Abstrakte warme Lichtform, in der sich ein enger Knoten in der Bildmitte allmaehlich weitet
42 Studien, 5.220 Patienten, ein einziges Symptom im Blick. Genau das macht diese Auswertung brauchbar.

Bauchschmerz bei Reizdarm: Was 42 Studien über Hypnose sagen

Eine Frau sitzt beim Gastroenterologen und hört zum dritten Mal, ihre Werte seien in Ordnung. Der Darm ist gesund. Weh tut er trotzdem, fast jeden Tag. Für genau dieses eine Symptom haben zehn Forscher 42 randomisierte Studien mit 5.220 Reizdarm-Patienten neu durchgerechnet. Mit darmgerichteter Hypnose im Präsenzformat sank das Risiko, dass der Bauchschmerz nach der Behandlung unverändert bleibt, auf das 0,77-Fache.

Ich (Marian Zefferer) finde diese Arbeit aus einem Grund wichtig, der auf den ersten Blick klein aussieht. Die meisten Reizdarm-Studien messen einen Gesamtscore. Da fließen Blähungen, Stuhlgewohnheiten, Lebensqualität und Schmerz zusammen in eine Zahl. Was den Menschen im Wartezimmer wirklich beschäftigt, ist aber der Schmerz. Diese Studie ist eine von 269 Arbeiten auf meiner Seite Hypnose-Forschung: Studien im Überblick, und sie steht dort im Block zum Reizdarm.

Was untersucht wurde

Die Gruppe um Alexander Ford am St James's University Hospital in Leeds hatte 2020 schon einmal alle psychologischen Reizdarm-Verfahren gegeneinander gerechnet. Damals ging es um das Gesamtbild der Beschwerden, und das Ergebnis habe ich unter Reizdarm: 41 Studien, vier Verfahren, kein Gewinner aufgeschrieben.

2024 kam die Nachfrage. Die amerikanischen Leitlinien empfehlen Darm-Hirn-Verfahren ausdrücklich bei Patienten mit anhaltendem Bauchschmerz. Ob sie gerade auf dieses Symptom wirken, hatte vorher niemand systematisch geprüft.

Vivek Goodoory und sein Team durchsuchten die Literatur bis zum 16. Dezember 2023 nach randomisierten Studien, die ein solches Verfahren bei erwachsenen Reizdarm-Patienten gegen ein anderes Verfahren oder eine Kontrollbedingung geprüft hatten und dabei den Bauchschmerz eigens ausgewiesen hatten. 42 Studien erfüllten das, zusammen 5.220 Teilnehmer.

Zwei Entscheidungen machen die Auswertung streng. Gerechnet wurde nach Intention-to-treat, wer die Behandlung abbrach, zählte als Misserfolg. Und gemessen wurde das Risiko, dass sich der Bauchschmerz bis zum Behandlungsende nicht gebessert hat. Kleinere Werte sind also besser.

Was herauskam

Drei Verfahren standen am Ende oben, jeweils mit einer breiten Studienbasis im Rücken.

Selbsthilfe-KVT: RR 0,71. Multimodale Verhaltenstherapie im Präsenzformat: RR 0,72. Darmgerichtete Hypnose im Präsenzformat: RR 0,77.

Was heißt RR 0,77 im Alltag? Ein Rechenbeispiel. Angenommen, von 100 Patienten hätten ohne Behandlung 80 am Ende weiter Bauchschmerz. Mit darmgerichteter Hypnose wären es rund 62. Rund 18 von 100 Menschen erleben also eine Besserung, die sie ohne die Behandlung nicht erlebt hätten. Der Vertrauensbereich reicht von RR 0,61 bis 0,96, die Wirkung ist damit statistisch abgesichert und in ihrer Größe unscharf.

Und jetzt der Satz, den ich für den ehrlichsten der ganzen Arbeit halte: Keines der drei Verfahren war einem anderen überlegen. Die Rangliste ist kein Siegerpodest. Hypnose, Verhaltenstherapie und multimodale Programme landen beim Bauchschmerz im selben Bereich.

Eine Einzelheit fällt noch auf. Bei den Studien, die ausschließlich Patienten aufnahmen, denen die Standardbehandlung bisher nicht geholfen hatte, schlug nur Gruppen-KVT die Routineversorgung deutlich. Für die schwierigen Fälle ist die Datenlage also dünner als für den Durchschnitt.

Was das für Deine Praxis heißt

Der Unterschied zwischen dieser Auswertung und ihrer Vorgängerin steckt nicht in der Methode. Er steckt in der Frage. Vorher: Geht es dem Patienten besser? Jetzt: Ist der Schmerz weniger geworden?

Genau das kannst Du in Deinen Gesprächen übernehmen. Frag nach dem einen Symptom, das sich zuerst ändern soll, und arbeite dann mit dem Wort, das der Klient dafür benutzt. Der eine sagt Ziehen, die andere Krampf, der dritte Druck. Das ist Dein Material.

„Angenommen, in vier Wochen hätte sich genau eine Sache gebessert. Woran würdest Du es zuerst merken?"

Die Antwort kommt vom Klienten, und damit ist sie brauchbar. Du bekommst ein Ziel, ein Wort und ein Erkennungsmerkmal in einem Satz. Das ist das Kooperationsprinzip aus meinen 8 hypnotischen Prinzipien: Du führst mit dem, was er Dir gibt.

Für die Verlaufsmessung hat das eine Folge. Ein Gesamtscore verwässert. Eine einzelne Zahl für den Schmerz, jede Woche notiert, zeigt Dir früher, ob Deine Arbeit greift. Wie Hypnose beim Reizdarm insgesamt eingesetzt wird, findest Du unter Hypnose bei Reizdarm.

Grenzen der Studie

Keine der 42 Studien war in allen Bewertungspunkten frei von Verzerrungsrisiko. Dazu fanden die Autoren eine Asymmetrie im Trichterdiagramm, ein Hinweis darauf, dass kleine Studien mit schwachem Ergebnis seltener veröffentlicht wurden. Die Effekte sind also vermutlich etwas zu optimistisch geschätzt.

Gemessen wurde nur der Zeitpunkt direkt am Behandlungsende. Über die Haltbarkeit sagt diese Arbeit nichts. Dazu passt die Meta-Analyse von Schaefert und Kollegen, in der der Hypnose-Effekt beim Reizdarm mit der Zeit wuchs.

Der Wert von RR 0,77 gilt für darmgerichtete Hypnose in Präsenz, also die klassische Whorwell-Variante über mehrere Sitzungen. Für Selbsthilfe-Hypnose per Audio liefert diese Auswertung keine belastbare Zahl.

Reizdarm ist eine Erkrankung. Diagnose und Behandlung gehören in Deutschland in den Heilberufsbereich, in Österreich greift das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz gilt kantonales Recht. Als Coach arbeitest Du am Umgang mit Belastung, nicht am Befund. Wie das Feld ärztlich eingebettet ist, liest Du unter Hypnose in der Medizin.

Häufige Fragen

Hilft Hypnose gegen Bauchschmerz beim Reizdarm? In der Netzwerk-Meta-Analyse von Goodoory und Kollegen mit 42 Studien und 5.220 Patienten senkte darmgerichtete Hypnose im Präsenzformat das Risiko, dass der Bauchschmerz unverändert bleibt, auf das 0,77-Fache (Vertrauensbereich 0,61 bis 0,96).

Ist Hypnose besser als Verhaltenstherapie? Nein. Selbsthilfe-KVT (RR 0,71), multimodale Verhaltenstherapie (RR 0,72) und Hypnose (RR 0,77) lagen beim Bauchschmerz gleichauf, kein Verfahren war einem anderen statistisch überlegen.

Wie viele Sitzungen braucht das? Diese Auswertung nennt keine Dosis. Die eingeschlossenen Hypnosestudien arbeiteten überwiegend im Format von sechs bis zwölf Präsenzsitzungen. Wie Du solche Abläufe aufbaust, übst Du in der Hypnose-Practitioner-Ausbildung.

Fazit

42 Studien, 5.220 Menschen, und eine Frage, die endlich präzise gestellt wurde. Beim Bauchschmerz steht Hypnose auf Augenhöhe mit den am besten untersuchten Verhaltenstherapien. Die Wahl des Verfahrens entscheidet weniger als die Passung zum Menschen.

Angenommen, Du würdest bei Deinem nächsten Klienten nach dem einen Symptom fragen, das sich zuerst ändern soll. Welches Wort würde er wählen? Und was würdest Du damit anders machen als bisher?

Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie im Gespräch aufbaust, lernst Du im Hypnose-Practitioner.

Quelle

  • Goodoory, V. C., Khasawneh, M., Thakur, E. R., Everitt, H. A., Gudleski, G. D., Lackner, J. M., Moayyedi, P., Houghton, L. A., Black, C. J., & Ford, A. C. (2024). Effect of brain-gut behavioral treatments on abdominal pain in irritable bowel syndrome: Systematic review and network meta-analysis. Gastroenterology, 167(5), 934-943.e5. https://doi.org/10.1053/j.gastro.2024.05.010

Siehe auch

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Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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