Inhaltsverzeichnis
- Das Pferd, das die Hufe hebt
- Deine Klienten heben auch die Hufe
- Warum Reden allein das Muster stehen lässt
- Imagination wirkt, Erfahrung wirkt anders
- Die Grenze: wo Du einschreitest
- Wie Du überlebbare Fehler dosierst
- Wenn ein Teil bremst
- Was das für Dich als Coach heißt
- Häufige Fragen
- Was sind überlebbare Fehler im Coaching?
- Warum verschwindet Vermeidungsverhalten nicht von selbst?
- Reicht es, sich eine Situation nur vorzustellen?
- Wie oft muss eine Gegenerfahrung stattfinden?
- Wo hört Coaching auf und Therapie fängt an?
- Quelle
Überlebbare Fehler: Warum Klienten scheitern dürfen
Am ersten Tag eines Rhetorikkurses sagte ein Teilnehmer zu mir (Marian Zefferer): "Ich habe heute gelernt, dass ich gar kein Lampenfieber habe." Er hatte vorher jahrelang geglaubt, seines sei besonders schlimm. Eine einzige Erfahrung hat diese Überzeugung erledigt. Kein Gespräch davor hätte das geschafft.
Er hatte das Lampenfieber innerlich so groß gemacht, dass ihn allein der Gedanke daran betroffen hat. Und es war auch in der Vergangenheit gar nicht so schlimm gewesen. Er hatte nur nie eine Situation gehabt, in der er das überprüfen konnte.
Genau darum geht es hier. Ein Kollege von mir hat dafür einen Satz geprägt, den ich seitdem ständig benutze: Es ist gut, wenn Klienten überlebbare Fehler machen. Und zwar möglichst viele.
Über diesen Gedanken habe ich nach einer Tour auf den Untersberg ein kurzes Video aufgenommen. Wenn Du lieber zuhörst:
Das Pferd, das die Hufe hebt
Ich erzähle dazu im Training gern ein Bild, das ich von Paul Watzlawick übernommen habe. Es beschreibt ein klassisches Experiment zum Vermeidungslernen.
Ein Pferd steht auf einer Metallplatte. Eine Glocke läutet, kurz darauf kommt ein Stromschlag durch den Boden. Glocke, Stromschlag. Glocke, Stromschlag. Nach ein paar Durchgängen hat das Pferd es verstanden und hebt bei der Glocke die Hufe. Kein Stromschlag mehr.
Jetzt wird die Anlage abgeschaltet. Es gibt keinen Strom mehr. Und das Pferd? Hebt weiterhin bei jeder Glocke die Hufe. Jedes Mal. Für immer.
Es hat keine Chance, das jemals zu bemerken. Solange es die Hufe hebt, bestätigt sich seine Annahme in jeder Runde: "Gut, dass ich reagiert habe." Die Vermeidung schützt das Muster, das sie erzeugt hat.
Aufgelöst wird das nur auf einem Weg. Das Pferd macht einen Fehler. Es ist zu müde, unaufmerksam, aus welchem Grund auch immer: die Glocke läutet, die Hufe bleiben unten. Und nichts passiert.
Beim ersten Mal glaubt es das noch nicht. Beim nächsten Mal hebt es die Hufe wieder. Aber wenn das ein paar Mal passiert, kommt es darauf: Das ist anders als gedacht. Hier greift das Prinzip der Wiederholung. Eine einzelne Gegenerfahrung wird als Ausnahme abgebucht, mehrere werden zur neuen Regel. Mehr dazu in meinem Artikel über Varianz und Wiederholung.
Deine Klienten heben auch die Hufe
Ein Teilnehmer in einer meiner Ausbildungen sagte mir, er könne nicht assoziieren. Er könne sich nicht in eine Situation hineinversetzen und sie aus den eigenen Augen erleben.
Das ist ungefähr so, als würde jemand sagen, er könne den Mund nicht öffnen. Der Mann war ständig assoziiert, auch in den Übungen. Nur passte das nicht zu seinem Gedankenkonstrukt darüber, was es alles braucht, damit man "richtig" assoziiert ist. Also lief er in eine Problemtrance: ein unerwünschtes Erleben, das sich stabil hält, weil es sich selbst bestätigt.
Sobald ich ihn angeleitet habe, sagte er "das kann ich nicht" und probierte es gar nicht erst. Hufe hoch. Wenn er sein Konzept aber nicht laufen ließ, wenn ihm also gar nicht bewusst war, dass er sich gerade hineinversetzt, dann funktionierte es sofort.
Er konnte es. Er glaubte nur, er könne es nicht. Und dieser Glaube war die einzige Barriere.
Meine Aufgabe war es dann, ihn auf eigene Erlebnisse aufmerksam zu machen, in denen es gut gegangen war. Auf eine Art, die er auch annehmen konnte. Dann kippt es: "Ah, okay. Es geht vielleicht doch."
Warum Reden allein das Muster stehen lässt
Menschen wissen erstaunlich oft, was sie tun müssten. Das Wissen sitzt an einer anderen Stelle als der Reflex.
Milton Erickson hat deshalb selten lange über ein Problem gesprochen. Er hat Leute rausgeschickt. Auf den Squaw Peak in Phoenix, in den botanischen Garten, zu einer konkreten Handlung in der Welt. Sein Ansatz war es, die Realitätskonstruktion im Kopf zu verändern. Und die verändert sich am leichtesten durch Erfahrungen. Haley (2006) und O'Hanlon und Hexum (2009) sind voll von solchen Aufgaben.
Wie Du solche Aufträge sauber vergibst, habe ich in Hausaufgaben im Coaching nach Erickson ausführlich beschrieben. Hier geht es um die Ebene davor: um die Bereitschaft, dass dabei etwas schiefgehen darf.
Übrigens kann ich Dir den Untersberg auch als Tour empfehlen, wenn Du in Österreich oder Süddeutschland in der Gegend bist. Auf einen Berg zu gehen wirkt manchmal besser als eine Sitzung.
Imagination wirkt, Erfahrung wirkt anders
Vieles lässt sich imaginativ machen. Ich kann mir vorstellen, wie ich selbstbewusst vor einer Gruppe stehe, und das hat eine echte Wirkung. Das ist ein großer Teil dessen, was in hypnotischer Arbeit passiert.
Und dann gibt es die andere Sache. Du stehst tatsächlich vor zwanzig Leuten und redest, und während Du redest, spürst Du dieses Gefühl von Sicherheit. Das nimmst Du mit. Ab da weißt Du: Ich kann das. Und wenn ich das kann, kann ich vermutlich auch anderes.
Diese Erfahrung ist über das Assoziationsprinzip in Deinem Körper verankert, in Deiner Haltung, in Deinem Atem. Sie liegt an einem anderen Ort als ein Vorsatz.
Das ist auch die Idee hinter dem Feuerlauf-Seminar. Ganz ehrlich: über glühende Kohlen zu laufen ist eine ziemlich sinnlose Fähigkeit in unserer Gesellschaft. Die brauchst Du nie. Aber Du hast Angst, Du denkst, das geht nicht, und Du machst es trotzdem und stehst unverletzt am anderen Ende. Diese Erfahrung macht den Unterschied.
Selbstbewusstsein auf der Bühne gehört zu den Themen, bei denen das am schnellsten geht. Man tut es einfach. Gut ist es, wenn ein Coach dabei ist, der Deinen Zustand vorher verändert. Dafür gibt es viele Techniken, siehe auch Hypnose für mehr Selbstbewusstsein. Aber die Technik bereitet nur den Boden. Die Erfahrung selbst musst Du machen.
Die Grenze: wo Du einschreitest
Der Satz heißt "überlebbare Fehler". Das Wort trägt die ganze Grenze in sich.
Wenn es um Leben und Tod geht, musst Du einschreiten. Wenn ein Mensch sich selbst oder andere gefährdet, ist das keine Lernerfahrung. Dann bist Du in der Verantwortung.
Alles andere sind Erfahrungen. Ein verpatzter Vortrag. Ein Gespräch, das schieflief. Ein Vorhaben, das nach zwei Wochen einschläft. Das fühlt sich für Deinen Klienten oft an wie ein Beweis dafür, dass er es eben nicht kann. Deine Aufgabe ist es, diese Situation als das zu behandeln, was sie ist: als Information darüber, was noch nicht passt. Das ist im Kern dieselbe Haltung wie beim Utilisationsprinzip. Du nimmst, was da ist, und machst es zum Material.
Bei ausgeprägten Ängsten, Panikstörungen, Traumafolgen oder Suchterkrankungen liegt die Grenze deutlich früher. Solche Themen gehören in psychotherapeutische Hände. In Deutschland regelt das Heilpraktikergesetz, wer heilkundlich behandeln darf, in Österreich das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz ist es kantonal geregelt. Coaching heißt in Österreich Lebens- und Sozialberatung und ist ein eigenes reglementiertes Gewerbe. Ich arbeite als Psychologe und Coach, und die Trennlinie zwischen Coaching und Therapie ist eine Sache der Verantwortung.
Wie Du überlebbare Fehler dosierst
Vier Stellschrauben haben sich bei mir bewährt.
Klein anfangen. Nimm Dir etwas vor, das ein bisschen Überwindung kostet und trotzdem leicht ist. Nicht die Rede vor 500 Leuten. Das Gespräch mit dem einen Kollegen. Der Punkt ist die Erfahrung, nicht die Größe.
Auf Resonanz achten. Etwas, wo Dein Körper mitgeht und sagt: Ja, da wollen wir hin. Wenn sich das Vorhaben von innen falsch anfühlt, ist es das falsche Vorhaben, egal wie vernünftig es klingt.
Wiederholen. Ein Mal reicht nicht. Das Pferd hebt beim nächsten Mal wieder die Hufe. Dann machst Du noch etwas, und noch etwas, und irgendwann merkst Du, dass Du mehr Vertrauen in Dich hast.
Vorher besprechen, was ein Misserfolg bedeutet. Das ist der wichtigste Punkt und der, den die meisten überspringen. Wenn vorher geklärt ist, dass ein Scheitern zum Material gehört, kommt Dein Klient danach zurück und erzählt davon. Wenn das nicht geklärt ist, kommt er mit einer Ausrede oder gar nicht.
Wenn ein Teil bremst
Manchmal will eine Seite in eine Richtung und eine andere Seite woanders hin. Bei jemandem, der zu viel trinkt, gibt es sicher eine Seite, die genau das will. Diese Seite einfach machen zu lassen, weil sie ja auch dazugehört, ist nicht die Idee. Die Idee ist, wieder in Balance zu kommen. Dass die ganze Einheit in eine Richtung will, alle Deine Anteile.
Jede dieser Seiten hat eine positive Absicht, auch die bremsende. Über das Assoziationsprinzip lässt sich mit solchen Anteilen direkt arbeiten, mehr dazu in Ambivalenz im Coaching.
Und wenn Dir das gerade schwerfällt, wenn Du sagst: schön wär's, wenn die alle in meine Richtung wollten, sie wollen aber nicht, dann gilt auch hier dasselbe. Erfahrungen machen. Kleine.
Was das für Dich als Coach heißt
Es gibt eine unbequeme Kehrseite. Überlebbare Fehler auszuhalten ist für den Coach anstrengender als für den Klienten.
Du sitzt da und siehst jemanden in etwas hineinlaufen, von dem Du ahnst, dass es schiefgeht. Und Du sagst nichts. Das kostet Nerven. Der Reflex ist, zu warnen, abzukürzen, die Lösung anzubieten. Damit nimmst Du ihm genau die Erfahrung weg, die das Muster aufgelöst hätte.
Es lohnt sich, hier ehrlich hinzuschauen. Manchmal will ich meinen Klienten vor einem Fehler schützen und meine in Wahrheit mich selbst. Wenn ich merke, dass ich einem Menschen etwas nicht mehr zutraue, bin ich möglicherweise selbst schon in einer Trance gelandet, die dem Prozess im Weg steht. Ich habe das in Wenn der Coach in die Problemtrance rutscht ausführlich beschrieben.
Der Klient ist dabei mein Kooperationspartner. Er entscheidet, was er ausprobiert. Ich sorge für den Rahmen, in dem ein Fehler tragbar bleibt, und dafür, dass wir hinterher gemeinsam draufschauen. Das ist das Kooperationsprinzip in der Praxis.
Vieles davon passiert nebenbei im Gespräch, ohne formale Induktion. Wie das geht, zeige ich in der Konversationshypnose. Und wenn Du das systematisch lernen willst, ist die Hypnose-Practitioner-Ausbildung der direkte Weg. Einen ersten Einstieg in die acht Prinzipien bekommst Du im kostenlosen Hypnose-Workbook.
Häufige Fragen
Was sind überlebbare Fehler im Coaching?
Überlebbare Fehler sind Fehlschläge, deren Folgen tragbar bleiben: ein misslungener Vortrag, ein Gespräch, das schieflief, ein Vorhaben, das versandet. Sie sind wertvoll, weil ein Vermeidungsmuster sich nur dann auflöst, wenn jemand die befürchtete Situation erlebt und feststellt, dass die Katastrophe ausbleibt. Die Grenze liegt dort, wo Leben oder Gesundheit auf dem Spiel stehen. Wie Du das methodisch sauber aufbaust, lernst Du in der Hypnose-Practitioner-Ausbildung.
Warum verschwindet Vermeidungsverhalten nicht von selbst?
Weil die Vermeidung sich selbst bestätigt. Wer eine Situation umgeht, erlebt jedes Mal, dass nichts Schlimmes passiert ist, und schreibt das der Vermeidung zu. Es gibt keine Gelegenheit zu bemerken, dass die Gefahr längst weg ist. Erst wenn das Vermeidungsverhalten ausbleibt und trotzdem nichts passiert, kann sich die Annahme ändern.
Reicht es, sich eine Situation nur vorzustellen?
Imagination wirkt und ist ein zentraler Teil hypnotischer Arbeit. Eine reale Erfahrung wirkt zusätzlich auf einer anderen Ebene, weil sie im Körper verankert ist und sich nicht mehr wegdiskutieren lässt. In der Praxis kombiniere ich beides: erst im Kopf durchgehen, dann in der Wirklichkeit machen.
Wie oft muss eine Gegenerfahrung stattfinden?
Ein einzelnes Mal wird meistens als Zufall verbucht. Erst die Wiederholung macht daraus eine neue Regel. Rechne mit mehreren Durchgängen und plane sie bewusst ein, statt nach dem ersten Erfolg aufzuhören.
Wo hört Coaching auf und Therapie fängt an?
Bei ausgeprägten Ängsten, Panikstörungen, Traumafolgen oder Suchterkrankungen gehört die Arbeit in psychotherapeutische Hände. In Deutschland regelt das Heilpraktikergesetz die Heilkunde, in Österreich das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz gilt kantonales Recht. Coaching heißt in Österreich Lebens- und Sozialberatung. Im Zweifel klärst Du das vor der ersten Aufgabe, nicht danach.
Quelle
- Gordon, D., & Meyers-Anderson, M. (1986). Phoenix: Therapeutische Strategien von Milton H. Erickson. iskopress.
- Haley, J. (2006). Die Psychotherapie Milton H. Ericksons. Klett-Cotta.
- O'Hanlon, W. H., & Hexum, A. L. (2009). Milton H. Ericksons gesammelte Fälle. Klett-Cotta.
- Schmidt, G. (2022). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Carl-Auer.
- Zeig, J. K. (2020). Einzelunterricht bei Erickson: Hypnotherapeutische Lektionen bei Milton H. Erickson. Carl-Auer.
Siehe auch
- Hausaufgaben im Coaching: was Erickson anders machte — Aufgaben zwischen zwei Sitzungen als hypnotische Intervention. Ericksons dokumentierte Aufträge (Squaw Peak, botanisc...
- Hypnose im Coaching - Wie wird Hypnose im Coaching-Prozess angewendet? — Erfahre, wie Hypnose im Coaching-Prozess eingesetzt wird, um persönliches Wachstum und Veränderungen zu fördern. Entd...
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- Hypnose für Psychologen und Psychotherapeuten: Was die Forschung zeigt und wie Du sie integrierst — Studienlage (Vlieger 2020, Moser/Peter 2017, Vanhaudenhuyse 2015, Kirsch 1995 ...), drei Integrations-Schulen (Cognit...
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.
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