Alexander Witt

Ein Gastbeitrag von Alexander Witt, Diplom-Psychologe, Psychotherapeut und Business Coach.

„Wie coache ich?“ – Immer wieder höre ich von Klienten die Frage: „Wie arbeiten Sie eigentlich? Wie muss ich mir so ein Coaching vorstellen?“ Und immer wieder finde ich es äußerst schwierig, eine komplexe Methode in wenigen Sätzen zu erklären. Dennoch möchte ich hier einen etwas ausführlicheren Versuch wagen, meine Vorgehensweise anhand eines Praxisbeispiels darzustellen.

Ich arbeite nach dem Gestaltansatz von Fritz Perls, einem bekannten deutsch-amerikanischen Psychotherapeuten. Er vertrat die Haltung, dass wir nur im Hier-und-Jetzt mit uns und der Umgebung im Kontakt, d.h. lebendig sein können. Klingt einfach, ist es aber nicht. Viele Menschen leben im Grunde ständig in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Sobald wir mit uns hadern, weil wir zum Beispiel letzte Woche im Job eine falsche Entscheidung getroffen haben, sind wir emotional blockiert. Wir haben dann weniger – und manchmal auch gar keine – Ressourcen mehr für den aktuellen Moment übrig. Ähnlich verhält es sich, wenn wir ständig in die Zukunft schauen: „Oh Gott, ich habe noch so viel zu tun! Übermorgen ist die Präsentation, hoffentlich geht da nichts schief! Ich muss alles dafür tun, dass mein Chef mit mir zufrieden ist!“ Auch hier sind wir nicht präsent, sondern in einem Paralleluniversum gefangen, das uns sämtliche Energie für das Hier-und-Jetzt raubt.

Methoden und Interventionen
Von besonderer Bedeutung sind daher Strategien, um den Klienten für seine aktuellen Empfindungen und Wahrnehmungen zu sensibilisieren. Anhand von sog. erlebnisorientierten Interventionen (z.B. Imaginationsübungen, Rollenspiele, Achtsamkeitsübungen, Arbeit mit inneren Anteilen) versuche ich den Klienten mit seinen Emotionen in Kontakt zu bringen. Denn nur, wenn ich meine Gefühle spüre, kann ich die für mich richtigen Entscheidungen treffen! Emotionen können als eine Art inneres Navigationsgerät verstanden werden, das leider von immer mehr Menschen unbewusst ausgeschaltet wird.

Bernd – Ein Fallbeispiel
Vor einigen Monaten hatte ich ein Coaching mit einem Manager eines großen Automobilkonzerns, den ich im Folgenden Bernd nennen möchte. Bernd war überaus erfolgreich, 70-Stunden-Wochen waren für ihn selbstverständlich. Er war ein „Arbeitstier“, hart zu sich selbst und hart gegenüber seinen Mitarbeitern. Ein Privatleben war kaum existent, Freunde hatten sich von ihm schon seit längerem zurückgezogen, weil die Arbeit für ihn immer an erster Stelle stand. In letzter Zeit litt er jedoch zunehmend unter Energielosigkeit und war auch nicht mehr so leistungsfähig wie gewohnt, was ihn in höchstem Maße irritierte. Die erste Sitzung war überaus beeindruckend: Bernd war leicht verspätet, wirkte bei der Begrüßung äußerst gereizt und nahm kaum Kenntnis von mir oder dem Coaching-Zimmer. Er stand unter immensem Druck, war hektisch, angespannt und kam gleich zur Sache: „Ich muss dringend wieder mein altes Leistungsniveau erreichen! Wie lange brauchen Sie dafür?“ Nachdem wir uns über den ungefähren Zeitrahmen verständigt hatten, führten wir eine gründliche Problem- und Zielanalyse durch. Hier fiel mir auf, dass Bernd sich zwar sehr für seine Ziele begeistern konnte („Stärke demonstrieren! Leistungsfähig sein! In der Firma aufsteigen!“) – angesprochen auf seine aktuellen Schwierigkeiten wich er aber jedes Mal gekonnt aus. Stattdessen legte er ein extrem hohes Tempo an den Tag, hielt sich nicht lange mit einem Thema auf, sondern sprintete von einem wichtigen Punkt zum nächsten.

Wenn Menschen so rasant unterwegs sind, kann das ein Zeichen für ein unbewusstes Vermeiden von negativen Emotionen sein. Ich schlug ihm also in der nächsten Sitzung vor, ein wenig inne zu halten und auf seine körperlichen Empfindungen zu achten. Bernd wirkte zunächst skeptisch, ließ sich aber dennoch auf eine Achtsamkeitsübung ein. Bei einer solchen Intervention wird die Aufmerksamkeit unter Anleitung des Coaches auf verschiedene Körperbereiche gelenkt, um sich selbst besser spüren zu lernen. Häufig geschehen dabei spannende Veränderungen, so auch dieses Mal: Im Bereich des Herzens nahm Bernd ein große Schwere wahr. Wir folgten diesem Gefühl und ich bat ihn weiter zu erforschen, was er denn für ein Bild vor sich sähe.

Alexander Witt„Ich sehe ein steinernes Herz, das mit einer schweren Kette und einem großen Schloss abgesperrt ist.“ In diesem Moment fing Bernd an zu weinen – erst sehr leise und kontrolliert, dann immer lauter. Ich versuchte ihm in diesem Moment Unterstützung und Halt anzubieten ohne den wichtigen emotionalen Prozess zu unterbrechen. Schließlich gelang es ihm seine Gefühlswelt in Worte zu packen: „Ich fühle mich so traurig und einsam! Schon seit Jahren lasse ich niemanden mehr an mich ran“. Ein paar Wochen zuvor habe er eine attraktive Frau kennen gelernt, die sich jedoch schon bald wieder von ihm abwendete, weil er keine Nähe zulassen konnte und mit seinen Gedanken immer nur bei der Arbeit war. Jetzt wurde ihm klar, wie sehr er sich vom echten Leben zurückgezogen hatte.

Epilog
Im weiteren Verlauf lernte Bernd in verschiedenen Situationen – auch während der Arbeit – auf sich zu achten und seine Bedürfnisse und Gefühle zu spüren. Er fing an, häufiger Pausen zu machen, wenn er sich müde fühlte oder schaltete für eine gewisse Zeit das Telefon aus, wenn er seine Ruhe haben wollte. Außerdem begann er wieder alte Freunde anzurufen und sich mit ihnen zu treffen. Ach ja: Leistungsmäßig war er bald wieder „ganz der Alte“, obwohl er nun nur mehr 50 Stunden pro Woche im Büro war. In der letzten Coaching-Sitzung zog Bernd folgendes Fazit: „Es ist schön wieder im Leben zu sein!“

Über den Autor
Alexander Witt ist Diplom-Psychologe, Psychotherapeut und Business Coach. Er arbeitet in eigener Praxis in München und berät Unternehmen im Hinblick auf leistungsfördernde soziale Umwelten. Seine Tätigkeitsschwerpunkte liegen vor allem auf der Persönlichkeitsentwicklung von Führungskräften und Mitarbeitern sowie im Bereich Teamsupervision und Gruppendynamik. Darüber hinaus leitet er Seminare zu den Themen Kommunikation, Führung und Burnout-Prävention.