Abstrakte Darstellung zweier Wellenlinien, von denen eine ruhiger verläuft als die andere
Zwei Frauen, dieselbe Wehe. Eine hat wochenlang geübt.

Hypnose unter der Geburt: halb so oft Schmerzmittel

Ein Kreißsaal, zweiter Tag nach dem errechneten Termin. Die Wehe kommt, und die Frau macht etwas, das sie seit Wochen übt: Sie zählt leise mit, lässt den Atem nach unten laufen und sagt sich einen Satz, den sie selbst formuliert hat. Die Hebamme fragt, ob sie etwas gegen die Schmerzen möchte. Die Frau schüttelt den Kopf. Allan Cyna und seine Kollegen in Adelaide wollten wissen, ob dieses Kopfschütteln Zufall ist. Sie sammelten alles, was es zu Hypnose unter der Geburt gab, und rechneten die brauchbaren Studien zusammen: Gebärende mit Hypnose brauchten nur halb so oft ein Schmerzmittel wie die Kontrollgruppen. Relatives Risiko 0,51. Ich (Marian Zefferer) halte diese Arbeit für den Startpunkt einer Debatte, die bis heute läuft.

Erschienen ist sie 2004 im British Journal of Anaesthesia, also in einer Zeitschrift für Anästhesisten. Menschen, die beruflich Schmerzmittel geben. Dass gerade dort eine Übersicht über Hypnose steht, sagt schon etwas über die Fragestellung.

Diese Studie ist eine von über 290 auf meiner Seite Hypnose-Forschung: Studien im Überblick. Im Block Geburt und Schwangerschaft steht sie direkt neben dem späteren Cochrane-Review, der mit mehr Daten eine kleinere Zahl fand. Dieser Abstand zwischen 2004 und 2016 ist der eigentliche Lerninhalt.

Was untersucht wurde

Die Gruppe durchsuchte Medline, Embase, Pubmed und die Cochrane-Bibliothek bis 2004, ohne Sprachbeschränkung, dazu die Literaturlisten der gefundenen Arbeiten und der Hypnose-Fachbücher. Gesucht wurde nach Studien, in denen Hypnose in Schwangerschaft oder Geburt gegen eine andere Behandlung, gegen keine Behandlung oder gegen Placebo verglichen wurde.

Zwei Zielgrößen waren vorab festgelegt: wie oft die Frauen ein Schmerzmittel brauchten, aufgeteilt in gar keines, Opiate und Periduralanästhesie, und wie stark sie den Schmerz in der Geburt bewerteten.

Gefunden wurden 5 randomisierte Studien und 14 nicht-randomisierte Vergleiche mit insgesamt 8.395 Frauen. Das klingt nach einer breiten Basis. Ist es aber nicht, und genau hier wird die Arbeit interessant: Nur 4 der randomisierten Studien hatten überhaupt die beiden Hauptzielgrößen erhoben, zusammen 224 Frauen. Eine davon fiel in der Qualitätsbewertung durch. Gerechnet wurde also mit drei Studien.

Was herauskam

Die Meta-Analyse dieser drei Studien ergab ein relatives Risiko von 0,51, mit einem Vertrauensbereich von 0,28 bis 0,95.

Übersetzt: Wo 100 Frauen der Kontrollgruppen ein Schmerzmittel brauchten, waren es in den Hypnosegruppen etwa 51. Der Vertrauensbereich sagt, wie viel Spielraum in dieser Zahl steckt. Der wahre Effekt liegt nach diesen Daten irgendwo zwischen einer Senkung auf ein Viertel und einer Senkung auf 95 Prozent. Die obere Grenze von 0,95 liegt knapp unter 1. Eben noch abgesichert.

Die nicht-randomisierten Vergleiche zeigten in dieselbe Richtung. In einem bewerteten die Frauen mit Hypnose ihren Wehenschmerz als weniger stark (p < 0,01). Im anderen brauchten sie weniger Opioide (p < 0,001), und mehr Frauen kamen ganz ohne pharmakologische Schmerzlinderung durch die Geburt (p < 0,001).

Eine starke Zahl auf einer schmalen Basis. 224 Frauen entscheiden hier über eine Aussage, die seither in jedem Hypnobirthing-Prospekt steht.

Was das für Deine Praxis heißt

Unter der Geburt ist niemand zur Stelle, der hypnotisiert. Die Frau arbeitet. Alle Studien in dieser Übersicht schulten die Frauen vorher und ließen sie dann selbst anwenden, was sie gelernt hatten. Das ist mein Kooperationsprinzip in Reinform, das vierte meiner 8 hypnotischen Prinzipien: Der Mensch macht es selbst, oder es passiert nichts.

Daraus folgt für die Vorbereitung eine klare Rangfolge. Erst der Satz, den sie selbst gebaut hat. Dann die Übung, so oft, dass der Satz unter Belastung noch verfügbar ist. Fertige Formulierungen aus dem Skript helfen in der Wehe wenig.

Der Satz, den Du morgen sagen kannst, am Ende eines Vorbereitungsgesprächs:

„Suche Dir bis nächste Woche einen einzigen Satz, der Dir in schwierigen Momenten schon einmal geholfen hat. Und wenn Du ihn hast, dann üben wir ihn so lange, bis Du ihn auch mit geschlossenen Augen findest."

Eine Präsupposition, ein Auftrag, kein Versprechen über den Geburtsverlauf. Mehr braucht es nicht. Was ich Schwangeren insgesamt empfehle, steht im Artikel Hypnobirthing: Hypnose in der Geburtsvorbereitung. Für den Kreißsaal selbst habe ich die sprachliche Seite in Hypnose für Hebammen zusammengestellt.

Grenzen der Studie

Drei Studien mit 224 Frauen. Das ist die Grundlage der Zahl 0,51, und sie ist dünn. Die Autoren schreiben das selbst in ihre Schlussfolgerung: Das Verhältnis von Nutzen und Risiko verlange nach gut geplanten Studien, um die Effekte zu bestätigen.

Diese Studien kamen dann auch. Der Cochrane-Review von 2016 rechnete 9 Studien mit 2.954 Frauen zusammen und fand ein relatives Risiko von 0,73 für den Schmerzmittelbedarf, bei den meisten anderen Zielgrößen keinen klaren Unterschied. Die große australische HATCh-Studie mit 448 Schwangeren fand gar keinen Unterschied. So verhält sich ein Effekt, der mit besseren Daten schrumpft.

Dazu das Dauerproblem jeder Hypnose-Studie: Verblindung geht nicht. Wer wochenlang Selbsthypnose geübt hat, weiß es. Ein Teil der Wirkung ist die Zuwendung im Kurs und die Erwartung, mit der die Frau in die Geburt geht. Für die Beweislage ein Problem, für die Frau im Kreißsaal zweitrangig.

Häufige Fragen

Braucht man mit Hypnose weniger Schmerzmittel unter der Geburt? Nach dieser Auswertung von drei randomisierten Studien mit 224 Frauen etwa halb so oft (relatives Risiko 0,51). Der spätere und größere Cochrane-Review von 2016 kam mit 9 Studien und 2.954 Frauen auf einen kleineren Wert von 0,73. Beide Zahlen zeigen in dieselbe Richtung, die vorsichtigere ist die verlässlichere.

Ersetzt Hypnose die Periduralanästhesie? Nein. Die PDA-Rate blieb in den größeren Studien unverändert. Was sich zeigt, sind weniger Opioide, mehr Geburten ganz ohne Schmerzmittel und ein anderes Erleben der Geburt. Die Entscheidung über eine PDA bleibt eine medizinische Entscheidung im Kreißsaal.

Warum war der Effekt 2004 größer als 2016? Weil kleine Studien schwankende Ergebnisse liefern und die auffälligen davon eher veröffentlicht werden. Dasselbe Muster findest Du in anderen Feldern: Yim und Derbyshire rechneten 2026 über 106 Studien zum klinischen Schmerz und landeten ebenfalls bei bescheidenen Zahlen.

Fazit

8.395 Frauen in der Literatursuche, 224 in der Rechnung, eine Zahl, die seither zitiert wird. Hypnose senkt den Schmerzmittelbedarf unter der Geburt vermutlich etwas. Für mehr trägt die Datenlage bis heute nicht.

Mir ist diese Arbeit trotzdem wichtig, weil sie zeigt, wo Hypnose in der Geburtsvorbereitung wirkt. Die Frau bringt ihre Aufmerksamkeit und ihre geübten Sätze mit, und das verändert, wie sie die Wehe erlebt. Das ist wirksame Kommunikation, bei der die Frau beide Rollen übernimmt. Wie diese Sicht wissenschaftlich begründet ist, steht im Überblick zur State- und Non-State-Theorie der Hypnose.

Angenommen, Du würdest Deine nächste Klientin in der Schwangerschaft nur eine Sache üben lassen. Welche wäre das?

Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie im Gespräch aufbaust, lernst Du im Hypnose-Practitioner.

Quelle

  • Cyna, A. M., McAuliffe, G. L., & Andrew, M. I. (2004). Hypnosis for pain relief in labour and childbirth: A systematic review. British Journal of Anaesthesia, 93(4), 505-511. https://doi.org/10.1093/bja/aeh225

Siehe auch

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Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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