Inhaltsverzeichnis
- Warum Bücher und Frameworks Dich nicht weiterbringen
- Methode 1: Aktiv zuhören statt Bücher lesen
- Die eine Frage, die alles ändert
- Methode 2: Das Sprachnachrichten-Tandem
- Die 56-Geschichten-Rechnung
- Methode 3: Dein Alltag als Übungsfeld
- Warum Geschichten überhaupt wirken
- Deine erste Trainingswoche
- Häufige Fragen
- Quelle
Storytelling lernen: 3 Methoden, die wirklich wirken
Ich war 17, in einem winzigen Seminar mit zwölf Leuten, und sollte eine Metapher erzählen. Eine kleine Geschichte, irgendwas. Es lief als Blitzlicht: Jeder konnte spontan eine Metapher in den Raum werfen, eine oder mehrere, wie sie ihm gerade einfielen. Und weil es so lief, fiel gar nicht auf, dass von mir keine kam. Irgendwann sagte die Seminarleiterin diesen netten Satz, der mich bis heute begleitet: "Am Anfang ist es schwer, aber irgendwann findet jeder eine Metapher." Und ich (Marian Zefferer) dachte: "Ja. Alle außer ich."
Mir fiel nichts ein. Gar nichts. Ich hatte mir so einen Stress gemacht, jetzt bitte eine coole Geschichte aus dem Hut zu zaubern, dass mein Kopf einfach leer blieb. Dabei konnte ich damals schon frei reden. Mit 14 hatte ich mein erstes Rhetorikseminar besucht und war total gefesselt. In Deutsch stand ich trotzdem dauerhaft zwischen Vier und Fünf, vor allem wegen der Rechtschreibung. Reden ging. Geschichten erzählen ging nicht.
Heute bilde ich Menschen im Storytelling aus. Dazwischen liegt kein Talent, das irgendwann erwacht ist. Dazwischen liegt Training.
Warum Bücher und Frameworks Dich nicht weiterbringen
Mein erster Reflex war derselbe wie wahrscheinlich Deiner: Ich habe mir Bücher über Storytelling besorgt. Heldenreise, Spannungsbogen, die ganzen Modelle. Und es wurde schlimmer. Plötzlich erzählte ich zwar Geschichten, aber sie waren grottenschlecht. Ich hatte ein Framework im Kopf und keine lebendige Geschichte im Mund.
Storytelling ist wie Fahrradfahren. Du lernst es nicht aus der Theorie. Du lernst es, indem Du fährst, hinfällst, weiterfährst. Modelle wie die Heldenreise sind nicht falsch. Sie sind nur nutzlos, solange Du nicht erst ins Tun kommst. Wer den Aufbau einer Geschichte verstehen will, findet bei mir auch das Modell dahinter. Aber das Modell ist die zweite Stufe. Die erste Stufe ist Training, und zwar in einer Form, die in Deinen Alltag passt.
Methode 1: Aktiv zuhören statt Bücher lesen
Der erste Hebel klingt unspektakulär: Hör anderen Leuten zu, wie sie gute Geschichten erzählen. So weit, so bekannt. Nur reicht das eben nicht. Ich kenne genug Menschen, die viel zuhören und trotzdem nicht besser werden. Als ich gemerkt habe, dass ich besser wurde und andere nicht, habe ich mich gefragt: Was mache ich anders?
Der Unterschied ist winzig und entscheidend. Es geht darum, ob die Geschichte bei Dir rein und wieder raus rauscht, oder ob Du während des Zuhörens innerlich aktiv bist.
Die eine Frage, die alles ändert
Mehr nicht. Du musst selbst keine einzige Geschichte erzählen. Du musst nur aktiv hinhören und bewerten. Dein Gehirn lernt dabei automatisch, wie gute Geschichten gebaut sind.
Das Schöne: Diese Methode ist niveauunabhängig. Als Anfänger fällt Dir vielleicht nur auf, dass jemand an einer Stelle eine wirkungsvolle Pause gemacht hat. Als Fortgeschrittener bemerkst Du feinere Dinge, einen Erwartungsbruch, eine clevere Kernbotschaft. Egal auf welchem Stand Du bist, die Frage zieht Dich nach oben. Und Material gibt es überall: ein Podcast, ein Video, ein Kollege in der Kaffeeküche, dieser Artikel.
Wenn Du wissen willst, worauf Du beim Bewerten konkret achten kannst, hilft Dir die Liste der sieben Wirkfaktoren guter Geschichten. Sie ist genau das Raster, mit dem ich selbst fremde Stories sekundenschnell auseinandernehme.
Methode 2: Das Sprachnachrichten-Tandem
Das ist mein absoluter Lieblingstipp. Ich setze ihn in meiner Hypnose-Practitioner-Ausbildung am ersten Abend ein und an allen Abenden danach. Und er kostet Dich fast nichts.
So geht es: Du suchst Dir einen Tandempartner. Ihr macht eine eigene WhatsApp-Gruppe, nur zu zweit, getrennt vom privaten Geplauder. Das ist wichtig, denn sobald da nebenbei gequatscht wird, schläft die Sache ein. Dann nimmst Du eine kurze Geschichte als Sprachnachricht auf. Nur die Geschichte, sonst nichts. Dein Partner hört sie und gibt Dir genau ein einziges Feedback.
Genau ein Feedback. Das ist der Trick. Wenn Deinem Partner zwanzig Dinge auffallen, die man besser machen könnte, muss er sich jetzt für die eine Sache entscheiden, die die Geschichte am stärksten verbessert. Damit trainiert er sein eigenes Gespür für Wirkung. Und Du wirst durch sein Feedback besser. Beide Seiten gewinnen aus demselben Vorgang. Gutes Feedback ist dabei immer umsetzbar: "Lass den zweiten Nebenstrang weg" oder "Bring eine körperliche Szene rein" hilft. "War irgendwie nett" hilft nicht.
Die 56-Geschichten-Rechnung
Jetzt rechne mit mir. Eine Geschichte aufzusprechen dauert zwei, drei Minuten. Dein Partner hört sie in zwei, drei Minuten. Mit Vorbereitung bist Du bei rund zehn Minuten pro Woche. Wenn Du das ein Jahr durchziehst, hast Du 56 Geschichten erzählt, gehört und mit Feedback geschärft. Nach einem Jahr bist Du auf einem komplett anderen Level. Bei einem Aufwand von zehn Minuten pro Woche.
Methode 3: Dein Alltag als Übungsfeld
Viele denken, Storytelling sei etwas für Coaching und Training. Ich sehe das anders. Betrachte die Welt aus Deiner persönlichen Bühne. Du kannst Geschichten fast überall erzählen: in Verhandlungen, im Bewerbungsgespräch, in der Kommunikation mit Deinen Kindern, mit dem Partner, mit dem Chef, auf dem Spielplatz. Sobald Du mit Menschen redest, kannst Du fast immer auch eine Geschichte erzählen.
Nicht, dass eine Geschichte immer die beste Wahl ist. Aber wenn Du diese Brille aufsetzt, hast Du jeden Tag ein Übungsfeld. Und das Geniale: Du bekommst im Alltag oft sofort Feedback. Du erzählst einem Kollegen etwas und siehst in den nächsten Tagen, ob es angekommen ist oder nicht.
"Mir fällt aber spontan nichts ein", höre ich oft. Muss es auch nicht. Mein Sohn hatte ein paar Monate lang Angst vor Mäusen. So eine Angst kommt selten einmal und ist dann weg, sie wiederholt sich. Beim ersten Mal fällt Dir keine Geschichte ein, beim zweiten auch nicht. Aber danach kannst Du in Ruhe überlegen, welche Geschichte passen würde, notfalls etwas heraussuchen, und sie beim nächsten Mal parat haben. Aus dem Alltag wird so ganz nebenbei Deine Ausbildung zum Geschichtenerzähler.
Wenn Du Geschichten gezielt für Coaching, Verkauf oder Führung sammeln willst, zeige ich Dir im Artikel Coaching-Geschichten finden, wie Du Dir systematisch einen Vorrat aufbaust.
Warum Geschichten überhaupt wirken
Kurz die Frage hinter der Frage: Warum lohnt sich der ganze Aufwand? Weil Geschichten etwas können, das ein direkter Ratschlag nicht kann.
Ein Beispiel aus meiner Praxis. Eine Klientin kam in die erste Sitzung, mit starken Ängsten und wenig Selbstdisziplin. Eine klassische Hausaufgabe wäre riskant gewesen. Hätte sie sie nicht gemacht, wäre gleich in der ersten Stunde unsere Arbeitsbeziehung belastet gewesen. Also habe ich keine Aufgabe gegeben, sondern nur eine Geschichte erzählt: von jemandem mit massiven Panikattacken, der diese mit täglicher Meditation aufgelöst hat. Ich habe keinen Auftrag mitgegeben, keine Empfehlung. Nur die Geschichte. Wie der Zufall so will, hat sie sich aus eigener Neugier damit beschäftigt und angefangen zu meditieren. Sie hat ihr Verhalten verändert, aufgrund einer Geschichte.
Aus Sicht der Non-State-Theorie der Hypnose ist das kein Wunder und keine Trance im Showsinn. Es ist wirksame Kommunikation. Die Klientin hat sich mit der Figur in der Geschichte identifiziert und die Lösung innerlich miterlebt. Genau das ist der Punkt: Eine Geschichte wirkt auf unbewusster Ebene, ganz ohne Trance-Induktion. Du musst niemanden vorher in einen besonderen Zustand bringen. Die Geschichte selbst tut die Arbeit. Diese sanfte, beiläufige Art zu führen ist der Kern der Konversationshypnose.
Dazu kommt ein zweiter Vorteil. Sage ich "Mach bitte genau das", ist wenig Spielraum. Erzähle ich eine Geschichte, läuft die Wirkung assoziativ. Der andere findet darin oft eine Lösung, an die ich gar nicht gedacht habe. Storytelling kann über Deine eigene Kompetenz hinausreichen, weil es im Kopf des Gegenübers Ressourcen anzapft, die vorher nicht greifbar waren. Genau dieses beiläufige Verwerten innerer Bilder ist das Utilisationsprinzip in Aktion.
Und ja, eine ehrliche Grenze gehört dazu: Garantieren lässt sich nichts. Ich habe richtig gute Geschichten erlebt, die voll danebengingen, und holprige Geschichten, die genau ins Schwarze trafen. Du kannst nur die Wahrscheinlichkeit erhöhen, indem Du Deine Geschichte an die Werte und die Welt Deines Gegenübers andockst. Das macht Geschichten übrigens auch in der Arbeit mit Kindern stark. Die Therapeuten Joyce Mills und Richard Crowley haben das eindrucksvoll beschrieben, etwa mit der Geschichte von Sammy dem Elefanten, die bettnässenden Kindern half. Solche Geschichten stammen aus der Literatur, nicht aus meiner Praxis, und genau so solltest Du sie auch erzählen: Markiere, was Dein eigenes Erlebnis ist und was Du weitergibst.
Deine erste Trainingswoche
Theorie reicht jetzt. Hier ist ein Plan, den Du diese Woche starten kannst:
- Heute: Höre bewusst eine Geschichte, egal wo, und stell Dir die zwei Fragen aus Methode 1. Was war gut? Was wäre besser?
- Diese Woche: Such Dir einen Tandempartner und richtet eine eigene Sprachnachrichten-Gruppe ein. Die erste Geschichte muss nicht gut sein. Sie muss nur abgeschickt sein.
- Ab sofort: Nimm Dir eine Alltagssituation pro Tag vor, in der Du normalerweise einen Ratschlag geben würdest, und probier stattdessen eine kleine Geschichte.
Wer tiefer einsteigen will, findet im kostenlosen Hypnose-Workbook die passenden Übungen zum Mitmachen. Und wenn Du Storytelling als Werkzeug in Coaching und Hypnose live und mit Feedback üben willst, bist Du im Hypnose-Practitioner richtig. Geht es Dir rein um Geschichten und Rhetorik, ohne Hypnose-Schwerpunkt, passt die Storytelling- und Rhetorik-Ausbildung besser.
Storytelling ist keine Fertigkeit, die Du einmal lernst und dann abhakst. Sie wird ein Leben lang feiner, genauer, abgestimmter auf Dein Gegenüber. Ich trainiere bis heute. Und das ist die gute Nachricht: Du musst nie fertig sein, um schon morgen besser zu sein als gestern.
Angenommen, Du startest mit genau einer dieser drei Methoden ab heute. Welche wäre es? Und welche Geschichte könntest Du als allererste aufnehmen?
Häufige Fragen
Kann man Storytelling wirklich lernen oder braucht man Talent? Man kann es lernen. Wer wie ein Naturtalent wirkt, hat schlicht viel geübt, meist ohne es Training zu nennen. Ich selbst konnte mit 17 in einem Seminar als Einziger keine Metapher erzählen und bilde heute andere darin aus. Dazwischen lag kein Talentschub, sondern jahrelanges, oft beiläufiges Training.
Wie übt man Storytelling am besten? Mit drei Hebeln, die ineinandergreifen: aktiv zuhören und dabei innerlich bewerten, ein Sprachnachrichten-Tandem mit Ein-Punkt-Feedback, und der Alltag als tägliches Übungsfeld. Theorie und Bücher sind die zweite Stufe. Die erste Stufe ist Tun.
Wie lange dauert es, gut im Geschichtenerzählen zu werden? Schon zehn Minuten Tandem pro Woche bringen Dich in einem Jahr auf 56 geübte und befeedbackte Geschichten. Das ist ein anderes Level. Und weil Storytelling eine Kunst ist, hört die Entwicklung nie auf, sie wird nur immer feiner.
Helfen Storytelling-Bücher beim Lernen? Erst, wenn Du schon im Tun bist. Wer mit Heldenreise und Frameworks anfängt, baut Geschichten oft technisch und leblos. Das Modell hilft beim Verfeinern, nicht beim Anfangen. Steig über das Erzählen ein, hol Dir die Theorie danach.
Wofür braucht man Storytelling im Alltag? Für fast jede Kommunikation: Verhandlung, Bewerbung, Kindererziehung, Partnerschaft, Führung, Verkauf. Eine Geschichte erreicht den anderen oft dort, wo ein Ratschlag abprallt, und erzeugt weniger Druck, weil sie ein Angebot ist statt einer Anweisung.
Wirken Geschichten nur in Hypnose oder Trance? Nein. Eine gute Geschichte wirkt auf unbewusster Ebene, ohne dass Du jemanden vorher in Trance bringst. Aus Sicht der Non-State-Theorie ist Storytelling wirksame Kommunikation: Der Zuhörer identifiziert sich mit einer Figur und erlebt die Lösung innerlich mit.
Quelle
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Hammel, S. (2018). Handbuch des therapeutischen Erzählens: Geschichten und Metaphern in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde, Coaching und Supervision. Klett-Cotta.
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Rosen, S., & Hoffman, L. (2009). Die Lehrgeschichten von Milton H. Erickson. iskopress.
Siehe auch
- Warum Geschichten wirken: Die 7 Wirkfaktoren im Storytelling — Marians 7 Wirkfaktoren von Storytelling - 5 Hauptkriterien (Praegnant/kurz, anregende Zusaetze, bildhaft konkret, gla...
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.
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