Inhaltsverzeichnis
Hypnose plus Verhaltenstherapie: der Effekt hält länger
Zwei Menschen sitzen in derselben Therapie. Gleiches Vorgehen, gleiche Hausaufgaben, vergleichbar viele Sitzungen. Bei einem von beiden kommt Hypnose dazu. Am Tag der letzten Sitzung liegt dieser eine leicht vorn. Und Monate später ist sein Vorsprung größer als am Therapieende. Hinter dieser Beobachtung stehen 48 Behandlungsvergleiche mit 1.928 Patienten.
Ich (Marian Zefferer) halte diese Meta-Analyse für eine der lehrreichsten im ganzen Feld, weil sie genau die Frage stellt, die einen Skeptiker interessiert: Bringt Hypnose etwas, das dieselbe Therapie ohne sie nicht schon bringt? Sie ist eine von über 260 Arbeiten, die ich in der Hypnose-Forschung mit Studien im Überblick gesammelt habe, und steht dort im Block zu Angst, Depression und Trauma.
Was untersucht wurde
1995 hatten Irving Kirsch und Kollegen 20 Studien zusammengerechnet und einen Zusatzeffekt von mindestens d = 0,53 gefunden. Diese Zahl wanderte 26 Jahre lang durch Vorträge, Ausbildungsunterlagen und Buchkapitel. Wie sie zustande kam, habe ich in meinem Artikel zur Kirsch-Meta-Analyse aufgeschrieben. Nur fehlte eine vollständige Replikation, und seit 1995 war reichlich Neues dazugekommen.
Nicolino Ramondo und sein Team rechneten deshalb noch einmal von vorn. Der eigentliche Wert dieser Arbeit liegt im Einschlusskriterium: Verglichen wurde immer dieselbe kognitive Verhaltenstherapie mit sich selbst, einmal mit Hypnose obendrauf, einmal ohne. Keine Wartelisten, keine unbehandelten Kontrollgruppen, kein Vorsprung durch bloße Zuwendung.
Übrig blieben 48 Vergleiche mit 1.928 Patienten direkt nach Therapieende und 25 Vergleiche mit 1.165 Patienten im Follow-up. Die Störungsbilder reichten von gedrückter Stimmung über Angst und Schmerz bis zu Übergewicht.
Was herauskam
Direkt nach der Behandlung lag die Verhaltenstherapie mit Hypnose vorn, mit Effektstärken zwischen d = 0,25 und 0,41. Klein bis mittel, statistisch abgesichert. In Alltagssprache: Dem durchschnittlichen Patienten aus der Hypnosegruppe ging es hinterher besser als etwa 60 bis 66 von 100 Patienten aus der Vergleichsgruppe. Am deutlichsten war der Vorsprung bei gedrückter Stimmung und bei Schmerz.
Dann kommt die Zahl, wegen der ich diesen Artikel schreibe.
Am Therapieende: d = 0,25 bis 0,41. Im Follow-up: d = 0,54 bis 0,59.
Der Abstand wuchs also in der Zeit nach der Therapie. Aus 60 bis 66 von 100 wurden rund 71 bis 72 von 100. Am stärksten fiel das bei Übergewicht auf, dem Feld, in dem sich Rückfälle am ehesten in Zahlen zeigen.
Das ist ein ungewöhnliches Muster. Die meisten Psychotherapie-Effekte schrumpfen nach dem Therapieende, weil die Begleitung wegfällt. Hier passiert das Gegenteil. Die Autoren lesen das als Hinweis darauf, dass Hypnose der Therapie Haltbarkeit hinzufügt.
Und noch etwas steht ehrlich in dieser Arbeit: Der Zusatzeffekt am Therapieende fällt kleiner aus als die 0,53 von 1995. Wer den älteren Wert zitiert, zitiert die optimistischere Schätzung.
Was das für Deine Praxis heißt
Wenn der Vorsprung nach der letzten Sitzung weiter wächst, dann entsteht er nicht im Sitzungszimmer. Er entsteht dort, wo der Klient allein weiterarbeitet. Genau darauf kannst Du jede Sitzung hin anlegen.
Der Satz dafür gehört an das Ende der Stunde, und Du kannst ihn morgen sagen:
„Was von heute nimmst Du mit, das Du diese Woche jeden Tag einmal für zwei Minuten machen kannst?"
Die Antwort kommt vom Klienten, und damit ist sie brauchbar. Der eine nennt ein Bild, die andere einen Satz, der dritte eine Körperempfindung. Du hast in dem Moment die Vorlage für seine Übung zu Hause, und zwar in seinen Worten. Das ist das Kooperationsprinzip aus meinen 8 hypnotischen Prinzipien in seiner einfachsten Form: Du führst mit dem Material, das er Dir gibt.
Für die Praxis hat das eine zweite Folge. Wenn Du den Erfolg Deiner Arbeit nur am letzten Termin messen würdest, würdest Du den größeren Teil des Effekts verpassen. Ein Anruf oder eine Mail acht Wochen später kostet Dich fünf Minuten und zeigt Dir, was wirklich geblieben ist. Wie Hypnose bei den hier untersuchten Störungsbildern eingesetzt wird, findest Du bei Hypnose bei Depression.
Grenzen der Studie
Die Follow-up-Auswertung beruht auf 25 Vergleichen, die Auswertung am Therapieende auf 48. Es sind also teilweise andere Studien. Ob der Vorsprung wirklich wächst oder ob vor allem die erfolgreicheren Studien nachbeobachtet haben, lässt sich aus diesen Zahlen nicht sicher trennen.
„Hypnose" bedeutet über 48 Vergleiche hinweg sehr Verschiedenes: eine Audioaufnahme, eine geführte Übung, eine ausgearbeitete Suggestionsfolge. Die Meta-Analyse sagt, dass der Zusatz wirkt. Welcher Zusatz am besten wirkt, sagt sie nicht.
Die Effekte sind klein bis mittel. Hypnose ersetzt hier keine Therapie, sie verbessert eine laufende. Wie die theoretische Debatte dahinter läuft, liest Du unter State- und Non-State-Theorie.
In Deutschland ist die Behandlung von Krankheiten dem Heilpraktiker- und Heilberufsrecht vorbehalten, in Österreich greift das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz gilt kantonales Recht. Depression und Angststörungen gehören in fachliche Behandlung.
Häufige Fragen
Bringt Hypnose zusätzlich zur Verhaltenstherapie etwas? In der Meta-Analyse von Ramondo und Kollegen lag die kognitive Verhaltenstherapie mit Hypnose über 48 Vergleiche mit 1.928 Patienten vorn, mit Effektstärken von d = 0,25 bis 0,41 am Therapieende. Der Vergleich lief gegen dieselbe Therapie ohne Hypnose.
Warum wird der Effekt im Follow-up größer? Im Follow-up mit 25 Vergleichen und 1.165 Patienten stiegen die Effektstärken auf d = 0,54 bis 0,59. Die Autoren lesen das als Hinweis auf eine länger anhaltende Wirkung, besonders bei Übergewicht.
Stimmt der oft zitierte Wert von d = 0,53 aus dem Jahr 1995 noch? Für den Zeitpunkt direkt nach der Behandlung fällt die aktualisierte Schätzung kleiner aus. Im Follow-up liegt sie in einer ähnlichen Größenordnung. Wie Du solche Zusatzeffekte im Gespräch selbst erzeugst, übst Du in der Hypnose-Practitioner-Ausbildung.
Fazit
Hypnose macht eine gute Therapie etwas besser und ihre Wirkung haltbarer. Der zweite Teil ist der interessantere.
Angenommen, Du würdest Deine nächsten fünf Klienten acht Wochen nach dem letzten Termin einmal anschreiben. Was würdest Du über Deine Arbeit erfahren, das Du bisher nur gehofft hast?
Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie im Gespräch aufbaust, lernst Du im Hypnose-Practitioner.
Quelle
- Ramondo, N., Gignac, G. E., Pestell, C., & Byrne, S. M. (2021). Clinical Hypnosis as an Adjunct to Cognitive Behavior Therapy: An Updated Meta-Analysis. International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis, 69(2), 169-202. https://doi.org/10.1080/00207144.2021.1877549
Siehe auch
- Hypnose-Forschung: Die wichtigsten Studien im Überblick — Über 260 Studien mit konkreten Zahlen, sortiert nach Anwendungsgebiet. Diese Meta-Analyse steht dort im Block zu Angst, Depression und Trauma.
- Hypnose bei Schmerz: sauberste Studien, stärkster Effekt — Meta-Analyse Milling et al. 2021, erste umfassende Bestandsaufnahme zu Hypnose bei klinischem Schmerz seit rund 20 Ja...
- Fibromyalgie: 18 von 100 halbieren ihren Schmerz — Meta-Analyse Zech et al. 2017: 7 randomisierte Studien mit 387 Fibromyalgie-Patienten, Risikodifferenz 0,18 für eine ...
- Chronischer Schmerz: Hypnose wirkt ab acht Sitzungen — Meta-Analyse Langlois et al. 2022: 9 randomisierte Studien mit 530 Patienten mit chronischem Muskel-, Gelenk- oder Ne...
- Hypnose plus Verhaltenstherapie: was 18 Studien über den Zusatzeffekt zeigen — Meta-Analyse Kirsch et al. 1995: Zusatzeffekt von 0,87 SD bei fast identischem Vorgehen, beim Abnehmen wuchs der Vors...
Hypnose wirklich beherrschen.
Im Hypnose-Practitioner lernst Du die 8 hypnotischen Prinzipien strukturiert anzuwenden - Schritt für Schritt, praxisnah und mit viel Lebendigkeit im Online-Raum. Der Einstieg für alle, die Hypnose wirklich im Alltag anwenden wollen.
Hypnose-Practitioner ansehen →
Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.
→ Mehr über Marian · → Hypnose-Practitioner · → Hypnose-Master · → Hypnose-Studien