Aufgeschlagenes Schmidt-Buch mit Notizen und Markierungen auf einem Schreibtisch
Gunther Schmidts "Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung" - Marians Rezension

Schmidt "Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung" (Buchrezension)

Wenn Du mich (Marian Zefferer) fragst, welches deutschsprachige Hypnose-Buch in meinem Coaching am häufigsten zitiert wird, ist es eines: Gunther Schmidts "Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung". Es ist nicht das bildhafteste Buch, das ich kenne. Es ist theoretischer und akademischer als zum Beispiel Trenkle. Aber das, was Du aus diesem Buch lernst, prägt jede Deiner künftigen Gespräche. Und genau deshalb steht es so oft in meinen Empfehlungslisten ganz oben.

Worum es geht

Gunther Schmidt hat den Begriff "hypnosystemisch" um 1980 vorgeschlagen, um zwei Schulen zu verbinden, die bis dahin nebeneinander her arbeiteten: die ericksonsche Hypnotherapie und die systemische Therapie. Das Buch ist die kompakte Einführung in dieses Integrationsmodell - 92 Seiten, dicht geschrieben, jedes Kapitel trägt eine wichtige Idee.

Schmidt ist nicht irgendwer im Feld. Er ist Gründer des Milton-Erickson-Instituts Heidelberg, (ehemaliger) Ärztlicher Direktor und Leiter der sysTelios Privatklinik und Träger des MEG-Preises. Wer in den letzten 30 Jahren hypnosystemisch arbeitete, hat ziemlich sicher dieses Buch gelesen.

Meine ehrliche Lese-Erfahrung

Das Buch ist nicht "durchgeflutscht" wie Trenkles "Dazu fällt mir eine Geschichte ein". Schmidt schreibt akademisch, mit langen Sätzen, mit präzisem Begriffsbau. Er argumentiert systematisch, nicht anekdotisch. Das ist keine Kritik, sondern eine Charakterisierung - dieses Buch ist ein Lehrbuch, kein Lesebuch.

Aber: was Schmidt aufbaut, trägt. Wer einmal sein Vokabular im Kopf hat, sieht im Klientengespräch andere Dinge. Ich nutze seine Begriffe heute praktisch täglich.

Was das Buch stark macht

Problemtrance und Lösungstrance

Das ist für mich der Schmidt-Begriff schlechthin. Schmidt zeigt: Ein Klient, der jammert, "Ich bin so depressiv, nichts geht, ich kann nichts ändern", befindet sich in einer Trance - in einer Problemtrance. Aufmerksamkeit ist verengt, Ressourcen sind nicht zugänglich, Zeit wird verzerrt, hilfreiche Erfahrungen "zählen nicht mehr". Das ist nicht eine Eigenschaft des Klienten. Es ist ein hypnotischer Zustand, der eingeladen werden kann zu wechseln. Die Aufgabe des Coachings ist es, dem Klienten Fokussierungshilfen anzubieten, mit denen er aus der Problemtrance in die Lösungstrance hinüberwechseln kann.

Diese Begriffstrennung hat in meinem Kopf etwas verändert. Sie nimmt den Druck, "das Problem zu lösen". Stattdessen lade ich ein, den "Trance-Zustand" zu wechseln. Das ist eine ganz andere Bewegung.

Symptome als kompetente Lösungsversuche mit Preis

Schmidt argumentiert konsequent kompetenzorientiert: Ein Symptom ist nicht ein Defizit, sondern ein kompetenter Lösungsversuch des Systems - mit einem Preis, den niemand mag. Wer Panik hat, hat sich vor etwas geschützt. Wer ein Suchtverhalten zeigt, regelt etwas. Die Frage ist nicht "Wie weg damit?", sondern "Was regelt das? Und gibt es einen Weg, das Anliegen dahinter so zu bedienen, dass der Preis sinkt?" Das hat eine direkte Konsequenz im Gespräch: Ich rede nie gegen ein Symptom, ich rede mit dem Anliegen dahinter.

Das Seitenmodell

Schmidt führt ein Modell ein, das ich heute in fast jedem Coaching nutze: Du bist nicht Dein Problem - Du hast eine Seite, die das Problem produziert. Vier Worte verschieben das Selbstbild des Klienten. "Ich bin depressiv" wird zu "Eine Seite von mir ist depressiv" oder noch präziser "Eine Seite von mir erlebt sich als depressiv." Das öffnet sofort Spielraum: andere Seiten existieren, andere Seiten haben andere Wahrnehmungen, andere Seiten könnten gefragt werden, was sie dazu meinen. Es ist eine der elegantesten Verschiebungen, die mir aus der Literatur über den Weg gelaufen ist.

Du musst nicht das Problem ändern - nur die Beziehung dazu

Eine zweite Pointe, die Schmidt durchzieht: Veränderung erfolgt selten, indem das Problem selbst angegriffen wird. Veränderung erfolgt, wenn die Beziehung zum Problem sich verschiebt. Wenn ich nicht mehr gegen meine Angst kämpfe, sondern wahrnehme, was sie schützen will - dann verändert sich die Angst von selbst. Diese Idee sitzt in fast jedem Kapitel an einer anderen Stelle. Sie ist eines der zentralen "Vermächtnisse" seines Werks.

Transparenz statt Indirektheit - aber pragmatisch

Schmidt grenzt sich an einer Stelle ausdrücklich von einer Idee von Milton Erickson ab: Er teile Ericksons Auffassung der bewussten Indirektheit "überhaupt nicht mehr". Bei Schmidt wird transparent gearbeitet, Methoden werden erklärt, Klienten werden als gleichrangige Kollegen behandelt. Ich sehe das im Kern genauso. Ein Klient ist Experte für sein eigenes Erleben, und wer ihn nur "irgendwie unauffällig steuert", verfehlt das.

Aber zu Erickson gehört ein historischer Kontext, den Schmidt nicht eigens betont: Erickson ist 1901 geboren. Zu der Zeit gab es bei mir (Marian) in Österreich noch die Monarchie. Hierarchie und Autorität waren in Therapie und Medizin die Normalform. Ericksons Indirektheit war auch eine Antwort auf das autoritäre Therapie-Verständnis seiner Zeit. Heute, in unserer Coaching-Kultur, kann man transparenter arbeiten, und das ist gut so.

Für wen ist das Buch geeignet

  • Anfänger im hypnosystemischen Bereich - es ist die Standardreferenz, der erste sinnvolle Einstieg, wenn Du diese Schule kennenlernen willst
  • Hypnose-erfahrene Praktiker, die ihre Arbeit theoretisch fundieren und systemisch erweitern wollen
  • Coaches, die Konversationshypnose tiefer verstehen wollen - Schmidts Vokabular gibt Dir die Begriffe, in denen Du Deine eigene Praxis schärfer denken kannst
  • Therapeutinnen und Therapeuten in Aus- und Weiterbildung - das Buch ist Pflichtreferenz in vielen hypnosystemischen und systemischen Curricula

Für wen ist es weniger geeignet? Für Leser, die ein anekdotisches Praxis-Lesebuch suchen, in dem eine Story die nächste jagt.

Mein Fazit

Schmidts "Einführung" ist ein sehr gutes Buch. Sie verändert im besten Fall, wie Du im Coaching denkst. Problemtrance, Lösungstrance, Symptome mit Preis, Seitenmodell, Beziehung statt Inhalt - Das sind Werkzeuge, die jedes Klientengespräch tragen.

Was Du danach lesen kannst

Häufige Fragen

Was ist die Kernidee der hypnosystemischen Therapie?

Hypnosystemik integriert die ericksonsche Hypnotherapie mit der systemischen Therapie. Probleme werden als Trance-Zustände verstanden, die durch Aufmerksamkeitsfokussierung entstehen und verändert werden können. Symptome werden als kompetente Lösungsversuche mit einem Preis interpretiert, nicht als Defizite.

Ist das Buch für absolute Anfänger geeignet?

Ja, wenn Du grundsätzlich an Theorie und Begriffsaufbau interessiert bist. Es ist eine "Einführung" in dem Sinn, dass es das Modell systematisch aufbaut.

Was unterscheidet Schmidt von Erickson?

Schmidt arbeitet transparent und sieht den Klienten als gleichrangigen Kollegen. Er distanziert sich ausdrücklich von Ericksons indirekter Strategie die nicht transparent ist. In meiner Sicht ist das eine konsequente Modernisierung, die zur heutigen Coaching-Kultur passt. Ericksons Indirektheit muss man im historischen Kontext sehen - er ist 1901 geboren, das war eine völlig andere Zeit. Beide Linien haben heute ihre Berechtigung.

Welche Konzepte aus dem Buch nutzt Du am häufigsten?

Vor allem Problemtrance vs. Lösungstrance, das Seitenmodell, Symptome als kompetente Lösungsversuche mit Preis und die Verschiebung der Beziehung zum Problem statt des Problems selbst. Diese vier Konzepte stecken in fast jedem meiner Coaching-Gespräche.

Quelle

  • Schmidt, G. (2024). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung (11. Aufl.). Carl-Auer Verlag.

Siehe auch

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Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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