Inhaltsverzeichnis
- Was Preframing ist
- Die Pilotin und Boris Becker - wie ein Preframe ein Seminar rettet
- Preframes, die ich selbst nutze
- Wann ein Preframe zum Reframe wird (und warum das wichtig ist)
- Schul-Prüfung
- Coaching mit schmerzhafter Erinnerung
- Was beide Beispiele zeigen
- Stolpersteine - was Preframing nicht ist
- Praxis - drei Schritte für eigene Preframes
- Preframing in größeren Mustern
- Häufige Fragen
- Was ist der Unterschied zwischen Preframing und Reframing?
- Was ist der Unterschied zwischen Preframing und Seeding?
Preframing in der Hypnose - Bedeutung setzen, bevor das Ereignis kommt
Stell Dir folgende Szene vor. Du hältst Dein erstes Hypnose-Seminar in einem fremden Tagungshaus. Die Teilnehmer kommen rein, Du baust auf, läufst Deine Eröffnung im Kopf durch. Dann klopft die Hausdame an die Tür und sagt mit dem Gesicht eines Menschen, der schlechte Nachrichten überbringt: "Es tut mir leid, ab elf Uhr bohrt nebenan eine Baustelle. Den ganzen Tag."
Drei Sekunden Stille. In Dir kippt etwas. Du weißt, das wird der ganze Seminartag. Bohrhämmer, genervte Teilnehmer, Du am Ende mit Schweißausbruch und einem leisen "Trotzdem haben wir was geschafft."
Außer, Du machst es anders. Außer, Du nutzt das, was ich (Marian Zefferer) im Master gerne als die unterschätzte Königsdisziplin der Hypnose bezeichne. Du nutzt Preframing.
Preframing ist die Kunst, die Bedeutung eines Ereignisses zu setzen, bevor das Ereignis passiert. Wer das Bohrgeräusch beim Klienten als Trance-Vertiefer einrahmt, hört am Nachmittag kein Bohrgeräusch mehr. Er hört Trance.
Was Preframing ist
Preframing ist ein hypnotisches Sprachmuster aus der Erickson-Tradition. Der Grundgedanke ist klar: ein Ereignis, das später passieren wird, bekommt vorher eine andere Bedeutung. Wenn das Ereignis dann eintritt, erlebt der Klient, der Teilnehmer, der Gesprächspartner es nicht mehr neutral oder negativ. Er erlebt es so, wie der Rahmen es vorgibt.
Der Bohrhammer ist nicht plötzlich leise geworden. Er hämmert genauso wie vorher. Was sich verändert hat, ist die innere Verarbeitung. Vorher hieß Hämmern "Stören". Nach dem Preframe heißt Hämmern "Tranceübung". Die akustische Wirklichkeit ist identisch. Die psychologische Wirkung ist eine andere.
Wichtig zur Abgrenzung: Reframing setzt die neue Bedeutung, nachdem das Ereignis passiert ist. Preframing setzt die Bedeutung vorher. Wenn das Ereignis eintritt, ist es bereits eingerahmt. Es muss nicht mehr umgedeutet werden, weil es nie eine andere Deutung hatte.
Die Pilotin und Boris Becker - wie ein Preframe ein Seminar rettet
Eine Stress-Forscherin promoviert mit Auszeichnung und bekommt ihren ersten Auftrag: Stress-Seminare für Verkehrspiloten. Der Altersdurchschnitt ihrer Teilnehmer liegt bei Mitte vierzig. Sie ist Ende zwanzig.
Ihr erstes Seminar wird ein Desaster. Die Piloten sitzen mit verschränkten Armen, schauen sich an, denken: "Was willst Du uns über Stress erzählen? Hast Du je eine Warnblinkanlage gesehen, die signalisiert, dass Du gleich mit hundert Menschen in einen Berg fliegst?" Die Inhalte landen nicht. Die Frau geht abends nach Hause und überlegt, ob sie den nächsten Termin absagt.
Beim zweiten Seminar macht sie etwas anderes. Sie steht vorne, sagt nicht "Ich bin Doktorin der Psychologie und Expertin für Stress." Sie sagt: "Warum hat Boris Becker einen Coach?" Sie schreibt die Antworten der Teilnehmer auf das Flipchart. Weil ein Coach von außen sieht, was man von innen nicht sehen kann. Weil ein Coach hilft, dranzubleiben. Weil selbst der weltbeste Spieler ohne externe Sicht stagniert. Sie sammelt fünf, sechs Punkte. Dann sagt sie: "Genau. Und ich bin für dieses Seminar Euer Coach."
In diesem Moment hat sie eine Bedeutungsverschiebung erzeugt. Die Teilnehmer sind nicht mehr unwillige Schüler einer jungen Akademikerin. Sie sind Boris Becker, der einen Coach engagiert. Das Seminar funktioniert. Nicht, weil der Inhalt sich verändert hätte. Sondern weil der Rahmen vor dem Inhalt gesetzt wurde.
Das ist Preframing in seiner klarsten Form: Du weißt, dass eine Reaktion kommen wird ("Was kann uns die Junge schon erzählen?"), und Du nimmst der Reaktion vorher den Boden weg.
Preframes, die ich selbst nutze
Wenn ich ein Webinar oder einen Practitioner-Modul-Tag eröffne, baue ich (Marian Zefferer) routinemäßig drei bis fünf Preframes ein. Sie wirken zwischendurch fast unsichtbar. Sie machen aber den Unterschied zwischen einem Seminar, das gut ankommt, und einem Seminar, das wirkt.
Technische Probleme als Bonus. "Eine Sache gibt es in diesem Seminar gratis: technische Probleme. Du musst dafür nichts extra zahlen. Wir wissen nicht, ob es bei Dir oder bei mir auftritt - nur dass es auftreten wird, das wissen wir. Und Du hast die freie Wahl: Du kannst auf den Computer einhauen und wütend werden. Oder den Router neu starten." Wenn dann tatsächlich die Verbindung wackelt, ärgert sich niemand. Ich habe die Bedeutung von "technisches Problem" vorher gesetzt: Es ist erwartet, es ist Teil des Pakets, und es ist Deine Entscheidung, wie Du reagierst.
Schwierige Teilnehmer als bezahlte Lerneinheit. "Manche Teilnehmer sind langsamer, smalltalken viel oder sind besonders eigen. Die habe ich für Dich engagiert. Die kosten extra, das geht auf Deinen Kurspreis drauf. Du hast für die schon bezahlt." Das ist ein Preframe, der ein klassisches Webinar-Risiko aushebelt. Wenn der erste anstrengende Mensch im Breakout-Raum auftaucht, ist er kein Störfaktor. Er ist eine Investition.
Probleme als Übungsmaterial. Im Coaching-Practitioner: "Wir brauchen viele Probleme, um gut zu werden. Je mehr Probleme Du in den Übungen einbringst, desto mehr lernst Du." Wer am dritten Tag merkt, dass seine Übungspartner schwierige Themen haben, sieht das nicht als Belastung. Er sieht es als das, was er bestellt hat.
State Management vor Müdigkeit. "Wenn Du am Nachmittag müde wirst, hast Du zwei Möglichkeiten: Du gibst dem Seminar die Schuld, oder Du übernimmst Verantwortung für Dein State Management." Der Preframe nimmt mir den ganzen Druck, gegen die Mittagspause-Müdigkeit anzukämpfen. Wer müde wird, weiß, dass er nicht das Seminar zu beklagen hat, sondern seinen eigenen Zustand.
Jeder dieser Sätze ist klein. Jeder einzelne wirkt unscheinbar. Zusammengenommen rahmen sie ein, was an einem Seminartag so kommt. Wenn dann ein technisches Problem auftaucht, ein schwieriger Teilnehmer auftritt oder die Müdigkeit zuschlägt, ist die Bedeutung schon vergeben.
Wann ein Preframe zum Reframe wird (und warum das wichtig ist)
Reframing setzt eine neue Bedeutung, nachdem das Ereignis passiert ist. Preframing setzt sie vorher. Der Unterschied klingt klein. In der Wirkung ist er groß. Zwei Beispiele, jeweils mit beiden Varianten direkt nebeneinander.
Schul-Prüfung
Stell Dir vor, Dein Kind schreibt morgen eine wichtige Mathe-Schularbeit. Die Frage ist: Wann setzt Du den Rahmen?
Reframe (NACH der Arbeit): Das Kind kommt heim mit einem Vierer. Du sagst:
"Ein Vierer ist nicht das Ende der Welt. Er zeigt Dir genau, wo Du bis zur Matura nochmal hinschauen darfst."
Preframe (am Abend VOR der Arbeit): Du sagst Deinem Kind:
"Was immer morgen rauskommt - es zeigt Dir, wo Du in den nächsten Wochen genau hinschauen darfst. Eine Schularbeit ist eine Diagnose, kein Urteil."
Im Reframe musst Du die schon entstandene Enttäuschung aufweichen. Im Preframe gibt es diese Enttäuschung in dieser Form gar nicht - das Ergebnis war von Anfang an als Diagnose gerahmt. Das Kind erlebt den Vierer anders, weil der Vierer nicht in einem Urteilsrahmen ankommt, sondern in einem Diagnoserahmen.
Coaching mit schmerzhafter Erinnerung
Im Coaching wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine alte schmerzhafte Erinnerung hochkommen. Auch hier: Wann setzt Du den Rahmen?
Reframe (NACH dem Aufkommen): Die Klientin kommt in Tränen aus der Erinnerung zurück. Du sagst:
"Was Du gerade fühlst, ist nicht die Wunde, die wieder aufbricht. Das ist der erste Heilungsschritt."
Preframe (zu Beginn der Sitzung): Du sagst:
"In den nächsten Minuten könnten Bilder oder Gefühle hochkommen, die Du seit Jahren nicht gespürt hast. Wenn das passiert, weißt Du: Das ist nicht die Wunde, die wieder aufbricht. Das ist der Moment, an dem Heilung anfängt."
Im Reframe musst Du die Klientin in einer überforderten Sekunde abholen, in der sie kaum aufnahmefähig ist. Im Preframe trägt die Bedeutung schon, bevor die Tränen kommen. Die Klientin kann sie zulassen, ohne in Panik zu geraten.
Was beide Beispiele zeigen
Inhaltlich ist die Botschaft fast identisch. Was sich verschiebt, ist der Zeitpunkt. Wer Reframing einsetzt, kommt der ersten Reaktion hinterher und muss sie umlenken. Wer Preframing einsetzt, ist vor der Reaktion da und entscheidet mit, in welchem Rahmen die Reaktion überhaupt entsteht.
Im Coaching, im Training, im Verkauf, im Familienleben: Wer sich angewöhnt, den Rahmen früh zu setzen, spart sich die meisten Reframes. Reframing bleibt das Werkzeug für Situationen, die vorher nicht gerahmt wurden. Preframing ist das Werkzeug für alles, was vorhersehbar passiert.
Stolpersteine - was Preframing nicht ist
Preframing ist nicht Schönreden. "Es wird zwar laut, aber freu Dich, der Türöffner wird repariert." Das funktioniert nicht. Wenn der Mann seinen Handwerker-Hass behält, bleibt er beim Handwerker-Hass. Die Bedeutung des Handwerker-Tages muss sich substantiell verändern. Etwa: "Der Handwerker ist auch Auto-Fan. Du hast doch gesagt, mit dem könntest Du gut über Motoren quatschen." Jetzt sieht der Mann den Handwerker mit anderen Augen.
Preframing ist nicht das Gegenteil-Behaupten. "Manche sagen, der Film ist kindisch. Das sehe ich nicht so" ist kein Preframe. Das ist eine schwache Gegenmeinung. Ein Preframe braucht Substanz: "Der Regisseur hat bislang nur Erwachsenen-Filme gemacht und mehrere Preise gewonnen." Jetzt steht eine Argumentation hinter dem Rahmen.
Preframing ist nicht Pacing-Beziehung. Wenn Du einen guten Draht zu jemandem hast und er dadurch Deine Aussagen wohlwollender hört, ist das kein Preframing. Preframing bezieht sich auf ein konkretes zukünftiges Ereignis, dessen Bedeutung Du veränderst.
Preframing ohne Wirkungs-Hypothese ist kein Preframing. Bevor Du etwas einen Preframe nennst, frag Dich: Was soll dieser Preframe bewirken? Wenn Dir nichts einfällt, ist es keiner. Dann ist es nur ein netter Satz ohne Funktion.
Praxis - drei Schritte für eigene Preframes
Wer in Coaching, Training, Verkauf oder Unterricht arbeitet, kann sich Preframing in drei Schritten erschließen.
Schritt eins: Die kommenden Reaktionen vorhersagen. Setz Dich vor Deine nächste Coaching-Stunde, Dein nächstes Meeting, Dein nächstes Training. Frag Dich: Was wird wahrscheinlich passieren, das mich oder den Klienten ausbremsen könnte? Müdigkeit am Nachmittag? Eine kritische Frage zu Deiner Erfahrung? Ein technisches Problem? Schreib drei Risiken auf.
Schritt zwei: Pro Risiko einen Rahmen formulieren. Was sagst Du am Anfang, damit das Risiko, wenn es kommt, in einem anderen Licht steht? Achte darauf: Der Rahmen muss substantiell sein. Nicht "es wird schon", sondern eine konkrete neue Bedeutung. Bohrhammer als Tieftrance-Phänomen. Müdigkeit als State-Management-Frage. Kritik als Trainings-Material.
Schritt drei: Die Wirkung beobachten. Setz den Preframe ein. Beobachte, ob der Moment, wenn er eintritt, anders erlebt wird. Wer das ein paar Mal macht, entwickelt ein Gefühl für die Preframes, die tragen, und für die, die nur nett klingen.
Preframing in größeren Mustern
Wer mit Preframing arbeitet, hat einen starken Baustein. Spannender wird es, wenn dieser Baustein mit den anderen hypnotischen Mustern verschränkt wird. Pacing und Leading sind die Brücke zum Klienten. Storytelling trägt den Rahmen. Verschachtelte Geschichten - die Nested Loops - können eine Storykaskade tragen, in der mehrere Preframes gleichzeitig wirken. Das Utilisationsprinzip wiederum nimmt das, was sowieso passiert, und macht es zur Ressource - der Bohrhammer-Preframe ist gleichzeitig ein Preframe und eine Utilisation.
Wer einen Coaching-Klienten in eine Lösungstrance führen will, baut den Preframe früh. Wer eine Verhandlung führt, setzt Preframes vor den Punkten, an denen er weiß, dass Reaktanz kommen wird. Wer ein Training hält, entscheidet schon in der Begrüßung, wie die Müdigkeit am Nachmittag interpretiert wird.
Eng verwandt mit Preframing, aber zeitlich anders gelagert, ist Seeding. Während Preframing kurz vor dem Ereignis ansetzt, legt Seeding einen Gedanken früh - oft Wochen oder Monate vor dem Moment, in dem er gebraucht wird. Beide Sprachmuster verschieben Bedeutung, jedes auf seine Weise.
In meinem Hypnose-Practitioner ist Preframing ein zentraler Ausbildungs-Block. Wir üben es nicht theoretisch. Wir üben es im Webinar-Format, mit echten Übungs-Szenarien, mit Live-Feedback. Wer einmal gespürt hat, was es bedeutet, einen Bohrhammer-Preframe zu setzen und am Nachmittag zu beobachten, wie das Hämmern niemanden mehr stört, vergisst das nicht mehr.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Preframing und Reframing?
Reframing setzt eine neue Bedeutung, nachdem das Ereignis passiert ist. Preframing setzt sie vorher. Wer im Coaching mit beiden arbeitet, verkürzt seine Interventionen erheblich, weil er nicht erst auf das Problem warten muss.
Was ist der Unterschied zwischen Preframing und Seeding?
Preframing zielt auf einen konkreten zukünftigen Moment, von dem Du weißt, dass er kommen wird - der Bohrhammer um elf, die Müdigkeit am Nachmittag, die kritische Frage. Seeding ziel
Siehe auch
- Positive Absicht im Coaching - die unsichtbare Tür
- Konsequenz-Frage im Coaching - die Zukunft konkret machen
- Seitenmodell im Coaching - eine Seite von mir
- Reframing in der Hypnose - Bedeutung, Kontext, Pendel
- Hypnotische Verknüpfungen - und, während, weil - Drei Brückenwörter und ihre Wirkung im Coaching, mit vier Anwendungsbeispielen.
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.