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Konsequenz-Frage im Coaching - die Zukunft konkret machen
Ein Kollege von mir (Marian Zefferer) arbeitet in der Psychotherapie mit schwer traumatisierten Jugendlichen. Vor ihm saß ein Junge, der den "ganzen Schwachsinn" eigentlich gar nicht machen wollte.
Mein Kollege hat nicht versucht, ihn zu motivieren. Er hat eine Frage gestellt: "Was wäre die Konsequenz, wenn wir das hier sein lassen?" Antwort. "Und die Konsequenz davon?" Antwort. "Und davon?" Nach drei oder vier Schritten landete der Junge an einer Stelle, an der er selbst sah, dass die Aussicht ihm nicht gefiel. Erst danach war Therapie überhaupt ein Angebot, das er annehmen konnte.
Das ist die Konsequenz-Frage in ihrer wirksamsten Form. Eine kurze Frage, mehrfach hintereinander. Mehr braucht es nicht.
Die eine Frage
Die Konsequenz-Frage lautet: "Was ist die Konsequenz davon?"
Sie ist so einfach, dass sie unterschätzt wird. Wirklich stark wird sie erst durch ihre rekursive Form: "Und die Konsequenz davon? Und davon? Und davon?" Du folgst der Kette so weit, wie der Klient sie mitziehen kann. Drei Schritte sind oft genug. Manchmal werden es fünf oder sieben.
Was Du tust: Du nimmst eine abstrakte Aussage des Klienten und übersetzt sie Stück für Stück in eine konkrete, erlebbare Zukunft. Das macht Argumente nicht. Das macht nur diese Frage.
In beide Richtungen anwendbar
Die Konsequenz-Frage funktioniert auf negativem wie auf positivem Verhalten.
In Richtung Problem: "Was passiert, wenn ich so weitermache?" führt durch eine Kette: Gewicht steigt weiter, Knie tun mehr weh, ich gehe weniger raus, der Kreis schließt sich enger. Irgendwann steht eine Konsequenz im Raum, die der Klient nicht mehr in Kauf nehmen will. Erst dann wird Veränderung für ihn ein eigenes Anliegen.
In Richtung Lösung: "Was passiert, wenn ich diesen Schritt heute gehe?" führt in die andere Richtung: ich melde mich für den Kurs an, ich treffe die ersten Leute dort, ich merke, dass ich nicht der einzige bin mit diesem Thema, ich gehe zur zweiten Stunde mit weniger Bauchkribbeln. Was vorher abstrakt war, "sich anmelden", ist jetzt eine erlebte Sequenz.
In beiden Fällen verschiebt die Frage die Aufmerksamkeit aus der Gegenwart in eine konkrete Zukunft. Genau das ist der Punkt.
Drei Beispiele, mit denen Du sofort üben kannst
Beispiel 1, der unentschlossene Klient. Er sagt: "Ich überlege schon ewig, ob ich das Studium wechsle." Du fragst: "Mal angenommen, Du wechselst nicht. Was wäre die Konsequenz, in einem Jahr?" Antwort. "Und die Konsequenz davon, in fünf Jahren?" Antwort. "Und davon?" Erst beim dritten Schritt wird sichtbar, was wirklich auf dem Spiel steht.
Beispiel 2, das destruktive Muster. Sie sagt: "Ich melde mich nie, wenn ich überfordert bin. Ich beiße einfach durch." Du fragst: "Was ist die Konsequenz davon, am Ende der Woche?" Antwort. "Und die Konsequenz davon?" Antwort. "Und davon, in einem halben Jahr?" Sehr oft taucht in dieser Kette eine Erinnerung auf, ein konkreter Erschöpfungspunkt, der den ganzen Plan in Frage stellt.
Beispiel 3, die positive Möglichkeit. Er sagt: "Ich überlege, ob ich diese Ausbildung mache." Du fragst: "Mal angenommen, Du machst sie. Was wäre die Konsequenz, drei Monate nach dem Start?" Antwort. "Und die Konsequenz davon?" Antwort. "Und davon, in zwei Jahren?" Du hast keinen einzigen Werbesatz für die Ausbildung sagen müssen. Der Klient hat sich seine eigene Werbung selbst gemacht.
Was unter der Oberfläche passiert
Die Konsequenz-Frage aktiviert dieselben hypnotischen Prinzipien wie die Frage nach der positiven Absicht, aber sie betont andere Aspekte: vor allem Aufmerksamkeit und Sinnesaktivierung.
Aufmerksamkeit. Der Klient ist im Moment der Frage in seiner Gegenwart gefangen. Die Frage zwingt seine Aufmerksamkeit in einen anderen Zeitpunkt. Sobald er antwortet, ist er innerlich nicht mehr hier, sondern dort. Das ist eine kurze, vollkommen legitime Trance mitten im Gespräch. Mehr zu diesem Mechanismus im Artikel über Aufmerksamkeit in der Hypnose.
Sinnesaktivierung. Eine Konsequenz, die nur als Begriff existiert ("das wird halt schwierig"), bewirkt nichts. Eine Konsequenz, die in Bildern, Geräuschen und Körpergefühl auftaucht ("ich sehe mich an einem Mittwochabend auf dem Sofa, mein Knie tut weh, und ich kann nicht mehr aufstehen, um spazieren zu gehen"), bewirkt sofort etwas. Die rekursive Form der Frage sorgt dafür, dass Du nicht bei der ersten abstrakten Antwort stehen bleibst. Du gehst weiter, bis Bilder kommen.
Assoziation. Sobald der Klient die Konsequenz nicht nur denkt, sondern erlebt, ist er mit einer zukünftigen Version von sich selbst assoziiert. Diese Version ist näher an der Erfahrung als jede gegenwärtige Argumentation. Was diese Version weiß, weiß auch der Klient von jetzt an, weil er es gerade selbst gespürt hat.
Du musst diese Mechanik nicht im Kopf nachverfolgen. Du erkennst, dass sie wirkt, an drei äußeren Zeichen: der Klient wird langsamer, sein Blick verliert den Fokus, und er beschreibt konkrete Sinneseindrücke statt allgemeiner Aussagen. Wenn alle drei eintreten, ist die Frage angekommen.
Wie Du die Frage stellst
Drei Tipps, mit denen die Frage trägt.
1. Frag offen. "Was ist die Konsequenz davon?" ist die Standardform. "Und dann?" funktioniert in entspannten Gesprächen genauso gut. "Was wäre der nächste Schritt, der daraus folgt?" öffnet etwas mehr Raum.
2. Bleib bei der Antwort. Nimm das, was der Klient gesagt hat, und verwende sein Wort als Ausgangspunkt für die nächste Frage. "Du sagst, Du wärst dann erschöpft. Was wäre die Konsequenz, wenn das so bleibt?" Damit gibst Du nichts vor und behältst seinen inneren Faden.
3. Geh weit genug. Eine einzige Konsequenz-Frage ist meistens zu kurz. Drei oder vier hintereinander reichen, um in eine echte Sinnesaktivierung zu kommen. Wer schon nach der ersten Antwort wieder ins Erklären geht, lässt die Bewegung verpuffen.
Eine Mini-Übung für Dich
Nimm ein Verhalten von Dir, das Du seit längerem ändern möchtest, aber nicht änderst.
Schreib auf:
- Was ist die Konsequenz davon, wenn ich es so beibehalte?
- Und die Konsequenz davon?
- Und davon, in einem Jahr?
Achte darauf, was passiert. Welche Bilder kommen? Welche Geräusche? Welches Körpergefühl? Wenn Du irgendwo aufhörst, weil es unangenehm wird, hast Du genau die Stelle gefunden, an der eine echte Konsequenz Dich erreicht hat. Genau dort beginnt Veränderung von innen.
Zum Weiterlesen
- Der erste Hebel: Positive Absicht im Coaching
- Die Sprachebene dahinter: Präsuppositionen in der Hypnose
- Eng verwandt: Hypothetische Fragen als Trance-Induktion
- Eines der drei Prinzipien im Detail: Aufmerksamkeit in der Hypnose
- Was vorher passieren muss: Pacing und Leading in der Hypnose
- Die Position dahinter: State- vs. Non-State-Theorie der Hypnose
Dein nächster Schritt
Die Konsequenz-Frage ist in jedem Coaching-Setting sofort einsetzbar. Im kostenlosen Hypnose-Workbook findest Du erste Übungen zu Future-Pacing und Sinnesaktivierung.
In der Hypnose-Practitioner-Ausbildung trainieren wir die rekursive Konsequenz-Frage an echten Coachingfällen, bis Du sie ohne nachzudenken einsetzt, sobald sie passt.
Fazit
Eine Frage, mehrfach hintereinander. Mehr brauchst Du nicht.
Die Konsequenz-Frage verbindet Gegenwart mit konkreter Zukunft. Sie verschiebt Aufmerksamkeit. Sie aktiviert Sinneseindrücke. Sie lässt den Klienten in einer zukünftigen Version von sich selbst kurz auf Besuch sein. Was er dort erlebt, nimmt er mit zurück.
Mal angenommen, Du würdest in Deinem nächsten Coaching dreimal hintereinander "Und die Konsequenz davon?" fragen, ohne abzulenken, ohne zu erklären: was würde Dein Klient sehen, was er bisher noch nie so gesehen hat?
Siehe auch
- Hypothetische Fragen - die einfachste Trance-Induktion
- Hypnose im Coaching – Wie wird Hypnose im Coaching-Prozess angewendet? — Erfahre, wie Hypnose im Coaching-Prozess eingesetzt wird, um persönliches Wachstum und Veränderungen zu fördern. Entd...
- Pacing und Leading - wie Du Menschen wirklich erreichst
- Präsuppositionen - was ein Satz suggeriert, ohne es zu sagen
- Rapport und Erwartung — warum Hypnose ohne Beziehung nichts bewirkt — Terhune et al. 2017 zeigen: Rapport aktiviert die preparedness to respond, die eigentliche Wirkungsmaschine in Hypnos...
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.