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Reizdarm: Der Hypnose-Effekt wächst mit der Zeit
Fast jede Behandlung verliert an Wirkung, sobald sie aufhört. Bei dieser hier war es umgekehrt. Acht randomisierte Studien mit 464 Reizdarm-Patienten wurden zusammengerechnet: Am Ende der Therapie mussten fünf Menschen behandelt werden, damit einer zusätzlich ausreichende Linderung erlebte. Beim späteren Nachuntersuchungstermin waren es nur noch drei.
Ich (Marian Zefferer) habe diese Zahl beim ersten Lesen zweimal geprüft, weil sie der Richtung widerspricht, die man aus fast jeder Therapieforschung kennt. Diese Meta-Analyse ist eine von über 200 Arbeiten, die ich in der Hypnose-Forschung mit Studien im Überblick gesammelt habe, und sie steht dort im Block zum Reizdarm.
Was untersucht wurde
Rainer Schaefert und Winfried Häuser aus Deutschland, zusammen mit Petra Klose und der Wiener Gastroenterologin Gabriele Moser, durchsuchten bis Ende Juni 2013 sechs große Datenbanken. Gesucht wurde jede randomisierte kontrollierte Studie, die Hypnose bei erwachsenen Reizdarm-Patienten geprüft hatte.
Acht Studien erfüllten die Kriterien, zusammen 464 Teilnehmer. Die Behandlung lief im Mittel über 8,5 Sitzungen in rund zwölf Wochen. Das ist kein Schnellverfahren. Es ist eine Begleitung über ein Vierteljahr.
Das Hauptmaß hieß "ausreichende Symptomlinderung". Die Patienten wurden also gefragt, ob sich ihre Beschwerden für sie spürbar gebessert hatten. Zusätzlich rechneten die Autoren einen Gesamtwert für die Magen-Darm-Beschwerden aus, und sie schauten auf etwas, das in diesem Feld fast immer fehlt: Wie viele Menschen brachen ab, und passierte jemandem etwas.
Ein Punkt ist wichtig für die Einordnung. Die meisten dieser Patienten hatten die übliche Behandlung bereits hinter sich. Medikamente, Ernährungsumstellung, Aufklärung. Nichts davon hatte ausgereicht. Hypnose kam als Letztes, nachdem alles andere versucht worden war.
Was herauskam
Am Ende der Behandlung war Hypnose den Kontrollbedingungen deutlich überlegen. Das relative Risiko lag bei 1,69, mit einem Vertrauensbereich von 1,14 bis 2,51. Übersetzt: Von fünf behandelten Patienten erlebte einer eine ausreichende Linderung, der es ohne Hypnose nicht geschafft hätte.
Dann kam der Nachuntersuchungstermin. Dort stieg das relative Risiko auf 2,17, der Vertrauensbereich auf 1,22 bis 3,87. Die Zahl der nötigen Behandlungen sank von fünf auf drei.
Der Abstand zur Kontrollgruppe war Monate nach der letzten Sitzung größer als am Tag danach.
In Zahlen, die man sich merken kann: 54 Prozent der Patienten, bei denen die übliche Behandlung versagt hatte, erlebten langfristig eine ausreichende Linderung. Gut jeder Zweite. Bei einem Krankheitsbild, mit dem viele Menschen jahrzehntelang leben.
Und jetzt die Zahl, die dagegen steht. Der rechnerische Gesamtwert für die Magen-Darm-Beschwerden besserte sich am Therapieende leicht, langfristig war dieser Unterschied statistisch nicht mehr abzusichern.
Zwei Maße, zwei Richtungen. Der Fragebogen zeigte langfristig nichts Belastbares, das Urteil der Patienten über ihren eigenen Zustand wurde besser. Man kann das als Widerspruch lesen. Ich lese es anders: Was sich verändert hat, war das Verhältnis dieser Menschen zu ihrem Bauch. Die gemessene Beschwerdenzahl blieb, die Frage "reicht Ihnen das so?" wurde anders beantwortet. Genau darum geht es mir, wenn ich von Hypnose als wirksamer Kommunikation spreche, und das ist der Kern der State- und Non-State-Theorie der Hypnose.
Zur Sicherheit: Von 238 Patienten in den Hypnosegruppen brach ein einziger wegen eines unerwünschten Ereignisses ab. Eine Panikattacke. Das sind 0,4 Prozent. Diese Zahl steht selten irgendwo, und sie gehört genannt, in beide Richtungen.
Was das für Deine Praxis heißt
Der Satz, den Du morgen sagen kannst, lautet: "Üben Sie das bitte weiter, auch wenn wir uns nicht mehr sehen. Es arbeitet dann noch."
Das klingt nebensächlich. Es ist die eigentliche Botschaft dieser Auswertung. Wenn der Effekt nach dem Therapieende wächst, dann hat in diesen zwölf Wochen jemand etwas gelernt, das er danach allein weiterbenutzt. Die Sitzung war der Anfang. Das ist das Prinzip der Wiederholung aus meinen 8 hypnotischen Prinzipien, und es ist der Grund, warum ich am Ende jeder Arbeit etwas mitgebe, das der Mensch selbst anwenden kann.
Die zweite Konsequenz betrifft die Bilder. Darmgerichtete Hypnose arbeitet nicht mit Belehrung über den Darm. Sie arbeitet mit Wärme auf dem Bauch, mit einem ruhigen Fluss, mit einer Hand, die etwas glättet. Sinnesaktivierung, bevor irgendein Begriff fällt. Wer bei diesen Patienten mit Erklärungen anfängt, verliert sie, weil sie sämtliche Erklärungen schon kennen. Wie das konkret aussieht, beschreibe ich unter Hypnose bei Reizdarm-Syndrom.
Die dritte Konsequenz ist Geduld. 8,5 Sitzungen über zwölf Wochen. Wer nach der dritten Stunde das große Ergebnis erwartet, arbeitet gegen die Datenlage.
Grenzen der Studie
Acht Studien sind wenig. Die Vertrauensbereiche sind entsprechend breit, beim Langzeitwert reicht er von 1,22 bis 3,87. Der wahre Effekt kann also deutlich kleiner sein als die schöne Zahl in der Mitte.
Der Langzeitbefund steht auf noch dünnerem Boden, weil ihn nur ein Teil der eingeschlossenen Studien überhaupt erhoben hat. Wachsende Effekte über die Zeit sind außerdem immer verdächtig, solange nicht geklärt ist, wer bei der Nachuntersuchung noch geantwortet hat. Wer sich gebessert hat, meldet sich lieber zurück als wer aufgegeben hat.
Dass der rechnerische Beschwerdewert langfristig keinen Unterschied zeigte, habe ich oben gedeutet. Die nüchterne Gegendeutung gehört daneben: Vielleicht ist das Hauptmaß einfach weicher und lässt sich leichter beeinflussen.
Und die Patienten wussten, dass sie Hypnose bekamen. Eine glaubwürdige Scheinbehandlung gibt es hier nicht. Wie stark allein die Erwartung trägt, lässt sich aus diesen acht Studien nicht herausrechnen. Die Netzwerk-Meta-Analyse von Black und Kollegen mit 4.072 Patienten kommt dem näher, weil sie die Verfahren direkt gegeneinander stellt. Dort landete Hypnose auf Augenhöhe mit der Verhaltenstherapie.
In Deutschland ist die Behandlung von Krankheiten dem Heilpraktiker- und Heilberufsrecht vorbehalten, in Österreich greift das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz gilt kantonales Recht. Reizdarm gehört immer zuerst ärztlich abgeklärt, weil dieselben Beschwerden andere Ursachen haben können. Wie Hypnose dort eingebettet wird, beschreibe ich unter Hypnose in der Medizin.
Häufige Fragen
Wie gut hilft Hypnose beim Reizdarm? In der Meta-Analyse von Schaefert und Kollegen über acht randomisierte Studien mit 464 Patienten mussten am Therapieende fünf Menschen behandelt werden, damit einer zusätzlich ausreichende Symptomlinderung erlebte. Beim späteren Nachuntersuchungstermin waren es drei. Langfristig berichteten 54 Prozent der Patienten, bei denen die übliche Behandlung versagt hatte, über ausreichende Linderung.
Wie viele Sitzungen braucht darmgerichtete Hypnose? Die eingeschlossenen Studien arbeiteten im Mittel mit 8,5 Sitzungen über rund zwölf Wochen. Das ist die Größenordnung, auf die sich die Ergebnisse beziehen. Kürzere Verläufe wurden in dieser Auswertung nicht geprüft.
Ist Hypnose beim Reizdarm sicher? Von 238 Patienten in den Hypnosegruppen brach einer wegen eines unerwünschten Ereignisses ab, einer Panikattacke. Das entspricht 0,4 Prozent. Weitere Schäden wurden in den Studien nicht berichtet. Wie Du sicher und sauber damit arbeitest, lernst Du in der Hypnose-Practitioner-Ausbildung.
Fazit
Acht Studien, 464 Menschen, und ein Ergebnis, das gegen die übliche Richtung läuft. Der Vorsprung war Monate nach der letzten Sitzung größer als direkt danach. Gut jeder Zweite, dem vorher nichts geholfen hatte, berichtete langfristig über ausreichende Linderung.
Die ehrliche Einschränkung steht daneben: wenige Studien, breite Vertrauensbereiche, ein zweites Maß, das langfristig nichts zeigte. Wer weitere Auswertungen zu diesem Bild sucht, findet sie im Block zum Reizdarm in meiner Übersicht zur Hypnose-Forschung mit Studien.
Was bleibt, ist eine praktische Frage. Wenn eine Behandlung nach ihrem Ende weiterarbeitet, dann hast Du dem Menschen etwas mitgegeben, das ihm gehört.
Angenommen, Du würdest Deine nächste Sitzung so aufbauen, dass der Klient sie zu Hause ohne Dich fortsetzen kann. Was genau würdest Du ihm mitgeben?
Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie sicher einsetzt, lernst Du im Hypnose-Practitioner.
Quelle
- Schaefert, R., Klose, P., Moser, G., & Häuser, W. (2014). Efficacy, tolerability, and safety of hypnosis in adult irritable bowel syndrome: Systematic review and meta-analysis. Psychosomatic Medicine, 76(5), 389-398. https://doi.org/10.1097/psy.0000000000000039
- Black, C. J., Thakur, E. R., Houghton, L. A., Quigley, E. M. M., Moayyedi, P., & Ford, A. C. (2020). Efficacy of psychological therapies for irritable bowel syndrome: Systematic review and network meta-analysis. Gut, 69(8), 1441-1451. https://doi.org/10.1136/gutjnl-2020-321191
Siehe auch
- Hypnose-Forschung: Die wichtigsten Studien im Überblick
- Reizdarm: 41 Studien, vier Verfahren, kein Gewinner — Netzwerk-Meta-Analyse Black et al. 2020: darmgerichtete Hypnose RR 0,67, Selbsthilfe-KVT 0,61, Präsenz-KVT 0,62, kein...
- Chronischer Schmerz: die Hypnose-Zahl, die alle zitieren — Meta-Analyse Adachi et al. 2014: 14 kontrollierte Studien zu chronischem Schmerz. Gegen Standardversorgung d = 0,60 a...
- Hypnose vor der Operation: 34 Studien und eine klare Rangfolge — Meta-Analyse Tefikow et al. 2013: 34 randomisierte Studien mit 2597 Patienten. Seelische Belastung g = 0,53, Schmerz ...
- Fibromyalgie: 18 von 100 halbieren ihren Schmerz — Meta-Analyse Zech et al. 2017: 7 randomisierte Studien mit 387 Fibromyalgie-Patienten, Risikodifferenz 0,18 für eine ...
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.
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