Inhaltsverzeichnis
Gordon & Meyers-Anderson "Phoenix" (Buchrezension)
Ich (Marian Zefferer) habe viele Erickson-Bücher gelesen. Bei den meisten begegnest Du irgendwann den gleichen Fallbeispielen wieder, manchmal sogar zum dritten Mal in Folge. "Phoenix" von David Gordon und Maribeth Meyers-Anderson ist eine der seltenen Ausnahmen. Es enthält Fallbeispiele, die ich in keinem anderen Buch gelesen habe - und einige der bekannten Geschichten sind hier in einer Ausführlichkeit erzählt, die selbst alten Erickson-Lesern noch etwas Neues bietet. Das alleine macht das Buch wertvoll.
Worum es geht
David Gordon und Maribeth Meyers-Anderson waren NLP-Trainer, Schüler von Bandler und Grinder und haben Milton Erickson 1978 und 1979 persönlich in Phoenix, Arizona besucht. Daraus ist "Phoenix" entstanden, ein Buch, das sich gezielt einer Seite von Ericksons Arbeit widmet, die im Schatten der formalen Hypnose-Bücher steht: den therapeutischen Strategien, die ohne Augen-zu-Induktion auskommen. Erickson hat einen großen Teil seiner Veränderungsarbeit ohne formelle Trance gemacht. "Phoenix" ist das Buch dazu.
Meine ehrliche Lese-Erfahrung
Im Unterschied zu "Patterns" von Bandler und Grinder - das ich für ein wichtiges, aber sehr trockenes Werk halte - liest sich "Phoenix" erzählerisch. Gordon und Meyers-Anderson lassen Erickson seitenlang selbst sprechen, geben Originaltranskripte wieder, kommentieren behutsam und analysieren die Pattern dahinter. Das ist eine andere Buch-Erfahrung. Du sitzt nicht vor einem Linguistik-Lehrbuch, sondern fast in Ericksons Wohnzimmer.
Was mich überrascht hat: Wie viele Fallbeispiele in diesem Buch sind, die ich in keinem anderen Erickson-Werk gefunden habe. Ich habe wirklich viele Erickson-Bücher gelesen - und "Phoenix" hat mir trotzdem neue Geschichten geliefert. Bei einigen Geschichten, die ich vorher schon mehrfach kannte, war die Tiefe der Ausführung hier so viel größer, dass ich beim Lesen dachte: "Das ist ja noch viel interessanter, als ich es bisher verstanden hatte."
Die Joe-Geschichte: "You can if you're a gentleman"
Eine Geschichte ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Erickson erzählt sie ausführlich, und sie ist eines der schönsten Beispiele dafür, warum eine einzige Frage zur richtigen Zeit eine ganze Therapie ersetzen kann.
Joe, in Wisconsin geboren, war von seinem zwölften bis einundzwanzigsten Lebensjahr in der Erziehungsanstalt. Aufgrund von Aggressivität und Brutalität verbrachte er den größten Teil davon in Einzelhaft. Mit einundzwanzig entlassen, in Milwaukee wegen Einbruchs verhaftet, kam er in die Strafvollzugsanstalt Green Bay. Auch dort: Einzelhaft, Wachen, die ihm im Hof in zehn Fuß Abstand auf beiden Seiten folgten, falls Joe einen angreifen würde. Nach der Entlassung erneut Verbrechen, ab ins State Prison. Dort: das Verlies. Acht mal acht mal acht Fuß. Schräger Boden, Tablett mit Essen einmal am Tag durch einen Schlitz.
Dann, nach einer weiteren Entlassung, eine zufällige Begegnung in einem Dorf. Susie, hübsch und in der Gegend beliebt. Joe fragte sie, ob er sie zum nächsten Tanz begleiten dürfe. Susie antwortete kühl: "Das kannst Du, wenn Du ein Gentleman bist."
Joe trat zur Seite. In derselben Nacht stellte er gestohlene Ware den Händlern vor die Türen. Am nächsten Tag ging er zu Susies Vater und bat um Arbeit als Knecht. Fünfzehn Dollar im Monat. Quartier in einem isolierten Stallzimmer (in Wisconsin braucht man das, bei minus 35 Grad). Joe arbeitete von Sonnenaufgang bis weit nach Sonnenuntergang, sieben Tage die Woche. Er wurde der beste Knecht, den die Gegend je gesehen hatte. Er ging Freitag Abend zum Tanz, tanzte mit Susie. Niemand widersprach ihm, er war sechs Fuß drei. Ein Jahr später heirateten Joe und Susie. Joe übernahm später die Farm. Er stellte als Erntehelfer junge Ex-Häftlinge ein und rehabilitierte sie.
Ericksons Kommentar zu Joes Geschichte: "Die ganze Psychotherapie, die Joe bekommen hat, war: 'Das kannst Du, wenn Du ein Gentleman bist.' Er brauchte keine Psychoanalyse. Er brauchte keine Carl-Rogers-Therapie. Er brauchte keine fünf Jahre Gestalt-Therapie. Alles, was er brauchte, war ein einziger Satz."
Diese Geschichte hat mich geprägt. Sie zeigt: Es braucht keine lange Therapie, wenn das richtige Wort zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, vom richtigen Menschen gesagt wird. Dann ist Veränderung sehr schnell möglich.
Was das Buch sonst stark macht
Ericksons Tochter und die zwanzig Dropouts
Eine weitere Geschichte, die im Buch ausführlich erzählt wird: Ericksons Tochter, Colonel-Frau auf einem Stützpunkt in Okinawa, übernahm ein Pilotprojekt mit etwa zwanzig Dropouts aus Militärfamilien. Diebstahl, Drogenkonsum, Gewalt, Schulverweigerung in der Vorgeschichte. Sie sagte ihnen: "Das ist Eure Schule. Ihr führt die Schule. Ich unterrichte hier nur." Wer störte, wurde verwiesen. Wer mitmachte, wurde gehört.
Am Ende des Schuljahres ging der Schüler mit der schlimmsten Vorgeschichte zum Junior College zurück in die Staaten. Am Flughafen umarmte er Ericksons Tochter, weinte und küsste sie zum Abschied. Die anderen Schüler hänselten ihn, weil er weinte. Er drehte sich um und sagte: "Jeder weint, wenn er seinen besten Freund verliert."
Auch das ist eine Geschichte, die zeigt, wie Veränderung möglich ist - nicht über Methode, sondern über Beziehung und über die richtige Sprache zur richtigen Zeit. Erickson kommentiert sie in "Phoenix" mit derselben Klarheit, mit der er Joes Geschichte rahmt: Die Veränderung muss im Patienten stattfinden, und der Patient muss eine Motivation haben.
Der erzählerische Stil als Stärke
Gordon und Meyers-Anderson moderieren die Erickson-Originale mit Respekt und mit didaktischem Auge. Sie analysieren, was im Hintergrund eines Erickson-Satzes passiert, ohne die Geschichte zu zerlegen. Sie zeigen die Pattern, aber lassen die Story Story sein. Das ist eine seltene Balance.
Für wen ist das Buch geeignet
- Hypnose- und Coaching-Praktiker mit Grundlagenwissen, die in die Tiefe der ericksonschen Arbeit jenseits formaler Trance vordringen wollen
- NLP-Trainer und Lehrtrainer, die das praktische Pendant zu "Patterns" suchen
- Erickson-Vertiefer, die nach Original-Fallgeschichten suchen, die nicht überall stehen
- Storytelling-affine Leser, die sehen wollen, wie Erickson Geschichten erzählt und nicht nur, wie er sie zerlegt
Für wen ist es nicht der richtige Einstieg? Für absolute Anfänger ohne Hypnose-Grundlagen. Du würdest die Pattern hinter den Geschichten nicht sehen können, und damit verlierst Du den eigentlichen Mehrwert. "Phoenix" ist immer noch ein gutes Buch, auch wenn Du es als Einsteiger liest - aber Du hast deutlich weniger davon. Wenn Du gerade erst beginnst, ist mein Workbook oder Trenkles "Dazu fällt mir eine Geschichte ein" der bessere Einstieg.
Mein Fazit
"Phoenix" ist ein ausgezeichnetes Buch. Es ergänzt die formal-hypnotische Erickson-Literatur um genau den Teil, der dort fehlt: die Veränderungsarbeit ohne Augen-zu-Induktion, die Konversationshypnose, lange bevor es diesen Begriff gab. Gordon und Meyers-Anderson haben einen ungewöhnlichen Zugang zu Erickson gehabt, und sie nutzen ihn, um Originalmaterial zugänglich zu machen, das selbst Vielleser noch überrascht.
Was Du danach lesen kannst
- Trenkle, B. (2021). Dazu fällt mir eine Geschichte ein. Carl-Auer. Storytelling-Praxis im modernen, deutschsprachigen Kontext. Lies meine Rezension dazu.
- Erickson & Rossi (2016). Hypnotherapie. Klett-Cotta. Wenn Du nach "Phoenix" tiefer in die formal-hypnotische Seite Ericksons möchtest.
- Schmidt, G. (2024). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Carl-Auer. Das theoretische Modell zum Praxis-Material in "Phoenix". Meine Rezension dazu.
- Mein kostenloses Hypnose-Workbook für die 8 hypnotischen Prinzipien - die praktische Grundlage, auf der Ericksons Pattern wirken.
- Mein Hypnose-Practitioner-Online-Training, in dem konversationshypnotische und ericksonsche Methoden mit Übung, Feedback und Praxistransfer verbunden werden.
Häufige Fragen
Was unterscheidet "Phoenix" von Bandler/Grinder "Patterns"?
Beide Bücher modellieren Erickson, aber unterschiedlich. "Patterns" fokussiert die linguistische Struktur von Ericksons hypnotischer Sprache, die formal-hypnotischen Patterns. "Phoenix" fokussiert Ericksons Veränderungsarbeit ohne formelle Trance - das, was er in normalen Gesprächen, in Aufträgen, in Briefen, in der direkten Begegnung mit Klienten gemacht hat. "Phoenix" ist erzählerisch lesbar, "Patterns" ist ein linguistisches Lehrbuch. Wer Storytelling und Praxis-Beispiele will, nimmt "Phoenix". Wer linguistische Pattern-Notation will, nimmt "Patterns".
Brauche ich Vorkenntnisse, um "Phoenix" zu lesen?
Grundkenntnisse in Hypnose und ericksonscher Therapie helfen sehr. Ohne sie wirken viele Geschichten wie nette Anekdoten - mit Grundlagen siehst Du die Pattern dahinter und nimmst Werkzeuge mit. Wer ganz neu ist, sollte zuerst das Workbook oder Trenkle lesen und "Phoenix" als Vertiefungs-Lektüre auflegen.
Ist "Phoenix" auf Deutsch erhältlich?
Ja, in einer Übersetzung von Brigitte Eckert im Iskopress-Verlag (1986). Die deutsche Ausgabe ist antiquarisch zu finden. Das englische Original von 1981 erschien bei Meta Publications.
Welche Erickson-Geschichte aus "Phoenix" lohnt sich besonders?
Die Joe-Geschichte ("You can if you're a gentleman") und die Geschichte von Ericksons Tochter mit den Dropouts auf Okinawa. Beide zeigen die Pointe sehr verschiedener Erickson-Methodik: ein einziger Satz zur richtigen Zeit kann genügen, und Veränderung passiert über Beziehung und Sprache, nicht über Methode.
Quelle
- Gordon, D., & Meyers-Anderson, M. (1986). Phoenix: Therapeutische Strategien von Milton Erickson (B. Eckert, Übers.). iskopress. (Originalwerk publiziert 1981)
Siehe auch
- Bandler & Grinder "Patterns" Band 1 (Buchrezension) — Marians ehrliche Rezension des NLP-Hypnose-Klassikers Patterns Band 1 von Bandler & Grinder. Position: für Anfänger n...
- Schmidt "Liebesaffären zwischen Problem und Lösung" (Buchrezension) — Schmidts vertiefendes Werk mit den meisten und stärksten Fallbeispielen zum hypnosystemischen Arbeiten. Kernidee 'Nic...
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- Prior "MiniMax-Interventionen" (Buchrezension) — Marians Nr.-1-Einstiegsbuch für Konversationshypnose. Kurze, sofort anwendbare Sprachmuster: Wunschzustand-Frage, das...
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.