Abstrakte warme Lichtlinie, die durch ein enger werdendes Gitter läuft und dahinter heller statt schwächer weiterleuchtet
42 Studien, 45 Vergleiche. Die interessanteste Zahl steht in der Untergruppe der methodisch saubersten Arbeiten.

Hypnose bei Schmerz: sauberste Studien, stärkster Effekt

Wenn eine Forschergruppe die schlampigen Studien aus einer Auswertung wirft, schrumpft der Effekt. So läuft das fast immer. Eine amerikanische Arbeitsgruppe hat 2021 alle kontrollierten Untersuchungen zur Hypnose bei echtem klinischem Schmerz zusammengerechnet und genau das Gegenteil gefunden. Über alle 42 Studien lag die Effektstärke bei 0,60. Nimmt man nur die Studien ohne erhöhtes Verzerrungsrisiko, steigt sie auf 0,77.

Ich (Marian Zefferer) halte diese Arbeit für die zurzeit wichtigste Einzelquelle zum Thema Schmerz, weil sie die erste umfassende Bestandsaufnahme seit rund zwanzig Jahren ist. Sie ist eine von über 260 Arbeiten, die ich in der Hypnose-Forschung mit Studien im Überblick gesammelt habe, und steht dort im Block zum chronischen Schmerz.

Was untersucht wurde

Leonard Milling und sein Team an der University of Hartford suchten nach jeder kontrollierten Studie, in der Hypnose gegen irgendeine Form von klinischem Schmerz eingesetzt und mit einer Kontrollbedingung verglichen wurde. Klinischer Schmerz heißt: echte Patienten mit echten Beschwerden. Der Laborschmerz, den Studenten für Geld aushalten, war diesmal ausdrücklich draußen.

523 Datensätze wurden gesichtet. 42 Studien mit insgesamt 45 einzelnen Hypnose-Vergleichen blieben übrig. Verlangt war ein Design, bei dem verschiedene Menschen verschiedene Bedingungen bekamen, also kein reiner Vorher-Nachher-Vergleich innerhalb derselben Gruppe.

Zusätzlich bewertete die Gruppe jede Studie mit dem Cochrane-Werkzeug zum Verzerrungsrisiko. Damit lässt sich die eigentlich spannende Frage stellen: Was bleibt übrig, wenn man nur die methodisch saubere Hälfte anschaut?

Was herauskam

Über 40 Vergleiche direkt nach der Behandlung lag die mittlere gewichtete Effektstärke bei 0,60. Bei den 9 Vergleichen mit einem späteren Nachuntersuchungstermin waren es 0,61. Die Wirkung hielt also.

Übersetzt heißt ein d von 0,60 ungefähr das: Der durchschnittliche Patient aus der Hypnosegruppe hatte danach weniger Schmerz als rund 73 von 100 Patienten aus den Kontrollgruppen.

Und dann die Zahl, wegen der ich diesen Artikel schreibe:

Alle 40 Vergleiche zusammen: d = 0,60. Die 19 Vergleiche ohne hohes Verzerrungsrisiko: d = 0,77.

Das ist die umgekehrte Richtung von dem, was man aus der Placeboforschung kennt. Je strenger dort hingeschaut wird, desto kleiner werden die Effekte. Hier wird der Effekt größer, wenn die Studien besser sind. Eine Erklärung dafür ist unspektakulär und überzeugend: Schlecht kontrollierte Studien in diesem Feld sind oft auch schlecht durchgeführte Hypnose. Wer bei der Randomisierung schlampt, schlampt selten nur dort.

Ein zweiter Befund passt genau dazu. In den 6 Vergleichen, in denen die hypnotische Suggestibilität der Teilnehmer gemessen wurde, hing der Behandlungserfolg mit r = 0,53 davon ab. Das ist ein sehr enger Zusammenhang für eine klinische Frage. Wer besser auf Suggestionen anspricht, profitiert deutlich mehr.

Was das für Deine Praxis heißt

Die 0,53 lesen die meisten als Begabungsfrage. Der eine kann es, der andere eben nicht. In meiner Arbeit lese ich sie als Frage nach der Passung: Wie gut trifft das, was ich sage, gerade diesen Menschen an dieser Stelle.

Der Satz, mit dem Du das morgen angehen kannst, gehört in das Gespräch vor der eigentlichen Arbeit: "Bevor wir uns den Schmerz anschauen, erzählen Sie mir, wann Sie zuletzt so in etwas vertieft waren, dass Sie die Zeit vergessen haben."

Der Klient beschreibt Dir daraufhin seine eigene Art, sich zu versenken. Beim einen ist es das Angeln, bei der anderen das Nähen, beim dritten der zweite Kilometer beim Laufen. Du bekommst damit drei Dinge auf einmal: sein Bildmaterial, sein Tempo und den Beweis, den er sich gerade selbst geliefert hat. Genau das meint das Kooperationsprinzip aus meinen 8 hypnotischen Prinzipien. Die Arbeit macht der Klient, Du stellst den Rahmen aus seinem eigenen Material.

Die zweite Konsequenz betrifft Deinen Anspruch an Dich selbst. Wenn saubere Durchführung in dieser Auswertung mit stärkerer Wirkung zusammenfällt, dann zahlt Sorgfalt sich hier messbar aus. Vorgespräch, klare Zielformulierung, überprüfte Rückmeldung im Verlauf.

Der Wert von 0,60 liegt übrigens fast genau dort, wo ihn auch die Meta-Analyse von Adachi und Kollegen für chronische Schmerzen fand. Der ältere Klassiker von Montgomery und die große Auswertung von Thompson kommen aus ganz anderen Studienpools in denselben Bereich. Einen Überblick über die Anwendungsfelder findest Du unter Hypnose bei Schmerzen.

Grenzen der Studie

Die Untergruppe mit dem höheren Wert umfasst 19 Vergleiche. Das ist wenig, und die Studien wurden nicht danach ausgewählt. Solche Untergruppenanalysen zeigen Richtungen, sie beweisen nichts.

Dazu kommt das übliche Problem jeder Meta-Analyse in diesem Feld: Was jeweils "Hypnose" hieß, unterschied sich erheblich. Eine Audioaufnahme zum Anhören und zwölf Sitzungen bei einem erfahrenen Behandler landen in derselben Rechnung.

Und die Teilnehmer wussten, dass sie Hypnose bekamen. Erwartung gehört zur Wirkung dazu. Für die Behandlung ist das brauchbar, für die Frage nach dem Mechanismus bleibt es offen. Wie diese Frage grundsätzlich diskutiert wird, liest Du unter State- und Non-State-Theorie.

In Deutschland ist die Behandlung von Krankheiten dem Heilpraktiker- und Heilberufsrecht vorbehalten, in Österreich greift das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz gilt kantonales Recht. Schmerz gehört immer auch in ärztliche Hände.

Häufige Fragen

Wie stark wirkt Hypnose bei klinischem Schmerz? In der Meta-Analyse von Milling und Kollegen lag die mittlere gewichtete Effektstärke über 40 Vergleiche bei d = 0,60. Der durchschnittliche Hypnose-Patient hatte damit weniger Schmerz als rund 73 Prozent der Kontrollpatienten. Beim späteren Nachuntersuchungstermin lag der Wert bei 0,61.

Wirkt Hypnose nur, weil die Studien schlecht gemacht sind? In dieser Auswertung war es umgekehrt. Die 19 Vergleiche ohne hohes Verzerrungsrisiko erreichten mit d = 0,77 einen deutlich höheren Wert als der Gesamtdurchschnitt von 0,60.

Warum profitieren manche Menschen mehr von Hypnose? Die hypnotische Suggestibilität hing in 6 Vergleichen mit r = 0,53 mit dem Erfolg zusammen. Wie Du Deine Sprache an den jeweiligen Klienten anpasst, übst Du in der Hypnose-Practitioner-Ausbildung.

Fazit

Zwanzig Jahre nach der letzten großen Bestandsaufnahme steht das Ergebnis stabiler da als vorher. Der Effekt hält bis zur Nachuntersuchung, und er wird größer, wenn man genauer hinschaut.

Angenommen, Du würdest Deinen nächsten Schmerzklienten im Erstgespräch nach seiner eigenen Art fragen, sich zu versenken. Was würdest Du dabei über ihn erfahren, das Du sonst nie erfahren hättest?

Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie im Gespräch aufbaust, lernst Du im Hypnose-Practitioner.

Quelle

  • Milling, L. S., Valentine, K. E., LoStimolo, L. M., Nett, A., & McCarley, H. S. (2021). Hypnosis and the Alleviation of Clinical Pain: A Comprehensive Meta-Analysis. International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis, 69(3), 297-322. https://doi.org/10.1080/00207144.2021.1920330

Siehe auch

Hypnose wirklich beherrschen.

Im Hypnose-Practitioner lernst Du die 8 hypnotischen Prinzipien strukturiert anzuwenden - Schritt für Schritt, praxisnah und mit viel Lebendigkeit im Online-Raum. Der Einstieg für alle, die Hypnose wirklich im Alltag anwenden wollen.

Hypnose-Practitioner ansehen →
Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

→ Mehr über Marian · → Hypnose-Practitioner · → Hypnose-Master · → Hypnose-Studien

Marian folgen: LinkedIn · YouTube · Instagram · Podcast