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Wirksames Fokussieren auf gewünschtes Erleben
Es gibt ein Buch mit dreihundert Definitionen von Hypnose. Dreihundert. Für ein Phänomen, das wir täglich nutzen. Eine dieser Definitionen hat die Praxis verändert. Sie kommt von Gunther Schmidt und besteht aus vier Worten.
Hypnose ist wirksames Fokussieren auf gewünschtes Erleben.
Klingt schlicht. Ist es auch. Und genau deshalb arbeite ich (Marian Zefferer) seit Jahren mit ihr.
Warum die vier Worte etwas verändern
Solange Du Hypnose als "veränderten Bewusstseinszustand" definierst, bleibt sie ein Phänomen, das nur jemand mit Spezialausbildung auslösen kann. Etwas Besonderes, das den meisten Menschen verschlossen ist.
Schmidts Definition kippt das. Hypnose ist immer dann da, wenn sich Aufmerksamkeit gezielt auf ein gewünschtes Erleben richtet. Damit hat jeder Lehrer Hypnose im Klassenzimmer. Jeder Trainer im Seminarraum. Jede Mutter mit ihrem Kind. Die entscheidende Frage lautet dann: "In welche Richtung wirkt der Fokus?".
Das deckt sich mit der Non-State-Theorie der Hypnose: Hypnose ist kein eigener Zustand, sondern wirksame Kommunikation und Aufmerksamkeitslenkung.
Wachbewusstsein und Trancebewusstsein
Schmidt unterscheidet zwei Modi, in denen wir uns ständig bewegen.
Wachbewusstsein arbeitet mit gespaltener Aufmerksamkeit. Du fährst, hörst Podcast, trinkst Kaffee, planst den Tag. Das brauchst Du im Alltag. Logik dominiert. Entweder-oder, gut-böse, kalt-warm.
Trancebewusstsein verengt den Fokus. Du erlebst eine Sache - intensiv. Logik tritt zurück, "und-und"-Logik tritt vor: kühlende Wärme, entspannte Angespanntheit, schmerzhafte Freude. Klingt unsinnig, fühlt sich aber stimmig an.
Beides hat seinen Platz. Auf der Autobahn willst Du Wachbewusstsein. Beim Erinnern eines schönen Moments oder beim Loslassen einer Angst willst Du Trancebewusstsein. Mehr dazu in Trance - Stadien und Phänomene.
Drei Beispiele - in beide Richtungen
Christian Bale. Der Schauspieler nimmt für Filmrollen extrem ab oder zu. Nach klinischen Kriterien wäre er manchmal magersüchtig. Ist er nicht. Sein gewünschtes Erleben heißt: glaubwürdige Rolle, hohe Gage, klares Ziel. Sein Fokus wirkt zuverlässig in diese Richtung. Was das zeigt: ein klares Ziel hat enorme Macht über Wahrnehmung und Verhalten.
Diät-Selbsthypnose. Wer abnehmen will und den ganzen Tag ans Essen denkt, fokussiert auf das, was er nicht will. Der Mechanismus arbeitet zuverlässig - in die falsche Richtung. Wirksames Fokussieren, falsches Ziel.
Schmerz beim Zahnarzt. Wenn Du den Fokus auf eine Empfindung in der anderen Hand legst, eine Geschichte verfolgst oder einen Zustand verstärkst, der nicht mit Schmerz vereinbar ist, sinkt das Schmerzerleben messbar. Klassische therapeutische Anwendung.
Was sich im Coaching ändert
Wenn Du Schmidts Definition ernst nimmst, änderst Du drei Fragen.
Statt "Wie induziere ich Trance?" fragst Du: Was ist das gewünschte Erleben des Klienten? Präzise, in seinen Worten, mit Sinneswahrnehmung. Statt "weniger Stress" suchst Du nach "eine Schulter, die locker ist, ein Atemzug, der durchgeht, ein Blick, der weich wird".
Statt "Wie tief ist die Trance?" fragst Du: Worauf richtet sich der Fokus? Auf das, was er loswerden will, oder auf das, was er erreichen will? Beide hypnotisieren ihn. Beide wirken. Nur eines bringt ihn voran.
Statt "Hat der Klient mitgemacht?" fragst Du: Wirkt der Fokus in Richtung Ziel? Wenn ja - weiter. Wenn nicht - zurück zur ersten Frage. Mehr zu diesem kooperativen Verständnis findest Du im Kooperationsprinzip.
Drei Anwendungsfelder
Lehrer im Klassenzimmer. Wer am Morgen sagt "Heute wird wieder ein anstrengender Tag", hat einen Fokus gesetzt. Wer sagt "Was glaubt Ihr, was heute besonders gut funktioniert?", setzt einen anderen. Beides ist Hypnose, beides wirkt.
Coach im Erstgespräch. Statt eine Stunde lang das Problem auszuleuchten, fragt der gut trainierte Coach nach einer Skizze: Wie sieht es aus, wenn das Ziel da ist? Was ist anders? Wer merkt es? Damit ist der Fokus gesetzt.
Eltern mit Kind. "Hau nicht!" verankert das Wort "hau". "Streichel die Katze sanft" verankert "sanft". Sprache ist Fokussierung. Mit Kindern besonders sichtbar.
Mini-Übung
Nimm Dir drei Klienten oder Gesprächspartner aus dieser Woche. Zu jedem schreibst Du in zwei Sätzen auf:
- Welches gewünschte Erleben fokussiert er gerade?
- Welches will er eigentlich?
Wenn die beiden Sätze nicht übereinstimmen, hast Du den Hebel gefunden, an dem Du arbeitest.
Hypnose von der Pieke auf - Workbook und Practitioner
Schmidts Definition macht klar, dass Hypnose lernbares Handwerk ist. Im kostenlosen Hypnose-Workbook findest Du die ersten Schritte, um gewünschtes Erleben sauber zu definieren und Aufmerksamkeit gezielt zu lenken.
In der Hypnose-Practitioner-Ausbildung trainierst Du das an realen Coaching-Fällen, bis Dir die Frage nach dem gewünschten Erleben schneller einfällt als die Erklärung dazu.
Häufige Fragen
Was ist die moderne Definition von Hypnose? Im hypnosystemischen Verständnis nach Gunther Schmidt: wirksames Fokussieren auf gewünschtes Erleben. Damit rücken Aufmerksamkeitslenkung und Ziel ins Zentrum, der angebliche Sonderzustand tritt zurück.
Was unterscheidet Schmidts Definition von der klassischen? Klassisch wurde Hypnose über den Trancezustand definiert (entspannt, passiv, augengeschlossen). Schmidt verzichtet auf den Zustand und definiert über den Mechanismus: Aufmerksamkeit auf gewünschtes Erleben.
Was bedeutet hypnosystemisch? Hypnosystemisch verbindet hypnotherapeutische Sprachmuster mit systemischer Therapie. Statt Symptome zu bekämpfen, wird das gewünschte Erleben fokussiert - im Kontext der Beziehungen und Systeme, in denen der Klient steht.
Quelle
- Schmidt, G. (2004). Liebesaffären zwischen Problem und Lösung. Hypnosystemisches Arbeiten in schwierigen Kontexten. Carl-Auer.
Siehe auch
- State- versus Non-State-Theorien der Hypnose: Ein anschaulicher Überblick über die empirischen Belege und die wissenschaftliche Debatte — State- versus Non-State-Theorien der Hypnose: Ein anschaulicher Überblick ü...
- Aufmerksamkeitsprinzip der Hypnose: die Kunst des Fokus
- Growth Mindset & Selbsthypnose — warum Du an Dir arbeiten kannst, auch wenn Du glaubst, Du kannst es nicht — Dweck 1973/1986/2008: Beliefs über Veränderbarkeit sind der Kern dessen, was Persönlichkeit formbar macht. Non-State-...
- Rapport und Erwartung — warum Hypnose ohne Beziehung nichts bewirkt — Terhune et al. 2017 zeigen: Rapport aktiviert die preparedness to respond, die eigentliche Wirkungsmaschine in Hypnos...
- Selbsthypnose ist genauso wirksam wie Fremdhypnose — das sagt die Forschung — Terhune et al. 2017 zeigen: Selbsthypnose ist im Outcome so wirksam wie geführte Hypnose. Non-State-Einordnung, drei ...
Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.