandlungsstuhl, vor einer Blutabnahme, bei der Prämedikation:

„Gleich wird Dein Arm ganz schwer und ruhig. Und während Du das merkst, ist der Teil schon vorbei, der sich am meisten anfühlt."

Zwei Sätze. Eine Präsupposition, eine Zeitverschiebung, kein Pendel. Die Aufmerksamkeit geht auf die Schwere im Arm statt auf die Nadel, und darauf beruht das sechste Prinzip: Was wir beleuchten, wächst.

Das gilt in beide Richtungen. Wenn Sprache hier verstärkt wirkt, dann auch „Das wird jetzt gleich wehtun" und „Keine Angst, das piekst nur kurz". Brauchbare Formulierungen findest Du in Hypnose in der Medizin und Hypnose gegen Schmerzen.

Grenzen der Studie

Der Vertrauensbereich beim Schmerz nach dem Eingriff reicht von 1,72 cm bis 0,05 cm. Die obere Grenze liegt also hauchdünn an der Null. Hätten ein paar Patienten anders geantwortet, wäre dieses Ergebnis statistisch nicht mehr da.

Die Hauptfrage blieb unbeantwortet. Das ist der ehrlichste und der unbequemste Satz der Arbeit. Über 9000 Patienten sind viel, und sie reichten trotzdem nicht aus, um die eine Frage zu klären, die einen Anästhesisten im Dienst wirklich interessiert.

Dazu das Grundproblem jeder Hypnose-Studie bei Eingriffen: Verblindung ist unmöglich. Der Patient weiß, dass jemand mit ihm spricht, das Personal weiß es auch. Ein Teil des Effekts ist Zuwendung, und der lässt sich nicht herausrechnen. Für die Praxis zweitrangig, für die Beweislage nicht.

Häufige Fragen

Wirkt Hypnose bei Operationen? Diese Übersichtsarbeit über 142 Studien mit 9238 Patienten fand niedrigere Schmerzwerte während und nach dem Eingriff (0,88 bis 1,14 cm auf der 10-cm-Skala), deutlich weniger Angst (Effektstärke 0,76 vor dem Eingriff) und ein Risikoverhältnis von 0,43 für Übelkeit und Erbrechen nach der OP. Ob Hypnose den Verbrauch an Narkosemitteln senkt, blieb offen.

Ersetzt Hypnose die Narkose? Nein, und keine der 142 Studien behauptet das. Hypnose kam zusätzlich zur Anästhesie zum Einsatz oder bei Eingriffen, die auch sonst in örtlicher Betäubung laufen. Anästhesie ist Medizin und bleibt in der Hand von Ärzten.

Braucht es für diese Wirkung eine tiefe Trance? Die Studien setzen keinen besonderen Zustand voraus, gearbeitet wurde mit Sprache, Aufmerksamkeitslenkung und Suggestion. Warum das reicht, zeigt der Überblick zur State- und Non-State-Theorie der Hypnose.

Fazit

142 Studien, 9238 Patienten, und das stärkste Ergebnis betrifft die Angst. Das zweitstärkste betrifft Übelkeit und Erbrechen, also eine körperliche Reaktion, die mit Erwartung viel zu tun hat. Beim Schmerz bleibt ein kleiner, knapp gesicherter Vorteil. Und die Frage nach dem Medikamentenverbrauch ist nach über 9000 Patienten weiterhin offen.

Für mich ist das eine gute Nachricht in unbequemem Gewand. Hypnose im OP ist kein Narkoseersatz. Sie ist der Teil der Behandlung, der schon läuft, sobald jemand den Mund aufmacht. Die Frage ist allein, ob Du ihn steuerst.

Angenommen, Du würdest beim nächsten Menschen, der vor einem Eingriff angespannt vor Dir sitzt, nur einen Satz anders formulieren als sonst. Welcher wäre das?

Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie im Gespräch aufbaust, lernst Du im Hypnose-Practitioner.

Quelle

  • Lahoud, M. J., Gurary, S. T., & Elia, N. (2026). Hypnosis for anaesthetists: A systematic review and meta-analyses. Anaesthesia, 81(1), 103-115. https://doi.org/10.1111/anae.70013

Siehe auch

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Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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