Inhaltsverzeichnis
Besser als 89 Prozent der Kontrollgruppe: Hypnose rund um die Operation
Zwei Menschen, derselbe Eingriff, derselbe Operateur. Der eine hat vorher zwanzig Minuten eine Aufnahme gehört. Der andere nicht. Nach der Operation braucht der eine weniger Schmerzmittel, ihm ist seltener übel, er liegt kürzer im Krankenhaus. Nimmt man 20 solcher Untersuchungen zusammen, kommt eine Zahl heraus, die in der Medizin selten ist: Den Patienten mit Hypnose ging es besser als 89 Prozent der Patienten in den Kontrollgruppen.
Ich (Marian Zefferer) hole diese Arbeit regelmäßig hervor, wenn jemand im Seminar sagt, Hypnose sei etwas für die weichen Themen. Sie ist eine von über 200 Untersuchungen, die ich in der Hypnose-Forschung mit Studien im Überblick gesammelt habe, und sie steht dort im Block zu Operationen und Eingriffen.
Was untersucht wurde
Guy Montgomery und sein Team an der Mount Sinai School of Medicine suchten nach allen veröffentlichten kontrollierten Studien, in denen chirurgische Patienten zusätzlich zur normalen Behandlung Hypnose bekamen. 20 Studien erfüllten die Kriterien.
Interessant ist die Breite dessen, was dort gemessen wurde. Nicht nur der Schmerz. Auch der Verbrauch an Schmerzmitteln, Übelkeit und Erbrechen, Blutdruck und Herzfrequenz, die Dauer des Eingriffs, die Zeit bis zur Entlassung und die seelische Belastung vor und nach der Operation.
Und das Team stellte eine zweite Frage, die mich mehr interessiert als die erste: Macht es einen Unterschied, ob ein Mensch die Hypnose live von einer Person bekommt oder vom Band?
Was herauskam
Der Gesamteffekt lag bei D = 1,20. In dieser Forschung ist das ein großer Effekt, und er lässt sich in einen Satz übersetzen, den man sich merken kann: Ein durchschnittlicher Patient aus der Hypnosegruppe schnitt besser ab als 89 von 100 Patienten aus den Kontrollgruppen.
Zwischen den einzelnen Ergebnisbereichen fand sich kein bedeutsamer Unterschied. Der Nutzen zeigte sich beim Schmerz genauso wie beim Medikamentenbedarf, bei der Übelkeit und bei den Kreislaufwerten. Hypnose wirkte hier also nicht auf ein Symptom, sie veränderte, wie gut ein Mensch durch die gesamte Situation kommt.
Und die zweite Frage: Live oder Tonband machte statistisch keinen Unterschied.
Die Aufnahme kann nichts, was der Hypnotiseur kann. Sie kann nur sprechen. Und das reichte.
Was das für Deine Praxis heißt
Der Satz, den Du morgen sagen kannst, lautet ungefähr so: "Ich nehme Dir das auf. Hör es Dir die drei Abende vor dem Termin an, jedes Mal im selben Sessel."
Damit nutzt Du die Wiederholung aus meinen 8 hypnotischen Prinzipien. Ein Satz, der zum vierten Mal kommt, braucht keine Überzeugungsarbeit mehr, er ist bereits vertraut. Eine Aufnahme macht genau das möglich, ohne dass Du viermal im Raum stehen musst.
Der zweite Punkt ist der größere. Wenn ein Tonband dasselbe leistet wie ein anwesender Mensch, dann liegt die Arbeit beim Zuhörer. Er ist es, der die Bilder baut, der mitgeht, der die Suggestion mit seinem eigenen Leben füllt. Genau das meint das Kooperationsprinzip, und es ist auch ein Argument in der Debatte um State- und Non-State-Theorie. Ein besonderer Zustand, den nur ein geschulter Hypnotiseur erzeugt, müsste sich vom Band schlechter herstellen lassen. Er ließ sich nicht.
Praktisch heißt das: Deine Vorbereitung entscheidet mehr als Deine Anwesenheit. Formuliere die Sätze so, dass sie auch ohne Dich tragen. Wie Hypnose im medizinischen Umfeld sonst noch eingesetzt wird, findest Du unter Hypnose in der Medizin. Wie stark die Schmerzlinderung für sich genommen ausfällt, steht in der Meta-Analyse von Montgomery zur hypnotischen Schmerzlinderung.
Grenzen der Studie
Die Arbeit ist von 2002 und wertet ausschließlich veröffentlichte Studien aus. Untersuchungen ohne Effekt werden seltener publiziert, der wahre Effekt liegt also mit einiger Wahrscheinlichkeit unter D = 1,20. Die neuere Meta-Analyse von Tefikow und Kollegen mit 34 randomisierten Studien kommt auf deutlich kleinere Werte, und sie ist methodisch die strengere Arbeit.
Der Befund "live gleich Tonband" ist ein Nullbefund bei 20 Studien. Das heißt, es wurde kein Unterschied gefunden, was etwas anderes ist als der Nachweis, dass keiner existiert. Für so eine Frage sind 20 Studien wenig.
Und die Patienten wussten, was sie bekamen. Erwartung ist Teil des Effekts. Für die praktische Arbeit ist das brauchbar, für die Frage nach dem Wirkmechanismus bleibt es offen.
In Deutschland ist die Behandlung von Krankheiten dem Heilpraktiker- und Heilberufsrecht vorbehalten, in Österreich greift das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz gilt kantonales Recht. Hypnose rund um eine Operation läuft immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt.
Häufige Fragen
Wie stark wirkt Hypnose bei Operationen? In der Meta-Analyse von Montgomery und Kollegen über 20 kontrollierte Studien lag der Gesamteffekt bei D = 1,20. Die Patienten der Hypnosegruppen schnitten besser ab als 89 Prozent der Patienten in den Kontrollgruppen. Der Nutzen zeigte sich beim Schmerz, beim Schmerzmittelbedarf, bei Übelkeit und bei den Kreislaufwerten gleichermaßen.
Wirkt eine Audioaufnahme so gut wie ein anwesender Hypnotiseur? In dieser Auswertung fand sich zwischen live vorgetragener Hypnose und Tonbandaufnahmen kein statistisch bedeutsamer Unterschied. Bei 20 Studien ist das ein Hinweis und noch kein Beweis. Wie Du Sätze baust, die auch ohne Dich tragen, übst Du in der Hypnose-Practitioner-Ausbildung.
Wann sollte die Hypnose vor einer Operation stattfinden? In den ausgewerteten Studien lag der Zeitpunkt meist kurz vor dem Eingriff, teils auch währenddessen und danach. Eine klare Überlegenheit eines bestimmten Zeitpunkts zeigte sich nicht. Mehrere Durchgänge sind sinnvoll, weil der Text dann vertraut ist, wenn es darauf ankommt.
Fazit
Ein Mensch geht in dieselbe Operation wie sein Zimmernachbar und kommt anders heraus. Der Unterschied liegt in zwanzig Minuten Sprache, die er vorher gehört hat, und ein Teil davon kam vom Band.
Angenommen, Du würdest Deinem nächsten Klienten eine Aufnahme mitgeben, statt auf den nächsten Termin zu warten. Was würde er zwischen den Sitzungen mit ihr machen?
Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du eine Anleitung aufbaust, die auch ohne Deine Anwesenheit wirkt, übst Du im Hypnose-Practitioner.
Quelle
- Montgomery, G. H., David, D., Winkel, G., Silverstein, J. H., & Bovbjerg, D. H. (2002). The Effectiveness of Adjunctive Hypnosis with Surgical Patients: A Meta-Analysis. Anesthesia & Analgesia, 94(6), 1639-1645. https://doi.org/10.1097/00000539-200206000-00052
Siehe auch
- Hypnose-Forschung: Die wichtigsten Studien im Überblick — Der Sammelartikel mit allen Hypnose-Studien, sortiert nach Themenbereich und Evidenzstufe. Diese Meta-Analyse steht dort im Block zu Operationen und Eingriffen.
- Hypnose gegen Schmerz: was die meistzitierte Meta-Analyse wirklich zeigt — Meta-Analyse Montgomery et al. 2000: d = 0,74, klinischer und experimenteller Schmerz gleichermaßen, Suggestibilität ...
- 42 Prozent weniger Schmerz: was 85 Hypnose-Experimente zeigen — Meta-Analyse Thompson et al. 2019: g = 0,54 bis 0,76 über 85 Laborexperimente, 42 Prozent Schmerzreduktion bei hoher ...
- Hypnose plus Verhaltenstherapie: was 18 Studien über den Zusatzeffekt zeigen — Meta-Analyse Kirsch et al. 1995: Zusatzeffekt von 0,87 SD bei fast identischem Vorgehen, beim Abnehmen wuchs der Vors...
- Reizdarm: 41 Studien, vier Verfahren, kein Gewinner — Netzwerk-Meta-Analyse Black et al. 2020: darmgerichtete Hypnose RR 0,67, Selbsthilfe-KVT 0,61, Präsenz-KVT 0,62, kein...
Hypnose wirklich beherrschen.
Im Hypnose-Practitioner lernst Du die 8 hypnotischen Prinzipien strukturiert anzuwenden - Schritt für Schritt, praxisnah und mit viel Lebendigkeit im Online-Raum. Der Einstieg für alle, die Hypnose wirklich im Alltag anwenden wollen.
Hypnose-Practitioner ansehen →
Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.
→ Mehr über Marian · → Hypnose-Practitioner · → Hypnose-Master · → Hypnose-Studien