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Hypnose vor der OP: Was 50 Studien zeigen
Ein Mann liegt auf einer Trage im Vorraum. Der Eingriff ist harmlos, sagen alle. Sein Puls sagt etwas anderes. Zwanzig Minuten Warten, und in seinem Kopf läuft schon der schlimmste Film. Für genau diese zwanzig Minuten hat eine Jenaer Arbeitsgruppe 50 randomisierte Studien mit 4269 Patienten neu durchgerechnet. Ergebnis: Rechnerisch reicht es, gut drei Menschen hypnotisch zu begleiten, damit einer von ihnen spürbar weniger belastet in den Eingriff geht.
Ich (Marian Zefferer) mag diese Arbeit, weil sie eine Zahl liefert, die man einem Chirurgen erklären kann. NNT 3,32 heißt: gut drei Behandlungen pro Erfolg. Solche Werte kennt die Medizin aus der Pharmakologie, und viele gut eingeführte Medikamente liegen schlechter. Diese Studie ist eine von über 270 Arbeiten auf meiner Seite Hypnose-Forschung: Studien im Überblick, und sie steht dort im Block zu Operationen und Eingriffen.
Was untersucht wurde
2013 hatte dieselbe Gruppe um Jenny Rosendahl schon einmal alles zusammengetragen, was es zu Hypnose bei Operationen gab. Das Ergebnis habe ich unter 34 Studien und eine klare Rangfolge aufgeschrieben.
Acht Jahre später kam das Update. Mareike Holler, Susan Koranyi, Bernhard Strauß und Jenny Rosendahl durchsuchten Medline, CENTRAL, Web of Science, PsycINFO und eine Datenbank für Dissertationen, dazu von Hand. 23 neue randomisierte Studien kamen hinzu. Zusammen mit dem alten Bestand ergaben das 50 Studien und 4269 erwachsene Patienten.
Verglichen wurde Hypnose gegen die übliche Versorgung oder gegen eine Aufmerksamkeitskontrolle. Letzteres ist die strengere Bedingung: Dort bekommt die Vergleichsgruppe auch Zuwendung und Zeit, nur ohne hypnotische Sprache. Gerechnet wurde mit Random-Effects-Modellen, und für jedes Ergebnis nannten die Autoren zusätzlich die NNT, also die Zahl der Behandlungen pro erfolgreichem Fall.
Was herauskam
Sechs Bereiche wurden ausgewertet, und sie ordnen sich in eine Rangfolge, die viel über die Wirkweise sagt.
Seelische Belastung g = 0,55 (NNT 3,32) · Medikamentenverbrauch g = 0,46 (NNT 3,95) · Schmerz g = 0,37 (NNT 4,78) · Erholung g = 0,26 (NNT 6,91) · Dauer des Eingriffs g = 0,23 (NNT 7,60) · körperliche Messwerte g = 0,13 (nicht abgesichert)
Was heißt g = 0,55 im Alltag? Der durchschnittliche hypnotisch begleitete Patient war ruhiger als etwa 71 von 100 Patienten der Vergleichsgruppe. Das ist ein mittlerer Effekt, und er ist der größte in der ganzen Auswertung.
Am unteren Ende steht das, was Geräte messen: Puls, Blutdruck, Hautleitwert. Dort fand sich nichts Belastbares, der Vertrauensbereich reichte von minus 0,06 bis 0,33 und schließt die Null ein.
Diese Rangfolge ist für mich das eigentliche Ergebnis. Hypnose verändert zuerst das Erleben, und die körperlichen Begleiterscheinungen folgen erst danach und schwächer. Genau das erwartet man, wenn Hypnose wirksame Kommunikation ist. Mehr dazu unter State- und Non-State-Theorie der Hypnose.
Eine Zahl fällt noch aus dem Rahmen: Die Eingriffe selbst dauerten kürzer. Das kostet den Operateur nichts und bringt der Klinik Geld. Wenn Du Hypnose in einem medizinischen Team vorstellen willst, ist das Dein Türöffner.
Was das für Deine Praxis heißt
Die stärkste Wirkung liegt dort, wo Du am wenigsten Ausrüstung brauchst. Kein Gerät, kein Medikament, zwanzig Minuten Wartezeit und Sprache.
Praktisch heißt das: Du arbeitest mit dem, wohin die Aufmerksamkeit gerade läuft. Der Mann auf der Trage schaut auf die Decke und denkt an das, was schiefgehen kann. Er fokussiert also schon. Du brauchst ihn nirgendwohin zu bringen, Du gibst der Fokussierung nur eine andere Richtung.
„Sie haben jetzt zwanzig Minuten Zeit. Wo möchten Sie die am liebsten verbringen?"
Die Antwort kommt vom Patienten, und damit ist sie brauchbar. Du bekommst einen Ort, ein paar Sinneseindrücke und einen Grund, dort zu bleiben. Das ist das Prinzip Aufmerksamkeit aus meinen 8 hypnotischen Prinzipien: Was Du beleuchtest, wächst.
Für die Wirkungsmessung hat die Rangfolge eine Folge. Frag nach dem Erleben. Ein Blutdruckwert am Monitor sagt Dir über Deine Arbeit wenig. Die Frage „Wie angespannt bist Du gerade, von 0 bis 10?" sagt Dir viel. Wie das Feld ärztlich eingebettet ist, liest Du unter Hypnose in der Medizin.
Grenzen der Studie
Die Autoren nennen ihre größte Einschränkung selbst: Die 50 Studien unterscheiden sich stark voneinander. Und diese Unterschiede ließen sich nicht durch Merkmale der Patienten, der Interventionen oder der Studienmethodik erklären. Man weiß also, dass es schwankt, aber nicht warum.
Daran hängt der zweite Vorbehalt. Für alle Ergebnisse außer der Dauer des Eingriffs schließt das Vorhersageintervall den Nulleffekt ein. Ein Vorhersageintervall sagt, was in einer neuen, weiteren Studie zu erwarten wäre. Im Mittel wirkt Hypnose hier also, für den nächsten Einzelfall garantiert das keiner.
Ausgewertet wurden nur Erwachsene. Bei Kindern liegen die Effekte deutlich höher, das zeigt die Auswertung von Schnur und Kollegen zu medizinischen Eingriffen.
Operationen sind medizinische Eingriffe. Die Begleitung gehört ins Behandlungsteam und braucht das Einverständnis der Ärzte. Als Coach arbeitest Du am Umgang mit Anspannung, nicht am Befund.
Häufige Fragen
Wirkt Hypnose bei Operationen wirklich? In der Meta-Analyse von Holler und Kollegen mit 50 randomisierten Studien und 4269 Patienten zeigten sich Effekte auf seelische Belastung (g = 0,55), Medikamentenverbrauch (g = 0,46), Schmerz (g = 0,37), Erholung (g = 0,26) und Dauer des Eingriffs (g = 0,23). Auf körperliche Messwerte wie Puls und Blutdruck fand sich kein abgesicherter Effekt.
Was bedeutet NNT 3,32? Rechnerisch musst Du gut drei Patienten hypnotisch begleiten, damit einer von ihnen spürbar weniger seelisch belastet ist als ohne die Begleitung. Je kleiner die Zahl, desto wirksamer die Maßnahme.
Braucht es dafür eine tiefe Trance? Nein. Die eingeschlossenen Studien arbeiteten überwiegend mit kurzen Begleitungen vor oder während des Eingriffs, teils über Audioaufnahmen. Wie Du solche Abläufe aufbaust, übst Du in der Hypnose-Practitioner-Ausbildung.
Fazit
50 Studien, 4269 Menschen, und eine Rangfolge, die man sich merken kann. Am stärksten verändert Hypnose das, was der Patient erlebt. Am schwächsten das, was der Monitor anzeigt. Für die Praxis ist das eine gute Nachricht, denn das Erleben ist genau das, worauf Sprache zugreift.
Angenommen, Du würdest den nächsten Menschen, der angespannt vor etwas wartet, nach seinen zwanzig Minuten fragen. Welchen Ort würde er nennen? Und was würdest Du mit dieser Antwort machen?
Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie im Gespräch aufbaust, lernst Du im Hypnose-Practitioner.
Quelle
- Holler, M., Koranyi, S., Strauß, B., & Rosendahl, J. (2021). Efficacy of Hypnosis in Adults Undergoing Surgical Procedures: A meta-analytic update. Clinical Psychology Review, 85, 102001. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2021.102001
Siehe auch
- Hypnose-Forschung: Die wichtigsten Studien im Überblick
- Hypnose vor der Operation: 34 Studien und eine klare Rangfolge — Meta-Analyse Tefikow et al. 2013: 34 randomisierte Studien mit 2597 Patienten. Seelische Belastung g = 0,53, Schmerz ...
- Hypnose bei Schmerz: sauberste Studien, stärkster Effekt — Meta-Analyse Milling et al. 2021, erste umfassende Bestandsaufnahme zu Hypnose bei klinischem Schmerz seit rund 20 Ja...
- Besser als 89 Prozent der Kontrollgruppe: Hypnose rund um die Operation — Meta-Analyse Montgomery et al. 2002: 20 kontrollierte Studien mit chirurgischen Patienten, D = 1,20, besser als 89 Pr...
- Chronischer Schmerz: die Hypnose-Zahl, die alle zitieren — Meta-Analyse Adachi et al. 2014: 14 kontrollierte Studien zu chronischem Schmerz. Gegen Standardversorgung d = 0,60 a...
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.
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