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Psychosomatik: Hypnose wirkt, die Dosis zählt nicht
Es gibt eine Annahme, die in fast jeder Ausbildung mitschwingt: Mehr Sitzungen bringen mehr Wirkung. Zwei Forscher haben 2007 alle randomisierten Studien zur Hypnotherapie bei psychosomatischen Beschwerden zusammengerechnet und diese Annahme geprüft. Die Wirkung war da, mit einer mittleren Effektstärke von 0,61 über 21 Studien. Die Behandlungsdosis sagte über den Erfolg nichts aus.
Ich (Marian Zefferer) finde diese Arbeit deshalb wichtig, weil sie zwei Zahlen liefert, die in verschiedene Richtungen zeigen. Sie ist eine von über 260 Arbeiten, die ich in der Hypnose-Forschung mit Studien im Überblick gesammelt habe, und steht dort bei den Gesamt-Meta-Analysen.
Was untersucht wurde
Erich Flammer und Assen Alladin suchten nach randomisierten kontrollierten Studien, in denen Menschen mit psychosomatischen Beschwerden ausschließlich mit Hypnotherapie behandelt und mit unbehandelten Kontrollgruppen verglichen wurden. Studien, in denen beide Gruppen zusätzlich die übliche medizinische Versorgung bekamen, waren ebenfalls zugelassen.
21 Studien blieben übrig. Psychosomatisch heißt hier: körperliche Beschwerden, bei denen die Psyche mitspielt. Reizdarm, Asthma, Hauterkrankungen, Kopfschmerz und Verwandtes.
Das Besondere an dieser Auswertung: Die beiden sortierten jede Studie nach der Art der verwendeten Hypnose. Klassisch mit festen Suggestionsformeln (9 Studien), modern im ericksonschen Sinne (3 Studien), Mischformen dazwischen (5 Studien). Dazu rechneten sie zwei Zusammenhänge aus, die man sonst selten in einer Meta-Analyse findet: den zwischen Behandlungsdosis und Erfolg, und den zwischen Suggestibilität und Erfolg.
Was herauskam
Die mittlere gewichtete Effektstärke über alle 21 Studien lag bei d = 0,61, statistisch hoch abgesichert. Übersetzt heißt das ungefähr: Dem durchschnittlichen Patienten aus der Hypnosegruppe ging es hinterher besser als rund 73 von 100 Patienten aus den Kontrollgruppen.
Dann kommt die Zahl, wegen der ich diesen Artikel schreibe:
Die Wirkung: d = 0,61. Der Zusammenhang zwischen Behandlungsdosis und Wirkung: keiner.
Die Regression des Erfolgs auf die Behandlungsdosis blieb ohne signifikanten Zusammenhang. Wer mehr Sitzungen bekam, ging es hinterher im Mittel nicht besser als dem, der weniger bekam.
Die Form der Hypnose unterschied sich dagegen signifikant. Klassische, gemischte und moderne Hypnose kamen auf verschieden starke Effekte. Welche Form vorne lag, berichtet die Zusammenfassung der Arbeit nicht, und ich stelle das hier lieber offen hin, als etwas hineinzulesen. Festhalten lässt sich der Punkt darunter: Das Verfahren, das jemand benutzt, machte einen messbaren Unterschied. Die Menge an Zeit, die er dafür aufwendete, machte keinen.
Ein dritter Befund ist die Suggestibilität. In den 3 Studien, die dazu Zahlen berichteten, hing der Erfolg mit r = 0,31 von ihr ab. Das ist erkennbar weniger als die 0,53, die Milling und Kollegen später beim klinischen Schmerz fanden. Drei Studien tragen allerdings keine Aussage.
Was das für Deine Praxis heißt
Wenn Dosis nichts erklärt und Verfahren etwas erklärt, dann geht es um Treffgenauigkeit. Um die Frage, ob das, was Du sagst, diesen Menschen an dieser Stelle erreicht.
Der Satz, mit dem Du das morgen angehen kannst, gehört ans Ende der Sitzung, nicht an den Anfang: "Was von dem, was wir heute gemacht haben, hat sich für Sie am ehesten richtig angefühlt?"
Die Antwort darauf ist Deine Kursänderung für das nächste Mal. Der eine sagt Dir, dass ihn die Körperwahrnehmung erreicht hat, die andere die Geschichte, der dritte der eine Satz am Schluss. Du hörst, welches Material bei ihm ankommt, und arbeitest ab der nächsten Sitzung damit. Genau das meint das Kooperationsprinzip aus meinen 8 hypnotischen Prinzipien: Du führst mit dem Material des Klienten, und er zeigt Dir laufend, welches das ist.
Für die Praxisplanung heißt die Dosisfrage außerdem etwas Unbequemes. Ein Paket mit zehn Sitzungen verkauft sich leichter als eines mit dreien. Diese Daten stützen das Paket nicht. Sie stützen die Sorgfalt in der einzelnen Stunde.
Wie Hypnose in den somatischen Feldern eingesetzt wird, findest Du unter Hypnose in der Medizin, und das am besten belegte Einzelfeld daraus beschreibe ich unter Hypnose bei Reizdarm.
Grenzen der Studie
21 Studien sind eine schmale Basis, und die Untergruppen mit 9, 5 und 3 Studien sind noch schmaler. Aus drei Studien zur modernen Hypnose lässt sich eine Richtung ablesen, mehr nicht.
Der Vergleich lief gegen unbehandelte Kontrollgruppen. Das ist die großzügigste Vergleichsbedingung, die es gibt, weil Zuwendung, Erwartung und der Verlauf der Zeit dabei alle auf der Hypnoseseite mitzählen. Der Wert von 0,61 sagt also, wie viel eine Behandlung gegenüber keiner Behandlung bringt. Gegen eine aktive Vergleichsbehandlung fällt er regelmäßig kleiner aus, wie die Auswertung von Kirsch und Kollegen zeigt.
Dazu kommt der Publikationsbias. Moshagen und Musch haben 2008 vorgerechnet, dass Schätzungen aus diesem Forschungsfeld um etwa ein Drittel zu hoch liegen können, weil Studien ohne Ergebnis seltener erscheinen.
Und die Arbeit ist von 2007. Die Primärstudien sind entsprechend älter. Was damals "moderne Hypnose" hieß, ist heute Standard. Wie die theoretische Debatte dahinter läuft, liest Du unter State- und Non-State-Theorie.
In Deutschland ist die Behandlung von Krankheiten dem Heilpraktiker- und Heilberufsrecht vorbehalten, in Österreich greift das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz gilt kantonales Recht. Psychosomatische Beschwerden gehören immer auch in ärztliche Abklärung.
Häufige Fragen
Wie gut wirkt Hypnose bei psychosomatischen Beschwerden? In der Meta-Analyse von Flammer und Alladin lag die mittlere gewichtete Effektstärke über 21 randomisierte Studien bei d = 0,61 gegenüber unbehandelten Kontrollgruppen. Dem durchschnittlichen Hypnose-Patienten ging es damit besser als rund 73 Prozent der Kontrollpatienten.
Bringen mehr Hypnosesitzungen mehr Wirkung? In dieser Auswertung zeigte die Behandlungsdosis keinen signifikanten Zusammenhang mit dem Ergebnis. Die verwendete Hypnoseform unterschied sich dagegen signifikant in der Wirkung.
Hängt der Erfolg von der Suggestibilität ab? Nur 3 der 21 Studien berichteten dazu Zahlen, mit einer mittleren Korrelation von r = 0,31. Wie Du Deine Sprache an den einzelnen Klienten anpasst, übst Du in der Hypnose-Practitioner-Ausbildung.
Fazit
Die Wirkung ist belegt, die Menge erklärt sie nicht. Was zählt, ist offenbar die Art, wie gearbeitet wird.
Angenommen, Du würdest Deine nächste Sitzung mit der Frage beenden, was sich für den Klienten am ehesten richtig angefühlt hat. Was würdest Du über Deine eigene Arbeit erfahren, das Du bisher nur vermutet hast?
Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie im Gespräch aufbaust, lernst Du im Hypnose-Practitioner.
Quelle
- Flammer, E., & Alladin, A. (2007). The Efficacy of Hypnotherapy in the Treatment of Psychosomatic Disorders: Meta-analytical Evidence. International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis, 55(3), 251-274. https://doi.org/10.1080/00207140701338696
Siehe auch
- Hypnose-Forschung: Die wichtigsten Studien im Überblick — Über 260 Studien mit konkreten Zahlen, sortiert nach Anwendungsgebiet. Diese Meta-Analyse steht dort im Block zu den Gesamt-Meta-Analysen.
- Hypnose bei Schmerz: sauberste Studien, stärkster Effekt — Meta-Analyse Milling et al. 2021, erste umfassende Bestandsaufnahme zu Hypnose bei klinischem Schmerz seit rund 20 Ja...
- Chronischer Schmerz: Hypnose wirkt ab acht Sitzungen — Meta-Analyse Langlois et al. 2022: 9 randomisierte Studien mit 530 Patienten mit chronischem Muskel-, Gelenk- oder Ne...
- Reizdarm: Der Hypnose-Effekt wächst mit der Zeit — Meta-Analyse Schaefert et al. 2014: 8 randomisierte Studien mit 464 Reizdarm-Patienten, im Mittel 8,5 Sitzungen über ...
- Hypnose vor der Operation: 34 Studien und eine klare Rangfolge — Meta-Analyse Tefikow et al. 2013: 34 randomisierte Studien mit 2597 Patienten. Seelische Belastung g = 0,53, Schmerz ...
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.
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