Abstrakte warme Lichtform, die sich an einer Schwelle teilt und auf der einen Seite deutlich heller weiterläuft
Dasselbe Verfahren, zwei Namen, zwei Wirkungen. Der Rahmen gehört zur Behandlung.

Hypnose gegen Angst vor Eingriffen: das Wort zählt mit

Ein Kind liegt auf dem Untersuchungstisch und weiß, dass gleich der Katheter kommt. Ein Erwachsener wartet auf seine Bypass-Operation. In 26 randomisierten Studien mit 2342 Menschen hat sich in genau solchen Momenten jemand dazugesetzt und geredet. Die seelische Belastung sank mit einem großen Effekt von g = 0,88. Dann sortierten die Autoren dieselben Studien noch einmal danach, wie das Gespräch genannt wurde. Und die Zahl fiel auseinander.

Ich (Marian Zefferer) kenne wenige Auswertungen, die meine Sicht auf Hypnose so direkt bestätigen. Sie ist eine von über 200 Arbeiten, die ich in der Hypnose-Forschung mit Studien im Überblick gesammelt habe, und steht dort im Block zu Operationen und medizinischen Eingriffen.

Was untersucht wurde

Julie Schnur und ihre Arbeitsgruppe an der Mount Sinai School of Medicine in New York durchsuchten 2008 zwei große Datenbanken und landeten bei 1909 Titeln. Übrig blieben 26 randomisierte Studien, die alle dasselbe Muster hatten: Menschen standen vor einem medizinischen oder zahnmedizinischen Eingriff, eine Gruppe bekam Hypnose, die andere die übliche Betreuung oder eine Vergleichsbehandlung. Gemessen wurde die seelische Belastung, also Angst, Anspannung, Aufregung.

Vom Herzkatheter über die Brustbiopsie bis zur Blasenspiegelung beim Kind war alles dabei. Aus den 26 Studien wurden 36 Effektstärken.

Interessant wird es bei dem, was die Gruppe zusätzlich codierte. Sie hielt für jede Studie fest, ob die Hypnose live von einem Menschen kam oder vom Band, ob sie vor dem Eingriff lief oder währenddessen, und wie die Behandlung im Text genannt wurde: "Hypnose" oder "Suggestion".

Was herauskam

Über alle 26 Studien lag der Effekt bei g = 0,88, mit einem Vertrauensbereich von 0,57 bis 1,19. Das ist ein großer Effekt, und die untere Grenze liegt weit von der Null entfernt.

Dann kamen die Untergruppen, und dort wird es spannend:

  • Kinder gegen Erwachsene. Bei Kindern und Jugendlichen unter 18 lag der Effekt bei g = 1,70, bei Erwachsenen bei g = 0,55 (p = 0,0006). Gut dreimal so stark.
  • Der Name der Sache. Wurde die Behandlung im Artikel "Hypnose" genannt, lag der Effekt bei g = 1,26. Hieß dieselbe Art Intervention "Suggestion", lag er bei g = 0,17 (p = 0,0016).
  • Mensch gegen Aufnahme. Mit einem lebendigen Gegenüber g = 1,22, als reine Tonaufnahme g = 0,19 (p = 0,0043).
  • Der Zeitpunkt. Vor dem Eingriff g = 1,11, ausschließlich während des Eingriffs g = 0,18, vorher und währenddessen g = 1,77 (p < 0,0001).
  • Die Kontrollgruppe war egal. Ob verglichen wurde mit der Standardversorgung (g = 1,15) oder mit einer Aufmerksamkeitskontrolle wie einem leeren Tonband (g = 0,76), machte statistisch keinen Unterschied (p = 0,235).

Derselbe Text, ein anderes Etikett: g = 1,26 gegen g = 0,17. Der Rahmen gehört zur Behandlung.

Der letzte Punkt verdient einen eigenen Satz. Wenn Hypnose nur eine freundliche Ablenkung wäre, müsste sie gegen ein leeres Tonband schlechter abschneiden als gegen gar nichts. Sie tat es nicht.

Was das für Deine Praxis heißt

Der Satz, den Du morgen sagen kannst, kommt vor der eigentlichen Arbeit: "Bevor wir anfangen, erkläre ich Dir kurz, was wir hier gleich machen und warum es hilft."

Das klingt nach Höflichkeit und ist das erste meiner 8 hypnotischen Prinzipien, der Kontext. Der Rahmen bestimmt die Wirkung. Die Studien, in denen das Verfahren beim Namen genannt wurde, erzeugten das Siebenfache. Die Studien, die vor dem Eingriff ansetzten, statt erst mittendrin, ebenso. In beiden Fällen wusste der Patient, worauf er sich einlässt, bevor der Stress begann.

Zweitens: Sei im Raum. Neunzehn Hundertstel bleiben vom Effekt übrig, wenn statt eines Menschen eine Aufnahme spricht. Das ist ein starkes Argument für meine Position, dass Hypnose wirksame Kommunikation ist und keinen Sonderzustand braucht. Wer die State- und Non-State-Theorie auseinanderhalten will, findet hier eine brauchbare Probe: Ein innerer Zustand müsste sich vom Band ähnlich gut auslösen lassen wie von einem Menschen.

Ehrlicherweise gehört dazu, dass eine andere Meta-Analyse derselben Arbeitsgruppe das anders sah. In der Auswertung von 20 Operationsstudien durch Montgomery und Kollegen wirkte das Tonband praktisch so gut wie der Hypnotiseur. Zwei Auswertungen, zwei Antworten, teils dieselben Autoren. Was mich daran beschäftigt: Vielleicht hängt es am Eingriff. Eine Operation nimmst Du in Narkose hin, eine Blasenspiegelung ohne Narkose erlebst Du mit. Vielleicht braucht der wache, schwierige Moment ein Gegenüber und die Operation nur eine Stimme.

Und drittens der Befund mit dem größten Alltagswert: Bei Kindern war der Effekt am stärksten. Wenn Du mit Kindern arbeitest, hast Du den dankbarsten Zugang von allen. Wie das konkret aussieht, beschreibe ich unter Hypnose bei Kindern.

Grenzen der Studie

Der Etiketten-Befund ist verführerisch und wackelig zugleich. Die Studien, die von "Suggestion" sprachen, waren größtenteils dieselben, die mit Tonaufnahmen während des Eingriffs arbeiteten. Label, Medium und Zeitpunkt fallen also zusammen, und aus 36 Effektstärken lässt sich das nicht sauber trennen. Die Zahl zeigt, dass diese Bündel unterschiedlich wirken. Welcher Faden davon zieht, bleibt offen.

Dazu kommt ein Hinweis auf Publikationsbias, den die Autoren selbst liefern: Kleinere Studien fanden größere Effekte (r = -0,34, p = 0,044). Andererseits rechneten sie vor, dass 28 unveröffentlichte Nullstudien nötig wären, um den Effekt von 0,88 auf 0,50 zu drücken, und 123, um ihn auf 0,20 zu bringen.

Die Streuung zwischen den Studien war groß (Q = 231,31), 87 Prozent der Unterschiede gehen auf systematische Faktoren zurück. Ein Durchschnitt beschreibt hier keine Behandlung, die es so gibt. Und die Suche endete im Februar 2008.

In Deutschland ist die Behandlung von Krankheiten dem Heilpraktiker- und Heilberufsrecht vorbehalten, in Österreich greift das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz gilt kantonales Recht. Medizinische Eingriffe gehören immer in ärztliche Hände.

Häufige Fragen

Wie stark hilft Hypnose gegen Angst vor medizinischen Eingriffen? In der Meta-Analyse von Schnur und Kollegen über 26 randomisierte Studien mit 2342 Patienten lag der Effekt bei g = 0,88 (95 Prozent Vertrauensbereich 0,57 bis 1,19). Das gilt als großer Effekt.

Warum profitieren Kinder stärker als Erwachsene? Die Auswertung zeigt den Unterschied (g = 1,70 gegenüber g = 0,55) und erklärt ihn nicht. Naheliegend ist, dass Kinder sich leichter auf ein Bild einlassen und weniger Überzeugungen darüber mitbringen, was Hypnose angeblich ist.

Reicht eine Hypnose-Aufnahme vom Band? In dieser Auswertung deutlich schlechter als ein Mensch im Raum (g = 0,19 gegenüber g = 1,22). Andere Meta-Analysen finden das Tonband stärker. Wie Du live mit Sprache arbeitest, lernst Du im Hypnose-Practitioner.

Fazit

Zwei Zahlen aus derselben Auswertung. Die eine sagt, dass Hypnose Menschen vor einem Eingriff spürbar ruhiger macht. Die andere sagt, dass es mitzählt, wie Du die Sache nennst und ob Du im Raum bist.

Angenommen, Du würdest beim nächsten Mal zwei Minuten früher anfangen als geplant, bevor die Anspannung ihren Höhepunkt erreicht. Was würdest Du in diesen zwei Minuten sagen?

Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie sicher einsetzt, lernst Du im Hypnose-Practitioner.

Quelle

  • Schnur, J. B., Kafer, I., Marcus, C. H., & Montgomery, G. H. (2008). Hypnosis to manage distress related to medical procedures: A meta-analysis. Contemporary Hypnosis, 25(3-4), 114-128. https://doi.org/10.1002/ch.364

Siehe auch

Hypnose wirklich beherrschen.

Im Hypnose-Practitioner lernst Du die 8 hypnotischen Prinzipien strukturiert anzuwenden - Schritt für Schritt, praxisnah und mit viel Lebendigkeit im Online-Raum. Der Einstieg für alle, die Hypnose wirklich im Alltag anwenden wollen.

Hypnose-Practitioner ansehen →
Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

→ Mehr über Marian · → Hypnose-Practitioner · → Hypnose-Master · → Hypnose-Studien

Marian folgen: LinkedIn · YouTube · Instagram · Podcast