Inhaltsverzeichnis
- Worum es geht: das Ursprungswerk des Milton-Modells
- Meine ehrliche Lese-Erfahrung
- Linguistische Notation als Hürde
- Der Grinder-Einschlag ist überall
- Was "Patterns" Band 1 stark macht
- Originalmaterial von Erickson
- Die Tomatenpflanzen-Geschichte
- Der Aldous-Huxley-Bericht
- Für wen das Buch geeignet ist
- Lohnt sich für ...
- Lohnt sich nicht für ...
- Was Du stattdessen lesen kannst
- Mein Fazit
- Häufige Fragen
- Quelle
Bandler & Grinder "Patterns" Band 1 (Buchrezension)
"Patterns" Band 1 von Richard Bandler und John Grinder gilt als Ursprungswerk des Milton-Modells. Ich (Marian Zefferer) habe das Buch mehrfach gelesen - und sage Dir direkt: Es ist kompliziert, sehr linguistisch geschrieben, und der Grinder-Einschlag ist deutlich. Einem absoluten Anfänger in Hypnose oder NLP würde ich es nicht empfehlen. Hier zeige ich, für wen sich die Lektüre trotzdem lohnt - und was Du stattdessen lesen kannst.
Worum es geht: das Ursprungswerk des Milton-Modells
"Patterns of the Hypnotic Techniques of Milton H. Erickson, Volume I" erschien 1975 in den USA. Bei Junfermann ist die deutsche Übersetzung unter dem Titel "Patterns: Muster der hypnotischen Techniken Milton H. Ericksons" erhältlich.
Bandler und Grinder hatten sich vorgenommen, die Arbeit von Milton Erickson - dem damals bekanntesten medizinischen Hypnotiseur der USA - mit Mitteln der modernen Linguistik zu modellieren. Daraus wurde später das, was im NLP als Milton-Modell bekannt ist: die systematische Sammlung von Sprachmustern, mit denen Erickson Trance induziert und Veränderung anstößt.
Erickson selbst schrieb das Vorwort. Der Schlüsselsatz lautet sinngemäß: "Ich weiß, was ich tue. Aber zu erklären, wie ich es tue, ist für mich viel zu schwierig." Bandler und Grinder hätten ihm dabei geholfen.
Was viele übersehen: Erickson nutzt im Vorwort selbst Seeding - er streut zwischen den Zeilen eine weitere Botschaft an den Leser ein. Wer das Vorwort aufmerksam liest, kann Ericksons indirekte Strategien live im Text beobachten, bevor das Buch sie überhaupt benennt. Allein dafür lohnt sich der Einstieg über das Vorwort.
Meine ehrliche Lese-Erfahrung
Ich lese das Buch nicht zum ersten Mal. Und doch lege ich es immer wieder beiseite, weil es sehr fordernd ist. Drei Punkte:
Linguistische Notation als Hürde
Die Pattern-Klassifikationen heißen auf Deutsch "kleinere eingebettete Strukturen", "Verletzung der Selektionsbeschränkung", "Nominalisierung mit Tilgung und fehlendem Referenzindex". Wer nicht in Linguistik oder Transformationsgrammatik (Chomsky) zu Hause ist, der stolpert. Bandler und Grinder setzen ihr eigenes Vorgängerwerk "Metasprache der Veränderung" (engl. "The Structure of Magic I") als Vorwissen voraus. Ohne das fehlt die Brücke.
Der Grinder-Einschlag ist überall
John Grinder war Linguistik-Professor an der UC Santa Cruz, ein Chomsky-Schüler. Das Buch liest sich an vielen Stellen wie ein syntaktisches Lehrbuch. Im Anhang findet sich ein eigenes Kapitel mit dem Titel "Syntaktische Umgebungen zur Identifikation natürlichsprachlicher Präsuppositionen" - faktisch eine grammatische Tabelle. Der Bandler-Anteil (intuitiver, spielerischer, vorführender) tritt in Band 1 zurück.
Bandler und Grinder schreiben es selbst klar im Vorwort: Das Buch sei "in erster Linie als Trainingshandbuch gedacht, nicht als Roman". Also kein Lesebuch, sondern ein Übungsbuch über Wochen.
Was "Patterns" Band 1 stark macht
Trotz dieser Hürden hat das Buch echte Schätze. Drei davon möchte ich Dir konkret zeigen.
Originalmaterial von Erickson
Drei Erickson-Originaltexte sind im Buch abgedruckt. Allein dafür lohnt sich der Kauf, wenn Du Erickson-affin bist. Es sind direkte Texte aus Ericksons Feder, dazu sein eigenes Vorwort - im Jahr 1975 war das eine Seltenheit, weil es zu diesem Zeitpunkt noch sehr wenig publiziertes Material direkt von Erickson gab.
Die Tomatenpflanzen-Geschichte
Das berühmteste Praxisbeispiel des Buches: Erickson behandelt einen terminal kranken Floristen namens Joe, der starke Schmerzen hat und kein Wort über das Wort "Hypnose" hören will. Statt einer formellen Induktion erzählt Erickson Joe in ruhiger Stimme die Geschichte einer Tomatenpflanze - wie sie wächst, wie der Same im Boden liegt, wie die Blätter sich entfalten. Eingestreut sind hypnotische Sprachmuster wie Pacing, eingebettete Suggestionen ("kann sich entspannen", "wirklich eine Art Wohlbehagen spüren") und implizite Kausativa. Joe rutscht in eine somnambule Trance, ohne dass das Wort Hypnose je fällt. Die Geschichte ist nicht nur historisch wichtig - sie ist eine der schönsten Anwendungen der Einstreutechnik (Interspersal-Technik), die ich kenne. In meiner Arbeit mit Klienten nutze ich denselben Mechanismus alltagsnah: über Alltagsbeispiele Suggestionen einbetten, ohne die linguistische Notation darüber zu legen.
Der Aldous-Huxley-Bericht
Der dritte abgedruckte Erickson-Originaltext ist ein gemeinsames Forschungsgespräch mit Aldous Huxley (dem Autor von "Schöne neue Welt"). Erickson und Huxley trafen sich 1950 in Los Angeles und verbrachten einen ganzen Tag damit, verschiedene Bewusstseinszustände zu erforschen. Beide hatten getrennt Notizbücher vorbereitet, beide wollten daraus später ein gemeinsames Buch machen. Ein kalifornisches Buschfeuer zerstörte Jahre später Huxleys Haus samt Notizbüchern. Was wir lesen, ist der Rest, den Erickson aus seinen eigenen Aufzeichnungen rekonstruieren konnte. Wer sich für Phänomenologie und die State-vs-Non-State-Debatte interessiert, der findet hier ein historisches Schlüsseldokument. Es passt auch zu meiner Arbeit zur Wahrnehmung als Fundament der Hypnose.
Für wen das Buch geeignet ist
Lohnt sich für ...
- NLP-Practitioner-Absolventen, die hinter die eigenen Sprachmuster schauen wollen
- Linguistik-affine Leser mit Vorkenntnissen in Chomsky-Grammatik
- Erickson-Vertiefer, die die drei Erickson-Originaltexte (Einstreutechnik-Aufsatz, Trance-Induktion, Huxley-Forschungsgespräch) direkt lesen wollen
- Lehrtrainer und Coaches im Aufbau, die ihren methodischen Hintergrund versachlichen wollen
- Akademisches Publikum, das für Diplom-, Bachelor- oder Masterarbeiten zum NLP-Hypnose-Modell forscht
Lohnt sich nicht für ...
- Absolute Anfänger in Hypnose oder NLP - zu viel Vorwissen vorausgesetzt
- Coaches und Trainer, die schnell anwendbare Sprachmuster wollen - die finden sie kompakter bei Schmidt, Trenkle oder in den Erickson/Rossi-Fallbüchern
- Leute, die sich für Grammatik und Syntax nicht stark interessieren - das Buch ist über weite Strecken trocken geschrieben
- Hypnose-Praktiker im konversationellen Bereich - meinen Ansatz der Konversationshypnose beschreibe ich ohne diese linguistische Notation
Was Du stattdessen lesen kannst
Wenn Du gerade erst einsteigst oder Hypnose pragmatisch lernen willst, sind diese Bücher besser:
- "Therapie in Trance" von Bandler & Grinder. Das ist deutlich zugänglicher als "Patterns" Band 1, weil es transkribierte Workshop-Vorträge enthält und die linguistische Notation weglässt. Ich empfehle es Einsteigern als das geeignetere NLP-Hypnose-Erstbuch. Eine eigene Rezension dazu folgt.
- Gunther Schmidt (2022). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Die hypnosystemische Brücke zwischen Hypnose und Coaching, klar geschrieben, praxisnah.
- Bernhard Trenkle (2021). Dazu fällt mir eine Geschichte ein (mit Vorwort von Manfred Lütz). Für Storytelling und das Einweben von Veränderung in Coaching-Geschichten.
- Erickson & Rossi (2016). Hypnotherapie. Erickson direkt, mit vielen Fallbeispielen aus der Praxis.
- Mein kostenloses Hypnose-Workbook als praktischer Einstieg in die 8 hypnotischen Prinzipien, ohne Linguistik, ohne Notation.
- Mein Hypnose-Practitioner-Online-Training für die systematische Ausbildung in Konversationshypnose mit Übungen, Live-Coaching und Praxistransfer.
Mein Fazit
"Patterns" Band 1 ist ein historisches Schlüsselwerk. Es ist das Buch, in dem Bandler und Grinder das Milton-Modell zum ersten Mal systematisch beschreiben. Wer NLP-Hypnose unterrichtet oder seriös vertieft, sollte es im Regal haben. Aber kein Buch zum Einsteigen.
Wenn Du jetzt anfangen willst mit Hypnose, dann nimm Dir lieber zuerst das Workbook vor und steige dann in den Hypnose-Practitioner ein. Dort lernst Du die Patterns von "Patterns" am praktischen Beispiel - ohne syntaktische Notation, mit Übungsbögen und Feedback. Das Buch von Bandler und Grinder liest sich danach ganz anders.
Häufige Fragen
Welches Buch von Bandler und Grinder ist für Hypnose-Anfänger geeignet?
"Therapie in Trance" von Bandler und Grinder ist deutlich zugänglicher als "Patterns" Band 1. Es enthält transkribierte Workshop-Vorträge ohne die schwere linguistische Notation. Eine eigene Rezension dazu schreibe ich noch. Noch praxisnäher für Einsteiger ist mein kostenloses Hypnose-Workbook oder Gunther Schmidts hypnosystemische Einführung.
Was ist der Unterschied zwischen "Patterns" Band 1 und Band 2?
Band 1 (1975) konzentriert sich auf sprachliche Pattern-Identifikation und -Klassifikation - das spätere Milton-Modell. Band 2 (1977) geht stärker in nonverbale Patterns, Repräsentationssysteme (VAKOG) und multi-modale Kommunikation. Band 2 ist beim Lesen ähnlich fordernd wie Band 1 - die Notation und der linguistisch-trockene Stil bleiben.
Ist "Patterns" Band 1 auf Deutsch erhältlich?
Ja, bei Junfermann unter dem Titel "Patterns: Muster der hypnotischen Techniken Milton H. Ericksons". Die Übersetzung stammt von Milojevic und Grehling.
Welche Vorkenntnisse braucht man, um "Patterns" Band 1 zu lesen?
NLP-Practitioner-Niveau und idealerweise Bandler/Grinders Vorgängerwerk "Metasprache der Veränderung" (engl. "The Structure of Magic I") gelesen. Ohne Grundlagen in Chomsky-Grammatik und Transformationsgrammatik werden viele Pattern-Klassifikationen schwer zugänglich.
Was ist die berühmteste Erickson-Story in "Patterns" Band 1?
Die Tomatenpflanzen-Geschichte mit dem Floristen Joe. Erickson behandelt einen terminal kranken Patienten, der das Wort Hypnose nicht hören will. Er erzählt ihm eine ruhige Geschichte vom Wachsen einer Tomatenpflanze - mit eingebetteten Suggestionen zur Schmerzlinderung. Joe rutscht in eine somnambule Trance, ohne formelle Induktion. Die Geschichte ist ein Klassiker der Einstreutechnik (Interspersal-Technik).
Quelle
Bandler, R., Grinder, J., & Erickson, M. H. (2015). Patterns: Muster der hypnotischen Techniken Milton H. Ericksons. Junfermann.
Erickson, M. H., & Rossi, E. L. (2016). Hypnotherapie (Leben Lernen, Bd. 49): Aufbau - Beispiele - Forschungen. Klett-Cotta.
Schmidt, G. (2022). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Carl-Auer Verlag GmbH.
Trenkle, B. (2021). Dazu fällt mir eine Geschichte ein: Direkt-indirekte Botschaften für Therapie, Beratung und über den Gartenzaun. Carl-Auer.
Siehe auch
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.