Abstrakte warme Lichtlinien, von denen eine deutlich flacher verläuft als die andere
Derselbe Reiz, ein anderes Erleben. Den Unterschied macht, was gesagt wird.

42 Prozent weniger Schmerz: was 85 Hypnose-Experimente zeigen

Ein Mensch hält die Hand in Eiswasser. Er soll sagen, wie weh es tut. Beim zweiten Durchgang bekommt er vorher eine hypnotische Anleitung mit einem Satz darin, der die Hand betäubt. Derselbe Reiz, dieselbe Person, dasselbe Wasser. Die Schmerzangabe fällt um 42 Prozent.

Das ist die Kernzahl aus der größten Auswertung, die es zu dieser Frage gibt: 85 kontrollierte Experimente, 3632 Teilnehmer. Und sie kommt mit einer Bedingung, über die in der Hypnoseszene bis heute gestritten wird.

Ich (Marian Zefferer) nutze diese Arbeit gern, wenn jemand im Seminar fragt, ob Hypnose "wirklich" wirkt oder ob sich die Leute das nur einbilden. Sie ist eine von über 200 Untersuchungen, die ich in der Hypnose-Forschung mit Studien im Überblick gesammelt habe.

Was untersucht wurde

Trevor Thompson und sein Team durchsuchten sechs große Datenbanken nach einem sehr klaren Studientyp. Gesucht waren Experimente, in denen Schmerz kontrolliert erzeugt wird, meistens durch Kälte, Hitze oder Druck, und in denen eine hypnotische Induktion mit einer Bedingung ohne jede Intervention verglichen wird.

85 Studien erfüllten das, überwiegend Crossover-Versuche. Dieselbe Person durchlief also beide Bedingungen und war damit ihre eigene Kontrollgruppe. Gemessen wurde dreifach: wie stark der Schmerz erlebt wird, ab wann er überhaupt beginnt, und wie lange er ausgehalten wird.

Zwei Dinge hat das Team zusätzlich erfasst, und genau darin liegt der Wert dieser Arbeit. Erstens, wie stark die Teilnehmer auf standardisierte Suggestionen ansprachen. Zweitens, ob die Hypnose eine direkte Schmerzsuggestion enthielt, also einen Satz wie "Deine Hand wird taub und gefühllos", oder ob sie nur allgemein entspannte.

Was herauskam

Über alle Teilnehmer und alle Schmerzmaße hinweg lag der Effekt bei g = 0,54 bis 0,76. Das ist in dieser Forschung ein mittlerer bis großer Effekt und statistisch klar abgesichert.

Interessanter wird es beim genauen Hinsehen. Bekamen Menschen, die im Test stark auf Suggestionen ansprachen, zusätzlich eine direkte Schmerzsuggestion, sank ihre Schmerzangabe um 42 Prozent. Bei mittlerer Ansprechbarkeit waren es 29 Prozent. Beides sind Größenordnungen, die im klinischen Alltag als bedeutsam gelten. Wer im Test kaum ansprach, hatte kaum einen Nutzen.

Die Entspannung allein brachte deutlich weniger. Den Ausschlag gab der Satz, der etwas über den Schmerz aussagte.

Die Ruhe bereitet vor. Gewirkt hat die Suggestion.

Was das für Deine Praxis heißt

Der Satz, den Du morgen sagen kannst, ist der konkrete. "Und während Du weiteratmest, darf diese Hand schwerer werden, kühler, weiter weg." Damit sagst Du etwas über das Erleben selbst. "Entspann Dich einfach" sagt darüber nichts.

Wirksam wird hier die Sinnesaktivierung aus meinen 8 hypnotischen Prinzipien. Der Körper braucht eine Richtung, in die er reagieren kann, und die bekommt er über Sinnesworte: schwer, kühl, weit weg, dumpf. Je genauer Du das beschreibst, desto mehr Material hat Dein Gegenüber zum Andocken.

Bleibt die unbequeme Zahl bei den wenig ansprechbaren Teilnehmern. Sie sagt weniger über diese Menschen aus, als es zunächst klingt. Gemessen wird Suggestibilität mit festen Skalen, in denen alle dasselbe Skript vorgelesen bekommen. Wer darauf wenig reagiert, hat auf ein Standardskript wenig reagiert. Im Labor endet die Untersuchung an dieser Stelle. In Deiner Praxis beginnt dort die Arbeit, über die Sprache des Gegenübers, seine Bilder, sein Tempo. Das ist das Kooperationsprinzip, und es ist der Grund, warum ich Menschen nach einem Suggestibilitätstest nie abschreibe.

Wie sich dieselben Zahlen bei echten Patienten verhalten, steht in der Meta-Analyse zur hypnotischen Schmerzlinderung von Montgomery. Den Überblick über die Anwendung bei Patienten findest Du unter Hypnose gegen Schmerzen.

Grenzen der Studie

Hier wurde Laborschmerz untersucht, bei gesunden Freiwilligen, zeitlich begrenzt und ohne Angst vor dem, was der Schmerz bedeuten könnte. Chronischer Schmerz ist etwas anderes. Die Autoren schreiben das selbst und fordern bessere klinische Daten.

Verblinden lässt sich so ein Versuch kaum. Die Teilnehmer merken, ob sie gerade eine hypnotische Anleitung hören. Erwartung ist damit Teil des Effekts, was für die praktische Arbeit nützlich ist und für die Frage nach einem eigenen Bewusstseinszustand ein Argument der Gegenseite liefert, siehe State- und Non-State-Theorie.

In Deutschland ist die Behandlung von Krankheiten dem Heilpraktiker- und Heilberufsrecht vorbehalten, in Österreich greift das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz gilt kantonales Recht. Als Coach arbeitest Du an Zielen und am Umgang mit Belastungen, die Diagnose bleibt beim Arzt.

Häufige Fragen

Wie stark lindert Hypnose Schmerzen? In der Meta-Analyse von Thompson und Kollegen über 85 kontrollierte Experimente lag der Effekt bei g = 0,54 bis 0,76. Bei stark suggestiblen Menschen mit direkter Schmerzsuggestion sank die Schmerzangabe um 42 Prozent, bei mittlerer Suggestibilität um 29 Prozent.

Reicht Entspannung, oder braucht es eine Suggestion? Die Entspannung allein brachte in dieser Auswertung deutlich weniger. Den Ausschlag gab die direkte Suggestion zum Schmerz. Wie Du solche Sätze aufbaust, übst Du in der Hypnose-Practitioner-Ausbildung.

Wirkt Hypnose bei wenig suggestiblen Menschen gar nicht? Im Labor zeigte sich bei ihnen wenig Nutzen. Gemessen wurde dort die Reaktion auf ein vorgelesenes Standardskript. In der praktischen Arbeit passt Du Sprache, Tempo und Bilder an Dein Gegenüber an, und damit verändert sich die Ausgangslage.

Fazit

Schmerz ist ein Erlebnis, und Erlebnisse reagieren auf Worte. Diese Auswertung zeigt, welche Worte: die konkreten, die etwas über das Empfinden selbst sagen.

Angenommen, Du ersetzt in Deinem nächsten Gespräch ein allgemeines "entspann Dich" durch einen Satz, der beschreibt, was genau anders werden darf. Was würde sich dadurch verändern?

Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie an echten Anliegen anwendest, lernst Du im Hypnose-Practitioner.

Quelle

  • Thompson, T., Terhune, D. B., Oram, C., Sharangparni, J., Rouf, R., Solmi, M., Veronese, N., & Stubbs, B. (2019). The effectiveness of hypnosis for pain relief: A systematic review and meta-analysis of 85 controlled experimental trials. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 99, 298-310. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2019.02.013

Siehe auch

Hypnose wirklich beherrschen.

Im Hypnose-Practitioner lernst Du die 8 hypnotischen Prinzipien strukturiert anzuwenden - Schritt für Schritt, praxisnah und mit viel Lebendigkeit im Online-Raum. Der Einstieg für alle, die Hypnose wirklich im Alltag anwenden wollen.

Hypnose-Practitioner ansehen →
Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

→ Mehr über Marian · → Hypnose-Practitioner · → Hypnose-Master · → Hypnose-Studien

Marian folgen: LinkedIn · YouTube · Instagram · Podcast