Notizbuch und Kaffeetasse auf einem warm beleuchteten Holztisch, daneben offene Seiten mit handgeschriebenen Stichworten als Sinnbild für gesammelte Coaching-Geschichten
Wer Alltag mit Story-Augen liest, hat im Coaching nie zu wenig Material.

Coaching-Geschichten finden: Dein Alltag als Fundgrube

Ein Scheidungspaar lebt seit zwei Jahren mit dem neuen Freund der Ex-Frau unter einem Dach. Drei Anwälte, drei Beratungen, drei Patt-Situationen. Beim Mediator sagt der erfahrene Kollege nach fünf Minuten Zuhören einen einzigen Satz: „Mir fällt da gerade eine Geschichte ein, die hat wahrscheinlich gar nichts mit Ihnen zu tun." Dann erzählt er Sartres „Geschlossene Gesellschaft". Drei Menschen in der Hölle. Jeder liebt einen, der ihn hasst. Jeder hasst einen, der ihn liebt. Sie könnten gehen. Sie wollen aber nicht, weil sie dem anderen das Glück nicht gönnen. Pointe: „Die Hölle, das sind die anderen." Fünf Minuten Pause. Eine halbe Stunde später ist alles geklärt.

Zwei Jahre Anwaltsstreit gegen eine Geschichte aus einem Theaterstück. Das ist kein Zufall. Das ist hypnotische Kommunikation in Reinform.

Und genau das ist der Grund, warum ich (Marian Zefferer) jeden Coach, jeden Trainer und jeden Therapeuten, der hier landet, früher oder später dazu bringe, sich genau eine Frage zu stellen: Wo sind eigentlich Deine Geschichten?

Die meisten haben Story-Mangel - dabei haben sie Überfluss

Ich sitze in einem Training und frage in die Runde: „Wer hat eine gute Geschichte für unser Beispiel?" Schweigen. Vierzehn Augenpaare schauen nach oben oder auf den Boden. Dabei hat jeder Mensch hier in den letzten 24 Stunden mindestens drei kleine Geschichten erlebt. Streit beim Frühstück. Der unerwartete Anruf eines alten Freundes. Die Kollegin, die mitten im Gespräch plötzlich anfängt zu lachen, ohne dass irgendwer den Witz mitbekommen hat. Die Klientin, die genau eine Sekunde zu lange schweigt, bevor sie antwortet.

Das Problem ist nicht der Mangel an Geschichten. Das Problem ist das Sehen.

Storytelling im Coaching scheitert selten an Talent. Es scheitert daran, dass Du Deinen Alltag noch nicht mit Story-Augen liest. Wer das einmal gelernt hat, hat im Coaching nie mehr zu wenig Material. Und wer eine gute Geschichte zur richtigen Zeit erzählt, hat oft mehr Wirkung als drei Stunden gut argumentierte Beratung.

Warum Geschichten hypnotisch wirken

Bevor wir an die Quellen gehen, kurz das Warum. Eine gute Coaching-Geschichte ist keine Auflockerung zwischen den ernsten Themen. Sie ist hypnotische Sprache mit anderen Mitteln, und sie zieht über mindestens fünf Mechanismen, die alle gleichzeitig wirken:

Erstens, eine Mini-Trance-Induktion. Sobald Du beginnst „Es war einmal..." oder „Ich kenne da so ein Paar..." oder „Stell Dir vor, Du bist im Wald...", tritt das rationale Alltags-Ich Deines Gegenübers einen halben Schritt zurück. Es geht ja nicht um ihn. Es geht um einen Protagonisten. Genau diese Identifikation mit einer dritten Person erzeugt einen Zustand, der dem klassischen Trance-Erleben sehr ähnlich ist - mit voller Aufmerksamkeit und geringerer Abwehr.

Zweitens, das Episodengedächtnis wird aktiv. Wenn ich von meiner Oma erzähle, denkt Dein Gegenüber an seine Oma. Das ist Assoziation im Klartext - Du musst gar nichts behaupten, der andere produziert die Bilder selbst.

Drittens, multisensorisch. Geschichten zeigen automatisch Bilder, Geräusche, Gerüche, Körpergefühle. Das ist die natürlichste Form von Sinnesaktivierung, die wir kennen.

Viertens, Priming. Liest Du eine Geschichte über eine Schildkröte, gehst Du danach messbar langsamer. Liest Du über einen Geparden, schneller. Das hat die Sozialpsychologie x-fach repliziert. Geschichten setzen Samen, die später keimen - dasselbe Prinzip wie beim Seeding.

Fünftens, Widerstand wird umgangen. Das ist der eigentliche hypnotische Hebel des Mediators. Hätte der Kollege gesagt „Hören Sie, Sie verhalten sich kindisch", wäre das Gespräch zu Ende gewesen. Aber Sartre durfte das sagen, weil Sartre ja gar nicht über die Anwesenden spricht. Schon.

Wenn Du das verinnerlichst, ist Storytelling kein Nice-to-have mehr im Coaching-Werkzeugkasten. Es ist eine der wirksamsten hypnotischen Kommunikationsformen, die wir haben.

Drei Fundgruben in Deinem Alltag

So, wo holst Du Dir das Material? In meinen Trainings nenne ich drei Quellen, die in dieser Reihenfolge wachsen sollten.

Quelle 1 - Deine eigene Biografie. Das klingt offensichtlich, ist es aber nicht. Die meisten Menschen halten ihre eigene Geschichte für langweilig. Du wahrscheinlich auch. Genau darum lass ich in meinem Storytelling-Training jeden Teilnehmer einen Biografie-Fragebogen ausfüllen, bevor er das erste Mal frei erzählt. Geburtsumstände, Geschwister, Kindheitsorte, peinliche Momente, Wendepunkte, kleine und große Lieben, Niederlagen, Lehrer, Mentoren, Brüche. Eine Stunde, ehrlich ausgefüllt. Das ist Dein Story-Grundkapital.

Eine Geschichte, die ich gerne erzähle, um mein schnelles Sprechtempo zu entschuldigen: Ich kam in 20 Minuten auf die Welt. So schnell, dass ich mir dabei das Schlüsselbein gebrochen habe. Banal. Funktioniert trotzdem - weil sie etwas Universelles trifft: jeder kennt das Gefühl, sich für eine Eigenheit rechtfertigen zu müssen, die nicht einmal die eigene Wahl war.

Quelle 2 - Deine Klienten, Teilnehmer und das Umfeld. Jede Coaching-Sitzung ist eine kleine Erzählung. Jede Frage Deiner Kinder. Jede Begegnung im Lift. Eine Klientin sagt einen ungewöhnlichen Satz - Du notierst ihn. Ein Workshop-Teilnehmer fragt eine Frage, die das ganze Seminar verändert - Du merkst Dir die Szene. Wichtig: Selbstverständlich anonymisiert, selbstverständlich freigegeben. Aber dieser Strom ist endlos, wenn Du ihn einmal bemerkst.

Quelle 3 - Filme, Bücher, andere Speaker, klassische Literatur, Studien, gehörte Geschichten. Der Mediator oben hat Sartre genutzt. Ich nutze Märchen, Theaterstücke, Erickson-Anekdoten, Krimis und manchmal einen Forschungsartikel, der zu einer Geschichte werden darf. Das Schlüsselwort ist hier: bewusst konsumieren. Dazu gleich mehr.

Die ABC-Listen-Technik - Marians wichtigste Trainings-Methode

Wenn ich heute in einem Coaching plötzlich eine passende Geschichte „herzaubere", ist das selten Talent. Es ist Training. Und das wichtigste Werkzeug dafür ist seit Jahren dasselbe: Vera Birkenbihls ABC-Listen.

So funktioniert es: Du schreibst auf ein Blatt die Buchstaben A bis Z untereinander, links am Rand. Du setzt Dir ein Thema und schreibst zu jedem Buchstaben das Erstbeste, was Dir einfällt - Beispiel-Thema „Tiere": A wie Affe, E wie Elefant, K wie Krokodil. Das ist die Aufwärm-Variante, damit Du die Mechanik verstehst. Wenn es Dir um Coaching-Geschichten geht, drehst Du das Thema dann um auf das, was Du wirklich brauchst: „Geschichten aus meiner Kindheit". „Klienten-Situationen, an die ich mich noch erinnere". „Wendepunkte in meinem Leben". „Stories, die ich schon mal erzählt habe und die gut ankamen". Dann gibst Du Dir genau 90 Sekunden. Mehr nicht.

Jetzt der wichtige Punkt. Du arbeitest nicht stur von A nach Z. Du lässt Deine Augen über das ABC fließen, dorthin, wo Dir etwas einfällt. Bei manchen Buchstaben schreibst Du nichts. Bei manchen schreibst Du sieben Begriffe. Das ist egal. Das ABC ist nur ein Auslöser, kein Zwang.

Warum funktioniert das? Weil Du beim freien Brainstorming meistens in Deinem ersten Assoziationsraum hängen bleibst. Das ABC zwingt Dich, neue Buchstaben anzuschauen, und das produziert neue Verbindungen. Du bekommst nicht nur mehr Ideen, sondern vor allem andere.

Vera Birkenbihl sagte: Nach etwa zwanzig Listen beginnen sich Deine Nervenbahnen umzubauen. Ich kann das aus meiner eigenen Trainingspraxis bestätigen. Wer das ein paar Wochen lang regelmäßig macht, wird in Echtzeit-Gesprächen plötzlich Geschichten parat haben, die er vorher nicht hatte. Nicht weil das Gehirn anders wird. Sondern weil die Assoziations-Autobahnen breiter werden.

Die Tiefen-Variante - das ABC-Kuvert: Schreib eine ABC-Liste zu „Geschichten zum Thema X". Steck sie in ein Kuvert. Morgen die nächste Liste zum gleichen Thema. Übermorgen wieder. Eine Woche lang, zwei Wochen, einen Monat. Dein Gehirn fängt an, zwischen den Sitzungen weiterzuarbeiten. Du wirst plötzlich im Bus eine Gesprächsfetzen-Geschichte aufschnappen, die zum Thema passt. Du wirst in einem alten Buch eine Anekdote bemerken, die Du vorher überlesen hättest. Du wirst Dich an Klienten-Situationen erinnern, die Du komplett vergessen hattest. Am Ende hast Du kein Notizblatt, sondern ein wachsendes Netz von Geschichten zu genau dem Thema, das Du im Coaching brauchst.

Konsumieren ist nicht Lernen

Hier wird es streng. Es gibt Menschen, die haben Tony Robbins zwanzigmal live gesehen. Ihre eigenen Geschichten sind trotzdem mittelmäßig geblieben. Es gibt andere, die haben drei TED-Talks aufmerksam und mit einem konkreten Beobachtungsfokus geschaut, und ihr Storytelling hat sich messbar verändert. Der Unterschied heißt bewusstes Mit-Hören.

Einer meiner Lieblingsregisseure, Richard Linklater, hat sein Handwerk autodidaktisch gelernt. Ein ganzes Jahr lang hat er sich jeden Abend einen Film angeschaut. In der ersten Woche hat er nur auf die Schnitte geachtet. Wann schneidet der Regisseur? Warum gerade dort? Die nächste Woche nur auf die Musik. Die übernächste nur auf die Schauspieler. So Woche für Woche, ein Jahr lang. Am Ende dieses Jahres konnte er Filme machen.

Das kannst Du auf Coaching-Geschichten anwenden. Hör Dir die nächsten drei Erickson-Aufzeichnungen an und achte ausschließlich darauf, wann Erickson das Tempo wechselt. Lies Dir die nächste Trenkle-Geschichte durch und schreib auf, wann der Cliffhanger kommt. Schau die nächste Folge Deiner Lieblingsserie und merk Dir, wann der erste emotionale Kipppunkt liegt.

Dann der Pflicht-Schritt - und der wird gerne übersehen: Du benennst danach konkret, was Du beobachtet hast. Nicht „das war eine gute Szene". Sondern: „An der Stelle, wo der Vater nichts sagt und nur das Glas hinstellt, ist die ganze Spannung im Raum." Erst durch dieses konkrete Benennen lernt Dein Gehirn das Muster. Konsumieren ohne Bewerten ist Zeitverbrauch. Konsumieren mit Bewerten ist Training.

Schnelle Übungs-Ressource: Sprachnachrichten-Tandem

Eine der besten Übungs-Strukturen, die ich kenne. Such Dir einen Tandem-Partner. Telegram, WhatsApp, Signal, egal. Ihr schickt Euch jeden zweiten Tag eine Sprachnachricht von genau einer Minute. Eine kleine Geschichte aus dem heutigen Tag. Die Person hört, gibt zwei Sätze konkretes Feedback. Was war stark? Was war zu lang? Wo bin ich rausgekippt?

Du kannst in vier Wochen mehr Storytelling-Volumen üben als in zwei Jahren Theorie. Das war vor zwanzig Jahren nicht möglich. Heute ist es eine Ressource, die fast niemand nutzt.

Warum Deine eigene Lieblings-Geschichte nicht automatisch wirkt

Jetzt der Punkt, an dem Anfänger oft scheitern. Sie haben eine wunderschöne, persönlich bedeutsame Geschichte. Sie erzählen sie. Die Klientin schaut höflich. Nichts passiert.

Warum?

Weil eine Geschichte nicht durch Deinen emotionalen Bezug zu ihr wirkt. Sie wirkt durch die Assoziationen, die sie beim Gegenüber auslöst. Was eine tolle Geschichte ist, hängt nicht von Dir ab. Sondern davon, ob beim Hörer etwas anspringt, das in seinem Leben passt. Die Gute-Nacht-Fee, die Du Deiner Tochter erzählst, kann inhaltlich auch zu Deinem Chef passen. Bei der Tochter funktioniert sie wundervoll. Beim Chef nicht.

Die Konsequenz für Deinen Story-Aufbau ist konkret: Bevor Du eine Geschichte erzählst, frag Dich kurz - was assoziiert mein Gegenüber gerade, wenn ich ihm das vorsetze? Erickson hat es so beschrieben: Wenn er wollte, dass eine Klientin von ihrer Großmutter erzählt, erzählte er ihr eine Geschichte von seiner Großmutter. Nicht zufällig. Das Episodengedächtnis öffnet die richtige Schublade fast automatisch.

Im Hypnose-Practitioner trainieren wir genau diesen Schritt: Eine Geschichte für einen konkreten Menschen kalibrieren. Im kostenlosen Hypnose-Workbook findest Du außerdem das Grundgerüst der acht hypnotischen Prinzipien, auf denen jedes wirksame Story-Erzählen aufbaut.

Mini-Übung für die nächste Woche

Heute Abend, zehn Minuten vor dem Einschlafen. Du nimmst Dir das letzte Gespräch, das Dich noch beschäftigt. Beruflich oder privat, egal. Drei Fragen:

  1. Wer war der Held? (Manchmal Du, oft jemand anderer.)
  2. Was war das Hindernis?
  3. Wo war die Wendung?

Das ist die ganze Geschichte. Schreib sie in drei Sätzen auf. Am Ende der Woche hast Du sieben kleine Coaching-Geschichten aus Deinem eigenen Leben. Mindestens zwei davon wirst Du in den nächsten drei Monaten in einem Gespräch nutzen können. Versprochen.

Wie es weitergeht

Wenn Du Storytelling als hypnotisches Werkzeug systematisch lernen willst - mit Anker-Techniken, eingebetteten Suggestionen, Storykaskaden, Metaphern und der Kernbotschaft im Storytelling als sauberes Handwerk - dann ist der Hypnose-Practitioner der Ort dafür. Wir üben das in kleinen Gruppen, mit Live-Feedback, bis Du es kannst.

Häufige Fragen

Brauche ich Talent zum Storytelling? Nein. Talent hilft am Anfang, ist aber nach hundert geübten Geschichten zweitrangig. Was wirklich zählt, ist Assoziations-Training (ABC-Listen) und Wiederholung mit Feedback. Wer sich täglich zehn Minuten bewegt, ist nach drei Monaten weit vor jedem „begabten" Konkurrenten, der nichts übt.

Wie viele Geschichten sollte ich auf Lager haben? Du hast schon jetzt Hunderte bis Tausende Geschichten auf Lager. Sie sind Dir nur nicht bewusst. Je öfter Du darüber nachdenkst und je öfter Du Geschichten erzählst, desto mehr werden bewusst verfügbar. Natürlich ist es so, dass man für bestimmte Themen vielleicht acht bis zwanzig wirklich gute Stories hat. Wenn Du Dich zum Beispiel auf Abnehmen spezialisiert hast, hast Du dort ein Start-Repertoire von einem Dutzend Geschichten, die Du gut kennst. Schlussendlich kann man das aber nicht genau sagen - es gibt keine richtige Zahl. Viel wichtiger als eine fixe Anzahl ist, dass Du guten Zugang zur eigenen Biografie und zu eigenen Geschichten hast. So, dass Dir im Coaching-Moment spontan etwas einfällt. Das ist Trainingssache, nicht Mengen-Sache.

Darf ich Geschichten erfinden? Ja, mit einer Bedingung: Du verkaufst sie nicht als wahr. Eine erfundene Parabel oder Metapher ist im Coaching völlig legitim und o

Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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